Früh­ru­he­stands­geld und die Bei­trags­be­mes­sung bei frei­wil­li­gen Kran­ken­kas­sen­mit­glie­dern

Unter die Bei­trags­pflicht fällt auch – als sons­ti­ge Ein­nah­me – das "Früh­ru­he­stands­geld", das ein Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men aus­ge­schie­de­nen Mit­ar­bei­tern, die frei­wil­lig ver­si­cher­te Mit­glie­der in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung sind, zahlt.

Früh­ru­he­stands­geld und die Bei­trags­be­mes­sung bei frei­wil­li­gen Kran­ken­kas­sen­mit­glie­dern

Die Ände­rung des § 240 SGB V durch das GKV-WSG mit Wir­kung zum 1. Janu­ar 2009 hat dahin­ge­hend kei­ne Ände­rung gebracht, weil nun­mehr die Bei­trags­be­mes­sung für frei­wil­li­ge Mit­glie­der durch den Spit­zen­ver­band Bund der Kran­ken­kas­sen und nicht mehr durch die ein­zel­ne Kran­ken­kas­se durch Sat­zung gere­gelt wird, wes­halb die zunächst nur teil­wei­se Berück­sich­ti­gung des ""Früh­ru­he­stands­gelds"" als Abfin­dung bei der Fest­set­zung der Bei­trä­ge nicht geän­dert wer­den kann.

In dem hier vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg zu ent­schei­den­den Fall strei­ten die Betei­li­gen über die Höhe der Bei­trä­ge zur gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung und zur sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung in der Zeit vom 1. Juli 2009 bis 31. Mai 2011. Der am 1951 gebo­re­ne Klä­ger war 19 Jah­re und zwei Mona­te bei einem Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men, der E‑AG, beschäf­tigt. Zum 1. Juni 2005 ver­setz­te ihn die E‑AG in den "Früh­ru­he­stand" und zahl­te ihm vom 1. Juni 2005 bis 31. Mai 2011 ein "Früh­ru­he­stands­geld".

Nach Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts ist eine wesent­li­che Ände­rung in den Ver­hält­nis­sen zum 1. Juli 2009, dem Zeit­punkt, zu wel­chem die Beklag­ten erst­mals den vol­len Zahl­be­trag des "Früh­ru­he­stands­geld" bei der Berech­nung der Bei­trä­ge berück­sich­tigt haben, nicht ein­ge­tre­ten. Eine sol­che wesent­li­che Ände­rung ist nicht durch die Ände­rung des § 240 SGB V durch das GKV-WSG erfolgt, weil nun­mehr die Bei­trags­be­mes­sung für frei­wil­li­ge Mit­glie­der wie den Klä­ger durch den Spit­zen­ver­band Bund der Kran­ken­kas­sen und nicht mehr durch die ein­zel­ne Kran­ken­kas­se durch Sat­zung gere­gelt wird.

Nach § 240 Abs. 1 Satz 1 SGB V in der Fas­sung des Art. 2 Nr. 29a1 GKV-WSG, die zum 1. Janu­ar 2009 in Kraft trat (Art. 46 Abs. 10 GKV-WSG), wird für frei­wil­li­ge Mit­glie­der die Bei­trags­be­mes­sung ein­heit­lich durch den Spit­zen­ver­band Bund der Kran­ken­kas­sen gere­gelt. Nach § 240 Abs. 1 Satz 2 SGB V – durch das GKV-WSG nicht geän­dert – ist sicher­zu­stel­len, dass die Bei­trags­be­las­tung die gesam­te wirt­schaft­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit des frei­wil­li­gen Mit­glieds berück­sich­tigt. Nach § 240 Abs. 2 Satz 1 SGB V in der Fas­sung des Art. 2 Nr. 29a1 GKV-WSG, die eben­falls zum 1. Janu­ar 2009 in Kraft trat (Art. 46 Abs. 10 GKV-WSG), sind bei der Bestim­mung der wirt­schaft­li­chen Leis­tungs­fä­hig­keit min­des­tens die Ein­nah­men des frei­wil­li­gen Mit­glieds zu berück­sich­ti­gen, die bei einem ver­gleich­ba­ren ver­si­che­rungs­pflich­tig Beschäf­tig­ten der Bei­trags­be­mes­sung zugrun­de zu legen sind. Unver­än­dert gilt nach § 240 Abs. 4 Satz 1 SGB V wei­ter­hin, dass frei­wil­lig Ver­si­cher­te einen kalen­der­täg­li­chen Min­dest­bei­trag in Höhe des neun­zigs­ten Teils der monat­li­chen Bezugs­grö­ße zu zah­len haben.

