Fort­bil­dung zum Indus­trie­meis­ter aus fami­liä­ren Grün­den

Auch Umstän­de aus dem per­sön­li­chen oder fami­liä­ren Lebens­be­reich des Aus­zu­bil­den­den kön­nen einen wich­ti­gen Grund im Sin­ne des § 7 Abs. 3 AFBG sein, wenn sie mit der Aus­bil­dung in unmit­tel­ba­rem Zusam­men­hang ste­hen.

Fort­bil­dung zum Indus­trie­meis­ter aus fami­liä­ren Grün­den

Die Fort­bil­dung zum Indus­trie­meis­ter – Basis­qua­li­fi­ka­ti­on – am IHK-Zen­trum für Wei­ter­bil­dung in Heil­bronn ist eine nach § 2 AFBG för­de­rungs­fä­hi­ge Maß­nah­me. Der Klä­ger erfüllt auch die not­wen­di­gen per­sön­li­chen Vor­aus­set­zun­gen im Sin­ne der §§ 8 und 9 AFBG. Der För­de­rung der Fort­bil­dung zum Indus­trie­meis­ter steht nicht ent­ge­gen, dass der Klä­ger zuvor eine Aus­bil­dung zum staat­lich geprüf­ten Tech­ni­ker begon­nen und die­se Aus­bil­dung abge­bro­chen hat. Denn er hat die frü­he­re Aus­bil­dung mit einem ande­ren Fort­bil­dungs­ziel aus wich­ti­gem Grund abge­bro­chen.

Nach § 7 Abs. 3 AFBG wird För­de­rung für eine Maß­nah­me, die auf ein ande­res Fort­bil­dungs­ziel vor­be­rei­tet, geleis­tet, wenn für die Auf­ga­be des frü­he­ren Fort­bil­dungs­ziels ein wich­ti­ger Grund maß­ge­bend war. Bei dem Tat­be­stands­merk­mal des wich­ti­gen Grun­des han­delt es sich um einen unbe­stimm­ten Rechts­be­griff, des­sen Anwen­dung im Ein­zel­fall der vol­len gericht­li­chen Über­prü­fung unter­liegt.

Trotz vor­han­de­ner Unter­schie­de zwi­schen den gesetz­li­chen För­de­rungs­zie­len des Auf­stiegs­fort­bil­dungs­för­de­rungs­ge­set­zes und des Bun­des­aus­bil­dungs­för­de­rungs­ge­set­zes ist es gerecht­fer­tigt, die umfang­rei­che Recht­spre­chung zu dem Begriff „wich­ti­ger Grund“ im Sin­ne von § 7 Abs. 3 Satz 1 Hs 1. Nr. 1 BAföG auch für die Aus­le­gung des „wich­ti­gen Grun­des“ im Sin­ne des § 7 Abs. 3 AFBG her­an­zu­zie­hen. Denn sowohl dem Bun­des­aus­bil­dungs­för­de­rungs­ge­setz als auch dem Auf­stiegs­fort­bil­dungs­för­de­rungs­ge­setz liegt das öffent­li­che Inter­es­se einer zweck­ent­spre­chen­den Nut­zung einer För­de­rung zugrun­de, wel­che die Ver­pflich­tung des Aus­zu­bil­den­den, sei­ne Aus­bil­dung umsich­tig zu pla­nen und ziel­stre­big durch­zu­füh­ren, beinhal­tet.

