Hin­ter­blie­be­nen­ren­te bei ein­ge­tra­ge­ner Lebens­part­ner­schaft

Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in Karls­ru­he blieb eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen die Nicht­ge­wäh­rung einer Hin­ter­blie­be­nen­ren­te bei ein­ge­tra­ge­ner Lebens­part­ner­schaft für die Zeit bis zum Jah­res­en­de 2004 erfolg­los.

Hin­ter­blie­be­nen­ren­te bei ein­ge­tra­ge­ner Lebens­part­ner­schaft

Der Beschwer­de­füh­rer schloss im Okto­ber 2001 eine ein­ge­tra­ge­ne Lebens­part­ner­schaft. Nach dem Tod des ande­ren Mit­glieds der Lebens­part­ner­schaft im Juni 2002 bean­trag­te der Beschwer­de­füh­rer die Gewäh­rung einer Hin­ter­blie­be­nen­ren­te bei dem zustän­di­gen Trä­ger der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung. Die­ser lehn­te den Antrag mit der Begrün­dung ab, dass Vor­aus­set­zung für die Zah­lung einer Hin­ter­blie­be­nen­ren­te unter ande­rem das Bestehen einer gül­ti­gen Ehe zur Zeit des Todes des Ver­si­cher­ten sei und eine ein­ge­tra­ge­ne Lebens­part­ner­schaft die­se Vor­aus­set­zung nicht erfül­le. Das Wider­spruchs­ver­fah­ren sowie die Kla­ge des Beschwer­de­füh­rers vor dem Sozi­al­ge­richt Ful­da [1] blie­ben erfolg­los. Der Beschwer­de­füh­rer leg­te die dage­gen zuge­las­se­ne Sprung­re­vi­si­on ein. Wäh­rend des Revi­si­ons­ver­fah­rens stell­te der Gesetz­ge­ber mit Wir­kung zum 1. Janu­ar 2005 durch das Gesetz zur Über­ar­bei­tung des Lebens­part­ner­schafts­rechts vom 15. Dezem­ber 2004 die hin­ter­blie­be­nen Lebens­part­ner bezüg­lich der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung dem ver­wit­we­ten Ehe­gat­ten durch die Ein­fü­gung des § 46 Abs. 4 SGB VI gleich. Der Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­ger erkann­te dar­auf­hin den vom Beschwer­de­füh­rer gel­tend gemach­ten Anspruch für die Zeit ab dem 1. Janu­ar 2005 an. Der Beschwer­de­füh­rer nahm die­ses Teil­an­er­kennt­nis an, führ­te den Rechts­streit aber für die Zeit vom 22. Juni 2002 bis zum 31. Dezem­ber 2004 wei­ter. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt wies die Revi­si­on zurück [2].

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die hier­ge­gen erho­be­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men. Selbst wenn die bis zum 31. Dezem­ber 2004 gel­ten­de gesetz­li­che Rege­lung zur Hin­ter­blie­be­nen­ren­te im Hin­blick auf die ein­ge­tra­ge­ne Lebens­part­ner­schaft nicht mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar wäre, wäre die Annah­me der Ver­fas­sungs­be­schwer­de zur Ent­schei­dung nicht ange­zeigt, so die Karls­ru­her Ver­fas­sungs­rich­ter da der Gesetz­ge­ber nicht zu einer rück­wir­ken­den Neu­re­ge­lung ver­pflich­tet wäre:

Die Vor­aus­set­zun­gen für eine Annah­me der Ver­fas­sungs­be­schwer­de lie­gen nach Ansicht des Bun­des­ver­fras­sungs­ge­richts nicht vor. Die hier auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge, ob die bis zum 1. Janu­ar 2005 gel­ten­de Fas­sung des § 46 SGB VI mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar ist, hat kei­ne grund­sätz­li­che Bedeu­tung. Für nicht mehr gel­ten­des Recht besteht in der Regel kein über den Ein­zel­fall hin­aus­grei­fen­des Inter­es­se, sei­ne Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit auch noch nach sei­nem Außer­kraft­tre­ten zu klä­ren. Die Annah­me der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist auch nicht zur Durch­set­zung der Grund­rech­te oder grund­rechts­glei­chen Rech­te des Beschwer­de­füh­rers ange­zeigt, weil er mit sei­nem zuletzt noch ver­folg­ten Begeh­ren – der Gewäh­rung von Hin­ter­blie­be­nen­ren­te für die Zeit vor dem 1. Janu­ar 2005 – kei­nen Erfolg mehr haben kann [3].