Nach der bis 31. Dezem­ber 2008 gel­ten­den Fas­sung des § 240 Abs. 1 Satz 1 SGB V wur­de für frei­wil­li­ge Mit­glie­der die Bei­trags­be­mes­sung durch die Sat­zung gere­gelt. Die Sat­zung der Kran­ken­kas­se muss­te nach der bis 31. Dezem­ber 2008 gel­ten­den Fas­sung des § 240 Abs. 2 Satz 1 SGB V min­des­tens die Ein­nah­men des frei­wil­li­gen Mit­glieds berück­sich­ti­gen, die bei einem ver­gleich­ba­ren ver­si­che­rungs­pflich­tig Beschäf­tig­ten der Bei­trags­be­mes­sung zugrun­de zu legen sind.

Bis 31. Dezem­ber 2008 über­ließ das Gesetz für frei­wil­li­ge Mit­glie­der der Kran­ken­ver­si­che­rung, wie dies der Klä­ger im strei­ti­gen Zeit­raum war, die Bestim­mung der in der Kran­ken­ver­si­che­rung bei­trags­pflich­ti­gen Ein­nah­men grund­sätz­lich den Sat­zun­gen der Kran­ken­kas­sen, setz­te die­ser Sat­zungs­au­to­no­mie jedoch durch die Defi­ni­ti­on eines prin­zi­pi­el­len Bemes­sungs­maß­stabs in § 240 Abs. 1 Satz 2 SGB V und die in § 240 Abs. 2 bis 5 SGB V ent­hal­te­nen inhalt­li­chen Vor­ga­ben Gren­zen. Die Bestim­mung der bei­trags­pflich­ti­gen Ein­nah­men ab 1. Janu­ar 2009 durch den Spit­zen­ver­band Bund der Kran­ken­kas­sen ist ledig­lich ein Wech­sel des für die Bestim­mung Zustän­di­gen. Es soll­te u.a. aus­ge­schlos­sen wer­den, dass die Kran­ken­kas­sen zukünf­tig wei­ter­hin unter­schied­li­che Ein­stu­fungs­grund­sät­ze prak­ti­zie­ren, weil mit der Ein­füh­rung des Gesund­heits­fonds der­ar­ti­ge Unter­schie­de nicht mehr auf­recht erhal­ten wer­den konn­ten 1. Auch nach dem Wech­sel der Zustän­dig­keit ist wie bis­her unver­än­dert die gesam­te wirt­schaft­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit des Mit­glieds bei der Bemes­sung der Bei­trä­ge zu berück­sich­ti­gen 2. Eine inhalt­li­che Ände­rung des Maß­sta­bes, näm­lich dass die gesam­te wirt­schaft­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit des frei­wil­lig Ver­si­cher­ten ohne Bes­ser­stel­lung gegen­über einem Pflicht­ver­si­cher­ten zugrun­de zu legen ist und damit wel­che Ein­nah­men der Bei­trags­be­mes­sung zugrun­de zu legen sind, ist des­halb mit den Ände­run­gen durch das GKV-WSG nicht ver­bun­den. Das dem Klä­ger gezahl­te "Früh­ru­he­stands­geld" hät­ten die Beklag­ten bei der Berech­nung der frei­wil­li­gen Bei­trä­ge zur Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung zwar nicht als Arbeits­ent­gelt, auch nicht teil­wei­se als Abfin­dung, die Arbeits­ent­gelt ent­hält, mit einem Arbeits­ent­gelt­an­teil, und auch nicht als Ver­sor­gungs­be­zug, jedoch als sons­ti­ge Ein­nah­me in vol­lem Umfang bei der Bemes­sung der Bei­trä­ge zur Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung seit Beginn der Zah­lung berück­sich­ti­gen müs­sen, mit­hin auch schon vor der zum 1. Janu­ar 2009 erfolg­ten Änderung(en) des § 240 SGB V. Dass eine wesent­li­che Ände­rung in den recht­li­chen Ver­hält­nis­sen nicht ein­ge­tre­ten ist, son­dern nur eine geän­der­te Rechts­auf­fas­sung der Beklag­ten, zeigt der Ver­weis im Wider­spruchs­be­scheid auf die Bespre­chung der Spit­zen­ver­bän­de der Kran­ken­kas­sen und der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung Bund.

