Inves­ti­ti­ons­kos­ten für das Pfle­ge­heim – und die Abrech­nung gegen­über Pfle­ge­be­dürf­ti­gen

Die Nicht­zu­las­sung der Ein­be­zie­hung von Inves­ti­ti­ons­kos­ten in die Abrech­nung gegen­über Pfle­ge­be­dürf­ti­gen nach alter Rechts­la­ge war ver­fas­sungs­ge­mäß.

Inves­ti­ti­ons­kos­ten für das Pfle­ge­heim – und die Abrech­nung gegen­über Pfle­ge­be­dürf­ti­gen

Es ist für das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht zu bean­stan­den, auf Grund­la­ge des § 82 Abs. 2 und 3 SGB XI in der bis zum 27.12 2012 gel­ten­den Fas­sung gegen­über Pfle­ge­be­dürf­ti­gen die kal­ku­la­to­ri­sche Berech­nung von Eigen­ka­pi­tal­zin­sen, von Rück­stel­lun­gen für spä­te­re Inves­ti­tio­nen sowie von Pau­scha­len für Instand­hal­tungs­maß­nah­men neben den tat­säch­lich ange­fal­le­nen Kos­ten nicht zuzu­las­sen.

Die Aus­gangs­sach­ver­hal­te[↑]

Die bei­den hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­de­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­den betref­fen die Finan­zie­rung von Pfle­ge­hei­men in der sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung.

Die Heim­trä­ge­rin betreibt in frei­gemein­nüt­zi­ger Trä­ger­schaft in meh­re­ren Bun­des­län­dern Ein­rich­tun­gen der Behin­der­ten- und Alten­pfle­ge.

Für die seit 1994 bezie­hungs­wei­se 2003 betrie­be­nen Ein­rich­tun­gen in Sach­sen-Anhalt erhielt die Heim­trä­ge­rin einen Zuschuss in Höhe von 100 % der vom Land Sach­sen-Anhalt als zuwen­dungs­fä­hig ange­se­he­nen Bau­kos­ten; ein Teil der Bau­kos­ten war aus Eigen­mit­teln zu finan­zie­ren.

Die Heim­trä­ge­rin hat­te bei der zustän­di­gen Behör­de des Lan­des Sach­sen-Anhalt ohne Erfolg die Zustim­mung zur geson­der­ten Berech­nung von Inves­ti­ti­ons­auf­wen­dun­gen gemäß § 82 Abs. 3 Satz 1 Elf­tes Buch Sozi­al­ge­setz­buch (SGB XI) in der damals gel­ten­den Fas­sung vom 09.09.2001 1 unter Berück­sich­ti­gung von Erb­bau­zin­sen, Eigen­ka­pi­tal­zin­sen und Rück­stel­lun­gen für künf­ti­ge Inves­ti­tio­nen in Form von Ersatzbeschaffungen/​Neuanschaffungen in Höhe der Abset­zung für Abnut­zung (AfA) sowie Instand­hal­tungs- und Instand­set­zungs­maß­nah­men bean­tragt.

Mit den ange­grif­fe­nen revi­si­ons­recht­li­chen Urtei­len vom 08.09.2011 hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt unter Beru­fung auf den dama­li­gen Wort­laut des § 82 Abs. 2 und 3 SGB XI die ver­sa­gen­de Ver­wal­tungs­ent­schei­dung der Behör­de in letz­ter Instanz bestä­tigt, soweit die Zustim­mung des Lan­des Sach­sen-Anhalt zur geson­der­ten Berech­nung von Eigen­ka­pi­tal­zin­sen, von Rück­stel­lun­gen für spä­te­re Inves­ti­tio­nen sowie von Pau­scha­len für Instand­hal­tungs­maß­nah­men bean­tragt war 2. Teil­wei­se statt­ge­ge­ben hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt im Hin­blick auf den Antrag auf Zustim­mung der Behör­de zur geson­der­ten Berech­nung von Inves­ti­ti­ons­auf­wen­dun­gen für Erb­bau­zin­sen.

