Kos­ten der künst­li­chen Befruch­tung

Die Kran­ken­kas­se hat die Kos­ten für eine künst­li­che Befruch­tung mit­tels Intra­zy­to­plas­ma­ti­sche Sper­mien­in­jek­ti­on (ICSI) nicht zu tra­gen, wenn die fest­ge­leg­ten Grenz­wer­te nicht erfüllt wer­den.

Kos­ten der künst­li­chen Befruch­tung

Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat hier ent­schie­den, dass die Klä­ger kei­nen Anspruch auf Erstat­tung der hälf­ti­gen Kos­ten für eine Maß­nah­me der künst­li­chen Befruch­tung mit­tels ICSI haben. Die Oli­go-Aste­no­zoo­sper­mie des Klä­gers bestand nicht in einem Aus­maß, wel­ches die vom Bun­des­aus­schuss in Richt­li­ni­en fest­ge­leg­ten Anfor­de­run­gen erfüll­te. Die Richt­li­ni­en bestim­men die Indi­ka­ti­on für ICSI als eine ärzt­li­che Maß­nah­me zur künst­li­chen Befruch­tung for­mell und inhalt­lich recht­mä­ßig. Sie knüp­fen über­ein­stim­mend mit § 27a SGB V an eine hin­rei­chen­de Erfolgs­aus­sicht der Metho­den an und ori­en­tie­ren die Indi­ka­tio­nen an ihren unter­schied­li­chen Aus­rich­tun­gen. Die im Ver­gleich zur IVF stren­ge­ren Min­dest­an­for­de­run­gen für ICSI sind anhand der Stu­di­en­la­ge fol­ge­rich­tig und ver­tret­bar. Dies gilt auch für das Kri­te­ri­um der Pro­gres­siv­moti­li­tät von weni­ger als 15%, das im Fal­le eines unein­heit­li­chen Befun­des erfüllt sein muss, damit eine Behand­lung mit­tels ICSI indi­ziert ist. Hin­wei­se dafür, dass die gel­ten­de Richt­li­ni­en­re­ge­lung 2006 nicht mehr im Ein­klang mit dem Stand der medi­zi­ni­schen Erkennt­nis­se stand, bestehen nicht.

Eine Kran­ken­kas­se ist gegen­über ihrem Ver­si­cher­ten nicht leis­tungs­pflich­tig für Maß­nah­men, die unmit­tel­bar und aus­schließ­lich am Kör­per des (bei ihr nicht ver­si­cher­ten) Ehe­gat­ten ihres Ver­si­che­rungs­neh­mers aus­ge­führt wer­den 1. Es ist dann ggf Sache die­ses Ehe­gat­ten, bei sei­ner eige­nen Kran­ken­kas­se, pri­va­ten Ver­si­che­rung oder Bei­hil­fe­stel­le die unmit­tel­bar und aus­schließ­lich sei­nen Kör­per betref­fen­de Behand­lung zur künst­li­chen Befruch­tung gel­tend zu machen 2. Hier sind indes­sen bei­de Ehe­leu­te bei der beklag­ten Ersatz­kran­ken­kas­se ver­si­chert. Der Antrag ist umfas­send auf alle in Betracht kom­men­den Leis­tun­gen gerich­tet.

Nach § 13 Abs 3 Satz 1 Fall 2 SGB V (hier anzu­wen­den in der seit 1.7.2001 gel­ten­den Fas­sung des Art 5 Nr 7 Buchst b SGB IX vom 19.6.2001, BGBl I 1046) hat die Kran­ken­kas­se die Kos­ten, die dadurch ent­stan­den sind, dass sie eine Leis­tung zu Unrecht abge­lehnt hat und dadurch den Ver­si­cher­ten für die selbst beschaff­te Leis­tung Kos­ten ent­stan­den sind, die­se in der ent­stan­de­nen Höhe zu erstat­ten, soweit die Leis­tung not­wen­dig war. Der in Betracht kom­men­de Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch reicht nicht wei­ter als ein ent­spre­chen­der Sach­leis­tungs­an­spruch; er setzt daher vor­aus, dass die selbst beschaff­te Behand­lung zu den Leis­tun­gen gehört, wel­che die Kran­ken­kas­sen all­ge­mein in Natur als Sach- oder Dienst­leis­tung zu erbrin­gen haben 3. Dar­an fehlt es.

