Impf­scha­den

Der Anspruch auf Ersatz für einen Impf­scha­den rich­tet sich nach § 60 Abs 1 IfSG, der am 01.01.2001 in Kraft getre­ten ist und den bis dahin gel­ten­den – weit­ge­hend wort­laut­glei­chen 1 – § 51 Abs 1 BSeuchG abge­löst hat. § 60 Abs 1 Satz 1 IfSG bestimmt:

Impf­scha­den

Wer durch eine Schutz­imp­fung oder durch eine ande­re Maß­nah­me der spe­zi­fi­schen Pro­phy­la­xe, die

  1. von einer zustän­di­gen Lan­des­be­hör­de öffent­lich emp­foh­len und in ihrem Bereich vor­ge­nom­men wur­de,
  2. auf­grund die­ses Geset­zes ange­ord­net wur­de,
  3. gesetz­lich vor­ge­schrie­ben war oder
  4. auf­grund der Ver­ord­nun­gen zur Aus­füh­rung der inter­na­tio­na­len Gesund­heits­vor­schrif­ten durch­ge­führt wor­den ist,

eine gesund­heit­li­che Schä­di­gung erlit­ten hat, erhält nach der Schutz­imp­fung wegen des Impf­scha­dens im Sin­ne des § 2 Nr 11 IfSG oder in des­sen ent­spre­chen­der Anwen­dung bei einer ande­ren Maß­nah­me wegen der gesund­heit­li­chen und wirt­schaft­li­chen Fol­gen der Schä­di­gung auf Antrag Ver­sor­gung in ent­spre­chen­der Anwen­dung der Vor­schrif­ten des BVG, soweit die­ses Gesetz nichts Abwei­chen­des bestimmt.

Nach § 2 Nr 11 Halbs 1 IfSG ist im Sin­ne die­ses Geset­zes Impf­scha­den die gesund­heit­li­che und wirt­schaft­li­che Fol­ge einer über das übli­che Aus­maß einer Impf­re­ak­ti­on hin­aus­ge­hen­den gesund­heit­li­chen Schä­di­gung durch die Schutz­imp­fung.

Die zitier­ten Vor­schrif­ten des IfSG ver­lan­gen für die Ent­ste­hung eines Anspruchs auf Ver­sor­gungs­leis­tun­gen die Erfül­lung meh­re­rer Vor­aus­set­zun­gen. Es müs­sen eine unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 60 Abs 1 Satz 1 IfSG – u.a. z.B. öffent­li­che Emp­feh­lung durch eine zustän­di­ge Lan­des­be­hör­de – erfolg­te Schutz­imp­fung, der Ein­tritt einer über eine übli­che Impf­re­ak­ti­on hin­aus­ge­hen­den gesund­heit­li­chen Schä­di­gung, also eine Impf­kom­pli­ka­ti­on, sowie eine – dau­er­haf­te – gesund­heit­li­che Schä­di­gung, also ein Impf­scha­den, vor­lie­gen 2.

Zwi­schen den jewei­li­gen Anspruchs­merk­ma­len muss ein Ursa­chen­zu­sam­men­hang bestehen. Maß­stab dafür ist die im sozia­len Ent­schä­di­gungs­recht all­ge­mein (aber auch im Bereich der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung) gel­ten­de Kau­sa­li­täts­theo­rie von der wesent­li­chen Bedin­gung. Danach ist aus der Fül­le aller Ursa­chen im natur­wis­sen­schaft­lich-phi­lo­so­phi­schen Sin­ne die­je­ni­ge Ursa­che recht­lich erheb­lich, die bei wer­ten­der Betrach­tung wegen ihrer beson­de­ren Bezie­hung zu dem Erfolg bei des­sen Ein­tritt wesent­lich mit­ge­wirkt hat. Als wesent­lich sind die­je­ni­gen Ursa­chen anzu­se­hen, die unter Abwä­gen ihres ver­schie­de­nen Wer­tes zu dem Erfolg in beson­ders enger Bezie­hung ste­hen, wobei Allein­ur­säch­lich­keit nicht erfor­der­lich ist. 3.

Dabei müs­sen die Imp­fung und sowohl die als Impf­kom­pli­ka­ti­on in Betracht kom­men­de als auch die dau­er­haf­te Gesund­heits­stö­rung mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit – im sog Voll­be­weis – fest­ste­hen. Allein für die zwi­schen die­sen Merk­ma­len erfor­der­li­chen Ursa­chen­zu­sam­men­hän­ge reicht der Beweis­maß­stab der Wahr­schein­lich­keit aus (sie­he § 61 Satz 1 IfSG). Wahr­schein­lich­keit ist anzu­neh­men, wenn mehr Umstän­de für als gegen die Kau­sa­li­tät spre­chen. Die blo­ße Mög­lich­keit reicht nicht aus 4. Die Fest­stel­lung einer Impf­kom­pli­ka­ti­on im Sin­ne einer impf­be­ding­ten Pri­mär­schä­di­gung hat mit­hin grund­sätz­lich in zwei Schrit­ten zu erfol­gen: Zunächst muss ein nach der Imp­fung auf­ge­tre­te­nes Krank­heits­ge­sche­hen als erwie­sen erach­tet wer­den. Sodann ist die Beur­tei­lung erfor­der­lich, dass die­se Erschei­nun­gen mit Wahr­schein­lich­keit auf die betref­fen­de Imp­fung zurück­zu­füh­ren sind.

