Gerichts­kos­ten für ein sozi­al­ge­richt­li­ches Ver­ga­be­ver­fah­ren

Die Erhe­bung von Gerichts­ge­büh­ren greift in das Grund­recht der Beschwer­de­füh­re­rin aus Art. 2 Abs. 1 GG ein. Art. 2 Abs. 1 GG schützt auch davor, von der Staats­ge­walt nicht mit einem finan­zi­el­len Nach­teil belas­tet zu wer­den, der nicht in der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ord­nung begrün­det ist 1. Auf die­sen Schutz­ge­halt kann sich die Beschwer­de­füh­re­rin als juris­ti­sche Per­son des Pri­vat­rechts nach Art. 19 Abs. 3 GG beru­fen. Zur ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ord­nung in die­sem Sin­ne gehö­ren nicht nur die vom Norm­ge­ber gesetz­ten ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Vor­schrif­ten, son­dern auch deren Aus­le­gung und eben­so die im Wege zuläs­si­ger Rechts­fort­bil­dung gewon­ne­nen Ent­schei­dun­gen 2. Auch aus dem in Art. 20 Abs. 3 GG ange­ord­ne­ten Vor­rang des Geset­zes folgt kein Ver­bot für den Rich­ter, gege­be­nen­falls vor­han­de­ne gesetz­li­che Lücken im Wege der rich­ter­li­chen Rechts­fort­bil­dung zu schlie­ßen 3; die Befug­nis der Gerich­te zur Fort­bil­dung des Rechts ist aner­kannt 4. Die rich­ter­li­che Ent­schei­dungs­be­fug­nis ist aller­dings durch Art. 20 Abs. 2 und 3 GG begrenzt 5.

Gerichts­kos­ten für ein sozi­al­ge­richt­li­ches Ver­ga­be­ver­fah­ren

Die Aus­le­gung des ein­fa­chen Geset­zes­rechts ein­schließ­lich der Wahl der hier­bei anzu­wen­den­den Metho­de ist Sache der Fach­ge­rich­te und vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht umfas­send auf ihre Rich­tig­keit zu unter­su­chen. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt beschränkt sei­ne Kon­trol­le, auch soweit es um die Wah­rung der Kom­pe­tenz­gren­zen aus Art. 20 Abs. 2 Satz 2 und Abs. 3 GG geht, auf die Prü­fung, ob das Fach­ge­richt bei der Rechts­fin­dung die gesetz­ge­be­ri­sche Grund­ent­schei­dung respek­tiert und von den aner­kann­ten Metho­den der Geset­zes­aus­le­gung in ver­tret­ba­rer Wei­se Gebrauch gemacht hat 6.

Einen aus­drück­lich für ver­ga­be­recht­li­che Strei­tig­kei­ten vor den Sozi­al­ge­rich­ten ein­schlä­gi­gen Gebüh­ren­tat­be­stand hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt sei­ner Ent­schei­dung, mit der die Erin­ne­rung gegen den Kos­ten­an­satz zurück­ge­wie­sen wur­de, nicht zugrun­de gelegt. Die Nr. 1220 und Nr. 1640 KV-GKG a.F. sind unmit­tel­bar nur für zivil­recht­li­che Ver­fah­ren vor den ordent­li­chen Gerich­ten anwend­bar. Es gibt auch kei­ne gesetz­li­che Rege­lung, die die genann­ten Gebüh­ren­tat­be­stän­de für ver­ga­be­recht­li­che Ver­fah­ren vor den Sozi­al­ge­rich­ten aus­drück­lich für anwend­bar erklärt.

Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg zieht in sei­ner vor­lie­gend mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung 7 die Nr. 1220 und Nr. 1640 KV-GKG a.F. auf der Grund­la­ge des § 202 SGG für Ver­fah­ren nach § 142a Abs. 1 SGG her­an. Nach § 202 SGG sind indes, soweit das Sozi­al­ge­richts­ge­setz kei­ne Bestim­mun­gen über das Ver­fah­ren ent­hält und wenn die grund­sätz­li­chen Unter­schie­de der bei­den Ver­fah­rens­ar­ten dies nicht aus­schlie­ßen, aus­drück­lich nur das Gerichts­ver­fas­sungs­ge­setz und die Zivil­pro­zess­ord­nung ent­spre­chend anzu­wen­den. Die Auf­fas­sung, § 202 SGG ver­wei­se über sei­nen Wort­laut hin­aus auch auf die in Teil 1 des Kos­ten­ver­zeich­nis­ses für die zivil­recht­li­chen Ver­fah­ren vor den ordent­li­chen Gerich­ten ent­hal­te­nen Gebüh­ren­tat­be­stän­de der Nr. 1220 und Nr. 1640 KV-GKG a.F., ist damit Ergeb­nis rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung.

Die­se Rechts­fort­bil­dung genügt indes nicht den ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben. Denn die Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts beruht auf der Annah­me einer gesetz­li­chen Rege­lungs­lü­cke, die so nicht ver­tret­bar ist 8. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt iden­ti­fi­ziert die Rege­lungs­lü­cke, die es über § 202 SGG durch die ent­spre­chen­de Anwen­dung der Nr. 1220 und Nr. 1640 KV-GKG a.F. schließt, im Sozi­al­ge­richts­ge­setz: Das Sozi­al­ge­richts­ge­setz ent­hal­te, wie sich bereits aus § 142a SGG erge­be, kei­ne abschlie­ßen­de Rege­lung für in die Zustän­dig­keit der Sozi­al­ge­richts­bar­keit fal­len­de Ver­ga­be­ver­fah­ren.

Die Annah­me, das Sozi­al­ge­richts­ge­setz wei­se mit Blick auf den Gerichts­kos­ten­an­satz für sozi­al­ge­richt­li­che Ver­ga­be­ver­fah­ren eine Rege­lungs­lü­cke auf, beruht indes nicht auf einer ver­tret­ba­ren Anwen­dung aner­kann­ter Metho­den der Geset­zes­aus­le­gung. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt bezieht sich bei sei­nen Erwä­gun­gen zwar auf ver­schie­de­ne gesetz­li­che Bestim­mun­gen, um die maß­geb­li­che Fra­ge zu beant­wor­ten, nach wel­chem Gebüh­ren­tat­be­stand für sozi­al­ge­richt­li­che Ver­ga­be­ver­fah­ren Gerichts­kos­ten erho­ben wer­den kön­nen. Es über­sieht dabei jedoch grund­le­gend, dass das Sozi­al­ge­richts­ge­setz für sozi­al­ge­richt­li­che Ver­fah­ren, bei denen – wie in den Ver­fah­ren nach § 142a Abs. 1 SGG – weder der Klä­ger noch der Beklag­te zu den in § 183 SGG genann­ten Per­so­nen gehö­ren, für die Erhe­bung von Gerichts­kos­ten eine ein­schlä­gi­ge Rege­lung ent­hält; denn § 197a Abs. 1 Satz 1 SGG ver­weist für die betref­fen­den Ver­fah­ren hin­sicht­lich der Erhe­bung von Gerichts­kos­ten auf die Vor­schrif­ten des Gerichts­kos­ten­ge­set­zes. Mit die­ser umfas­sen­den Ver­wei­sung hat der Gesetz­ge­ber für die betref­fen­den Ver­fah­ren im Sozi­al­ge­richts­ge­setz eine mit Blick auf die­ses Gesetz abschlie­ßen­de Rege­lung zur Gerichts­kos­ten­er­he­bung getrof­fen: Gerichts­kos­ten wer­den nach dem Gerichts­kos­ten­ge­setz erho­ben 9. Die maß­geb­li­chen Gebüh­ren­tat­be­stän­de ent­hält nach § 3 Abs. 2 GKG das Kos­ten­ver­zeich­nis 10. Das Sozi­al­ge­richts­ge­setz trifft dem­entspre­chend für Ver­fah­ren im Sin­ne des § 197a Abs. 1 Satz 1 SGG kei­ne eige­nen Rege­lun­gen über die Erhe­bung von Gerichts­kos­ten durch die Staats­kas­se; es ent­hält weder ein­zel­ne Gebüh­ren­tat­be­stän­de noch ver­weist es auf sol­che. Auf die­sen Rege­lungs­zu­sam­men­hang geht das Lan­des­so­zi­al­ge­richt nicht ein. Das wäre zur Beant­wor­tung der Fra­ge, ob das Sozi­al­ge­richts­ge­setz eine Rege­lungs­lü­cke betref­fend Gebüh­ren­tat­be­stän­de für Ver­ga­be­ver­fah­ren im Sin­ne des § 142a Abs. 1 SGG auf­weist, die im Wege der Rechts­fort­bil­dung über die Annah­me, § 202 SGG ermög­li­che auch die ent­spre­chen­de Anwen­dung der für Ver­ga­be­ver­fah­ren vor den ordent­li­chen Gerich­ten ein­schlä­gi­gen Gebüh­ren­tat­be­stän­de, geschlos­sen wer­den könn­te, aller­dings uner­läss­lich gewe­sen. Schon des­halb kann aus ver­fas­sungs­recht­li­cher Per­spek­ti­ve nicht von einer ver­tret­ba­ren Anwen­dung aner­kann­ter Aus­le­gungs­me­tho­den aus­ge­gan­gen wer­den.

