Kos­ten­über­nah­me zur Klä­rung der Staats­an­ge­hö­rig­keit

Nach § 6 Abs. 1 Asyl­bLG sind unab­wend­ba­re Kos­ten bei der Klä­rung der Staats­an­ge­hö­rig­keit unab­hän­gig von mög­li­chen leis­tungs­recht­li­chen Aus­wir­kun­gen vom Staat zu über­neh­men.

Kos­ten­über­nah­me zur Klä­rung der Staats­an­ge­hö­rig­keit

Eine Pfle­ge­mut­ter ist kei­ne Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge i.S.d. § 7 Abs. 1 Satz 1 Asyl­bLG.

In dem hier vom Sozi­al­ge­richt Ham­burg ent­schie­de­nen Fall hat der Klä­ger dem Grun­de nach gem. § 6 Abs. 1 Asyl­bLG Anspruch auf Über­nah­me unab­wend­ba­rer Kos­ten, die bei der Klä­rung sei­ner Staats­an­ge­hö­rig­keit und bei der Beschaf­fung eines Aus­weis­pa­piers sei­nes Hei­mats­staa­tes ent­ste­hen; das inso­weit bestehen­de Ent­schlie­ßungs­er­mes­sen der Beklag­ten ist redu­ziert.

Nach § 6 Abs. 1 Satz 1 Asyl­bLG kön­nen sons­ti­ge Leis­tun­gen ins­be­son­de­re gewährt wer­den, wenn sie im Ein­zel­fall zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts oder der Gesund­heit uner­läss­lich, zur Deckung beson­de­rer Bedürf­nis­se von Kin­dern gebo­ten oder zur Erfül­lung einer ver­wal­tungs­recht­li­chen Mit­wir­kungs­pflicht erfor­der­lich sind. Die Auf­zäh­lung ist – wie sich bereits aus dem Wort­laut der Vor­schrift ergibt („ins­be­son­de­re“) – nicht abschlie­ßend 1.

Die Leis­tun­gen sind grund­sätz­lich als Sach­leis­tun­gen, bei Vor­lie­gen beson­de­rer Umstän­de auch als Geld­leis­tung zu gewäh­ren, § 6 Abs. 1 Satz 2 Asyl­bLG.

Kos­ten bei der Klä­rung der Fra­ge, wel­ches die Staats­an­ge­hö­rig­keit des Klä­gers ist, sind dem Grun­de nach gem. § 6 Abs. 1 Satz 1 Asyl­bLG zu über­neh­men.

Unab­hän­gig von Reich­wei­te des Tat­be­stands­merk­mals der Erfül­lung einer ver­wal­tungs­recht­li­chen Mit­wir­kungs­pflicht 2 und unab­hän­gig von einer mög­li­chen Ver­bes­se­rung der Leis­tungs­si­tua­ti­on des Betrof­fe­nen (die u.U. auch im Wege des § 2 Abs. 1 Asyl­bLG erreicht wer­den könn­te) hat jeder Mensch ein ele­men­ta­res und schutz­wür­di­ges Inter­es­se dar­an, dass sei­ne Staats­an­ge­hö­rig­keit geklärt wird. Die­se Fra­ge geht weit über den auf­ent­halts­recht­li­chen Sta­tus eines Men­schen (ein­schließ­lich sei­ner sozi­al­recht­li­chen Kon­se­quen­zen) hin­aus und betrifft jeden Men­schen gleich­sam in sei­ner recht­li­chen Iden­ti­tät. Von ihr sind ele­men­ta­re Lebens­fra­gen wie Aus­bil­dung und Berufs­übung, Ehe und Fami­lie und poli­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on abhän­gig. Ein staa­ten­lo­ser Mensch (oder auch ein Mensch unge­klär­ter Staats­an­ge­hö­rig­keit) befin­det sich auch dann in einer Art recht­li­chem Lim­bus, wenn er über eine Nie­der­las­sungs­er­laub­nis ver­fügt und sein Lebens­un­ter­halt gesi­chert ist. Er ist somit zumin­dest genau­so stark von sei­nem unkla­ren Sta­tus betrof­fen wie ein Leis­tungs­be­rech­tig­ter mit geklär­ter Natio­na­li­tät, der „nur“ ein gül­ti­ges Aus­weis­pa­pier benö­tigt.

Die Beklag­te kann sich auch nicht dar­auf beru­fen, der nach § 6 Abs. 1 Asyl­bLG aner­ken­nens­wer­te Bedarf sei aus der Nach­zah­lung von Kin­der­geld zu decken gewe­sen.

