Kin­der­geld – und sei­ne rück­wir­ken­de Festsetzung

§ 66 Abs. 3 EStG i.d.F. des StUmgBG betrifft nicht das Erhe­bungs, son­dern das Fest­set­zungs­ver­fah­ren1. Die Ver­wal­tungs­an­wei­sung in – V 10 Abs. 3 DA-KG 2018, wonach Kin­der­geld für „Zeit­räu­me, die über den Sechs-Monats-Zeit­raum des § 66 Abs. 3 EStG zurück­rei­chen, nur fest­ge­setzt wer­den (soll), wenn die Fami­li­en­kas­se das Vor­lie­gen der Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen für den Anspruch auf Kin­der­geld ohne wei­te­re Sach­ver­halts­auf­klä­rung fest­stel­len kann bzw. bei erkenn­ba­rem Inter­es­se des Berech­tig­ten“, beruht auf einem Rechts­irr­tum und begrün­det kei­nen Anspruch auf die Fest­set­zung von Kin­der­geld für län­ger zurück­lie­gen­de Zeiträume.

Kin­der­geld – und sei­ne rück­wir­ken­de Festsetzung

Die fris­t­wah­ren­de Wei­ter­lei­tung eines Kin­der­geld­an­tra­ges nach Art. 81 der VO Nr. 883/​2004 kommt für Anträ­ge, die vor deren Inkraft­tre­ten am 01.05.2010 ein­ge­gan­gen sind, nicht in Betracht.

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall hat­te eine rumä­ni­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge mit Wohn­sitz in Rumä­ni­en geklagt, die Mut­ter eines im Novem­ber 2006 gebo­re­nen und in Rumä­ni­en leben­den Soh­nes ist. Im Jahr 2017 wohn­te sie auf dem E‑Hof in P und bezog dort für den Zeit­raum vom 24.04.2017 bis 30.11.2017 steu­er­pflich­ti­gen Arbeits­lohn. Zu ihrem Ein­kom­men­steu­er­be­scheid für 2017 vom 22.06.2018 erläu­ter­te das Finanz­amt, die Ver­an­la­gung sei nach § 1 Abs. 3 EStG durch­ge­führt worden.

Im Febru­ar 2018 bean­trag­te sie Kin­der­geld für ihren Sohn für die Jah­re 2016 und 2017. Dem Antrag war eine Geburts­be­schei­ni­gung des Soh­nes und der von der rumä­ni­schen Fami­li­en­kas­se am 20.02.2018 abge­zeich­ne­te Antrag E411 bei­gefügt. Die Fami­li­en­kas­se setz­te Kin­der­geld ledig­lich für die Mona­te August 2017 bis Novem­ber 2017 fest. Dazu teil­te sie der Mut­ter mit, dass auf­grund der Ände­rung des § 66 Abs. 3 EStG nach dem 31.12.2017 ein­ge­hen­de Anträ­ge rück­wir­kend nur noch zu einer Nach­zah­lung für die letz­ten sechs Kalen­der­mo­na­te vor dem Ein­gang des Antra­ges führ­ten. Da für Zeit­räu­me vor August 2017 kei­ne Aus­zah­lung des Kin­der­gel­des erfol­gen kön­ne, wer­de auf eine Fest­set­zung des Kin­der­gel­des verzichtet.

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Die von der Mut­ter nach erfolg­lo­sem Ein­spruch erho­be­ne Kla­ge blieb vor dem Finanz­ge­richt Nürn­berg ohne Erfolg2. Und der Bun­des­fi­nanz­hof wies nun auch die Revi­si­on der Mut­ter zurück:

Das Finanz­ge­richt ist zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass § 66 Abs. 3 EStG i.d.F. des Geset­zes zur Bekämp­fung der Steu­er­um­ge­hung und zur Ände­rung wei­te­rer steu­er­li­cher Vor­schrif­ten (Steu­er­um­ge­hungs­be­kämp­fungs­ge­setz ‑StUmgBG- vom 23.06.20173) nicht das Erhe­bungs, son­dern das Fest­set­zungs­ver­fah­ren betrifft und die Fest­set­zung von Kin­der­geld auf einen Zeit­raum von sechs Mona­ten vor Antrag­stel­lung begrenzt4.
2. § 66 Abs. 3 EStG ist nicht verfassungswidrig.