Im Zeit­punkt der Leis­tungs­ver­schaf­fung im August 2006 hat­ten die kla­gen­den Ehe­leu­te näm­lich kei­nen Anspruch auf Leis­tun­gen zur Her­bei­füh­rung einer Schwan­ger­schaft mit­tels ICSI nach Maß­ga­be des § 27a SGB V idF des GKV-Moder­ni­sie­rungs­ge­setz (GMG). Denn die Oli­goasthe­no­zoo­sper­mie des Klä­gers bestand nicht in einem Aus­maß, dass sie die recht­mä­ßig vom Bun­des­aus­schuss gestell­ten Anfor­de­run­gen für die Anwen­dung der ICSI erfüll­te.

§ 27a Abs 1 SGB V gibt Ver­si­cher­ten nur dann Anspruch auf Leis­tun­gen der künst­li­chen Befruch­tung, wenn ins­ge­samt sie­ben im Gesetz näher umschrie­be­ne Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind: Die Leis­tung muss erfor­der­lich sein (Abs 1 Nr 1), hin­rei­chen­de Erfolgs­aus­sicht haben (Abs 1 Nr 2), mit­ein­an­der ver­hei­ra­te­te Ehe­leu­te (Abs 1 Nr 3), die die Alters­gren­zen erfül­len (Abs 3 Satz 1), und eine homo­lo­ge Inse­mi­na­ti­on betref­fen (Abs 1 Nr 4), darf erst nach erfolg­ter Bera­tung statt­fin­den (Abs 1 Nr 5) und muss vor ihrem Beginn geneh­migt sein (Abs 3 Satz 2). Wäh­rend frü­her der Bun­des­aus­schuss für Ärz­te und Kran­ken­kas­sen hier­für zustän­dig war, bestimmt heu­te der Gemein­sa­me Bun­des­aus­schuss in den Richt­li­ni­en nach § 92 SGB V die medi­zi­ni­schen Ein­zel­hei­ten zu Vor­aus­set­zun­gen, Art und Umfang der Maß­nah­men nach § 27a Abs 1 SGB V (§ 27a Abs 4 SGB V in der seit 1.1.2004 gel­ten­den Fas­sung des GMG vom 14.11.2003 4. Er hat zudem unter Ach­tung der Wer­tun­gen des § 27a SGB V über neue Behand­lungs­me­tho­den wie die ICSI Emp­feh­lun­gen abzu­ge­ben 5.

Die­ser Pflicht ist der Bun­des­aus­schuss nach­ge­kom­men. Der Bun­des­aus­schuss für Ärz­te und Kran­ken­kas­sen emp­fahl ICSI für den GKV-Leis­tungs­ka­ta­log und leg­te die Indi­ka­tio­nen in Richt­li­ni­en über künst­li­che Befruch­tung fest 6. Sind nicht alle Kri­te­ri­en gleich­zei­tig erfüllt, ist das ent­schei­den­de Kri­te­ri­um die Pro­gres­siv­moti­li­tät. Sofern die­se unter 15 % im Nativ­sper­ma oder unter 30 % im swim-up-Test liegt, so liegt eine Indi­ka­ti­on für ICSI vor. Die Beur­tei­lung des Sper­mas hat nach den gül­ti­gen WHO-Vor­ga­ben zu erfol­gen.

