Kei­ne „Schein­selb­stän­di­gen“ im Bun­des­rat?

Nach § 7 Absatz 1 SGB IV ist „Beschäf­ti­gung“ die nicht­selb­stän­di­ge Arbeit, ins­be­son­de­re in einem Arbeits­ver­hält­nis. Anhalts­punk­te für eine Beschäf­ti­gung sind ins­be­son­de­re eine Tätig­keit nach Wei­sun­gen und eine Ein­glie­de­rung in die Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on des Wei­sungs­ge­bers.

Kei­ne „Schein­selb­stän­di­gen“ im Bun­des­rat?

Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg hat­te jetzt dar­über zu ent­schei­den, ob die vom Bun­des­rat seit Jahr­zehn­ten ange­wand­te Pra­xis recht­mä­ßig ist, mit der Füh­rung von Besu­cher­grup­pen über­wie­gend Hono­rar­kräf­te auf selb­stän­di­ger, nicht sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ger Basis zu betrau­en.

Die Deut­sche Ren­ten­ver­si­che­rung Ber­lin-Bran­den­burg ver­trat die Auf­fas­sung, dass die­se Per­so­nen abhän­gig und damit sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig beschäf­tigt sei­en. Sie for­der­te des­halb als Ergeb­nis einer Betriebs­prü­fung vom Bun­des­rat die Nach­zah­lung von Bei­trä­gen zur Sozi­al­ver­si­che­rung für die Jah­re 2001 bis 2004 in Höhe von ins­ge­samt rund 15.500 €. Das Sozi­al­ge­richt Ber­lin hat die gegen den ent­spre­chen­den Bescheid erho­be­ne Kla­ge des Bun­des­ra­tes in ers­ter Instanz abge­wie­sen [1].

Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg hat hin­ge­gen der Beru­fung des Bun­des­ra­tes statt­ge­ge­ben und das Urteil des Sozi­al­ge­richts sowie den Bescheid der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung Ber­lin-Bran­den­burg auf­ge­ho­ben.

Es gibt, so das Lan­des­so­zi­al­ge­richt, eine gan­ze Rei­he von Tätig­kei­ten, die sowohl von einem (sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen) Arbeit­neh­mer als auch auf (nicht sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ger) selbst­stän­di­ger Basis aus­ge­übt wer­den kön­nen, so das Lan­des­so­zi­al­ge­richt. Zu nen­nen sind als Bei­spie­le Lehr­kräf­te und Dozen­ten, Rechts­an­wäl­te, Schau­spie­ler, Frem­den- und Muse­ums­füh­rer. Auch die Füh­run­gen durch den Bun­des­rat zäh­len hier­zu; es ist grund­sätz­lich recht­lich bean­stan­dungs­frei, den Ein­satz von Hono­rar­kräf­ten im Rah­men des Besu­cher­diens­tes des Bun­des­rats als frei­be­ruf­li­che und selb­stän­di­ge Tätig­keit aus­zu­ge­stal­ten.

Die Hono­rar­kräf­te sind nach Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg auch kei­ne Schein­selb­stän­di­gen, bei denen die gewähl­te Gestal­tung und die tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se aus­ein­an­der fal­len oder de fac­to Arbeits­ver­hält­nis­se umgan­gen wer­den sol­len:

Die im Bun­des­rat täti­gen Füh­re­rin­nen und Füh­rer haben zur Über­zeu­gung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg, die sich die­ses auf­grund umfang­rei­cher Ermitt­lun­gen gebil­det hat, einen gro­ßen Frei­raum, des­sen Aus­ge­stal­tung vom Bun­des­rat auch nicht über­wacht wird. Im maß­geb­li­chen Kern ihrer Tätig­keit sind die Hono­rar­kräf­te des­halb wei­sungs­un­ab­hän­gig, auch wenn der äuße­re Rah­men der Füh­run­gen (Ort, Zeit, regel­mä­ßi­ge Dau­er, Sta­tio­nen inner­halb des Gebäu­des und Pflicht­in­for­ma­tio­nen) vor­be­stimmt ist. Die­se Frei­heit gibt den Aus­schlag, obgleich es durch­aus auch gewich­ti­ge Indi­zi­en für abhän­gi­ge Beschäf­ti­gung gibt.

Ob es sozi­al­po­li­tisch sinn­voll sei, dass das Ver­fas­sungs­or­gan Bun­des­rat nicht den Weg wäh­le, sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Arbeits­plät­ze zu schaf­fen, hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg aus­drück­lich offen gelas­sen; dies hat­te es nicht zu prü­fen.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 15. Juli 2011 – L 1 KR 206/​09

  1. SG Ber­lin, Urteil vom 02.06.2009 – S 36 KR 2382/​07[]