Kein Eil­rechts­schutz für die Ora­ni­en­platz-Flücht­lin­ge

Unzu­rei­chen­de oder wider­sprüch­li­che Anga­ben zur Lebens­si­tua­ti­on der Antrag­stel­ler und feh­len­de Bedürf­tig­keit, dadurch dass die Antrag­stel­ler eigent­lich ande­ren Land­krei­sen zuge­wie­sen sind, wo sie Leis­tun­gen erhal­ten wür­den, haben zur Ableh­nung der Eil­an­trä­ge der Ora­ni­en­platz-Flücht­lin­ge gegen die Auf­for­de­rung zum Ver­las­sen eines Wohn­heims und auf Fort­zah­lung von Leis­tun­gen für Lebens­un­ter­halt und Unter­kunft geführt.

Kein Eil­rechts­schutz für die Ora­ni­en­platz-Flücht­lin­ge

So hat das Sozi­al­ge­richt Ber­lin in den hier vor­lie­gen­den Fäl­len ent­schie­den und die Anträ­ge der Ora­ni­en­platz-Flücht­lin­ge abge­lehnt. Nach­dem das Lan­des­amt für Gesund­heit und Sozia­les durch Aus­hang einer Namens­lis­te im Wohn­heim Gür­tel­stra­ße 39 in Ber­lin-Fried­richs­hain einen Teil der dort unter­ge­brach­ten Ora­ni­en­platz-Flücht­lin­ge auf­ge­for­dert hat­te, das Heim zu ver­las­sen, haben vie­le der betrof­fe­nen Flücht­lin­ge beim Sozi­al­ge­richt Ber­lin Anträ­ge auf einst­wei­li­gen Rechts­schutz gestellt. Die Antrag­stel­ler tra­gen vor, dass sie ver­pflich­tet wor­den sei­en, ihr Wohn­heim zu ver­las­sen und in die Land­krei­se zurück­zu­keh­ren, denen sie ursprüng­lich im Asyl­be­wer­bungs­ver­fah­ren zuge­wie­sen wor­den waren. Sie begeh­ren statt­des­sen die Fort­zah­lung von Leis­tun­gen für Lebens­un­ter­halt und Unter­kunft durch das Land Ber­lin und beru­fen sich zur Begrün­dung auf das mit dem Senat von Ber­lin aus­ge­han­del­te „Eini­gungs­pa­pier Ora­ni­en­platz“.

Das Sozi­al­ge­richt Ber­lin hat im Ter­min dar­auf hin­ge­wie­sen, dass zumin­dest in den Fäl­len, in denen die Antrag­stel­ler mit ihren Asyl­ver­fah­ren eigent­lich ande­ren Land­krei­sen zuge­wie­sen wor­den sei­en, ein Anspruch gegen das Land Ber­lin wohl nicht gege­ben sein dürf­te. Dem "Eini­gungs­pa­pier Ora­ni­en­platz" sei ein Anspruch nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz gegen das Land Ber­lin nicht zu ent­neh­men. Eine schrift­li­che Zusi­che­rung des Lan­des Ber­lin zur Leis­tungs­er­brin­gung lie­ge nicht vor. Die Ansicht, wonach sich für das Land Ber­lin auf­grund der fak­ti­schen Leis­tungs­er­brin­gung der Ver­gan­gen­heit eine Pflicht zur Fort­zah­lung der Leis­tun­gen erge­be, tei­le das Sozi­al­ge­richt nicht. Vor die­sem Hin­ter­grund kämen augen­blick­lich gegen das Land Ber­lin nur Ansprü­che auf unauf­schieb­ba­re Leis­tun­gen in Betracht, zum Bei­spiel auf eine Fahr­kar­te in den Land­kreis, der für die Leis­tungs­er­brin­gung eigent­lich zustän­dig ist.