Die­se indi­ka­ti­ons­be­grün­den­den Anfor­de­run­gen über­traf das unter­such­te Sper­ma des Klä­gers. Nach den Fest­stel­lun­gen des LSG, die von den Betei­lig­ten nicht ange­grif­fen und des­halb für das Revi­si­ons­ge­richt bin­dend sind (§ 163 SGG), über­schritt die Pro­gres­siv­moti­li­tät in den Sper­mio­gram­men des Klä­gers bezo­gen auf Nativ­sper­ma mit Wer­ten von 25 %, 25 %, und 66 % kon­ti­nu­ier­lich den Grenz­wert von 25 % und erst recht den­je­ni­gen von 15 %. Ledig­lich die Kon­zen­tra­ti­on lag stets unter dem Grenz­wert von 10 Mio/​ml.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Klä­ger ist Nr 11.5 der Richt­li­ni­en über künst­li­che Befruch­tung wirk­sam und für den strei­ti­gen Anspruch maß­geb­lich. Richt­li­ni­en sind in der Recht­spre­chung des BSG seit Lan­gem als unter­ge­setz­li­che Rechts­nor­men aner­kannt. Ihre Bin­dungs­wir­kung gegen­über allen Sys­tem­be­tei­lig­ten steht außer Fra­ge 7. Das BSG zieht die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit die­ser Art der Recht­set­zung nicht mehr grund­le­gend in Zwei­fel. Es behält sich aber vor, die vom GBA erlas­se­nen, im Rang unter­halb des ein­fa­chen Geset­zes­rechts ste­hen­den nor­ma­ti­ven Rege­lun­gen for­mell und auch inhalt­lich in der Wei­se zu prü­fen, wie wenn der Bun­des­ge­setz­ge­ber der­ar­ti­ge Rege­lun­gen in Form einer unter­ge­setz­li­chen Norm – etwa einer Rechts­ver­ord­nung – selbst erlas­sen hät­te, wenn und soweit hier­zu auf Grund hin­rei­chend sub­stan­ti­ier­ten Betei­lig­ten­vor­brin­gens kon­kre­ter Anlass besteht 8.

Hin­sicht­lich des Ver­fah­rens und des sach­li­chen Gehalts ist die Recht­mä­ßig­keit der in den Richt­li­ni­en über künst­li­che Befruch­tung fest­ge­leg­ten Indi­ka­tio­nen für die ICSI ins­be­son­de­re an den Rege­lun­gen des SGB V zu mes­sen. Hier­bei wer­den die bei sons­ti­gen dia­gnos­ti­schen oder the­ra­peu­ti­schen Maß­nah­men zu beach­ten­den Qua­li­täts­kri­te­ri­en des § 135 Abs 1 Satz 1 SGB V für die Maß­nah­men der künst­li­chen Befruch­tung durch § 27a SGB V modi­fi­ziert. Wäh­rend grund­sätz­lich der Ein­satz einer neu­en Behand­lungs­me­tho­de nicht dem aner­kann­ten Stand der medi­zi­ni­schen Erkennt­nis­se im Sin­ne des § 2 Abs 1 Satz 3 SGB V ent­spricht, solan­ge ihre Wir­kun­gen und Risi­ken noch der Über­prü­fung bedür­fen 9, kommt es im Rah­men der künst­li­chen Befruch­tung – jeden­falls was die mög­li­che Fehl­bil­dungs­ra­te betrifft – auf die­sen Stan­dard nicht in glei­cher Wei­se an 10. Nichts ande­res gilt für die gesund­heit­li­chen Risi­ken im Zusam­men­hang mit der zur Gewin­nung von Eizel­len ggf not­wen­di­gen hor­mo­nel­len Sti­mu­la­ti­on 11 und den Wirk­sam­keits­nach­weis, da ein Embryo­trans­fer güns­tigs­ten­falls nur in einem Vier­tel der Fäl­le zu einer Schwan­ger­schaft führt 12.

Obwohl danach die in § 27a SGB V ent­hal­te­ne Wer­tung auf die Ent­schei­dung über die Aner­ken­nung neu­er Befruch­tungs­tech­ni­ken durch­schla­gen muss 13, ent­bin­det dies doch nicht im Übri­gen von der Beach­tung der all­ge­mei­nen Vor­ga­ben für die Leis­tun­gen der GKV, dem Wirt­schaft­lich­keits- (§ 12 Abs 1 SGB V) und dem Qua­li­täts­ge­bot (§ 2 Abs 1 Satz 3 SGB V). Des­halb hat der Bun­des­aus­schuss die Auf­ga­be, zu prä­zi­sie­ren, bei wel­chen Indi­ka­tio­nen die ICSI auf Kos­ten der GKV gerecht­fer­tigt ist 14. Soweit der dar­ge­leg­te gesetz­li­che Rege­lungs­ge­halt reicht, ver­bleibt dem GBA kein Gestal­tungs­spiel­raum. Das gilt auch für die Voll­stän­dig­keit der vom Bun­des­aus­schuss zu berück­sich­ti­gen­den Stu­di­en­la­ge 15. Der Bun­des­aus­schuss ent­schei­det erst über die wei­te­re Kon­kre­ti­sie­rung des Geset­zes als Norm­ge­ber. Inso­weit darf die sozi­al­ge­richt­li­che Kon­trol­le ihre eige­nen Wer­tun­gen nicht an die Stel­le der vom Bun­des­aus­schuss getrof­fe­nen Wer­tun­gen set­zen. Viel­mehr beschränkt sich die gericht­li­che Prü­fung in die­sen Seg­men­ten dar­auf, ob die Zustän­dig­keits- und Ver­fah­rens­be­stim­mun­gen sowie die gesetz­li­chen Vor­ga­ben nach­voll­zieh­bar und wider­spruchs­frei Beach­tung gefun­den haben, um den Gestal­tungs­spiel­raum aus­zu­fül­len 16. Nach die­sem Maß­stab hat der Bun­des­aus­schuss die Indi­ka­ti­on für die ICSI for­mell und inhalt­lich recht­mä­ßig fest­ge­legt.