Soweit das Kin­der­geld der För­de­rung der Fami­lie dient (§ 31 Satz 2 EStG), ist es nicht zu bean­stan­den, dass der Gesetz­ge­ber dem Steu­er­pflich­ti­gen die Oblie­gen­heit auf­er­legt, Kin­der­geld inner­halb von sechs Mona­ten nach Ent­ste­hung des Anspruchs zu bean­tra­gen5. Daher ver­stieß die Aus­schluss­frist des § 66 Abs. 3 EStG i.d.F. des Jah­res­steu­er­ge­set­zes 1996 nicht gegen Art. 3 Abs. 1 GG, soweit ledig­lich die Funk­ti­on des Kin­der­gel­des zur För­de­rung der Fami­lie betrof­fen war6. Das ist auf die im Streit­fall anzu­wen­den­de wort­glei­che Fas­sung des § 66 Abs. 3 EStG zu übertragen.

Der Anspruch auf Kin­der­geld wird nach dem Wort­laut des § 31 EStG a.F. auch dann in die Güns­ti­ger­prü­fung ein­be­zo­gen, wenn das Kin­der­geld wegen nicht recht­zei­ti­ger Antrag­stel­lung auf­grund der Rege­lung des § 66 Abs. 3 EStG nicht fest­ge­setzt oder nicht aus­ge­zahlt wur­de. Die dar­aus im Hin­blick auf die durch Art. 6 GG gebo­te­ne Steu­er­frei­stel­lung des Exis­tenz­mi­ni­mums des Kin­des mög­li­cher­wei­se resul­tie­ren­de Ver­fas­sungs­wid­rig­keit wäre aber nicht durch eine Nicht­an­wen­dung des § 66 Abs. 3 EStG zu besei­ti­gen, son­dern z.B. dadurch, dass § 31 EStG geän­dert oder ver­fas­sungs­kon­form so aus­ge­legt wird, dass nur gezahl­tes Kin­der­geld (so § 31 Satz 4 EStG bis zur Ände­rung durch das Steu­er­än­de­rungs­ge­setz 2003) berück­sich­tigt wird oder dass wegen § 66 Abs. 3 EStG nicht fest­ge­setz­tes oder nicht gezahl­tes Kin­der­geld bei der Güns­ti­ger­prü­fung unbe­rück­sich­tigt bleibt7. Dem­entspre­chend bleibt nach aktu­el­ler Geset­zes­la­ge gemäß § 31 Satz 5 EStG bei der Prü­fung der Steu­er­frei­stel­lung und der Hin­zu­rech­nung nach § 31 Satz 4 EStG der Anspruch auf Kin­der­geld für Kalen­der­mo­na­te unbe­rück­sich­tigt, in denen durch Bescheid der Fami­li­en­kas­se Kin­der­geld fest­ge­setzt, aber wegen § 70 Abs. 1 Satz 2 EStG nicht aus­ge­zahlt wurde.

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Die ver­fas­sungs­recht­li­chen Zwei­fel bezie­hen sich somit nicht auf die die rück­wir­ken­de Kin­der­geld­fest­set­zung beschrän­ken­de Rege­lung des § 66 Abs. 3 EStG, son­dern auf § 31 EStG, über des­sen Anwen­dung im Rah­men der Ein­kom­men­steu­er­ver­an­la­gung der Mut­ter zu strei­ten wäre.

Die Vor­schrift des § 66 Abs. 3 EStG ist nach § 52 Abs. 49a Satz 9 EStG auf Kin­der­geld­an­trä­ge anzu­wen­den, die nach dem 31.12.2017 und vor dem 18.07.2019 eingehen.

