Foto­be­ar­bei­tung – für die elek­tro­ni­sche Gesund­heits­kar­te

Kran­ken­kas­sen sind berech­tigt, ein­ge­reich­te Licht­bil­der der Ver­si­cher­ten für die Ver­wen­dung auf der elek­tro­ni­schen Gesund­heits­kar­te zu bear­bei­ten. Hier­bei haben sie das Inter­es­se an der Eig­nung der elek­tro­ni­schen Gesund­heits­kar­te als Ver­si­che­rungs­nach­weis gegen die geschütz­ten Rechts­gü­ter der Ver­si­cher­ten abzu­wä­gen, ins­be­son­de­re deren all­ge­mei­nes Per­sön­lich­keits­recht und das Recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung.

Foto­be­ar­bei­tung – für die elek­tro­ni­sche Gesund­heits­kar­te

Die Aus­ga­be der elek­tro­ni­schen Gesund­heits­kar­te ist in § 291 Abs. 1 SGB V gere­gelt. Sie dient dem Ver­si­che­rungs­nach­weis und der Abrech­nung mit den Leis­tungs­er­brin­gern. Gemäß § 291 Abs. 2 Satz 4 SGB V ist die elek­tro­ni­sche Gesund­heits­kar­te mit einem Licht­bild des Ver­si­cher­ten zu ver­se­hen. Ver­si­cher­te haben Anspruch auf die Aus­stel­lung einer elek­tro­ni­schen Gesund­heits­kar­te, zugleich trifft sie gemäß §§ 15, 291 SGB V eine Oblie­gen­heit an der Aus­stel­lung der elek­tro­ni­schen Gesund­heits­kar­te durch Ein­rei­chung eines geeig­ne­ten Licht­bil­des mit­zu­wir­ken. Es bestehen kei­ne Beden­ken gegen die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der gesetz­li­chen Rege­lun­gen der Aus­ge­stal­tung und Ver­wen­dung der elek­tro­ni­schen Gesund­heits­kar­te 1.

Zur kon­kre­ten Beschaf­fen­heit des Licht­bil­des ent­hält das Gesetz kei­ne kon­kre­ten Vor­ga­ben. Gemäß § 291 Abs. 3 SGB V wird das Nähe­re zur bun­des­wei­ten Ver­wen­dung der elek­tro­ni­schen Gesund­heits­kar­te als Ver­si­che­rungs­nach­weis durch die Ver­trags­part­ner der Ver­trä­ge nach § 87 Abs. 1 SGB V ver­ein­bart. Damit ver­weist § 291 Abs. 3 SGB V auf den zwi­schen der Kas­sen­ärzt­li­chen Bun­des­ver­ei­ni­gung und dem Spit­zen­ver­band Bund der Kran­ken­kas­sen abge­schlos­se­nen Bun­des­man­tel­ver­trag-Ärz­te ("BMV‑Ä"). Der BMV‑Ä ver­weist in § 3 Abs. 1 sei­ner Anla­ge 4a sei­ner­seits auf die Vor­ga­ben der gemäß § 291b SGB V zu bil­den­den Gesell­schaft für ("Gema­tik"). Die Gema­tik zieht in ihren Spe­zi­fi­ka­tio­nen für die Beschaf­fen­heit der Licht­bil­der die Pass­mus­ter­ver­ord­nung her­an. Die Pass­mus­ter­ver­ord­nung sieht in ihrer Anla­ge 3 unter ande­rem vor, dass die Gesichts­hö­he 70 bis 80 % des Fotos ein­neh­men muss und aus­schließ­lich die zu foto­gra­fie­ren­de Per­son ohne wei­te­re Gegen­stän­de zu sehen sein darf.