Nach § 19 Abs. 1 Satz 1 der Sat­zung der Beklag­ten zu 1) in der bis 31. Dezem­ber 2008 gel­ten­den Fas­sung gehör­ten zu den bei­trags­pflich­ti­gen Ein­nah­men frei­wil­li­ger Mit­glie­der alle Ein­nah­men und Geld­mit­tel, die für den Lebens­un­ter­halt ver­braucht wer­den oder ver­braucht wer­den könn­ten (Ein­nah­men zum Lebens­un­ter­halt) bis zum kalen­der­täg­li­chen Betrag der Bei­trags­be­mes­sungs­gren­ze der Kran­ken­ver­si­che­rung. Nach § 19 Abs. 9 der Sat­zung der Beklag­ten zu 1) in der bis 31. Dezem­ber 2008 gel­ten­den Fas­sung war bei frei­wil­lig Ver­si­cher­ten, die nicht haupt­be­ruf­lich selbst­stän­dig sind und kei­ne Ren­te der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung bezo­gen – was beim Klä­ger der Fall war -, fol­gen­de Rang­fol­ge der Ein­nah­me­ar­ten vor­zu­neh­men: Arbeits­ent­gelt, der Zahl­be­trag der Ver­sor­gungs­be­zü­ge und sons­ti­gen Ein­nah­men, die die wirt­schaft­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit des frei­wil­li­gen Mit­glieds bestim­men, bis zur Bei­trags­be­mes­sungs­gren­ze.

Eine abwei­chen­de Bestim­mung der bei­trags­pflich­ti­gen Ein­nah­men ent­hal­ten die nun­mehr gel­ten­den Bei­trags­ver­fah­rens­grund­sät­ze Selbst­zah­ler nicht. Nach § 3 Abs. 1 Satz 1 Bei­trags­ver­fah­rens­grund­sät­ze Selbst­zah­ler sind als bei­trags­pflich­ti­ge Ein­nah­men u.a. auch das Arbeits­ent­gelt, der Zahl­be­trag der Ver­sor­gungs­be­zü­ge sowie alle Ein­nah­men und Geld­mit­tel, die für den Lebens­un­ter­halt ver­braucht wer­den oder ver­braucht wer­den kön­nen, ohne Rück­sicht auf ihre steu­er­li­che Behand­lung zugrun­de zu legen. Ergän­zend bestimmt § 4 Nr. 1 Bei­trags­ver­fah­rens­grund­sät­ze Selbst­zah­ler, dass den bei­trags­pflich­ti­gen Ein­nah­men im Sin­ne des § 3 Abs. 1 zuzu­rech­nen sind auch Abfin­dun­gen, Ent­schä­di­gun­gen oder ähn­li­che Leis­tun­gen, die wegen Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses gezahlt wer­den.