Bei Berück­sich­ti­gung des dar­ge­stell­ten Rege­lungs­zu­sam­men­hangs ist die Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts vom Vor­lie­gen einer Rege­lungs­lü­cke im Sozi­al­ge­richts­ge­setz nicht halt­bar. Auch Ver­fah­ren im Sin­ne des § 142a Abs. 1 SGG wer­den von der Rege­lung in § 197a Abs. 1 Satz 1 SGG erfasst, so dass Gerichts­kos­ten für die­se Ver­fah­ren gemäß § 1 Abs. 2 Nr. 3, § 3 Abs. 2 GKG nach dem Kos­ten­ver­zeich­nis erho­ben wer­den. Sofern das Kos­ten­ver­zeich­nis in sei­nem für die Ver­fah­ren vor den Sozi­al­ge­rich­ten anwend­ba­ren Teil 7 kei­nen ein­schlä­gi­gen Gebüh­ren­tat­be­stand für ein bestimm­tes Ver­fah­ren im Sin­ne des § 197a Abs. 1 Satz 1 SGG ent­hält, so kann eine ent­spre­chen­de Rege­lungs­lü­cke zwar mög­li­cher­wei­se im Kos­ten­ver­zeich­nis, jeden­falls aber nicht im Sozi­al­ge­richts­ge­setz ver­or­tet wer­den. Eine Rege­lungs­lü­cke im Kos­ten­ver­zeich­nis könn­te aber über einen Rück­griff auf § 202 SGG nicht geschlos­sen wer­den, weil die Vor­schrift das Feh­len einer Bestim­mung im Sozi­al­ge­richts­ge­setz vor­aus­setzt.

