Jugend­hil­fe an Deut­sche im Aus­land

Die Gewäh­rung einer Leis­tung der Jugend­hil­fe an Deut­sche im Aus­land im Sin­ne des § 6 Abs. 3 SGB VIII setzt vor­aus, dass der Leis­tungs­be­rech­tig­te und der Leis­tungs­emp­fän­ger ihren Auf­ent­halt im Aus­land haben. Allein in die­sem Fall bestimmt sich die ört­li­che Zustän­dig­keit nach § 88 SGB VIII.

Jugend­hil­fe an Deut­sche im Aus­land

Die ört­li­che Zustän­dig­keit nach § 86 Abs. 5 Satz 2 SGB VIII endet auch mit der Über­tra­gung der Per­so­nen­sor­ge auf einen Eltern­teil [1].

Das Sozi­al­ge­setz­buch Ach­tes Buch unter­schei­det zwi­schen Leis­tun­gen der Jugend­hil­fe im Inland (§ 6 Abs. 1 und 2 SGB VIII) und Leis­tun­gen der Jugend­hil­fe im Aus­land (§ 6 Abs. 3 SGB VIII), wobei zwi­schen die­sen Leis­tun­gen ein Ent­we­der-oder-Ver­hält­nis der­ge­stalt besteht, dass sie sich zwin­gend wech­sel­sei­tig aus­schlie­ßen. Eine Leis­tung nach dem Sozi­al­ge­setz­buch Ach­tes Buch, wozu die in Rede ste­hen­de Hil­fe zur Erzie­hung in Form der Voll­zeit­pfle­ge gemäß § 2 Abs. 2 Nr. 4 SGB VIII gehört, ist dem­nach ent­we­der eine Leis­tung im Inland oder eine Leis­tung im Aus­land. Maß­geb­li­cher Anknüp­fungs­punkt für die Ein­ord­nung einer Leis­tung als eine sol­che im Inland oder im Aus­land ist nach dem Tat­be­stand der – hier allein inter­es­sie­ren­den – Vor­schrif­ten des § 6 Abs. 1 und § 6 Abs. 3 SGB VIIII der Auf­ent­halt des­je­ni­gen, dem die Leis­tung „gewährt“ wird.

Der in § 6 Abs. 1 und 3 SGB VIII man­gels ent­ge­gen­ste­hen­der Anhalts­punk­te inhalts­gleich ver­wen­de­te Begriff des Gewäh­rens ist in einem umfas­sen­den Sin­ne zu ver­ste­hen und erfasst sowohl die (recht­li­che) Bewil­li­gung als auch die (tat­säch­li­che) Erbrin­gung einer Leis­tung [2]. Mit Rück­sicht dar­auf hat die Leis­tungs­ge­wäh­rung im Sin­ne des § 6 Abs. 1 und 3 SGB VIII zwei Bezugs­sub­jek­te. Die Bewil­li­gung ist auf den Leis­tungs­be­rech­tig­ten aus­ge­rich­tet. Dies ist der Inha­ber des Rechts auf Gewäh­rung einer Jugend­hil­fe­leis­tung bzw. auf ermes­sens­feh­ler­freie Ent­schei­dung dar­über, also der­je­ni­ge, der die Leis­tung bean­tra­gen und die­se gege­be­nen­falls auch gericht­lich gel­tend machen kann. Zwar kann der jun­ge Mensch aus­nahms­wei­se selbst Leis­tungs­be­rech­tig­ter sein (vgl. § 8 Abs. 3, §§ 24, 35a, 41 SGB VIII). Bei der hier in Rede ste­hen­den Hil­fe zur Erzie­hung in Form der Voll­zeit­pfle­ge sind in der Regel jedoch die Eltern oder der maß­geb­li­che Eltern­teil leis­tungs­be­rech­tigt ((BVerwG, Urteil vom 12.09.1996 – 5 C 31.95, Buch­holz 436.511 § 27 KJHG/​SGB VIII Nr. 3 S. 8 f.). Steht die Per­so­nen­sor­ge kei­nem Eltern­teil zu, ist aus­nahms­wei­se der Vor­mund leis­tungs­be­rech­tigt (BVerwG, Urteil vom 15.12.1995 – 5 C 2.94, BVerw­GE 100, 178 = Buch­holz 436.511 § 27 KJHG/​SGB VIII Nr. 1). Hin­sicht­lich der Erbrin­gung der Leis­tung ist auf den Leis­tungs­emp­fän­ger, d.h. auf den­je­ni­gen abzu­stel­len, der die Leis­tung erhält und des­sen Inter­es­se sie nach der Kon­zep­ti­on des Sozi­al­ge­setz­bu­ches Ach­tes Buch zu die­nen bestimmt ist. Leis­tungs­emp­fän­ger ist danach das Kind oder der Jugend­li­che. Denn die Leis­tungs­er­brin­gung ist – unab­hän­gig von der Anspruchs­in­ha­ber­schaft – stets auf das Kind oder den Jugend­li­chen aus­ge­rich­tet, des­sen Wohl Aus­gangs­punkt und Ziel jeder Jugend­hil­fe­maß­nah­me ist (vgl. § 1 Abs. 1 und 3 SGB VIII). Die Eltern oder der maß­geb­li­che Eltern­teil wer­den im Inter­es­se des Kin­des oder Jugend­li­chen mit dem Ziel unter­stützt, ihre Erzie­hungs­kom­pe­ten­zen zu för­dern und zu stär­ken, um letzt­lich wie­der eine Über­ga­be des Kin­des oder Jugend­li­chen in die (allei­ni­ge) elter­li­che Erzie­hungs­ver­ant­wor­tung zu ermög­li­chen (vgl. § 1 Abs. 3 Nr. 2 und § 37 Abs. 1 Satz 2 SGB VIII). Die gleich­zei­ti­ge Aus­rich­tung der Leis­tungs­ge­wäh­rung auf den Leis­tungs­be­rech­tig­ten und den Leis­tungs­emp­fän­ger bedingt, dass für die Bestim­mung des räum­li­chen Anwen­dungs­be­reichs nicht nur der Auf­ent­halt des Leis­tungs­be­rech­tig­ten, son­dern auch der des Leis­tungs­emp­fän­gers maß­geb­lich ist. Bei einem Aus­ein­an­der­fal­len von Leis­tungs­be­rech­tig­tem und Leis­tungs­emp­fän­ger setzt eine Leis­tung der Jugend­hil­fe im Aus­land im Sin­ne des § 6 Abs. 3 SGB VIII des­halb vor­aus, dass bei­de Betei­lig­te ihren Auf­ent­halt im Aus­land haben. Allein in die­sem Fall rich­tet sich die – dar­an anschlie­ßend zu bestim­men­de – sach­li­che Zustän­dig­keit für die Leis­tungs­ge­wäh­rung nach § 85 Abs. 2 Nr. 9 SGB VIII und die ört­li­che Zustän­dig­keit nach § 88 SGB VIII.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 12. Mai 2011 – 5 C 4.10

  1. Fort­füh­rung von BVerwG, Urteil vom 09.12.2010 – 5 C 17.09, NVwZ-RR 2011, 203[]
  2. vgl. Happe/​Saurbier in: Jans/​Happe/​Saurbier/​Maas, Stand April 2007, Erl. § 6 Art. 1 KJHG Rn. 8; und eben­da, Stand Juni 1997, Erl. § 85 Art. 1 KJHG Rn. 6[]