Der Bun­des­aus­schuss hat die im Inter­es­se der ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen der Betrof­fe­nen­par­ti­zi­pa­ti­on umfas­send durch Gesetz und – inzwi­schen – Ver­fah­rens­ord­nung des Bun­des­aus­schus­ses 17 aus­ge­stal­te­ten und abge­si­cher­ten Betei­li­gungs­rech­te gewahrt. Sie stel­len sicher, dass alle sach­na­hen Betrof­fe­nen selbst oder durch Reprä­sen­tan­ten auch über eine unmit­tel­ba­re Betrof­fen­heit in eige­nen Rech­ten hin­aus Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me haben, wenn ihnen nicht nur mar­gi­na­le Bedeu­tung zukommt 18. Die Beschluss­be­grün­dung vom 26.2.2002 belegt, dass die sei­ner­zeit anste­hen­de Bera­tung der ICSI im Bun­des­an­zei­ger und im Deut­schen Ärz­te­blatt ver­öf­fent­licht wur­de. Der Bun­des­aus­schuss berück­sich­tig­te die dar­auf­hin ein­ge­gan­ge­nen schrift­li­chen Stel­lung­nah­men sowie münd­li­che Anhö­run­gen von Sach­ver­stän­di­gen vom ein­ge­rich­te­ten Arbeits­aus­schuss "Fami­li­en­pla­nung" in den Bera­tun­gen.

Der Bun­des­aus­schuss hat die Indi­ka­ti­on für die ICSI auch inhalt­lich recht­mä­ßig fest­ge­legt. Er hat als Grund­la­ge sei­ner Ent­schei­dung die Stu­di­en­la­ge voll­stän­dig berück­sich­tigt, denn er hat sich auf die ver­füg­ba­ren Fach­ver­öf­fent­li­chun­gen gestützt 19. Der Aus­gangs­punkt sei­ner Indi­ka­ti­ons­fest­le­gung ist recht­mä­ßig. Er schließt zugleich die Mög­lich­keit ein, dass nicht alle Ver­si­cher­ten, die von unge­woll­ter Kin­der­lo­sig­keit betrof­fen sind, in for­mal glei­cher Wei­se Maß­nah­men der künst­li­chen Befruch­tung bean­spru­chen kön­nen, weil Metho­den ohne hin­rei­chen­de Erfolgs­aus­sicht nicht in den Leis­tungs­ka­ta­log fal­len.

Die an die Kon­zep­ti­ons­wahr­schein­lich­keit anknüp­fen­de Grenz­zie­hung der Richt­li­ni­en über künst­li­che Befruch­tung für unein­heit­li­che Befun­de ist selbst dann nicht zu bean­stan­den, wenn – wie hier – eine alter­na­ti­ve Metho­de der künst­li­chen Befruch­tung nicht indi­ziert ist. Es ist nicht Auf­ga­be der GKV, die Metho­de der ICSI lücken­los in allen Fäl­len zur Ver­fü­gung zu stel­len, in denen sie medi­zi­nisch mach­bar ist und die Vor­aus­set­zun­gen für ande­re Metho­den der künst­li­chen Befruch­tung nicht gege­ben sind. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Vor­in­stanz 20 han­delt es sich inso­weit weder um Feh­ler in Logik noch in Wer­tungs­kon­sis­tenz.