Das gezahl­te "Früh­ru­he­stands­geld" war kein Arbeits­ent­gelt. Arbeits­ent­gelt sind nach § 14 Abs. 1 Satz 1 SGB IV alle lau­fen­den oder ein­ma­li­gen Ein­nah­men aus einer Beschäf­ti­gung, gleich­gül­tig, ob ein Rechts­an­spruch auf die Ein­nah­men besteht, unter wel­cher Bezeich­nung oder in wel­cher Form sie geleis­tet wer­den und ob sie unmit­tel­bar aus der Beschäf­ti­gung oder im Zusam­men­hang mit ihr erzielt wer­den. Arbeits­ent­gelt sind hier­nach (nur) Leis­tun­gen, die auf­grund des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses für Zei­ten des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses geleis­tet wer­den. Die wei­te Begriffs­be­stim­mung des Arbeits­ent­gelts in § 14 Abs. 1 SGB IV erfasst sol­che Ein­nah­men, die dem Ver­si­cher­ten in ursäch­li­chem Zusam­men­hang mit einer Beschäf­ti­gung zuflie­ßen. Das Erfor­der­nis des ursäch­li­chen Zusam­men­hangs umfasst dabei den zeit­li­chen mit, sodass ihrem Zweck nach allein auf den Zeit­raum nach Been­di­gung des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses bezo­ge­ne Leis­tun­gen nicht erfasst wer­den. Zwar gehö­ren zum Arbeits­ent­gelt auch Ein­nah­men, die nicht unmit­tel­bar aus der Beschäf­ti­gung, son­dern nur "im Zusam­men­hang mit ihr" erzielt wer­den (§ 14 Abs. 1 SGB IV), was beson­ders bei ein­ma­li­gen Ein­nah­men wie einer Abfin­dung zutref­fen kann. Auch sol­che Ein­nah­men müs­sen jedoch, um als Arbeits­ent­gelt auf­grund einer ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Beschäf­ti­gung bei­trags­pflich­tig zu sein, sich zeit­lich die­ser ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Beschäf­ti­gung zuord­nen las­sen, d.h. auf die Zeit der Beschäf­ti­gung und der Ver­si­che­rungs­pflicht ent­fal­len. Das trifft etwa auf eine Abfin­dung, die wegen Been­di­gung der ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Beschäf­ti­gung gezahlt wird, grund­sätz­lich nicht zu. Soweit es sich bei ihr um eine ech­te Abfin­dung und nicht um eine Nach­zah­lung von wäh­rend der Beschäf­ti­gung ver­dien­tem Ent­gelt han­delt, soll die Abfin­dung den Arbeit­neh­mer dafür ent­schä­di­gen, dass er sei­ne bis­he­ri­ge Beschäf­ti­gung nicht fort­set­zen kann, mit­hin gehin­dert ist, aus die­ser Beschäf­ti­gung künf­tig Arbeits­ent­gelt zu erzie­len. Eine sol­che Abfin­dung, die als Ent­schä­di­gung für den Weg­fall künf­ti­ger Ver­dienst­mög­lich­kei­ten – den Ver­lust des Arbeits­plat­zes – gezahlt wird, ist zeit­lich nicht der frü­he­ren Beschäf­ti­gung zuzu­ord­nen; ihre Bei­trags­pflicht kann nicht mehr auf die frü­he­re, inzwi­schen weg­ge­fal­le­ne Ver­si­che­rungs­pflicht gegrün­det wer­den 3. Danach ist das dem Klä­ger gezahl­te "Früh­ru­he­stands­geld", auch wenn es eine Abfin­dung sein soll­te (wie es in § 4 der Betriebs­ver­ein­ba­rung auch bezeich­net wur­de), kein Arbeits­ent­gelt, das der Bemes­sung der Bei­trä­ge zur frei­wil­li­gen Ver­si­che­rung zugrun­de­ge­legt wer­den kann. Das dem Klä­ger gezahl­te "Früh­ru­he­stands­geld" ist eine Ent­schä­di­gung für den Weg­fall künf­ti­ger Ver­dienst­mög­lich­kei­ten wegen des Weg­falls des Arbeits­plat­zes und damit nicht dem Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis mit der E‑AG zuzu­ord­nen. Denn das Arbeits­ver­hält­nis des Klä­gers mit der E‑AG ende­te mit der Ver­set­zung in den Früh­ru­he­stand (§ 1 der Betriebs­ver­ein­ba­rung). Damit ende­te auch das Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis. Mit dem gezahl­ten "Früh­ru­he­stands­geld" soll­te kein rück­stän­di­ges Arbeits­ent­gelt aus der Zeit des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses abge­gol­ten wer­den. Es soll­te viel­mehr allein als Ent­schä­di­gung dafür die­nen, dass der Klä­ger nach Ende des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses gehin­dert war, aus die­sem Ent­gelt zu erzie­len.

Das gezahl­te "Früh­ru­he­stands­geld" war auch kein Ver­sor­gungs­be­zug. Nach § 229 Abs. 1 Satz 1 SGB V gel­ten als der Ren­te ver­gleich­ba­re Ein­nah­men (Ver­sor­gungs­be­zü­ge), soweit sie wegen einer Ein­schrän­kung der Erwerbs­fä­hig­keit oder zur Alters- oder Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung erzielt wer­den,

  1. Ver­sor­gungs­be­zü­ge aus einem öffent­lich-recht­li­chen Dienst­ver­hält­nis oder aus einem Arbeits­ver­hält­nis mit Anspruch auf Ver­sor­gung nach beam­ten­recht­li­chen Vor­schrif­ten oder Grund­sät­zen; außer Betracht blei­ben
    a) ledig­lich über­gangs­wei­se gewähr­te Bezü­ge,
    b) unfall­be­ding­te Leis­tun­gen und Leis­tun­gen der Beschä­dig­ten­ver­sor­gung,
    c) bei einer Unfall­ver­sor­gung ein Betrag von 20 vom Hun­dert des Zahl­be­trags und
    d) bei einer erhöh­ten Unfall­ver­sor­gung der Unter­schieds­be­trag zum Zahl­be­trag der Nor­mal­ver­sor­gung, min­des­tens 20 vom Hun­dert des Zahl­be­trags der erhöh­ten Unfall­ver­sor­gung,
  2. Bezü­ge aus der Ver­sor­gung der Abge­ord­ne­ten, Par­la­men­ta­ri­schen Staats­se­kre­tä­re und Minis­ter,
  3. Ren­ten der Ver­si­che­rungs- und Ver­sor­gungs­ein­rich­tun­gen, die für Ange­hö­ri­ge bestimm­ter Beru­fe errich­tet sind,
  4. Ren­ten und Land­ab­ga­be­ren­ten nach dem Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te mit Aus­nah­me einer Über­gangs­hil­fe,
  5. Ren­ten der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung ein­schließ­lich der Zusatz­ver­sor­gung im öffent­li­chen Dienst und der hüt­ten­knapp­schaft­li­chen Zusatz­ver­sor­gung.

Auf die Defi­ni­ti­on der Ver­sor­gungs­be­zü­ge in § 229 SGB V nahm auch § 19 Abs. 1b Satz 1 der Sat­zung der Beklag­ten zu 1) Bezug. Das "Früh­ru­he­stands­geld" erfüllt kei­ne die­ser Vor­aus­set­zun­gen. Ins­be­son­de­re ist es kei­ne Ren­te der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung, denn es liegt kei­ne Leis­tung der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung im Sin­ne von § 1 Gesetz zur Ver­bes­se­rung der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung (BetrAVG) vor. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts rech­nen hier­zu alle Leis­tun­gen, mit denen ein Ver­sor­gungs­zweck ver­folgt wird, wenn der Ver­sor­gungs­an­spruch durch ein bio­lo­gi­sches Ereig­nis (Alter, Inva­li­di­tät oder Tod) aus­ge­löst wird und die­se Leis­tung aus Anlass eines Arbeits­ver­hält­nis­ses zuge­sagt wird 4. Die­se Defi­ni­ti­on kann für die Bei­trags­pflicht zur Kran­ken­ver­si­che­rung über­nom­men wer­den 5. Wegen der zeit­lich begrenz­ten Zah­lung bis zum Beginn einer Alters­ren­te aus der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung dien­te es ins­be­son­de­re nicht zur Alters­ver­sor­gung des Klä­gers. Das "Früh­ru­he­stands­geld" dien­te dazu, den Zeit­raum bis zum Bezug einer Alters­ren­te zu über­brü­cken. Nach § 7 Nr. 1 der Betriebs­ver­ein­ba­rung besteht die Pflicht, sich arbeits­los zu mel­den und Arbeits­lo­sen­geld zu bean­tra­gen, und damit die – wenn auch gerin­ge – Chan­ce auf eine neue Beschäf­ti­gung zu wah­ren und auf­recht­zu­er­hal­ten sowie wei­ter auch die Pflicht, zum frü­hest­mög­li­chen Zeit­punkt einen Antrag auf Leis­tun­gen der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung zu stel­len, mit­hin Alters­ren­te mit Abschlag in Anspruch zu neh­men.

