För­de­rung aus­wär­ti­ger Kin­der­gar­ten­plät­ze

Der Anspruch eines frei­en Trä­gers auf Kin­der­ta­ges­stät­ten­för­de­rung kann nach Ein­füh­rung des § 74a SGB VIII nicht mehr auf § 74 SGB VIII gestützt wer­den, da in Nie­der­sach­sen ein lan­des­recht­li­ches Sys­tem zur För­de­rung von Kin­der­ta­ges­stät­ten durch Lan­des­leis­tun­gen in Form von Zuschüs­sen für Per­so­nal­aus­ga­ben sowie Inves­ti­ti­ons­för­de­run­gen besteht. Ein Anspruch auf För­de­rung kann sich nur aus Art. 3 Abs. 1 GG erge­ben.

För­de­rung aus­wär­ti­ger Kin­der­gar­ten­plät­ze

Soweit kein Anspruch auf För­de­rung besteht, hat der Jugend­hil­fe­trä­ger über den Antrag auf För­de­rung nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen zu ent­schei­den. Da im Rah­men der Ermes­sens­aus­übung u.a. die Struk­tur­ent­schei­dung des Jugend­hil­fe­rechts für ein plu­ra­les, bedarfs­ge­rech­tes Leis­tungs­an­ge­bot sowie das Wunsch- und Wahl­recht der Eltern zu beach­ten ist, sind bei der Abwä­gung im Wesent­li­chen die­sel­ben Gesichts­punk­te zu berück­sich­ti­gen wie bei der Anwen­dung des § 74 SGB VIII.

Der nie­der­säch­si­sche Lan­des­ge­setz­ge­ber hat mit dem Nds. KiTaG und dem AG-KJHG ein lan­des­recht­li­ches Sys­tem zur För­de­rung von Kin­der­ta­ges­stät­ten geschaf­fen, nach dem die in § 15 Abs. 1 Nds. KiTaG genann­ten Trä­ger und juris­ti­schen Per­so­nen Lan­des­leis­tun­gen in Form von Zuschüs­sen für Per­so­nal­aus­ga­ben sowie Inves­ti­ti­ons­för­de­run­gen erhal­ten kön­nen. Dane­ben gewäh­ren die ört­li­chen Trä­ger der Jugend­hil­fe oder kreis­an­ge­hö­ri­ge Gemein­den im Ein­ver­neh­men mit den Trä­gern (§ 13 Abs. 1 AG-KJHG) Leis­tun­gen für Kin­der­ta­ges­stät­ten.

Weder aus der Gesetz­ge­bungs­ge­schich­te zu § 74a SGB VIII noch den sons­ti­gen Vor­schrif­ten des Geset­zes kann ent­nom­men wer­den, dass die För­der­an­sprü­che nach § 74 SGB VIII ent­ge­gen dem ein­deu­ti­gen Wort­laut des § 74a SGB VIII auch über den 1. Janu­ar 2005 hin­aus noch Anwen­dung fin­den sol­len 1. Ins­be­son­de­re lässt sich ein sol­che Ergeb­nis nicht der fort­be­stehen­den Gesamt­ver­ant­wor­tung des Trä­gers der öffent­li­chen Jugend­hil­fe nach § 79 SGB VIII oder der Leis­tungs­ver­pflich­tung gem. § 3 Abs. 2 S. 2 SGB VIII ent­neh­men. Bei­de Vor­schrif­ten tre­ten gegen­über der Son­der­re­ge­lung des § 74a SGB VIII zurück, die allein die Finan­zie­rung von Ein­rich­tun­gen betrifft und etwa die Pla­nungs­ver­ant­wor­tung unbe­rührt lässt 2.

Die lan­des­recht­li­chen Vor­schrif­ten stel­len ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klä­gers auch eine „eigen­stän­di­ge und umfas­sen­de Finan­zie­rungs­re­ge­lung“ im Sin­ne der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts dar. Hier­für ist nicht Vor­aus­set­zung, dass der Lan­des­ge­setz­ge­ber auch Rege­lun­gen über die insti­tu­tio­nel­le För­de­rung durch die jeweils zustän­di­gen ört­li­chen Trä­ger der Jugend­hil­fe oder die Gemein­den trifft. Die ört­li­chen Trä­ger der Jugend­hil­fe sind nach § 24 SGB VIII ver­pflich­tet, eine bedarfs­ge­rech­te Ver­sor­gung für Kin­der unter drei Jah­ren vor­zu­hal­ten, indem sie ent­we­der eige­ne kom­mu­na­le Kin­der­ta­ges­stät­ten betrei­ben oder auf Ein­rich­tun­gen von Trä­gern der frei­en Jugend­hil­fe zurück­grei­fen, wie z.B. auf Kir­chen- oder Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten des öffent­li­chen Rechts, auf Ver­bän­de der frei­en Wohl­fahrts­pfle­ge oder auf sons­ti­ge Ein­rich­tun­gen aus dem pri­vat-gewerb­li­chen Bereich. Dass der Lan­des­ge­setz­ge­ber kei­ne Rege­lung zur För­de­rung die­ser Ein­rich­tung durch den ört­li­chen Jugend­hil­fe­trä­ger oder die Gemein­den getrof­fen hat, son­dern es die­sen selbst über­lässt, ihre Ver­pflich­tung durch eine ent­spre­chen­de Bedarfs­pla­nung zu erfül­len und ggf. wei­te­re Betreu­ungs­mög­lich­kei­ten durch geziel­te För­de­rung zu ermög­li­chen, schließt die Annah­me einer umfas­sen­den Finan­zie­rungs­re­ge­lung nicht aus.