In einem Fall (S 92 AY 307/​14 ER) hat das Sozi­al­ge­richt den Antrag man­gels Anord­nungs­an­spruchs abge­lehnt. Der Antrag­stel­ler habe die Not­wen­dig­keit für die Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes nicht glaub­haft gemacht. Sei­ne Iden­ti­tät sei unklar. Bereits bei Antrag­stel­lung vor Gericht habe er – trotz anwalt­li­cher Ver­tre­tung – zwei ver­schie­de­ne Namen und Geburts­da­ten ange­ge­ben mit dem Hin­weis, dass eigent­lich nur der zwei­te kor­rekt sei („A. I., geb. …1990, rich­ti­ge Per­so­na­li­en A.C., geb. …1987“). Nur der zuerst genann­te Name „A. I.“ sei dabei – aller­dings mit einem ande­ren Geburts­tag (…1996) – in der Namens­lis­te zum Eini­gungs­pa­pier Ora­ni­en­platz auf­ge­taucht, auf das der Antrag­stel­ler sei­nen Anspruch gestützt habe. Vor die­sem Hin­ter­grund sei kei­nes­wegs aus­ge­schlos­sen, dass der Antrag­stel­ler die Iden­ti­tät einer ande­ren Per­son anzu­neh­men ver­su­che, um aus dem Eini­gungs­pa­pier Ora­ni­en­platz Ansprü­che für sich abzu­lei­ten. Zu berück­sich­ti­gen sei zudem, dass der Antrag­stel­ler zum Beleg für sei­ne Auf­ent­halts­si­tua­ti­on in Ber­lin zwei Prak­ti­kums­ver­trä­ge des­sel­ben Prak­ti­kums­be­triebs ein­ge­reicht habe, einen für die Per­son namens A. I., den ande­ren für A.C. Bei­de sei­en mit einem wei­te­ren Geburts­da­tum ver­se­hen gewe­sen, womit der Antrag­stel­ler nun­mehr vier ver­schie­den Geburts­da­ten genannt habe. Die Ermitt­lun­gen des Gerichts hät­ten erge­ben, dass für die Per­son A. I. ein auf­ent­halts­recht­li­ches Ver­fah­ren in Ber­lin ein­ge­lei­tet wor­den sei, wäh­rend für A.C. ein Ver­fah­ren in Hal­le lau­fe, wo auch schon Leis­tun­gen bezo­gen wor­den sei­en. Mög­li­cher­wei­se sei­en also, sofern es sich um ein und die­sel­be Per­son han­de­le, in der Ver­gan­gen­heit auch dop­pelt Leis­tun­gen bezo­gen wor­den. Ins­ge­samt sei nach alle­dem unklar geblie­ben, wel­che Per­son im hie­si­gen Ver­fah­ren Ansprü­che gel­tend mache und inwie­weit die­se berech­tigt sei­en.

Selbst wenn man den Vor­trag des Antrag­stel­lers als wahr unter­stel­le, feh­le es an einem Eil­be­dürf­nis, denn ihm sei zumut­bar, erneut in Hal­le Leis­tun­gen zu bean­tra­gen, wo auch sein Asyl­ver­fah­ren geführt wer­de. Ange­sichts des rea­li­sier­ba­ren Bezugs von exis­tenz­si­chern­den Leis­tun­gen in Hal­le bestehe kein Eil­be­dürf­nis für eine vor­über­ge­hen­de Leis­tungs­ge­wäh­rung in Ber­lin.

Im Ver­fah­ren S 88 AY 301/​14 ER lehn­te das Sozi­al­ge­richt den Antrag unter ande­rem des­halb ab, weil der Antrag­stel­ler ledig­lich eine offen­sicht­lich durch drit­te Per­so­nen vor­for­mu­lier­te Antrags­schrift unter­schrie­ben, dann aber trotz gericht­li­cher Nach­fra­ge kei­ne wei­te­ren Anga­ben mehr gemacht oder Unter­la­gen vor­ge­legt hat­te, z. B. zu sei­nem Her­kunfts­land und sei­nen aus­län­der­recht­li­chen Ver­hält­nis­sen. Auch die Behör­den konn­ten kei­ne aus­rei­chen­den Erkennt­nis­se bei­steu­ern.

Im Ver­fah­ren S 47 AY 241/​14 ER konn­te ein ableh­nen­der Beschluss 1 bis­her nicht ein­mal zuge­stellt wer­den, da der anwalt­lich nicht ver­tre­te­ne Antrag­stel­ler das Wohn­heim in der Gür­tel­stra­ße mit unbe­kann­tem Ziel ver­las­sen hat.

In einem Aus­nah­me­fall, der dadurch gekenn­zeich­net war, dass der Antrag­stel­ler eine Auf­ent­halts­er­laub­nis für Ita­li­en und nicht für Deutsch­land hat­te, erziel­te die­ser einen Teil­erfolg 2. Das Sozi­al­ge­richt ver­pflich­te­te die Behör­de zur vor­läu­fi­gen Zah­lung von monat­lich 276 Euro und Unter­brin­gung des Antrag­stel­lers in einer Unter­kunft bis längs­tens Ende Novem­ber. Zur Begrün­dung führ­te das Sozi­al­ge­richt aus, dass der Antrag­stel­ler mit der Staats­an­ge­hö­rig­keit von Benin aus Ita­li­en in das Bun­des­ge­biet ein­ge­reist sei. Er hal­te sich hier unrecht­mä­ßig auf. Sei­ne Aus­rei­se­pflicht sei auch voll­zieh­bar. Er erhal­te vor die­sem Hin­ter­grund nur die unab­weis­bar gebo­te­nen Mit­tel zur Exis­tenz­si­che­rung. Eine Been­di­gung des gekürz­ten Leis­tungs­be­zugs sei ihm jeder­zeit durch Rück­kehr nach Ita­li­en mög­lich.

Sozi­al­ge­richt Ber­lin, Beschluss vom 2. Sep­tem­ber 2014 – S 92 AY 307/​14 ER, S 88 AY 301/​14 ER

  1. SG Ber­lin, Beschluss vom 26.08.2014 – S 47 AY 241/​14 ER[]
  2. SG Ber­lin, Beschluss vom 28.08.2014 – S 90 AY 238/​14[]