Wenn das gezahl­te "Früh­ru­he­stands­geld" eine Leis­tung der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung wäre – wovon die Beklag­ten im Wider­spruchs­be­scheid aus­ge­gan­gen sind -, hät­te das "Früh­ru­he­stands­geld" im Übri­gen von Beginn der Zah­lung mit dem vol­len Zahl­be­trag und nicht antei­lig bei der Bemes­sung der Bei­trä­ge berück­sich­tigt wer­den müs­sen.

Das dem Klä­ger gezahl­te "Früh­ru­he­stands­geld" ist jedoch als sons­ti­ge Ein­nah­me anzu­se­hen. Denn es bestimmt die wirt­schaft­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit des Klä­gers, weil es dazu die­nen soll, den Lebens­un­ter­halt des Klä­gers zwi­schen dem Ende des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses und dem Beginn einer Alters­ren­te aus der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung zu sichern. Dies ergibt sich schon aus der Höhe des gezahl­ten "Früh­ru­he­stands­gelds", die an die Höhe der zuletzt gezahl­ten Ver­gü­tun­gen anknüpft. Zudem wer­den die Lohn­er­satz­leis­tun­gen Arbeits­lo­sen­geld und Kran­ken­geld auf das "Früh­ru­he­stands­geld" ange­rech­net.

Die Sat­zungs­re­ge­lung und die Rege­lung der Bei­trags­ver­fah­rens­grund­sät­ze Selbst­zah­ler hin­sicht­lich sons­ti­ger Ein­nah­men ist in Bezug auf das dem Klä­ger gezahl­te "Früh­ru­he­stands­geld" des­halb auch nicht zu unbe­stimmt 6. Weil das gezahl­te "Früh­ru­he­stands­geld" zum Bestrei­ten des Lebens­un­ter­halts bestimmt ist, wäre es jeden­falls bei einem Ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen bei­trags­pflich­tig. Wäre die Sat­zungs­re­ge­lung und die Rege­lung der Bei­trags­ver­fah­rens­grund­sät­zen Selbst­zah­ler betref­fend die sons­ti­gen Ein­nah­men zu unbe­stimmt, hät­te dies zur Fol­ge, dass das "Früh­ru­he­stands­geld" über­haupt nicht bei der Bemes­sung der Bei­trä­ge berück­sich­tigt wer­den könn­te.

Da eine wesent­li­che Ände­rung der (recht­li­chen) Ver­hält­nis­se bezüg­lich der Fra­ge, ob das gezahl­te "Früh­ru­he­stands­geld" nur antei­lig oder – rich­ti­ger­wei­se – voll­stän­dig der Bemes­sung der Bei­trä­ge zugrun­de zu legen ist, nicht vor­liegt, kommt es auf die Fra­ge, ob die Bei­trags­ver­fah­rens­grund­sät­ze Selbst­zah­ler wirk­sam erlas­sen wor­den sind, nicht an. Im Übri­gen ist bereits durch die gesetz­li­che Rege­lung des § 240 SGB V weit­ge­hend vor­ge­ge­ben, wel­che Ein­nah­men bei der Bemes­sung der Bei­trä­ge frei­wil­lig Ver­si­cher­ter zu berück­sich­ti­gen sind, und des­halb in der Ver­gan­gen­heit der Kran­ken­kas­se als Sat­zungs­ge­ber und nun­mehr der Spit­zen­ver­band Bund der Kran­ken­kas­sen nur wenig Spiel­raum blie­ben oder blei­ben, um die bei­trags­pflich­ti­gen Ein­nah­men zu bestim­men.