Die gesetz­li­che Neu­re­ge­lung[↑]

Mit Wir­kung zum 28.12 2012 hat der Bun­des­ge­setz­ge­ber durch Art. 2 Nr. 3 des Geset­zes zur Rege­lung des Assis­tenz­pfle­ge­be­darfs in sta­tio­nä­ren Vor­sor­ge- oder Reha­bi­li­ta­ti­ons­ein­rich­tun­gen vom 20.12 2012 3 in § 82 Abs. 3 Satz 1 in Ver­bin­dung mit Abs. 2 Nr. 1 SGB XI die Umla­ge­fä­hig­keit von Eigen­ka­pi­tal­zin­sen (Kapi­tal­kos­ten) sowie in § 82 Abs. 3 Satz 1 SGB XI die Umla­ge­fä­hig­keit von Erb­bau­zin­sen expli­zit auf­ge­nom­men. Außer­dem hat der Gesetz­ge­ber in § 82 Abs. 3 Satz 3 Halb­satz 2 SGB XI die Mög­lich­keit für den Lan­des­ge­setz­ge­ber geschaf­fen, bei der geson­der­ten Bere­chen­bar­keit von Auf­wen­dun­gen pau­scha­lier­te Instand­hal­tungs- und Instand­set­zungs­auf­wen­dun­gen zu berück­sich­ti­gen, solan­ge die Pau­scha­len in einem ange­mes­se­nen Ver­hält­nis zur tat­säch­li­chen Höhe der Auf­wen­dun­gen ste­hen (§ 82 Abs. 3 Satz 4 SGB XI).

Die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts[↑]

Mit ihren Ver­fas­sungs­be­schwer­den rügt die Heim­trä­ge­rin die Ver­let­zung von Art. 3 Abs. 1, Art. 12 Abs. 1, Art. 14 Abs. 1 sowie Art.20 Abs. 1 GG bei der Aus­le­gung und Anwen­dung des damals gel­ten­den § 82 SGB XI durch das Bun­des­so­zi­al­ge­richt. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die bei­den Ver­fas­sungs­be­schwer­den nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men, weil die Vor­aus­set­zun­gen dafür nicht vor­lä­gen (§ 93a Abs. 2 BVerfGG). Den Ver­fas­sungs­be­schwer­den kom­me kei­ne grund­sätz­li­che ver­fas­sungs­recht­li­che Bedeu­tung zu. Die Annah­me der Ver­fas­sungs­be­schwer­den sei auch nicht zur Durch­set­zung der als ver­letzt bezeich­ne­ten Grund­rech­te ange­zeigt (§ 93a Abs. 2 Buch­sta­be b BVerfGG).

Geset­zes­aus­le­gung durch die Fach­ge­rich­te[↑]

Aus­le­gung und Anwen­dung des ein­fa­chen Rechts sind Sache der Fach­ge­rich­te; das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bean­stan­det nur die Ver­let­zung von Ver­fas­sungs­recht. Die Schwel­le eines Ver­sto­ßes gegen Ver­fas­sungs­recht, den das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu kor­ri­gie­ren hat, ist erst erreicht, wenn die Aus­le­gung oder Anwen­dung des Rechts durch die Fach­ge­rich­te Feh­ler erken­nen lässt, die auf einer grund­sätz­lich unrich­ti­gen Anschau­ung von der Bedeu­tung des Grund­rechts, ins­be­son­de­re vom Umfang sei­nes Schutz­be­reichs, beru­hen und auch in ihrer mate­ri­el­len Bedeu­tung für den kon­kre­ten Rechts­fall von eini­gem Gewicht sind 4. Die hier ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen des Bun­des­so­zi­al­ge­richts las­sen in die­sem Sin­ne einen Ver­fas­sungs­ver­stoß nicht erken­nen.

Die Ent­schei­dun­gen des Bun­des­so­zi­al­ge­richts[↑]

Bei­de Ent­schei­dun­gen kom­men zum Ergeb­nis, dass nur tat­säch­lich ange­fal­le­ne Kos­ten, die weder durch Ver­gü­tun­gen oder Ent­gel­te nach § 82 Abs. 1 SGB XI a.F. noch mit­tels För­de­rung durch das Land nach § 9 SGB XI abge­gol­ten sind, geson­dert dem Pfle­ge­be­dürf­ti­gen nach § 82 Abs. 2 Satz 1 SGB XI a.F. berech­net wer­den kön­nen, Rück­la­gen für künf­ti­ge Inves­ti­tio­nen und Instand­hal­tun­gen, Abschrei­bun­gen und Eigen­ka­pi­tal­zin­sen jedoch nicht umge­legt wer­den dürf­ten. Sol­che Berech­nungs­po­si­tio­nen besä­ßen nur kal­ku­la­to­ri­schen Cha­rak­ter, ohne schon tat­säch­lich ange­fal­len zu sein oder mit Sicher­heit unmit­tel­bar bevor­zu­ste­hen. Sie könn­ten im Rah­men der Leis­tun­gen nach § 82 Abs. 1 SGB XI a.F. berück­sich­tigt wer­den. Die zusätz­li­che Mög­lich­keit einer Ein­rech­nung in die geson­der­te Berech­nung nach § 82 Abs. 3 Satz 1 SGB XI a.F. beschwö­re das Risi­ko einer Dop­pel­fi­nan­zie­rung her­auf.

