Kindergeldrückforderungsanspruch von den Erben – und das zuständige Gericht

Macht die Familienkasse einen Rückforderungsanspruch auf Kindergeld im Haftungswege gegen die Erben des Kindergeldberechtigten geltend und haben diese ihren jeweiligen Wohnsitz in unterschiedlichen Finanzgerichtsbezirken, sodass für die Klagen der Erben gegen die Haftungsbescheide gemäß § 38 Abs. 2a FGO unterschiedliche Gerichte zuständig sind, kann der BFH auf Antrag unter entsprechender Anwendung von § 39 Abs. 1 Nr. 5 FGO ein Gericht als das zuständige Finanzgericht bestimmen.

Kindergeldrückforderungsanspruch von den Erben – und das zuständige Gericht

Gemäß § 39 Abs. 1 Nr. 5 FGO wird das zuständige Finanzgericht durch den Bundesfinanzhof bestimmt, wenn eine örtliche Zuständigkeit nach § 38 FGO nicht gegeben ist. In einem solchen Fall kann gemäß § 39 Abs. 2 Satz 1 FGO jeder am Rechtsstreit Beteiligte und jedes mit dem Rechtsstreit befasste Finanzgericht den Bundesfinanzhof anrufen.

Die Regelung des § 39 Abs. 1 Nr. 5 FGO ist nach Auffassung des beschließenden Bundesfinanzhofs entsprechend heranzuziehen, wenn sich -wie in dem vorliegenden Streitfall- die aus der Sonderregelung des § 38 Abs. 2a FGO grundsätzlich ergebende Zuständigkeit eines Finanzgericht aufgrund des Todes des ursprünglichen Kindergeldberechtigten aufspaltet, sodass wegen der unterschiedlichen Wohnsitze der Erben unterschiedliche Finanzgericht über die an sich einheitlich zu entscheidende zugrunde liegende Rechtsfrage zu urteilen hätten.

Nach § 38 Abs. 2a Satz 1 FGO ist in Angelegenheiten des Familienleistungsausgleichs nach Maßgabe der §§ 62 bis 78 des Einkommensteuergesetzes das Finanzgericht zuständig, in dessen Bezirk der Kläger seinen Wohnsitz oder seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat. Hat der Kläger im Inland keinen Wohnsitz und keinen gewöhnlichen Aufenthalt, ist das Finanzgericht zuständig, in dessen Bezirk die Behörde, gegen welche die Klage gerichtet ist, ihren Sitz hat.

Unter die Regelung fallen nicht nur Streitigkeiten im Rahmen der Festsetzung von Kindergeld, sondern ebenso Streitigkeiten über die Erhebung und Vollstreckung von Kindergeldforderungen1 sowie Streitigkeiten über die Haftung des Gesamtrechtsnachfolgers i.S. von § 45 AO.

§ 38 Abs. 2a Satz 1 FGO ist durch Art. 2 des Gesetzes zur Einführung von Kostenhilfe für Drittbetroffene in Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte sowie zur Änderung der FGO vom 20.04.20132 eingefügt worden. Anlass für diese Regelung war die Neuorganisation der Familienkassen, bei der die bisher 102 Standorte an nur noch 14 Standorten zusammengefasst wurden. Der sich daraus ergebenden „Belastungsverschiebung“ bei den Finanzgerichten sollte durch eine Zuständigkeitsregelung entgegengewirkt werden, die abweichend von § 38 Abs. 1 FGO und in Anlehnung an § 38 Abs. 2 FGO nicht an den Bezirk der Behörde, sondern an den Wohnsitz oder den gewöhnlichen Aufenthalt des Klägers anknüpft. Auf diese Weise sollten zugunsten der rechtsuchenden Bürger eine Verlängerung der Verfahrensdauer und lange Anfahrtswege vermieden werden3.

Stirbt der Kindergeldberechtigte und werden -wie im Streitfall- mehrere Erben im Zuge einer Rückforderung von Kindergeld als Gesamtrechtsnachfolger i.S. von § 45 AO in Haftung genommen, kann die Sonderregelung des § 38 Abs. 2a FGO zu einer nach Ansicht des beschließenden Bundesfinanzhofs vom Gesetzgeber nicht beabsichtigten Aufspaltung der Zuständigkeit für den an sich einheitlich zu entscheidenden Rechtsstreits führen.