Bei der jeweils vor­zu­neh­men­den Kau­sal­be­ur­tei­lung sind im sozia­len Ent­schä­di­gungs­recht die bis Ende 2008 in ver­schie­de­nen Fas­sun­gen gel­ten­den AHP anzu­wen­den und zu berück­sich­ti­gen. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts han­delt es sich bei den schon seit Jahr­zehn­ten von einem Sach­ver­stän­di­gen­bei­rat beim zustän­di­gen Bun­des­mi­nis­te­ri­um (jetzt beim Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les) erar­bei­te­ten und stän­dig wei­ter­ent­wi­ckel­ten AHP ins­be­son­de­re um eine Zusam­men­fas­sung medi­zi­ni­schen Erfah­rungs­wis­sens und damit um sog anti­zi­pier­te Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten 5. Die AHP sind in den Berei­chen des sozia­len Ent­schä­di­gungs­rechts und im Schwer­be­hin­der­ten­recht gene­rell anzu­wen­den und wir­ken dadurch wie eine Rechts­norm ("norm­ähn­lich"). Für den Fall, dass sie nicht mehr den aktu­el­len Stand der medi­zi­ni­schen Wis­sen­schaft wie­der­ge­ben, sind sie aller­dings nicht anwend­bar 6. Dann haben Ver­wal­tung und Gerich­te auf ande­re Wei­se den aktu­el­len Stand der medi­zi­ni­schen Wis­sen­schaft zu ermit­teln. Die AHP ent­hal­ten in allen hier zu betrach­ten­den Fas­sun­gen seit 1983 unter den Nr 53 bis 142/​143 Hin­wei­se zur Kau­sa­li­täts­be­ur­tei­lung bei ein­zel­nen Krank­heits­zu­stän­den, wobei die Nr 56 Impf­schä­den im All­ge­mei­nen und die Nr 57 Schutz­imp­fun­gen im Ein­zel­nen zum Inhalt haben.

Die detail­lier­ten Anga­ben zu Impf­kom­pli­ka­tio­nen (damals noch als "Impf­scha­den" bezeich­net) bei Schutz­imp­fun­gen in Nr 57 AHP 1983 bis 2005 sind aller­dings Ende 2006 auf­grund eines Beschlus­ses des Ärzt­li­chen Sach­ver­stän­di­gen­bei­rats "Ver­sor­gungs­me­di­zin" beim BMAS gestri­chen und durch fol­gen­den Text ersetzt wor­den 7:

Die beim Robert-Koch-Insti­tut ein­ge­rich­te­te STIKO ent­wi­ckelt Kri­te­ri­en zur Abgren­zung einer übli­chen Impf­re­ak­ti­on und einer über das übli­che Aus­maß der Impf­re­ak­ti­on hin­aus­ge­hen­den gesund­heit­li­chen Schä­di­gung (Impf­scha­den). Die Arbeits­er­geb­nis­se der STIKO wer­den im Epi­de­mio­lo­gi­schen Bul­le­tin ver­öf­fent­licht und stel­len den jewei­li­gen aktu­el­len Stand der Wis­sen­schaft dar.

Die Ver­sor­gungs­me­di­zi­ni­sche Begut­ach­tung von Impf­schä­den (§ 2 Nr 11 IfSG und Nr 56 Abs 1 AHP) bezüg­lich Kau­sa­li­tät, Wahr­schein­lich­keit und Kann­ver­sor­gung ist jedoch aus­schließ­lich nach den Kri­te­ri­en von §§ 60 f IfSG durch­zu­füh­ren. Sie­he dazu auch Nr 35 bis 52 (Sei­te 145 bis 169) der AHP.

Die seit dem 1. Janu­ar 2009 an die Stel­le der AHP getre­te­ne Vers­MedV ist eine all­ge­mein ver­bind­li­che Rechts­ver­ord­nung, die indes, sofern sie Ver­stö­ße gegen höher­ran­gi­ge, etwa gesetz­li­che Vor­schrif­ten auf­weist, jeden­falls durch die Gerich­te nicht ange­wen­det wer­den darf 8. Anders als die AHP 1983 bis 2008 ent­hält die Vers­MedV kei­ne Bestim­mun­gen über die Kau­sa­li­täts­be­ur­tei­lung bei ein­zel­nen Krank­heits­bil­dern 9, sodass inso­weit ent­we­der auf die letz­te Fas­sung der AHP (2008) zurück­ge­grif­fen wer­den muss oder bei Anzei­chen dafür, dass die­se den aktu­el­len Kennt­nis­stand der medi­zi­ni­schen Wis­sen­schaft nicht mehr beinhal­ten, ande­re Erkennt­nis­quel­len, ins­be­son­de­re Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten genutzt wer­den müs­sen.