Es kann dahin­ste­hen, ob die ent­spre­chen­de Anwen­dung von Gebüh­ren­tat­be­stän­den des Kos­ten­ver­zeich­nis­ses auf sozi­al­ge­richt­li­che Ver­fah­ren über § 202 SGG auch durch § 1 Abs. 2 Nr. 3 GKG aus­ge­schlos­sen ist. Hält sich das Lan­des­so­zi­al­ge­richt mit sei­ner Ent­schei­dung nicht im Rah­men her­kömm­li­cher Rechts­fin­dung, weil sie nicht auf einer ver­tret­ba­ren Anwen­dung aner­kann­ter Metho­den beruht, so sind die Gren­zen rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung über­schrit­ten. Infol­ge des­sen ver­stößt die Ent­schei­dung gegen Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG, ohne dass es dar­auf ankommt, ob eine Mög­lich­keit der Rechts­fort­bil­dung denk­bar ist, mit der das­sel­be Ergeb­nis in metho­disch ver­tret­ba­rer Wei­se erreicht wer­den könn­te. Es ist nicht Auf­ga­be des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, das ein­fa­che Recht dahin­ge­hend zu erfor­schen 8. Es bedarf daher vor­lie­gend kei­ner Beant­wor­tung der Fra­ge, ob dem Lan­des­so­zi­al­ge­richt die Annah­me einer Rege­lungs­lü­cke in Teil 7 des Kos­ten­ver­zeich­nis­ses und eine Schlie­ßung die­ser Lücke durch ent­spre­chen­de Anwen­dung der Nr. 1220 und Nr. 1640 KV-GKG a.F. in ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den­der Rechts­fort­bil­dung mög­lich gewe­sen wäre, oder ob die ana­lo­ge Anwen­dung von Gebüh­ren­tat­be­stän­den des Kos­ten­ver­zeich­nis­ses gene­rell aus­ge­schlos­sen ist 11 mit der Fol­ge, dass gege­be­nen­falls an sich kos­ten­pflich­ti­ge Ver­fah­ren gerichts­kos­ten­frei sind 12.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 20. April 2010 – 1 BvR 1670/​0

  1. vgl. BVerfGE 97, 332, 340 f.[]
  2. vgl. BVerfGE 74, 129, 152; 111, 54, 81 f.[]
  3. vgl. BVerfGE 108, 150, 160[]
  4. vgl. BVerfGE 111, 54, 82 m.w.N.[]
  5. vgl. BVerfGE 96, 375, 394 f.; 111, 54, 82; 113, 88, 103 f.[]
  6. vgl. BVerfGE 82, 6, 11 ff.; 96, 375, 395; 122, 248, 257 f.; BVerfG, Beschluss vom 21.12.2009 – 1 BvR 2738/​08[]
  7. LSG B‑W, Beschluss vom 12. Juni 2009 – L 12 KR 1091/​09 KO‑A[]
  8. vgl. BVerfGE 82, 6, 13[][]
  9. vgl. Leit­he­rer, in: Mey­er-Lade­wi­g/Kel­ler/​Leitherer, SGG, 9. Aufl. 2008, § 197a Rn. 4; Straß­feld, in: Jan­sen, SGG, 3. Aufl. 2009, § 197a Rn. 3, 8; Pet­zold, in: Binz/​Dörndorfer/​Petzold/​Zimmermann, GKG, FamG­KG, JVEG, 2. Aufl. 2009, GKG § 1 Rn. 4; Mey­er, Gerichts­kos­ten der strei­ti­gen Gerichts­bar­kei­ten und des Fami­li­en­ver­fah­rens, 11. Aufl. 2009, § 1 Rn. 1, Teil 7 KV Rn. 1[]
  10. vgl. LSG Rhein­land-Pfalz, Beschluss vom 26. Novem­ber 2007 – L 5 B 403/​07 KR[]
  11. so BGH, Beschluss vom 12.03.2007 – II ZR 19/​05, NJW-RR 2007, 1148; Hart­mann, Kos­ten­ge­set­ze, 39. Aufl. 2009, § 1 GKG Rn. 1, 2, 16; Mey­er, a.a.O., § 1 Rn. 1, § 3 Rn. 2, 5, 29, Vor­be­mer­kung KV Rn. 4[]
  12. vgl. LSG Rhein­land-Pfalz, Beschluss vom 26.11.2007 – L 5 B 403/​07 KR; Straß­feld, a.a.O., § 197a Rn. 29, 38; Groß, in: Lüdtke, SGG, 3. Aufl. 2009, § 197a Rn. 4; Pet­zold, a.a.O., Vor­be­mer­kung zu Teil 7 KV Rn. 2 für Ver­ga­be­ver­fah­ren vor den Sozi­al­ge­rich­ten[]