Die Vor­ga­ben der Pass­mus­ter­ver­ord­nung sind schon nach dem Wort­laut der Gema­tik-Spe­zi­fi­ka­tio­nen nicht ver­bind­lich, son­dern die­nen viel­mehr der Ori­en­tie­rung. Es erscheint auch nicht unpro­ble­ma­tisch, dass die Ver­trags­par­tei­en des Bun­des­man­tel­ver­tra­ges im Hin­blick auf die Vor­ga­ben zum Licht­bild auf die Spe­zi­fi­ka­tio­nen der Gema­tik ver­wei­sen. Durch die ent­spre­chen­de dyna­mi­sche Ver­wei­sung haben sich die kas­sen­ärzt­li­che Bun­des­ver­ei­ni­gung und der Spit­zen­ver­band Bund der Kran­ken­kas­sen zumin­dest teil­wei­se ihrer Rege­lungs­kom­pe­tenz bege­ben.

Selbst wenn man aber davon aus­geht, dass ein Licht­bild für die elek­tro­ni­sche Gesund­heits­kar­te nicht zwin­gend alle Vor­ga­ben der Pass­mus­ter­ver­ord­nung erfül­len muss, bleibt den Kran­ken­kas­sen nach § 291 Abs. 2 S. 4 SGB V zumin­dest ein Beur­tei­lungs­spiel­raum, ob ein ein­ge­reich­tes Licht­bild für die Nach­weis­zwe­cke geeig­net ist. Den Kran­ken­kas­sen kann inso­weit auch ein gewis­ser Hand­lungs­spiel­raum zuste­hen, ein­ge­reich­te Licht­bil­der für die­se Zwe­cke ggf. anzu­pas­sen. Hier­bei sind frei­lich sub­jek­ti­ve Rechts­gü­ter der Ver­si­cher­ten, ins­be­son­de­re deren all­ge­mei­nes Per­sön­lich­keits­recht und das Recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung abzu­wä­gen.

Die­se Vor­ga­ben hat die Kran­ken­kas­se im hier ent­schie­de­nen Fall aber ein­ge­hal­ten, ins­be­son­de­re ver­folg­te sie mit der Bild­be­ar­bei­tung einen legi­ti­men gesetz­li­chen Zweck. Zumin­dest die hier frag­li­che Vor­ga­be der Pass­mus­ter­ver­ord­nung, wonach auf dem Licht­bild nur die betref­fen­de Per­son abge­bil­det sein darf, steht mit Sinn und Zweck des Licht­bil­der­for­der­nis­ses in § 291 Abs. 2 S. 4 SGB V in Ein­klang. Da die elek­tro­ni­sche Gesund­heits­kar­te als Ver­si­che­rungs­nach­weis die­nen soll, muss durch das ver­wen­de­te Licht­bild eine schnel­le und ein­deu­ti­ge Iden­ti­fi­zie­rung des Kar­ten­in­ha­bers ermög­licht wer­den. So sol­len die miss­bräuch­li­che Ver­wen­dung der elek­tro­ni­schen Gesund­heits­kar­te durch nicht­ver­si­cher­te Per­so­nen ver­hin­dert wer­den.

Der Zuschnitt des Licht­bil­des auf das Gesicht des Kran­ken­kas­sen­mit­glieds war geeig­net und erfor­der­lich, um des­sen Eig­nung für den Nach­weis­zweck sicher­zu­stel­len. In der vom Kran­ken­kas­sen­mit­glied ein­ge­reich­ten Form konn­te das Licht­bild nicht in gleich geeig­ne­ter Wei­se auf der elek­tro­ni­schen Gesund­heits­kar­te ver­wen­det wer­den.

Soweit der Kran­ken­kas­sen­mit­glied ein­wen­det, dass die Iden­ti­täts­prü­fung schon bei der Ein­rei­chung des Licht­bil­des lücken­haft sei, ist dies für das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren uner­heb­lich. Streit­ge­gen­stand ist aus­schließ­lich die kon­kre­te Gestal­tung der elek­tro­ni­schen Gesund­heits­kar­te und die Ver­wen­dung des vom Kran­ken­kas­sen­mit­glied ein­ge­reich­ten Licht­bil­des. Im Übri­gen wäre eine beson­de­re Gestal­tung des Licht­bil­des auch nicht geeig­net, um mög­li­cher­wei­se vor­han­de­ne Lücken bei der Iden­ti­täts­prü­fung zu schlie­ßen. Soll­ten sol­che Lücken bestehen, wäre auch ein unbe­rech­tig­ter Drit­ter nicht dar­an gehin­dert, ein Foto mit abge­bil­de­ter Ver­si­cher­ten­num­mer bei der Kran­ken­kas­se ein­rei­chen.