Die unter­schied­li­chen Aus­rich­tun­gen der Metho­den müs­sen bei der Indi­ka­ti­ons­bil­dung berück­sich­tigt wer­den. So ist der Bun­des­aus­schuss auch vor­ge­gan­gen. Dabei beweg­te sich der Bun­des­aus­schuss auch im Rah­men des Hin­wei­ses, den das Bun­des­so­zi­al­ge­richt in einer frü­he­ren Ent­schei­dung gege­ben hat­te: Es sah mög­li­chen Anlass zu Beschrän­kun­gen der Indi­ka­ti­on für ICSI, weil die­se Metho­de im Ver­hält­nis zur kon­ven­tio­nel­len IVF offen­bar erheb­lich öfter ange­wandt wird, als es nach der sta­tis­ti­schen Ver­tei­lung von Fer­ti­li­täts­stö­run­gen in der männ­li­chen und weib­li­chen Bevöl­ke­rung zu erwar­ten wäre. Dabei ist es für erwä­gens­wert gehal­ten wor­den, die ICSI bei­spiels­wei­se nur bei stren­ger Indi­ka­ti­ons­stel­lung als Kas­sen­leis­tung zuzu­las­sen, zumal gene­rell die ICSI-Metho­de erheb­lich kost­spie­li­ger ist als die IVF-Metho­de 21.

Es bewegt sich im Rah­men des Ver­tret­ba­ren und Fol­ge­rich­ti­gen, dass der Bun­des­aus­schuss bei Aus­fül­lung sei­nes Gestal­tungs­spiel­raums hin­sicht­lich der Indi­ka­ti­ons­stel­lung für ICSI auf der Basis der WHO-Refe­renz­wer­te 22 stren­ge­re Min­dest­an­for­de­run­gen an Sper­ma­pa­ra­me­ter stellt als für den Ein­satz der IVF 23. Wider­spruchs­frei und nach­voll­zieh­bar hat er sich hier­mit für den Fall des unein­heit­li­chen Befun­des ("nicht alle Kri­te­ri­en gleich­zei­tig erfüllt") an der in der Wis­sen­schaft für die IVF erör­ter­ten Min­dest­pro­gres­siv­moti­li­tät von 15 % ori­en­tiert 24 und sich damit eines ent­spre­chend der Bedeu­tung der Beweg­lich­keit der Sper­ma­to­zo­en für die Spon­tan­be­fruch­tung wesent­li­chen Kri­te­ri­ums der andro­lo­gi­schen Dia­gnos­tik bedient.

Wei­ter­hin hat die gel­ten­de Richt­li­ni­en-Rege­lung der medi­zi­ni­schen Indi­ka­ti­on für ICSI im August 2006 in Ein­klang mit dem Stand der wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se gestan­den. Der Gemein­sa­me Bun­des­aus­schuss hat als Norm­ge­ber die sich stän­dig ändern­de Ent­wick­lung des all­ge­mein aner­kann­ten Stan­des der medi­zi­ni­schen Erkennt­nis­se im Blick­feld 25.

Die auf die dar­ge­leg­ten Sach­grün­de gestütz­te Rege­lung der medi­zi­ni­schen Indi­ka­tio­nen für ICSI ver­stößt nicht gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz. Art 3 Abs 1 GG gebie­tet, alle Men­schen vor dem Gesetz gleich zu behan­deln. Damit ist dem Gesetz­ge­ber aller­dings nicht jede Dif­fe­ren­zie­rung ver­wehrt. Er ver­letzt aber das Grund­recht, wenn er eine Grup­pe von Normadres­sa­ten anders als eine ande­re behan­delt, obwohl zwi­schen bei­den Grup­pen kei­ne Unter­schie­de von sol­cher Art und von sol­chem Gewicht bestehen, dass sie die unglei­che Behand­lung recht­fer­ti­gen 26. Ist ein gesetz­li­ches Rege­lungs­kon­zept – wie das, wel­ches § 27 a SGB V zugrun­de liegt 27 – ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, so genü­gen hin­rei­chen­de sach­li­che Grün­de, um eine unter­schied­li­che Behand­lung Betrof­fe­ner zu recht­fer­ti­gen.