Greift danach § 74 SGB VIII nicht ein, kann sich der Klä­ger allein dar­auf beru­fen, dass sei­tens des Beklag­ten eine För­der­pra­xis betrie­ben wur­de, die dem all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz des Art. 3 Abs. 1 GG wider­spricht 3.

Ein Anspruch des Klä­gers auf För­de­rung nach dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz besteht nicht, da der Beklag­te Ein­rich­tun­gen, die nicht in die Kin­der­gar­ten­be­darfs­pla­nung auf­ge­nom­men wor­den waren, in der Ver­gan­gen­heit nicht geför­dert hat. Hat der Beklag­te die Ein­rich­tung des Klä­gers aber nicht in sei­ne Bedarfs­pla­nung nach § 80 SGB VIII auf­ge­nom­men, weil er den Bedarf an Kin­der­ta­ges­stät­ten durch die vor­han­de­nen Ein­rich­tun­gen als gedeckt ange­se­hen hat, liegt ein Ver­stoß gegen Art. 3 Abs. 1 GG dadurch, dass der Klä­ger nicht geför­dert wur­de, nicht vor.

Der Beklag­te war auch nicht ver­pflich­tet, die Ein­rich­tung des Klä­gers in die Bedarfs­pla­nung auf­zu­neh­men. Bei der Bedarfs­er­mitt­lung hat der Jugend­hil­fe­trä­ger als Aus­prä­gung des all­ge­mei­nen Wunsch – und Wahl­rechts (§ 5 Abs. 1 SGB VIII) die Wün­sche, Bedürf­nis­se und Inter­es­sen der jun­gen Men­schen und der Per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ten zu berück­sich­ti­gen (§ 80 Abs. 1 Nr. 2 SGB VIII). Dies setzt eine regel­mä­ßi­ge Nach­fra­ge nach Kin­der­gar­ten­plät­zen in einer nicht zu ver­nach­läs­si­gen­den Grö­ßen­ord­nung vor­aus. Eine zukunfts­ori­en­tier­te Pla­nung des Kin­der­gar­ten­be­darfs ist auf gesi­cher­ter Grund­la­ge nur mög­lich, wenn auf­grund einer zeit­li­chen und zah­len­mä­ßi­ge Ver­fes­ti­gung der Nach­fra­ge erkenn­bar ist, dass es sich bei dem Bedürf­nis nach einer Erzie­hung in einer beson­de­ren päd­ago­gi­schen Grund­rich­tung nicht nur um ein flüch­ti­ges Inter­es­se („Mode­er­schei­nung“) han­delt, son­dern um einen ernst­haf­ten und bestimm­ten Wunsch eines zah­len­mä­ßig nicht zu ver­nach­läs­si­gen­den Teils der Berech­tig­ten 4. Dies ist bei ledig­lich zwei bis drei Kin­dern, die die Ein­rich­tung des Klä­gers seit dem Kin­der­gar­ten­jahr 2005/​2006 besucht haben, jedoch nicht der Fall.

Hin­zu kommt, dass dem Beklag­ten der vom Klä­ger gel­tend gemach­te Bedarf für Kin­der aus dem Gebiet des Beklag­ten – soweit ersicht­lich – erst­mals mit des­sen Antrag auf Gewäh­rung eines Betriebs­kos­ten­zu­schus­ses vom 7. Dezem­ber 2007 bekannt gewor­den ist. Der im Kin­der­gar­ten­jahr 2007/​2008 ermit­tel­te Bedarf und Bestand an Kin­der­be­treu­ungs­plät­zen wur­de aber bereits zum Stich­tag 1. Okto­ber 2007 fest­ge­stellt. Nach den glaub­wür­di­gen Aus­künf­ten des Beklag­ten wur­den Kin­der­gar­ten­plät­ze mit Wal­dorf­päd­ago­gik durch Eltern aus dem Gebiet des Beklag­ten in der Ver­gan­gen­heit auch nicht nach­ge­fragt.

Bestand danach kein Anspruch des Klä­gers auf För­de­rung, so konn­te der Beklag­te über den Antrag des Klä­gers nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen ent­schei­den. Dabei ist dem Klä­ger zuzu­ge­ben, dass, obwohl § 74 SGB VIII inso­weit kei­ne Anwen­dung fin­det, im Rah­men der Ermes­sens­aus­übung u.a. die Struk­tur­ent­schei­dung des Jugend­hil­fe­rechts für ein plu­ra­les, bedarfs­ge­rech­tes Leis­tungs­an­ge­bot sowie das Wunsch- und Wahl­recht der Eltern zu beach­ten ist. Ins­ge­samt sind bei der von dem Beklag­ten vor­zu­neh­men­den Abwä­gung daher im Wesent­li­chen die­sel­ben Gesichts­punk­te zu beach­ten, die das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt 5 vor Ein­füh­rung des § 74a SGB VIII für die finan­zi­el­le För­de­rung aus­wär­ti­ger Kin­der­gar­ten­plät­ze berück­sich­tigt hat.

Ver­wal­tungs­ge­richt Olden­burg, Urteil vom 6. August 2010 – 13 A 2512/​08

  1. a.A.: VG Braun­schweig, Urteil vom 18.01.2007 – 3 A 79/​06, jedoch ohne wei­te­re Begrün­dung[]
  2. Fridrich/​Lieber, VBlBW 2008, 81, 84[]
  3. vgl. BVerwG, Urteil vom 21.01.2010 – 5 CN 1.09[]
  4. zum Begriff der „plan­ba­ren Grö­ße“ als Vor­aus­set­zung für die grenz­über­schrei­ten­de Pla­nung vgl. Nds. OVG, Urteil vom 17.05.2000 – 4 L 869/​00[]
  5. vgl. BVerwG, Urteil vom 25.04.2002 – 5 C 18.01[]