Bei­de Urtei­le des Bun­des­so­zi­al­ge­richts sind in ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den­der metho­disch ein­wand­frei­er Wei­se aus dem dama­li­gen Geset­zes­wort­laut des § 82 SGB XI sowie mit his­to­ri­schen und sys­te­ma­ti­schen Erwä­gun­gen begrün­det wor­den. Ob deren Ergeb­nis für die all­täg­li­che Ver­wal­tungs­pra­xis prak­ti­ka­bel ist oder unnö­ti­gen wei­te­ren Ver­wal­tungs­auf­wand ver­ur­sacht, bleibt für die hier allein am Maß­stab des Ver­fas­sungs­rechts vor­zu­neh­men­de Kon­trol­le der Urtei­le uner­heb­lich. Künf­tig wird die novel­lier­te Fas­sung des § 82 SGB XI vom 20.12 2012 3 zu berück­sich­ti­gen sein, die betriebs­wirt­schaft­lich-kal­ku­la­to­ri­sche Ansät­ze bei den hier strei­ti­gen Posi­tio­nen nach Maß­ga­be des Lan­des­rechts zulässt 5.

Die Ent­schei­dun­gen des Bun­des­so­zi­al­ge­richts ent­spre­chen auch im Übri­gen den Vor­schrif­ten des Grund­ge­set­zes. Ent­ge­gen dem Vor­trag der Heim­trä­ge­rin wird Art. 14 GG nicht durch die von ihr bean­stan­de­te Aus­le­gung des dama­li­gen Geset­zes­wort­lauts hin­sicht­lich der Bilanz­po­si­tio­nen ihrer Unter­neh­men ver­letzt, denn dadurch wird kei­nes ihrer kon­kre­ten Eigen­tums­rech­te geschmä­lert, son­dern allen­falls anders bewer­tet. Das wür­de auch gel­ten, wenn der ein­ge­rich­te­te und aus­ge­üb­te Gewer­be­be­trieb in den Schutz des Art. 14 GG ein­be­zo­gen sein soll­te.

Berufs­aus­übungs­frei­heit, Art. 12 GG[↑]

Eine Ver­let­zung von Art. 12 GG ist für das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt eben­falls nicht ersicht­lich. Die bei­den Urtei­le des Bun­des­so­zi­al­ge­richts erlau­ben – aller­dings an ande­rer Stel­le – eine Ein­be­zie­hung aller drei streit­be­fan­ge­nen Auf­wen­dun­gen in die Kal­ku­la­ti­on der Unter­neh­men und berüh­ren inso­weit die Berufs­aus­übung nicht. Die Not­wen­dig­keit des jähr­li­chen Ansat­zes nach­ge­wie­se­ner und tat­säch­lich ent­stan­de­ner Kos­ten ver­ur­sacht zwar zusätz­li­chen Ver­wal­tungs­auf­wand, wird aber vom Ziel einer Ver­mei­dung der Dop­pel­fi­nan­zie­rung gerecht­fer­tigt. In kei­nem Fall wird die Füh­rung der Unter­neh­men dadurch unmög­lich oder öko­no­misch sinn­los 6.

All­ge­mei­ner Gleich­be­hand­lungs­grund­satz, Art. 3 Abs. 1 GG[↑]

Ein Ver­stoß gegen Art. 3 Abs. 1 GG ist eben­falls nicht zu erken­nen. Zur denk­ba­ren Ungleich­be­hand­lung von Eigen- und Fremd­ka­pi­tal oder zwi­schen geför­der­ten und nicht geför­der­ten Pfle­ge­ein­rich­tun­gen haben die Ver­fas­sungs­be­schwer­den weder hin­rei­chend vor­ge­tra­gen noch deren sach­li­che Recht­fer­ti­gung durch das Ziel der Ver­mei­dung einer Dop­pel­fi­nan­zie­rung erwo­gen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 13. Juli 2016 – 1 BvR 617/​121 BvR 618/​12

  1. BGBl I S. 2320[]
  2. BSG, Urtei­le vom 08.09.2011 – B 3 P 4710 R und B 3 P 3/​11 R[]
  3. BGBl I S. 2789[][]
  4. vgl. BVerfGE 89, 1, 9 f.; 99, 145, 160[]
  5. vgl. BT-Drs. 17/​11396, S. 17[]
  6. vgl. zum Steu­er­recht BVerfGE 31, 8, 22 f.; 123, 1, 36 f.[]