Danach ist ein wich­ti­ger Grund für die Auf­ga­be einer Fort­bil­dung dann gege­ben, wenn unter Berück­sich­ti­gung aller im Rah­men des Auf­stiegs­fort­bil­dungs­för­de­rungs­ge­set­zes erheb­li­chen Umstän­de, die sowohl durch die am Ziel und Zweck der Fort­bil­dung ori­en­tier­ten öffent­li­chen Inter­es­sen als auch durch die Inter­es­sen des Aus­zu­bil­den­den bestimmt wer­den, dem Aus­zu­bil­den­den die Fort­set­zung sei­ner bis­he­ri­gen Fort­bil­dung nicht mehr zuge­mu­tet wer­den kann [1]. Berück­sich­ti­gungs­fä­hig sind hier­bei Umstän­de, die an die Nei­gung, Eig­nung und Leis­tung des Aus­zu­bil­den­den anknüp­fen, wie etwa ein zuta­ge getre­te­ner Eig­nungs­man­gel oder ein ernst­haf­ter Nei­gungs­wan­del [2]. Berück­sich­tigt wer­den kön­nen aber auch Umstän­de aus dem per­sön­li­chen oder fami­liä­ren Lebens­be­reich des Aus­zu­bil­den­den, wenn sie mit der Aus­bil­dung in unmit­tel­ba­rem Zusam­men­hang ste­hen [3]. Denn auch eine vom Aus­zu­bil­den­den für die Auf­ga­be des frü­he­ren Fort­bil­dungs­ziels gel­tend gemach­ter Umstand aus dem per­sön­li­chen oder fami­liä­ren Lebens­be­reich kann sein bis­he­ri­ges Aus­bil­dungs­ver­hält­nis unmit­tel­bar berüh­ren. Bei einem Aus­zu­bil­den­den wird das Aus­bil­dungs­ver­hält­nis nicht allein durch das Fort­bil­dungs­ziel gekenn­zeich­net, son­dern auch durch die Anfor­de­run­gen, die es an die ord­nungs­ge­mä­ße Durch­füh­rung der Aus­bil­dung stellt, um das Aus­bil­dungs­ziel zu errei­chen. Eine Aus­bil­dung wird regel­mä­ßig nur erfolg­reich abge­schlos­sen wer­den kön­nen, wenn der Aus­zu­bil­den­de in der Lage ist, an den in den Aus­bil­dungs­ord­nun­gen bestimm­ten Aus­bil­dungs­ver­an­stal­tun­gen teil­zu­neh­men. Ist er hier­an durch in sei­nem per­sön­li­chen oder fami­liä­ren Lebens­be­reich lie­gen­de Umstän­de gehin­dert, so ver­mag dies unter dem Gesichts­punkt der Unzu­mut­bar­keit, die bis­he­ri­ge Fort­bil­dung fort­zu­füh­ren, einen wich­ti­gen Grund für die Auf­ga­be des frü­he­ren Fort­bil­dungs­ziels abzu­ge­ben [4].

Die Zumut­bar­keits­prü­fung beruht auf einer Inter­es­sen­ab­wä­gung. Es hat also eine Abwä­gung der pri­va­ten Inter­es­sen des Aus­zu­bil­den­den am Abbruch der frü­he­ren Fort­bil­dung mit den öffent­li­chen Inter­es­sen deren Fort­set­zung statt­zu­fin­den [5].

Nach die­sen Grund­sät­zen war es im hier vom Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart ent­schie­de­nen Fall für den Klä­ger unzu­mut­bar, die ursprüng­lich begon­ne­ne Fort­bil­dung zum staat­lich geprüf­ten Tech­ni­ker fort­zu­set­zen. Bei der vor­zu­neh­men­den Inter­es­sen­ab­wä­gung ver­die­nen die per­sön­li­chen Inter­es­sen des Klä­gers, die Fort­bil­dung zum staat­lich geprüf­ten Tech­ni­ker auf­zu­ge­ben, den Vor­zug.

Der Klä­ger hat in der münd­li­chen Ver­hand­lung im Ein­zel­nen und glaub­haft dar­ge­legt, dass sein jün­ge­rer Bru­der im Jahr 2008 kri­mi­nell gewor­den und er hier­durch selbst erheb­lich in Mit­lei­den­schaft gezo­gen wor­den ist. So habe sein Bru­der unter Ver­wen­dung des Rei­se­pas­ses des Klä­gers Ver­trä­ge auf den Namen des Klä­gers abge­schlos­sen und Kre­di­te auf sei­nen Namen auf­ge­nom­men. Außer­dem habe sein Bru­der bei Dro­gen­dea­lern Dro­gen auf den Namen des Klä­gers bestellt, so dass die Dro­gen­dea­ler vom Klä­ger Geld gefor­dert hät­ten. Auf­grund die­ser erheb­li­chen fami­liä­ren Kon­flikt­si­tua­ti­on ist es aus­weis­lich der vor­ge­leg­ten ärzt­li­chen Beschei­ni­gung vom 13.02.2012 nach­voll­zieh­bar zu erheb­li­chen psy­chofor­men Sym­ptom­kom­ple­xen und zu sub­jek­ti­ven Belas­tungs­re­ak­tio­nen mit Ner­vo­si­tät und Schlaf­stö­run­gen gekom­men. Der Klä­ger hat in der münd­li­chen Ver­hand­lung wei­ter glaub­haft dar­ge­legt, dass auf­grund der fami­liä­ren Kon­flikt­si­tua­ti­on sei­ne Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit deut­lich nach­ge­las­sen hat und er kei­ne Kraft und Ener­gie mehr fand, die ihm zuge­sand­ten Unter­richts­ma­te­ria­li­en durch­zu­ar­bei­ten. Die im pri­va­ten Lebens­be­reich des Klä­gers lie­gen­den Umstän­de wirk­ten sich dem­nach der­art nega­tiv auf die Fort­bil­dung im Fern­un­ter­richts­lehr­gang aus, dass es ihm unzu­mut­bar war, die­se wei­ter­zu­füh­ren.