Dabei kann dahin­ste­hen, ob § 46 SGB VI in der bis zum 31. Dezem­ber 2004 gel­ten­den Fas­sung mit dem Grund­ge­setz, ins­be­son­de­re mit dem Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG, ver­ein­bar war. Beruht die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit eines Geset­zes aus­schließ­lich auf einem Ver­stoß gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz, nament­lich dar­auf, dass – wie der Beschwer­de­füh­rer gel­tend macht – eine Per­so­nen- oder Fall­grup­pe in eine begüns­ti­gen­de Rege­lung nicht ein­be­zo­gen wor­den ist, kann das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nur die Unver­ein­bar­keit der Norm mit dem Grund­ge­setz fest­stel­len und dem Gesetz­ge­ber eine gesetz­li­che Neu­re­ge­lung auf­er­le­gen. Steht eine Norm mit dem Grund­ge­setz nicht in Ein­klang, so ist sie grund­sätz­lich für nich­tig zu erklä­ren (§ 95 Abs. 3 Satz 1 BVerfGG). Beruht die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit aus­schließ­lich auf einem Ver­stoß gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz, so ist jedoch die Unver­ein­bar­keit die Regel­fol­ge, wäh­rend die Nich­tig­keit die Aus­nah­me dar­stellt [4]. Die blo­ße Unver­ein­bar­keits­er­klä­rung erfolgt nament­lich dann, wenn eine Per­so­nen- oder Fall­grup­pe in eine begüns­ti­gen­de Rege­lung nicht ein­be­zo­gen wor­den ist [5].

So ver­hält es sich hier, weil in § 46 SGB VI in der bis zum 31. Dezem­ber 2004 gel­ten­den Fas­sung ein­ge­tra­ge­ne Lebens­part­ner­schaf­ten nicht ein­be­zo­gen waren. In die­sem Fall wür­de die Nich­tig­keits­er­klä­rung die Rechts­grund­la­ge für die gewähr­te Begüns­ti­gung ins­ge­samt ent­fal­len las­sen. Es wür­de nicht zuletzt an einer Ansprü­che des Beschwer­de­füh­rers begrün­den­den Norm feh­len [6] und damit eine Rechts­la­ge ein­tre­ten, für des­sen Errei­chen der Beschwer­de­füh­rer kein Rechts­schutz­be­dürf­nis hat [7]. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt wäre daher – einen Ver­fas­sungs­ver­stoß im vor­lie­gen­den Fall unter­stellt – dar­auf beschränkt, die Unver­ein­bar­keit des § 46 SGB VI in der bis zum 31. Dezem­ber 2004 gel­ten­den Fas­sung mit dem Grund­ge­setz fest­zu­stel­len und dem Gesetz­ge­ber die Neu­re­ge­lung der Norm auf­zu­er­le­gen [8]. Liegt die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit in einem gesetz­ge­be­ri­schen Unter­las­sen, ist grund­sätz­lich nur eine Unver­ein­bar­keits­er­klä­rung mög­lich [9].

Im vor­lie­gen­den Fall käme jedoch ein Neu­re­ge­lungs­auf­trag an den Gesetz­ge­ber allen­falls für die Zeit ab der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes in Betracht und damit für einen Zeit­raum, der zwi­schen den Betei­lig­ten des Aus­gangs­ver­fah­rens nicht mehr strei­tig ist. Eine Pflicht des Gesetz­ge­bers zur rück­wir­ken­den Besei­ti­gung eines mit dem Grund­ge­setz nicht zu ver­ein­ba­ren­den Rechts­zu­stan­des hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bis­lang unter ande­rem in Fäl­len ver­neint, in denen die Ver­fas­sungs­rechts­la­ge bis­her nicht hin­rei­chend geklärt war [10]. Dies ist hier der Fall. Denn die Fra­ge, ob der Gesetz­ge­ber ver­pflich­tet gewe­sen war, die Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung schon in der Zeit vor dem 1. Janu­ar 2005 auf ein­ge­tra­ge­ne Lebens­part­ner­schaf­ten zu erstre­cken, ist bis­lang ver­fas­sungs­recht­lich nicht geklärt. Auch die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Gleich­stel­lung von ein­ge­tra­ge­ner Lebens­part­ner­schaft und Ehe in der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung [11] bezieht sich nur auf den Zeit­raum seit dem 1. Janu­ar 2005. Ange­sichts der zum 1. Janu­ar 2005 in Kraft getre­te­nen Gleich­stel­lung von Ehe­gat­ten und ein­ge­tra­ge­nen Lebens­part­nern bezüg­lich der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung bedarf es kei­ner Klä­rung mehr.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 11. Juni 2010 – 1 BvR 170/​06

  1. SG Ful­da, Urteil vom 26.11.2004 – S 2 RA 199/​03[]
  2. BSG, Urteil vom 13.12.2005 – B 4 RA 14/​05 R[]
  3. vgl. BVerfGE 90, 22, 25 f.; 119, 292, 301 f.; BVerfG, Beschluss vom 11.03.2010 – 1 BvR 290/​10 u. a.[]
  4. BVerfGE 110, 94, 138[]
  5. vgl. BVerfGE 92, 158, 186; 101, 397, 409[]
  6. vgl. BVerfGE 18, 288, 301[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 02.09.2009 – 1 BvR 1997/​08[]
  8. vgl. BVerfGE 18, 288, 301; 22, 349, 360 f.[]
  9. vgl. BVerfGE 116, 96, 135[]
  10. vgl. BVerfGE 84, 239, 284; 120, 125, 168; BVerfG, Urteil vom 09.02.2010 – 1 BvL 1/​09 u.a., NJW 2010, S. 505, 518, Rn. 217[]
  11. vgl. BVerfG, Beschluss vom 7. Juli 2009 – 1 BvR 1164/​07, NJW 2010, S. 1439 ff.[]