Alle medi­zi­ni­schen Fra­gen, ins­be­son­de­re zur Kau­sa­li­tät von Gesund­heits­stö­run­gen, sind auf der Grund­la­ge des im Ent­schei­dungs­zeit­punkt neu­es­ten medi­zi­nisch-wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­stan­des zu beant­wor­ten. Dies ent­spricht der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts im Sozia­len Ent­schä­di­gungs­recht, ins­be­son­de­re im Impf­scha­dens­recht, und Schwer­be­hin­der­ten­recht 10 sowie im Bereich der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung 11. Ein bestimm­ter Vor­gang, der unter Umstän­den vor Jahr­zehn­ten statt­ge­fun­den hat, muss, wenn über ihn erst jetzt abschlie­ßend zu ent­schei­den ist, nach dem heu­ti­gen Stand der medi­zi­ni­schen Wis­sen­schaft beur­teilt wer­den. So kann auch die vor Jahr­zehn­ten bejah­te Kau­sa­li­tät auf­grund neue­rer wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se und Metho­den als feh­lend erkannt wer­den, mit der Fol­ge, dass Aner­ken­nun­gen unter Umstän­den zurück­zu­neh­men oder nur aus Grün­den des Ver­trau­ens­schut­zes (§ 45 SGB X) zu belas­sen sind 12.

Bei der Anwen­dung der neu­es­ten medi­zi­ni­schen Erkennt­nis­se ist aller­dings jeweils genau zu prü­fen, ob die­se sich über­haupt auf den zu beur­tei­len­den, ggf lan­ge zurück­lie­gen­den Vor­gang bezie­hen. Da ande­re Ursa­chen jeweils ande­re Fol­gen nach sich zie­hen kön­nen, gilt dies ins­be­son­de­re für die Beur­tei­lung von Kau­sal­zu­sam­men­hän­gen. Dem­entspre­chend muss im Impf­scha­dens­recht sicher­ge­stellt wer­den, dass die nach dem aktu­el­len Stand der medi­zi­ni­schen Erkennt­nis­se in Betracht zu zie­hen­den Impf­kom­pli­ka­tio­nen gera­de auch die Impf­stof­fe betref­fen, die im kon­kre­ten Fall Ver­wen­dung gefun­den haben.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 7. April 2011 – B 9 VJ 1/​10 R

  1. BSGE 95, 66 = SozR 4 – 3851 § 20 Nr 1, RdNr 6; SozR 4 – 3851 § 60 Nr 2 RdNr 12[]
  2. sie­he zur abwei­chen­den Ter­mi­no­lo­gie in der Recht­spre­chung des BSG nach dem BSeuchG, wonach als Impf­scha­den die über die übli­che Impf­re­ak­ti­on hin­aus­ge­hen­de Schä­di­gung, also das zwei­te Glied der Kau­sal­ket­te, bezeich­net wur­de: BSG Urtei­le vom 19.03.1986 – 9a RVi 2/​84, BSGE 60, 58, 59 = SozR 3850 § 51 Nr 9 S. 46; und – 9a RVi 4/​84, SozR 3850 § 51 Nr 10 S. 49; eben­so auch Nr 57 AHP 1983 bis 2005[]
  3. sie­he Rohr/​Sträßer/​Dahm, BVG-Kom­men­tar, Stand 1/​11, § 1 Anm 10 mwN; Berei­ter-Hahn/­Mehr­tens, Gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung, Stand 1/​11, § 8 SGB VII RdNr 8 mwN[]
  4. sie­he BSGE 60, 58 = SozR 3850 § 51 Nr 9; Rohr/​Sträßer/​Dahm, aaO Anm 11 mwN[]
  5. sie­he nur BSG SozR 4 – 3250 § 69 Nr 9[]
  6. BSG aaO[]
  7. Rund­schrei­ben des BMAS vom 12.12.2006 – IV.c.6 – 48064‑3; vgl auch Nr 57 AHP 2008[]
  8. BSG Urteil vom 23.04.2009 – B 9 SB 3/​08 R, Sozi­al­Verw 2009, 59, 62 mwN[]
  9. sie­he BMAS (Hrsg), Ein­lei­tung zur Vers­MedV, sie­he 5[]
  10. sie­he BSG Urtei­le vom 17.12.1997 – 9 RVi 1/​95, SozR 3 – 3850 § 52 Nr 1 S. 3; und vom 24.04.2008 – B 9/​9a SB 10/​06 R, SozR 4 – 3250 § 69 Nr 9 RdNr 25[]
  11. BSG Urtei­le vom 09.05.2006 – B 2 U 1/​05 R, BSGE 96, 196 = SozR 4 – 2700 § 8 Nr 17; und vom 27.06.2006 – B 2 U 20/​04 R, BSGE 96, 291 = SozR 4 – 2700 § 9 Nr 7[]
  12. vgl BSG Urteil vom 02.12.2010 – B 9 V 1/​10 R[]