Für den Zeit­raum vom 28. Febru­ar bis 31. Mai 2011, in wel­chem der Klä­ger als Ren­ten­an­trag­stel­ler ver­si­che­rungs­pflich­ti­ges Mit­glied der Beklag­ten zu 1) in der Kran­ken­ver­si­che­rung der Rent­ner war, rich­te­te sich die Erhe­bung der Bei­trä­ge in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 240 SGB V (§ 239 SGB V).

Hin­sicht­lich der Bei­trä­ge zur sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung gilt das­sel­be. Denn nach § 57 Abs. 4 Satz 1 SGB XI gel­ten die für die Kran­ken­ver­si­che­rung genann­ten Vor­schrif­ten auch für die Bei­trags­be­mes­sung in der Pfle­ge­ver­si­che­rung.

Um den gesam­ten Zahl­be­trag des "Früh­ru­he­stands­gel­des" der Berech­nung der Bei­trä­ge ab 1. Juli 2009 zugrun­de zu legen, hät­ten die Beklag­ten den letz­ten Bei­trags­be­scheid vom 19. Dezem­ber 2008 nach § 45 SGB X auf­he­ben müs­sen. Unab­hän­gig davon, dass dies – wie oben aus­ge­führt – nicht erfolgt ist, kann eine Umdeu­tung nicht erfol­gen und es lie­gen auch die Vor­aus­set­zun­gen hier­für nicht vor.

Eine Umdeu­tung des Bescheids vom 19. Juni 2009 in der Gestalt des Wider­spruchs­be­scheids vom 20. Janu­ar 2010 dahin, dass er den vor­an­ge­gan­ge­nen Bescheid vom 19. Dezem­ber 2008 nach § 45 SGB X auf­hebt, ist schon nicht mög­lich. Nach § 43 Abs. 1 SGB X kann ein feh­ler­haf­ter Ver­wal­tungs­akt in einen ande­ren Ver­wal­tungs­akt umge­deu­tet wer­den, wenn er auf das glei­che Ziel gerich­tet ist, von der erlas­sen­den Behör­de in der gesche­he­nen Ver­fah­rens­wei­se und Form recht­mä­ßig hät­te erlas­sen wer­den kön­nen und die Vor­aus­set­zun­gen für des­sen Erlass erfüllt sind. Eine Ent­schei­dung, die nur als gesetz­lich gebun­de­ne Ent­schei­dung erge­hen kann, kann nach § 43 Abs. 3 SGB X nicht in eine Ermes­sens­ent­schei­dung umge­deu­tet wer­den. Die Ent­schei­dung, einen Ver­wal­tungs­akt wegen wesent­li­cher Ände­rung der Ver­hält­nis­se für die Zukunft nach § 48 Abs. 1 Satz 2 SGB X auf­zu­he­ben, ist eine gebun­de­ne Ent­schei­dung. Dem­ge­gen­über erfor­dert eine Auf­he­bung nach § 45 SGB X auch für die Zukunft – außer im hier nicht vor­lie­gen­den Fall betrü­ge­ri­scher Leis­tungs­er­schlei­chung 7 – die Aus­übung und Anwen­dung von Ermes­sen.