Sol­che hin­rei­chen­den Sach­grün­de lie­gen der Grenz­zie­hung in den RL über künst­li­che Befruch­tung zugrun­de. Die Defi­ni­ti­on der Indi­ka­ti­on für ICSI führt zwar dazu, dass bei unein­heit­li­chen Befun­den Ver­si­cher­te mit grenz­wert­über­schrei­ten­der Pro­gres­siv­moti­li­tät gegen­über Ver­si­cher­ten mit grenz­wert­un­ter­schrei­ten­der Pro­gres­siv­moti­li­tät von einer Behand­lung mit ICSI zu Las­ten der GKV aus­ge­schlos­sen und dem­entspre­chend benach­tei­ligt wer­den. Die Grenz­zie­hung beruht indes­sen auf den medi­zi­ni­schen Erkennt­nis­sen über die Kon­zep­ti­ons­wahr­schein­lich­keit bei Anwen­dung der unter­schied­li­chen Metho­den. Der Bun­des­aus­schuss darf ihre Anwen­dung unter Berück­sich­ti­gung der medi­zi­ni­schen Eigen­ge­setz­lich­kei­ten der jewei­li­gen Metho­de regeln. Bei ihrer Bewer­tung ist zu berück­sich­ti­gen, dass gera­de kein Kern­be­reich der GKV-Leis­tun­gen betrof­fen ist 28. Eben­so wie der Gesetz­ge­ber muss der Bun­des­aus­schuss bei der Gestal­tung der Leis­tun­gen in der GKV nicht für jeden Ein­zel­fall Aus­nah­men schaf­fen. Das gilt auch, wenn die Gren­zen von Ansprü­chen neu gestal­tet wer­den 29. Ent­schei­det der Bun­des­aus­schuss über die Gren­zen einer medi­zi­ni­schen Indi­ka­ti­on, gilt nichts Ande­res. Ange­sichts des legi­ti­men Anlie­gens, die Aus­ga­ben für Leis­tun­gen der künst­li­chen Befruch­tung zu Las­ten der GKV zweck­ent­spre­chend zu begren­zen 30, muss der RL-Geber im Grenz­be­reich zwi­schen IVF und ICSI nicht auf eine unbe­schränk­te Öff­nungs­klau­sel aus­wei­chen, um jedem Ver­si­cher­ten mit unein­heit­li­chem Befund zu Las­ten der GKV glei­tend den Metho­den­wech­sel von der IVF zur ICSI zu ermög­li­chen.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 21. Juni 2011 – B 1 KR 18/​10 R