Es ist auch im Übri­gen nicht erkenn­bar, inwie­fern die vom Kran­ken­kas­sen­mit­glied auf dem Licht­bild ein­ge­füg­te Ver­si­cher­ten­num­mer zu dem von ihm behaup­te­ten Sicher­heits­ge­winn bei­tra­gen könn­te. Die Ver­si­cher­ten­num­mer ist ohne­hin auf der elek­tro­ni­schen Gesund­heits­kar­te abge­druckt. Ein Abgleich zwi­schen der auf der Kar­te abge­druck­ten Num­mer und der Num­mer auf dem Licht­bild des Kran­ken­kas­sen­mit­glieds wür­de im Pra­xis­all­tag zusätz­li­chen Ver­wal­tungs­auf­wand ver­ur­sa­chen, Zeit kos­ten und eine hohe Feh­ler­an­fäl­lig­keit in sich ber­gen. Die Kam­mer hat den Vor­trag des Kran­ken­kas­sen­mit­glieds berück­sich­tigt, wonach er die sei­ne elek­tro­ni­sche Gesund­heits­kar­te mit einem über­ge­kleb­ten Ori­gi­nal­bild bis­her pro­blem­los ein­set­ze. Den­noch liegt es nahe, dass die vom Kran­ken­kas­sen­mit­glied gewähl­te Gestal­tung des Licht­bil­des mit der Ver­si­che­rungs­num­mer bei Leis­tungs­er­brin­gern – ins­be­son­de­re bei sol­chen, denen der Kran­ken­kas­sen­mit­glied bis­her nicht per­sön­lich bekannt ist – zu Irri­ta­tio­nen füh­ren kann. Es besteht ein legi­ti­mes Inter­es­se der Kran­ken­kas­sen an einer gewis­sen Ver­ein­heit­li­chung des Erschei­nungs­bil­des der elek­tro­ni­schen Gesund­heits­kar­te bei allen Ver­si­cher­ten. Das per­sön­li­che Inter­es­se eines Ver­si­cher­ten auf der elek­tro­ni­schen Gesund­heits­kar­te indi­vi­du­el­le Bot­schaf­ten unter­zu­brin­gen muss inso­weit zurück­ste­hen.

Der Kran­ken­kas­sen­mit­glied hat durch sei­ne Stel­lung­nah­men im Ver­wal­tungs- und Gerichts­ver­fah­ren hin­rei­chend deut­lich gemacht, dass er nicht bereit ist, ein ande­res oder selbst bear­bei­te­tes Licht­bild ein­zu­rei­chen. Daher war eine Bear­bei­tung durch die Kran­ken­kas­se erfor­der­lich.

Die von der Kran­ken­kas­se vor­ge­nom­me­ne Bear­bei­tung des vom Kran­ken­kas­sen­mit­glied ein­ge­reich­ten Licht­bil­des erweist sich auch als ver­hält­nis­mä­ßig. Der Grad der vor­ge­nom­me­nen Mani­pu­la­ti­on ist gering. Das Gesicht des Kran­ken­kas­sen­mit­glieds selbst wur­de nicht bear­bei­tet. Der von der Kran­ken­kas­se abge­schnit­te­ne Teil des Bil­des betrifft ledig­lich einen Gegen­stand, nicht jedoch das äuße­re Erschei­nungs­bild des Kran­ken­kas­sen­mit­glieds. Die Beein­träch­ti­gung des Per­sön­lich­keits­rechts des Kran­ken­kas­sen­mit­glieds ist allen­falls mini­mal und ihm zumut­bar.

Sozi­al­ge­richt Ham­burg, Urteil vom 17. Sep­tem­ber 2018 – S 21 KR 396/​16

  1. vgl. BSG, Urteil vom 18.11.2014, B 1 KR 35/​13 R[]