Nach § 45 Abs. 1 SGB X darf ein Ver­wal­tungs­akt, der ein Recht oder einen recht­lich erheb­li­chen Vor­teil begrün­det oder bestä­tigt hat (begüns­ti­gen­der Ver­wal­tungs­akt), soweit er rechts­wid­rig ist, auch nach­dem er unan­fecht­bar gewor­den ist, nur unter den Ein­schrän­kun­gen der Absät­ze 2 bis 4 ganz oder teil­wei­se mit Wir­kung für die Zukunft oder für die Ver­gan­gen­heit zurück­ge­nom­men wer­den. Nach § 45 Abs. 2 SGB X darf ein rechts­wid­ri­ger begüns­ti­gen­der Ver­wal­tungs­akt nicht zurück­ge­nom­men wer­den, soweit der Begüns­tig­te auf den Bestand des Ver­wal­tungs­ak­tes ver­traut hat und sein Ver­trau­en unter Abwä­gung mit dem öffent­li­chen Inter­es­se an einer Rück­nah­me schutz­wür­dig ist (Satz 1). Das Ver­trau­en ist in der Regel schutz­wür­dig, wenn der Begüns­tig­te erbrach­te Leis­tun­gen ver­braucht oder eine Ver­mö­gens­dis­po­si­ti­on getrof­fen hat, die er nicht mehr oder nur unter unzu­mut­ba­ren Nach­tei­len rück­gän­gig machen kann (Satz 2). Auf Ver­trau­en kann sich der Begüns­tig­te nicht beru­fen, soweit

  1. er den Ver­wal­tungs­akt durch arg­lis­ti­ge Täu­schung, Dro­hung oder Bestechung erwirkt hat,
  2. der Ver­wal­tungs­akt auf Anga­ben beruht, die der Begüns­tig­te vor­sätz­lich oder grob fahr­läs­sig in wesent­li­cher Bezie­hung unrich­tig oder unvoll­stän­dig gemacht hat, oder
  3. er die Rechts­wid­rig­keit des Ver­wal­tungs­ak­tes kann­te oder infol­ge gro­ber Fahr­läs­sig­keit nicht kann­te; gro­be Fahr­läs­sig­keit liegt vor, wenn der Begüns­tig­te die erfor­der­li­che Sorg­falt in beson­ders schwe­rem Maße ver­letzt hat (Satz 3).

Die Vor­aus­set­zun­gen des Satz 3 sind nicht gege­ben. Dies behaup­ten die Beklag­ten auch nicht. Auch dürf­te das Ver­trau­en des Klä­gers schutz­wür­dig sein. Dies muss aber nicht abschlie­ßend ent­schie­den wer­den. Denn auch wenn das Ver­trau­en des Klä­gers schutz­wür­dig wäre, wäre die Auf­he­bung nach § 45 SGB X rechts­wid­rig, weil die Beklag­ten das für eine sol­che Ent­schei­dung erfor­der­li­chen Ermes­sen nicht aus­ge­übt haben. Da sie sich gar nicht bewusst waren, eine Ent­schei­dung nach § 45 SGB X tref­fen zu müs­sen, liegt schon kei­ne Ermes­sens­aus­übung vor.

Da eine wesent­li­che Ände­rung nicht ein­ge­tre­ten ist, kann der Bemes­sung der Bei­trä­ge des Klä­gers auch in der Zeit vom 1. Juli 2009 bis 31. Mai 2011 wie zuvor nur der antei­li­ge Betrag des "Früh­ru­he­stands­gelds" in Höhe von 30 v.H zugrun­de­ge­legt wer­den.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 22. Juli 2011 – L 4 KR 5088/​10

  1. Bun­des­tags-Druck­sa­che 16/​3100, S. 164[]
  2. Bun­des­tags-Druck­sa­che 16/​3100, S. 163[]
  3. zum Gan­zen BSG, Urteil vom 07.03.2007 – B 12 KR 4/​06 R – m.w.N.[]
  4. vgl. BAG, Urteil vom 26.06.1990 – 3 AZR 641/​88[]
  5. BSG, Urteil vom 26.03.1996 – 12 RK 44/​94[]
  6. zu gene­ral­klau­sel­ar­ti­gen Sat­zungs­re­ge­lun­gen vgl. BSG SozR 4 – 2500 § 240 Nr. 1[]
  7. vgl. hier­zu BSG, Urtei­le vom 25.01.1994 – 4 RA 16/​92 und 05.11.1997 – 9 RV 20/​96[]