  1. vgl BSGE 88, 51, 54 f = SozR 3 – 2500 § 27a Nr 2 S 13 f; BSG SozR 3 – 2500 § 27a Nr 3 S 26; BSG SozR 4 – 2500 § 27a Nr 1 RdNr 13[]
  2. vgl ins­ge­samt BSG SozR 4 – 2500 § 13 Nr 17; Hauck SGb 2009, 321 ff[]
  3. stRspr, vgl zB BSGE 79, 125, 126 f = SozR 3 – 2500 § 13 Nr 11 S 51 f mwN; BSGE 97, 190 = SozR 4 – 2500 § 27 Nr 12, RdNr 11 mwN – LITT; BSGE 100, 103 = SozR 4 – 2500 § 31 Nr 9, RdNr 13 – Loren­zos Öl[]
  4. BGBl I 2190; vgl auch § 92 Abs 1 Satz 2 Nr 10 SGB V[]
  5. vgl § 135 Abs 1 SGB V; BSGE 88, 62, 72 f = SozR 3 – 2500 § 27a Nr 3 S 33 f[]
  6. Beschluss vom 26.02.2002, BAnz Nr 92 vom 22.5.2002, S 10941, in Kraft getre­ten am 1.7.2002[]
  7. vgl § 91 Abs 9 SGB V idF des GMG, jetzt § 91 Abs 6 SGB V[]
  8. stRspr; zuletzt BSG, Urtei­le vom 01.03.2011 – B 1 KR 10/​10 R – SozR 4 – 2500 § 35 Nr 4 RdNr 32, 37; B 1 KR 7/​10 R – RdNr 22, 26, mwN[]
  9. BSGE 86, 54, 64 = SozR 3 – 2500 § 135 Nr 14 S 70 – aktiv-spe­zi­fi­sche Immun­the­ra­pie; BSG SozR 4 – 2500 § 27 Nr 10 RdNr 30 – neu­ro­psy­cho­lo­gi­sche The­ra­pie[]
  10. BSGE 88, 62, 69 = SozR 3 – 2500 § 27a Nr 3 S 29 f[]
  11. BSGE 88, 62, 69 f = SozR 3 – 2500 § 27a Nr 3 S 30[]
  12. BSGE 88, 62, 70 = SozR 3 – 2500 § 27a Nr 3 S 30 f, unter Hin­weis auf BT-Drucks 11/​6760, S 15[]
  13. BSGE 88, 62, 72 = SozR 3 – 2500 § 27a Nr 3 S 33[]
  14. Hauck, SGb 2009, 321 ff[]
  15. vgl BSG, Urteil vom 01.03.2011 – B 1 KR 10/​10 R – SozR 4 – 2500 § 35 Nr 4 RdNr 37[]
  16. vgl BSG, Urteil vom 01.03.2011 – B 1 KR 10/​10 R – SozR 4 – 2500 § 35 Nr 4 RdNr 38; ähn­lich BSGE 96, 261 = SozR 4 – 2500 § 92 Nr 5, RdNr 67 – The­ra­pieh­in­wei­se[]
  17. vgl jetzt Kap 2 der Ver­fO des Gemein­sa­men Bun­des­aus­schuss[]
  18. vgl dazu BSG, Urteil vom 01.03.2011 – B 1 KR 10/​10 R – SozR 4 – 2500 § 35 Nr 4 RdNr 34; Hauck, NZS 2010, 600, 604[]
  19. Abschluss­be­richt "Fer­ti­li­sa­ti­on" der MDS-Pro­jekt­grup­pe P 10, Novem­ber 1997, S 73 ff; inter­na­tio­na­le Lite­ra­tur­ana­ly­se; Sach­ver­stän­di­gen­an­hö­rung, s Beschluss­be­grün­dung vom 26.2.2002, S 1 f[]
  20. Schles­wig-Hol­stei­ni­sches LSG – L 5 KR 46/​08[]
  21. BSGE 88, 62, 74 = SozR 3 – 2500 § 27a Nr 3 S 35; vgl zu den Kos­ten auch zB die Über­sicht unter www.berliner-kinderwunsch.de[]
  22. vgl hier­zu auch WHO-Labor­hand­buch 1999, S 74; jetzt WHO-Labor­hand­buch 2010, S 224[]
  23. vgl Abschluss­be­richt "Fer­ti­li­sa­ti­on", aaO, S 75[]
  24. vgl Michel­mann, Sind sper­ma­to­lo­gi­sche Mini­mal­kri­te­ri­en sinn­voll?, TW Uro­lo­gie Nephrolo­gie 8, 18, 1996[]
  25. zur Beob­ach­tungs­pflicht: vgl zuletzt BSG, Urtei­le vom 01.03.2011 – B 1 KR 10/​10 R, SozR 4 – 2500 § 35 Nr 4 RdNr 70 f mwN; B 1 KR 7/​10 R, RdNr 73 f mwN[]
  26. stRspr, vgl zB: BVerfGE 112, 50, 67 = SozR 4 – 3800 § 1 Nr 7 RdNr 55 mwN; BVerfGE 117, 316, 325 = SozR 4 – 2500 § 27a Nr 3 RdNr 31; BSG SozR 4 – 2500 § 27a Nr 7 RdNr 12[]
  27. vgl BVerfGE 117, 316 = SozR 4 – 2500 § 27a Nr 3, RdNr 35[]
  28. vgl BSG SozR 4 – 2500 § 27a Nr 7 RdNr 15 mwN; BSG SozR 4 – 2500 § 27a Nr 4 RdNr 13 mwN[]
  29. BVerfG SozR 3 – 2500 § 48 Nr 7 = NJW 1998, 2731; BSG SozR 4 – 2500 § 27a Nr 7 RdNr 15; Schle­gel, VSSR 2004, 313, 315, 321 f, mit Blick auf den Gesetz­ge­ber[]
  30. vgl BVerfGE 115, 25 = SozR 4 – 2500 § 27 Nr 5, RdNr 58, 60[]