Grund­si­che­rung und Sozi­al­hil­fe für EU-Bür­ger

Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat in drei aktu­el­len Urtei­len unter Berück­sich­ti­gung der Urtei­le des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums kon­kre­ti­siert, in wel­chen Fall­ge­stal­tun­gen Uni­ons­bür­ger aus den EU-Mit­glied­staa­ten exis­tenz­si­chern­de Leis­tun­gen nach dem Recht der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de (SGB II) bezie­hungs­wei­se dem Sozi­al­hil­fe­recht (SGB XII) bean­spru­chen kön­nen.

Grund­si­che­rung und Sozi­al­hil­fe für EU-Bür­ger

Die­se Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts erfolgt im Anschluss an das Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten vom 15.09.2015 1, wonach der aus­nahms­lo­se Aus­schluss von Uni­ons­bür­gern mit einem allei­ni­gen Auf­ent­halts­recht nur (noch) zur Arbeit­su­che von den Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de nach dem SGB II euro­pa­rechts­kon­form ist.

Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat hier­zu nun ent­schie­den, dass der Aus­schluss arbeit­su­chen­der Uni­ons­bür­ger von SGB II-Leis­tun­gen auch für die­je­ni­gen Uni­ons­bür­ger greift ("erst-recht"), die über kein Auf­ent­halts­recht nach dem Frei­zü­gig­keits­ge­setz oder dem Auf­ent­halts­ge­setz ver­fü­gen. Auch bei feh­len­der Frei­zü­gig­keits­be­rech­ti­gung sind aber zumin­dest Sozi­al­hil­fe­leis­tun­gen im Ermes­sens­we­ge zu erbrin­gen. Im Fal­le eines ver­fes­tig­ten Auf­ent­halts – über sechs Mona­te – ist die­ses Ermes­sen aus Grün­den der Sys­te­ma­tik des Sozi­al­hil­fe­rechts und der ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in der Wei­se redu­ziert, dass regel­mä­ßig zumin­dest Hil­fe zum Lebens­un­ter­halt in gesetz­li­cher Höhe zu erbrin­gen ist.

  • Im Fal­le eines grie­chi­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, der nach einer kur­zen sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Beschäf­ti­gung Ende 2011/​Anfang 2012 SGB II-Leis­tun­gen auch für die Zeit ab Febru­ar 2013 begehrt, ist das zuspre­chen­de Urteil des Hes­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richts auf die Revi­si­on des Job­cen­ters Frank­furt am Main auf­ge­ho­ben und die Sache zur Klä­rung der Auf­ent­halts­rech­te im strei­ti­gen Zeit­raum zurück­ver­wie­sen wor­den. Der for­mell und mate­ri­ell wirk­sa­me Vor­be­halt der Bun­des­re­gie­rung zum Euro­päi­schen Für­sor­ge­ab­kom­men schließt SGB II-Leis­tun­gen, nicht jedoch Sozi­al­hil­fe­leis­tun­gen in gesetz­li­cher Höhe an den Klä­ger aus 2.
  • Die Klä­ger im zwei­ten Ver­fah­ren, eine bereits 2008 nach Deutsch­land zuge­zo­ge­ne Fami­lie rumä­ni­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit, unter­fal­len zwar dem Leis­tungs­aus­schluss für Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de. Wegen ihres ver­fes­tig­ten Auf­ent­halts in Deutsch­land haben sie jedoch Anspruch auf Hil­fe zum Lebens­un­ter­halt in gesetz­li­cher Höhe. Der bei­gela­de­ne Sozi­al­hil­fe­trä­ger, die Stadt Gel­sen­kir­chen, wur­de daher ver­ur­teilt, die­se Leis­tun­gen zu erbrin­gen 3.
  • In dem drit­ten Ver­fah­ren ("Ali­ma­no­vic"), in dem auch die erwähn­te Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ergan­gen ist, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt das Urteil des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg auf die Revi­si­on des Job­cen­ters Ber­lin-Neu­kölln auf­ge­ho­ben. Zwar waren die Klä­ger, eine seit lan­gem im Bun­des­ge­biet leben­de Mut­ter mit drei Kin­dern schwe­di­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit, die nur in kür­ze­ren Beschäf­ti­gun­gen bezie­hungs­wei­se Arbeits­ge­le­gen­hei­ten tätig waren, als Arbeit­su­chen­de von SGB II-Leis­tun­gen aus­ge­schlos­sen. Es ist jedoch noch zu prü­fen, ob sich die Klä­ger auf ande­re Auf­ent­halts­rech­te im Zusam­men­hang mit der Aus­bil­dung und Inte­gra­ti­on der Kin­der im Bun­des­ge­biet beru­fen kön­nen 4.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urtei­le vom vom 3. Dezem­ber 2015 – B 4 AS 59/​13 R, B 4 AS 44/​15 R und B 4 AS 43/​15 R

  1. EuGH, Urteil vom 15.09.2015 – C‑67/​14 "Ali­ma­no­vic"[]
  2. BAG, Urteil vom vom 03.12.2015 – B 4 AS 59/​13 R[]
  3. BAG, Urteil vom vom 03.12.2015 – B 4 AS 44/​15 R[]
  4. BAG, Urteil vom vom 03.12.2015 – B 4 AS 43/​15 R[]