Der Kin­der­geld­an­trag der Mut­ter ist am 26.02.2018 ‑und damit in dem Zeit­raum 31.12.2017 bis 17.07.2019- bei der Fami­li­en­kas­se eingegangen.

Nach Art. 81 der VO Nr. 883/​2004 sind Anträ­ge, Erklä­run­gen oder Rechts­be­hel­fe einer in Anspruch genom­me­nen Behör­de unver­züg­lich der zustän­di­gen Behör­de eines ande­ren Mit­glied­staa­tes zuzu­lei­ten; der Tag des Ein­gangs gilt dann auch als Tag des Ein­gangs bei der zustän­di­gen Behör­de des ande­ren Mit­glied­staa­tes. Der von der rumä­ni­schen Fami­li­en­kas­se am 20.02.2018 abge­zeich­ne­te Antrag E411, den die Mut­ter ihrem Kin­der­geld­an­trag bei­gefügt hat­te, ist indes­sen dort eben­falls i.S. des § 52 Abs. 49a Satz 9 EStG im Zeit­raum zwi­schen dem 31.12.2017 und dem 17.07.2019 eingegangen.

Ein vom Finanz­ge­richt nicht fest­ge­stell­ter, aber bei Geburt des Soh­nes im Jahr 2006 wegen der Gewäh­rung von Fami­li­en­leis­tun­gen in Rumä­ni­en mut­maß­lich dort gestell­ter Antrag auf Fami­li­en­leis­tun­gen wäre kein Antrag auf deut­sches Kin­der­geld i.S. des § 66 Abs. 3 EStG. Denn die die Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­te­me der Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on koor­di­nie­ren­de VO Nr. 883/​2004 trat erst am 01.05.2010 in Kraft, so dass eine fris­t­wah­ren­de Wei­ter­lei­tung nach Art. 81 der VO Nr. 883/​2004 im Jah­re 2006 noch nicht in Betracht kam. Da Rumä­ni­en erst am 01.01.2007 in die Euro­päi­sche Uni­on auf­ge­nom­men wur­de, war es zudem im Zeit­punkt der Geburt des Soh­nes ‑dem Zeit­punkt der denk­ba­ren Antrag­stel­lung- noch kein ande­rer bzw. „ers­ter“ Mit­glieds­staat i.S. des Art. 81 der VO Nr. 883/​2004.

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Das Finanz­ge­richt war auch nicht im Hin­blick auf von der Mut­ter in Bezug genom­me­ne Anwei­sun­gen des BZSt oder ande­re Ver­wal­tungs­an­wei­sun­gen aus Grün­den der Selbst­bin­dung der Ver­wal­tung gehal­ten, gegen die Geset­zes­la­ge Kin­der­geld für die Mona­te April bis Juli 2017 festzusetzen.

Die Ver­wal­tung hat sei­ner­zeit in – V 10 Abs. 3 der Dienst­an­wei­sung zum Kin­der­geld nach dem Ein­kom­men­steu­er­ge­setz (DA-KG) 2018 die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass Kin­der­geld auf­grund eines Neu­an­tra­ges „rück­wir­kend für Zeit­räu­me, die über den Sechs-Monats-Zeit­raum des § 66 Abs. 3 EStG zurück­rei­chen, nur fest­ge­setzt wer­den (soll), wenn die Fami­li­en­kas­se das Vor­lie­gen der Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen für den Anspruch auf Kin­der­geld ohne wei­te­re Sach­ver­halts­auf­klä­rung fest­stel­len kann bzw. bei erkenn­ba­rem Inter­es­se des Berechtigten“.

Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten sind indes­sen kei­ne die Gerich­te bin­den­den Rechts­nor­men8. Soweit sie jedoch eine aus­rei­chen­de Rechts­grund­la­ge haben, der Geset­zes­la­ge nicht wider­spre­chen und Ermes­sens­er­wä­gun­gen der Finanz­be­hör­den fest­schrei­ben, kön­nen sie die Finanz­ver­wal­tung unter dem Gesichts­punkt der Gleich­be­hand­lung nach Art. 3 Abs. 1 GG bin­den (sog. Selbst­bin­dung der Ver­wal­tung)9 und einen auch von den Finanz­ge­rich­ten zu beach­ten­den Rechts­an­spruch der Steu­er­pflich­ti­gen begrün­den, nach Maß­ga­be der Ermes­sens­richt­li­nie behan­delt zu wer­den10. Art. 3 Abs. 1 GG ver­mit­telt indes­sen kei­nen Anspruch auf Anwen­dung einer rechts­wid­ri­gen Ver­wal­tungs­pra­xis11.

Da § 66 Abs. 3 EStG das Fest­set­zungs- und nicht das Erhe­bungs­ver­fah­ren betrifft und die Fest­set­zung von Kin­der­geld für mehr als sechs Mona­te vor Antrag­stel­lung lie­gen­de Zeit­räu­me hin­dert, beruht die in – V 10 Abs. 3 DA-KG 2018 nie­der­ge­leg­te Ver­wal­tungs­auf­fas­sung auf einem Rechts­irr­tum. Die von der Mut­ter begehr­te Fest­set­zung für frü­he­re Mona­te ist aus­ge­schlos­sen; inso­weit besteht kein Ermes­sen. Der Grund­satz der Selbst­bin­dung der Ver­wal­tung ist daher nicht ein­schlä­gig. Soweit die Mut­ter sich auf eine ent­ge­gen­ste­hen­de Ver­wal­tungs­pra­xis beruft, macht sie einen nicht bestehen­den Anspruch auf eine rechts­wid­ri­ge Ver­wal­tungs­pra­xis geltend.

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Etwai­ge mit der Geset­zes­la­ge nicht in Ein­klang ste­hen­den Erlas­se der Finanz­ver­wal­tung kön­nen auch kei­nen Ver­trau­ens­tat­be­stand begrün­den12.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 9. Sep­tem­ber 2020 – III R 37/​19

  1. Bestä­ti­gung des BFH, Urteils vom 19.02.2020 – III R 66/​18, BStBl II 2020, 704[]
  2. FG Nürn­berg, Urteil vom 08.05.2019 – 3 K 193/​19[]
  3. BGBl I 2017, 1682[]
  4. BFH, Urteil vom 19.02.2020 – III R 66/​18, BStBl II 2020, 704[]
  5. Avven­to in Kirch­hof, 17. Aufl., § 31 Rz 18[]
  6. BVerfG, Beschluss vom 06.11.2003 – 2 BvR 1240/​02, HFR 2004, 260, Rz 13[]
  7. so Hess. FG, Urteil vom 17.09.2019 – 6 K 174/​19, EFG 2019, 1983, Revi­si­on unter – III R 50/​19 anhän­gig; eben­so Wendl, DStR 2018, 2065, 2070; Blümich/​Selder, § 31 EStG Rz 46; Wendl in Herrmann/​Heuer/​Raupach, § 31 EStG Rz 32[]
  8. BFH, Beschluss vom 28.11.2016 – GrS 1/​15, BFHE 255, 482, BStBl II 2017, 393, betref­fend Sanie­rungs­er­lass[]
  9. vgl. BVerwG, Beschluss vom 11.05.1988 – 2 B 58/​88, NJW 1988, 2907[]
  10. BFH (GrS), Beschluss in BFHE 255, 482, BStBl II 2017, 393; BFH, Urteil vom 23.04.1991 – VIII R 61/​87, BFHE 164, 422, BStBl II 1991, 752[]
  11. stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH (GrS), Beschluss in BFHE 255, 482, BStBl II 2017, 393; BFH, Urteil vom 07.10.2010 – V R 17/​09, BFH/​NV 2011, 865[]
  12. BFH, Urteil vom 08.03.2007 – IV R 57/​04, BFH/​NV 2007, 1640, unter II. 5.[]

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