Kein Merk­zei­chen „RF“ trotz Behinderung?

Die All­ge­mein­heit hat krank­heits­be­ding­te Stö­run­gen von behin­der­ten Per­so­nen hin­zu­neh­men, um einer Dis­kri­mi­nie­rung ent­ge­gen­zu­wir­ken. Das Merk­zei­chen „RF“ steht auch beson­ders emp­find­sa­men Behin­der­ten nicht allein des­halb zu, weil sie die Öffent­lich­keit um ihrer Mit­men­schen wil­len meiden.

Kein Merk­zei­chen „RF“ trotz Behinderung?

Mit die­ser Begrün­dung hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Fest­stel­lung des Merk­zei­chens RF (Rund­funk­ge­büh­ren­er­mä­ßi­gung) ver­neint, da der auf die gesell­schaft­li­che Teil­ha­be gerich­te­te Zweck des Merk­zei­chens „RF“ in sein Gegen­teil ver­kehrt wür­de, wenn es mit dem Ziel zuer­kannt wer­den könn­te, beson­de­ren Emp­find­lich­kei­ten der Öffent­lich­keit Rech­nung zu tra­gen und damit Behin­der­te qua­si weg­zu­schlie­ßen, also gera­de ihre Teil­ha­be zu ver­hin­dern. Die Beru­fung wur­de zurückgewiesen.

Geklagt hat­te eine heu­te 48-jäh­ri­ge ver­hei­ra­te­te Frau und Mut­ter von zwei Töch­tern. Im April 2016 erlitt sie einen Schlag­an­fall (Hirn­in­farkt). Bei ihr ist ein Grad der Behin­de­rung von 100 sowie u.a. das Merk­zei­chen „H“ (Hilf­los) fest­ge­stellt und der Pfle­ge­grad 3 aner­kannt. Ihren Antrag, auch das Merk­zei­chen „RF“ (Rund­funk­ge­büh­ren­er­mä­ßi­gung) fest­zu­stel­len, weil sie öffent­li­che Ver­an­stal­tun­gen wie Thea­ter- und Kino­be­su­che auf­grund lau­ter Schreie nicht mehr besu­chen kön­ne, lehn­te das beklag­te Land Baden-Würt­tem­berg ab. Nach­dem die dage­gen gerich­te­te Kla­ge erfolg­los geblie­ben war, ver­folg­te die Klä­ge­rin ihr Ziel wei­ter mit der Berufung.

In der Urteils­be­grün­dung hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg aus­führ­lich erör­tert, dass der Klä­ge­rin die Teil­nah­me an öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen nicht stän­dig unmög­lich sei. Öffent­li­che Ver­an­stal­tun­gen sei­en Zusam­men­künf­te poli­ti­scher, künst­le­ri­scher, wis­sen­schaft­li­cher, kirch­li­cher, sport­li­cher, unter­hal­ten­der und wirt­schaft­li­cher Art, die län­ger als 30 Minu­ten dau­er­ten. Dazu gehör­ten nicht nur Theater‑, Oper‑, Kon­zert- und Kino­vor­stel­lun­gen, son­dern auch Aus­stel­lun­gen, Mes­sen, Muse­en, Märk­te, Got­tes­diens­te, Volks­fes­te, Sport­ver­an­stal­tun­gen, Tier- und Pflan­zen­gär­ten sowie letzt­lich auch öffent­li­che Gerichts­ver­hand­lun­gen. Nach Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Baden-Würt­tem­berg sei die Unmög­lich­keit der Teil­nah­me an sol­chen Ver­an­stal­tun­gen nur dann gege­ben, wenn der Schwer­be­hin­der­te wegen sei­nes Lei­dens stän­dig, damit all­ge­mein und umfas­send, vom Besuch aus­ge­schlos­sen ist. Maß­geb­lich sei dabei allein die Mög­lich­keit der kör­per­li­chen Teil­nah­me, gege­be­nen­falls mit tech­ni­schen Hilfs­mit­teln, zum Bei­spiel einem Roll­stuhl, und/​oder mit Hil­fe einer Begleit­per­son. Aus­ge­hend hier­von sei K mit ihrem Roll­stuhl und einer Begleit­per­son hin­rei­chend mobil, um an öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen teil­neh­men zu kön­nen. Soweit K durch ihre Halb­sei­ten­läh­mung womög­lich Bli­cke auf sich zie­he und die­se selbst von stö­ren­dem Ver­hal­ten berich­te, kom­me es hier­auf nicht an. Denn der auf die gesell­schaft­li­che Teil­ha­be gerich­te­te Zweck des Merk­zei­chens „RF“ wür­de in sein Gegen­teil ver­kehrt, wenn es mit dem Ziel zuer­kannt wer­den könn­te, beson­de­ren Emp­find­lich­kei­ten der Öffent­lich­keit Rech­nung zu tra­gen und damit Behin­der­te qua­si weg­zu­schlie­ßen, also gera­de ihre Teil­ha­be zu ver­hin­dern. Es sei mit dem Inklu­si­ons­ge­dan­ken nicht ver­ein­bar, behin­der­te Men­schen allein des­halb von öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen gänz­lich aus­zu­schlie­ßen, weil die­se sicht­bar anders sei­en oder durch unwill­kür­li­che Laut­äu­ße­run­gen auf­fal­len. Des­halb ste­he das Merk­zei­chen auch beson­ders emp­find­sa­men Behin­der­ten nicht allein des­halb zu, weil sie die Öffent­lich­keit um ihrer Mit­men­schen wil­len mei­den. Indem es gera­de nicht dar­auf ankom­men dür­fe, inwie­weit sich Teil­neh­mer an öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen durch Behin­der­te gestört füh­len, wer­de einer Aus­gren­zung von schwer­be­hin­der­ten Men­schen und damit auch einer Dis­kri­mi­nie­rung ent­ge­gen­ge­wirkt. Da der Schwer­be­hin­der­te wegen sei­ner Lei­den all­ge­mein und umfas­send von öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen aus­ge­schlos­sen sein müs­se, oblie­ge es ihm, die Art der öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen so aus­zu­wäh­len, dass er kör­per­lich und geis­tig in der Lage sei, die­sen Ver­an­stal­tun­gen wei­test­ge­hend fol­gen zu kön­nen. Dem­entspre­chend rei­che es nicht aus, dass sich K gehin­dert sehe, Thea­ter­ver­an­stal­tun­gen zu besu­chen, weil sie den Abläu­fen nicht fol­gen kön­ne, und Kino­ver­an­stal­tun­gen, weil sie durch aggres­si­ves Ver­hal­ten und lau­te Rufe auf­fal­le, da sie sich mit den Schau­spie­lern identifiziere.

Weiterlesen:
Jugendamtsumlage in der Region Hannover

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 18. Febru­ar 2021 – L 6 SB 3623/​20

Bild­nach­weis: