Kos­ten­er­stat­tung für den Flug zum Gerichts­ter­min

Flug­rei­se­kos­ten sind dann erstat­tungs­fä­hig, wenn die Mehr­kos­ten einer Flug­rei­se nicht außer Ver­hält­nis zu den Kos­ten einer Bahn­fahrt ers­ter Klas­se ste­hen.

Kos­ten­er­stat­tung für den Flug zum Gerichts­ter­min

Nimmt der Anwalt anläss­lich sei­ner Rei­se meh­re­re Ter­mi­ne war und wird die Fest­set­zung der Rei­se­kos­ten des­halb nur quo­tal bean­tragt, kann der Kos­ten­schuld­ner hier­von nicht dadurch pro­fi­tie­ren, dass sich der Kos­ten­gläu­bi­ger einen Abzug gefal­len las­sen müss­te, falls die Kos­ten für die Flug­rei­se nicht in vol­ler Höhe erstat­tungs­fä­hig gewe­sen wären, wenn der Anwalt nur einen Ter­min wahr­ge­nom­men hät­te 1.

Nach der Grund­re­gel des § 91 Abs. 1 ZPO sind nur die Kos­ten vom Geg­ner zu erstat­ten, die zur zweck­ent­spre­chen­den Rechts­ver­fol­gung oder –ver­tei­di­gung not­wen­dig waren. Das sind sol­che Kos­ten, die eine ver­stän­di­ge Pro­zess­par­tei als sach­dien­lich anse­hen durf­te. Dabei hat sie die Kos­ten so nied­rig als mög­lich zu hal­ten, solan­ge sich dies mit der vol­len Wah­rung ihrer Rech­te ver­ein­ba­ren lässt. Die­ses Gebot ergibt sich aus § 242 BGB 2. Unter meh­re­ren gleich­ar­ti­gen Maß­nah­men ist die kos­ten­güns­tigs­te aus­zu­wäh­len 3.

Geht es um die Erstat­tung von Flug­rei­se­kos­ten, so recht­fer­tigt die Zeit­er­spar­nis die Mehr­kos­ten für eine Flug­rei­se nicht schlecht­hin, wie sich aus der Ver­wei­sung in § 91 Abs. 1 S. 2, 2. Hs. ZPO auf § 5 Abs. 1 und 3 JVEG ergibt. Aus­ge­hend von der letzt­ge­nann­ten Vor­schrift sind Fahrt­kos­ten, die über den Betrag der Bahn­kos­ten hin­aus­ge­hen, nur aus­nahms­wei­se erstat­tungs­fä­hig. Im Fal­le von Flug­kos­ten hat die Recht­spre­chung Erstat­tungs­fä­hig­keit nur bei Aus­lands­rei­sen sowie nur dann bejaht, wenn die Mehr­kos­ten einer Flug­rei­se nicht außer Ver­hält­nis zu den Kos­ten einer Bahn­fahrt ers­ter Klas­se ste­hen 4. Soweit sich der Erin­ne­rungs­geg­ner auf die Ent­schei­dun­gen des OLG Ham­burg vom 23.04.2008 5 beruft, schließt sich das Sozi­al­ge­richt Ham­burg den dor­ti­gen Auf­fas­sun­gen zur Erstat­tungs­fä­hig­keit der Kos­ten der "Busi­ness Class" im vor­lie­gen­den Fall nicht an. Auch wenn das JVEG nur die Rei­se­kos­ten der Par­tei betrifft, ist der Rechts­an­walt nicht schlech­ter zu stel­len als die Par­tei selbst, aber auch nicht bes­ser. Im Übri­gen ist es auch nicht Auf­ga­be des Pro­zess­geg­ners wäh­rend der anwalt­li­chen Rei­se­zeit eine geeig­ne­te Umge­bung für unge­stör­tes Arbei­ten zu bie­ten. Letz­te­res über­sieht das OLG Ham­burg, das dem Rechts­an­walt einen Anspruch auf die Benut­zung der Busi­ness­Class bei ent­spre­chen­der Kos­ten­er­stat­tung unein­ge­schränkt zubil­ligt, da die­ser nur dort wäh­rend des Flu­ges unein­seh­bar arbei­ten kön­ne 6.

Aller­dings ist der Rechts­an­walt nicht ver­pflich­tet, einen Bil­lig­flug zu benut­zen, bei dem er nicht umbu­chen kann 7.

Vor­lie­gend ist nicht dar­ge­legt, dass eine Buchung eines Flu­ges in der Eco­no­my-Class nicht mehr mög­lich gewe­sen ist. Im Ergeb­nis kann dies jedoch dahin ste­hen, da es in den vor­lie­gen­den Ver­fah­ren nicht dar­auf ankommt, wel­cher Tarif der kon­kre­ten Buchung zugrun­de liegt.

Aus­ge­hend von den (fik­ti­ven) Kos­ten, die für eine Bahn­an­rei­se in der ers­ten Wagen­klas­se von B. nach H. und zurück ange­fal­len wären, ist allein zu prü­fen, ob die kon­kret ent­stan­de­nen und zur Erstat­tung ange­mel­de­ten Kos­ten im Ein­zel­fall dem Gebot einer mög­lichst spar­sa­men Pro­zess­füh­rung gerecht wer­den 8.

Für eine Bahn­fahrt von B. nach H. und zurück in der ers­ten Wagen­klas­se wären Kos­ten von ca. 290 € ange­fal­len. Dabei ist aber zu beach­ten, dass der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te vor­lie­gend berech­tigt gewe­sen wäre, per Bahn schon am Vor­tag anzu­rei­sen um den Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung am Vor­mit­tag wahr­zu­neh­men. In die­sem Fall wären sowohl Über­nach­tungs­kos­ten, die die Kam­mer auf 150 € schätzt, sowie wei­te­re 60 € an Tages- und Abwe­sen­heits­geld gemäß Nr. 7005 Nr. 2 VV RVG für den Anrei­se­tag ange­fal­len, so dass ins­ge­samt von fik­ti­ven Kos­ten in Höhe von 535 € aus­zu­ge­hen ist. Dar­über hin­aus ist zu berück­sich­ti­gen, dass auch bei einer Bahn­an­rei­se Taxi­kos­ten ange­fal­len wären. Die­se schätzt das Gericht auf min­des­tens 50 € (Fahrt zum Bahn­hof B. und zurück, Fahrt vom Bahn­hof H. zum Hotel, vom Hotel zum Gericht und zurück zum Bahn­hof).

Hier­nach wären zur Beant­wor­tung der Fra­ge, in wel­cher Höhe die Erin­ne­rungs­geg­ner die Rei­se­kos­ten für ihren Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten erstat­tet ver­lan­gen kön­nen, grund­sätz­lich die tat­säch­lich ange­fal­le­nen und gel­tend gemach­ten Kos­ten in Höhe von 724,43 € (578,48 € Flug­kos­ten, 85,96 € Taxi­kos­ten, 60 € Abwe­sen­heits­geld) mit den fik­tiv bei einer Bahn­an­rei­se ent­stan­de­nen auf ihre Ange­mes­sen­heit hin zu ver­glei­chen.

Es kann jedoch wegen der Beson­der­hei­ten des vor­lie­gend zu ent­schei­den­den Fal­les dahin­ste­hen, ob dann, wenn die tat­säch­li­chen die fik­ti­ven Kos­ten um rund 20 % über­stei­gen, noch von Ange­mes­sen­heit aus­zu­ge­hen ist oder nicht. Denn die Erin­ne­rungs­geg­ner haben ledig­lich die Fest­set­zung von jeweils 82,64 € Flug­kos­ten, 8,57 € Abwe­sen­heits­geld sowie 12,28 € Taxi­kos­ten für die­ses Ver­fah­ren sowie für zwei wei­te­re Ver­fah­ren bean­tragt, weil ihr Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter am Anrei­se­tag vier wei­te­re Gerichts­ter­mi­ne am Sozi­al­ge­richt in Ham­burg wahr­ge­nom­men hat. Nimmt der Anwalt anläss­lich sei­ner Rei­se meh­re­re Ter­mi­ne wahr und wird die Fest­set­zung der Rei­se­kos­ten des­halb nur quo­tal bean­tragt, kann der Kos­ten­schuld­ner hier­von nicht dadurch pro­fi­tie­ren, dass sich der Kos­ten­gläu­bi­ger einen Abzug gefal­len las­sen müss­te, falls die Kos­ten für die Flug­rei­se nicht in vol­ler Höhe erstat­tungs­fä­hig gewe­sen wären, wenn der Anwalt nur einen Ter­min wahr­ge­nom­men hät­te 8. Woll­te man nun von dem nur anteils­mä­ßig erstat­tet ver­lang­ten Betrag wei­te­re Abzü­ge vor­neh­men, so wür­de dies der Sach­la­ge nicht gerecht. Durch die gleich­zei­ti­ge Wahr­neh­mung der sie­ben Ter­mi­ne pro­fi­tiert auch der Erin­ne­rungs­geg­ner von einer Kos­ten­er­spar­nis ins­ge­samt. Des­halb kön­nen die Erin­ne­rungs­geg­ner den zur Fest­set­zung ange­mel­de­ten Betrag in vol­ler Höhe erstat­tet ver­lan­gen.

Sozi­al­ge­richt Ham­burg, Beschluss vom 11. April 2012 – S 27 SF 46/​12 E

  1. OLG Köln, Beschluss vom 28. April 2010 – 17 W 60/​10[]
  2. Hüß­te­ge in: Thomas/​Putzo, ZPO, 32. Auf­la­ge 2011, § 91 ZPO Rdn. 22[]
  3. OLG Köln, Beschluss vom 28.04.2010 – 17 W 60/​10, MDR 2010, 1287 f.[]
  4. vgl. OLG Köln, Beschluss vom 28.04.2010 – 17 W 60/​10, MDR 2010, 1287 f.; OLG Stutt­gart, Beschluss vom 10.03.2010 – 8 W 121/​10, MDR 2010, 898; Mader­t/­Mül­ler-Rabe, in: Gerold/​Schmidt u. a., RVG, 19. Auf­la­ge 2010, Nr. 7003, 7004 VV RVG Rn. 30[]
  5. OLG Ham­burg, Beschluss vom 23.04.2008 – 8 W 43/​08[]
  6. zutref­fen­der­wei­se a. A.: LG Frei­burg, Beschluss vom 18.09.2003 – 5 Qs 85/​08, NJW 2003, 3359; Hüß­te­ge, a.a.O. Rdn. 22; Schnei­der, in: Schneider/​Wolf, RVG, 5. Auf­la­ge 2010, Nr. 7003 – 7006 VV RVG Rdn. 27[]
  7. Mader­t/­Mül­ler-Rabe, a. a. O., Rdn. 33; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 17.12.2008 – I 10 W 93/​08, NJW-RR 2009, 1422 f.[]
  8. so auch OLG Köln, Beschluss vom 28.04.2010 – 17 W 60/​10, MDR 2010, 1287 f.[][]