Zwar lässt sich für jeden Erben, der gegen den Haftungsbescheid Klage erhebt, ein gemäß § 38 Abs. 2a FGO örtlich zuständiges Finanzgericht bestimmen. Dass damit aber in der Konsequenz, wenn die Erben ihren jeweiligen Wohnsitz in unterschiedlichen Finanzgerichtsbezirken haben, mehrere Finanzgericht zuständig werden und aufgerufen sind, über den identischen Lebenssachverhalt zu entscheiden -nämlich über die Rechtmäßigkeit des Rückforderungsanspruchs einer Familienkasse gegen den Verstorbenen als ursprünglichen Kindergeldberechtigten-, ist vom Sinn und Zweck dieser Regelung nicht gedeckt. Auch ist es unter dem Gesichtspunkt der Prozessökonomie nicht sinnvoll, wenn zwei Finanzgericht mit der Rechtmäßigkeit des Rückforderungsanspruchs befasst werden, zumal dies die Gefahr divergierender Entscheidungen gegenüber den Erben birgt, die als Gesamtrechtsnachfolger nach § 2058 BGB gesamtschuldnerisch haften und somit gemäß § 426 BGB einander zum Ausgleich verpflichtet sind.

In Anbetracht dieser Umstände hält es der Bundesfinanzhof für gerechtfertigt, § 39 Abs. 1 Nr. 5 FGO entsprechend heranzuziehen.

Zwar hat der beschließende Bundesfinanzhof wiederholt entschieden, dass es sich bei § 39 FGO um eine spezielle, die Materie abschließend regelnde Verfahrensvorschrift handelt4. Doch kann dies nach Auffassung des Bundesfinanzhofs nicht in Bezug auf die erst 2013 geschaffene Sonderregelung in § 38 Abs. 2a FGO gelten, soweit diese -wie dargelegt- zu einer Zuständigkeit mehrerer Gerichte führt. § 39 Abs. 1 FGO ist insoweit lückenhaft5.

Für dieses Ergebnis spricht auch die folgende Überlegung: Hätte der Vater der Antragsteller selbst noch gegen den Rückforderungsbescheid geklagt und wäre er nach Klageerhebung verstorben, so wären die Erben als Gesamtrechtsnachfolger im Wege des gesetzlichen Beteiligtenwechsels in den bereits anhängigen Rechtsstreit eingetreten6. In diesem Fall hätte sich an der auf § 38 Abs. 2a FGO gegründeten örtlichen Zuständigkeit des angerufenen -einen- Gerichts nichts geändert7.

Bundesfinanzhof, Beschluss vom 11. Februar 2021 – VII S 3/21

  1. so zutreffend für die Vollstreckung von Rückforderungsbescheiden: FG Hamburg, Beschluss vom 02.03.2020 – 6 V 4/20; und Hess. FG, Beschluss vom 30.08.2019 – 12 – V 591/19, EFG 2020, 218, Rz 12[]
  2. BGBl I 2013, 829[]
  3. vgl. BT-Drs. 17/12535, S. 4[]
  4. BFH, Beschlüsse vom 26.02.2004 – VII B 341/03, BFHE 204, 413, BStBl II 2004, 458, unter 1.a der Entscheidungsgründe; und vom 18.02.1986 – VII S 39/85, BFHE 146, 14, BStBl II 1986, 357, unter II. 1.b; s.a. BVerwG, Beschluss vom 27.01.1982 – 4 ER 401/81, BVerwGE 64, 347, zu § 53 VwGO; Steinhauff in Hübschmann/Hepp/Spitaler -HHSp-, § 39 FGO Rz 50, m.w.N.[]
  5. zu einer entsprechenden Anwendung von § 39 Abs. 1 Nr. 4 FGO bei einem negativen Kompetenzkonflikt zwischen Gerichten verschiedener Gerichtszweige s.a. BFH, Beschluss in BFHE 204, 413, BStBl II 2004, 458, unter 1.d der Entscheidungsgründe[]
  6. vgl. auch Paetsch in Gosch, FGO § 67 Rz 10; Schallmoser in HHSp, § 67 FGO Rz 30[]
  7. ähnlich in der Begründung auch BFH, Beschluss vom 10.11.2020 – XI S 17/20, BFH/NV 2021, 342, Rz 13[]