Gemes­sen an den not­wen­dig zu berück­sich­ti­gen­den per­sön­li­chen Lebens­um­stän­den des Klä­gers sind die hier berühr­ten öffent­li­chen Inter­es­sen wenig beein­träch­tigt. Die Fort­bil­dung zum staat­lich geprüf­ten Tech­ni­ker war im Zeit­punkt der Auf­ga­be noch nicht weit fort­ge­schrit­ten und die hier­für geflos­se­nen För­der­gel­der sind ver­gleichs­wei­se nied­rig. Der Klä­ger hat im Hin­blick auf eine ange­setz­te Gesamt­dau­er der Fort­bil­dungs­maß­nah­me von über drei Jah­ren die Fort­bil­dung bereits nach 9 Mona­ten abge­bro­chen. Der Abbruch erfolg­te auch unmit­tel­bar, nach­dem der Klä­ger erkann­te, dass das Aus­bil­dungs­ziel in sei­ner per­sön­li­chen und gesund­heit­li­chen Situa­ti­on nicht zu errei­chen ist. Dem Aus­zu­bil­den­den ist ent­spre­chend sei­nem Aus­bil­dungs­stand und Erkennt­nis­ver­mö­gen zuzu­mu­ten, den Grün­den, die einer Fort­set­zung der bis­he­ri­gen Aus­bil­dung ent­ge­gen­ste­hen, recht­zei­tig zu begeg­nen [6]. Dem Klä­ger kann danach nicht vor­ge­hal­ten wer­den, dass er die Auf­ga­be des frü­he­ren Fort­bil­dungs­ziels schuld­haft ver­zö­gert hat, denn die fami­liä­re Kon­flikt­si­tua­ti­on dau­er­te bis zum Ende des Jah­res 2008 an. Im Hin­blick hier­auf ist dem Klä­ger zuzu­ge­ste­hen, dass er den Fort­bil­dungs­ver­trag mit dem GAA-Tech­ni­kum erst am 30.12.2008 gekün­digt hat.

Nach alle­dem führt die gebo­te­ne Inter­es­sen­ab­wä­gung zu dem Ergeb­nis, dass dem för­de­rungs­recht­lich anzu­er­ken­nen­den Inter­es­se des Klä­gers, eine nei­gungs­ge­rech­te Fort­bil­dung durch­zu­füh­ren, kei­ne schwe­rer wie­gen­den öffent­li­chen Inter­es­sen ent­ge­gen­ste­hen. Unter die­sen Umstän­den erscheint es für den Klä­ger unzu­mut­bar, an sei­ner bis­he­ri­gen Aus­bil­dung fest­zu­hal­ten, so dass für die Auf­ga­be des frü­he­ren Fort­bil­dungs­ziels ein wich­ti­ger Grund anzu­er­ken­nen ist.

Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 14. Sep­tem­ber 2012 – 11 K 1267/​12

  1. vgl. BVerwG, Urteil vom 23.02.1994 – 11 C 10/​93, FamRZ 1994, 999; und Urteil vom 23.09.1999 – 5 C 19/​98, NVwZ 2000, 681[]
  2. vgl. BVerwG, Urteil vom 06.09.1979 – 5 C 12/​78, BVerw­GE 58, 270 und Urteil vom 22.03.1995 – 11 C 18/​94, NVwZ 1995, 1109[]
  3. vgl. BVerwG, Urteil vom 12.12.1985 – 5 C 56/​82, FamRZ 1986, 731; Urteil vom 23.02.1994 – 11 C 10/​93, a.a.O.; und Urteil vom 23.09.1999 – 5 C 19/​98, a.a.O.[]
  4. vgl. BVerwG, Urteil vom 04.09.1980 – 5 C 53/​78, BVerw­GE 60, 361 und Urteil vom 23.09.1999 – 5 C 19/​98, a.a.O.[]
  5. vgl. BVerwG, Urteil vom 09.06.1983 – 5 C 8/​80, BVerw­GE 67, 235; und Urteil vom 05.12.1991 – 5 C 58/​88, FamRZ 1992, 1109[]
  6. vgl. BVerwG, Urteil vom 21.06.1990 – 5 C 45/​87, BVerw­GE 85, 194[]