Kin­der­geld­be­rech­tigt sind nicht die Kin­der, „für“ die das Kin­der­geld gezahlt wird (vgl. § 1 Abs. 1 Bun­des­kin­der­geld­ge­setz, BKGG, bzw § 62 des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes, EStG), son­dern – abge­se­hen von den Fall­kon­stel­la­tio­nen des § 1 Abs. 2 BKGG, von denen im vor­lie­gen­den Fall kei­ne ver­wirk­licht scheint – die Eltern. Im Recht der steu­er­fi­nan­zier­ten bedürf­tig­keits­ab­hän­gi­gen Sozi­al­leis­tun­gen ist das Kin­der­geld grund­sätz­lich als Ein­nah­me des­je­ni­gen anzu­se­hen, an den es als Leis­tungs­be­rech­tig­ten aus­ge­zahlt wird 3. Zwar sehen das Sozi­al­hil­fe­recht (§ 82 Abs. 1 Satz 3 Sozi­al­ge­setz­buch – Zwölf­tes Buch – Sozi­al­hil­fe, SGB XII) und das Recht der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de (§ 11 Abs. 1 Satz 3 Sozi­al­ge­setz­buch – Zwei­tes Buch – Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de, SGB II) unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen ent­ge­gen der gesetz­ge­be­ri­schen Zweck­be­stim­mung im Kin­der­geld­recht auch die Anrech­nung des Kin­der­gelds bei einem Drit­ten (näm­lich dem Kind) vor, jedoch fehlt es an einer sol­chen Vor­schrift im Asyl­bLG. Eine ana­lo­ge Anwen­dung auch auf die Emp­fän­ger von Grund­leis­tun­gen nach § 3 Asyl­bLG ist ange­sichts der Ver­schie­den­heit der Leis­tungs­sys­te­me gera­de nicht mög­lich.

Auch eine Anrech­nung i.w.S. im Wege der Oblie­gen­heit, das Ein­kom­mens von Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen auf­zu­brau­chen (§ 7 Abs. 1 Satz 1 Asyl­bLG) schei­det aus, denn die Pfle­ge­mut­ter des Klä­gers ist weder in die­ser Eigen­schaft noch in ihrer Eigen­schaft als des­sen leib­li­che Tan­te Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge des Klä­gers im Sin­ne der Vor­schrift. Das Tat­be­stands­merk­mal der Fami­li­en­an­ge­hö­rig­keit i.S.d. § 7 Abs. 1 Satz 1 Asyl­bLG setzt ent­we­der eine Ehe (oder eine ehe­ähn­li­che Lebens­part­ner­schaft), eine Ver­wandt­schaft in gera­de Linie (§ 1589 Satz 1 des Bür­ger­li­chen Gesetz­bu­ches, BGB) bzw. eine ent­spre­chen­de Schwä­ger­schaft (§ 1590 BGB) oder aber ein ent­spre­chen­des tat­säch­li­ches Ver­hält­nis (sog. Stief­eltern­fäl­le) vor­aus 4. Die­se Vor­aus­set­zung erfül­len weder das Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis zwi­schen Tan­te und Nef­fe 5 noch das Pfle­ge­kind­schafts­ver­hält­nis 6.

Das der Beklag­ten nach dem Wort­laut von § 6 Abs. 1 Satz 1 Asyl­bLG zuste­hen­de Ent­schlie­ßungs­er­mes­sen ist „auf Null“ (genau­er gesagt: „auf Eins“) redu­ziert. „Bereits“ in den Fäl­len der „regu­lä­ren“ Pass­be­schaf­fung (d.h. bereits ohne die zusätz­li­che Kom­ple­xi­tät einer Klä­rung der Staats­an­ge­hö­rig­keit) wird über­wie­gend von einer sol­chen Ermes­sens­re­du­zie­rung aus­ge­gan­gen 7. Im vor­lie­gen­den Fall muss dies erst recht gel­ten.

Nicht ent­spre­chend redu­ziert ist jedoch das nach Maß­ga­be von § 6 Abs. 1 Satz 2 Asyl­bLG aus­zu­üben­de Aus­wahler­mes­sen der Behör­de. Da sich die genau­en Kos­ten der vor­dring­li­chen Klä­rung der Staats­an­ge­hö­rig­keits­fra­ge der­zeit schon wegen der erfor­der­li­chen Mit­wir­kung der leib­li­chen Mut­ter des Klä­gers nicht bezif­fern las­sen und die Beklag­te daher bis­lang auch kei­ne Mög­lich­keit hat­te, den Klä­ger auf kos­ten­güns­ti­ge­re Alter­na­ti­ven zu ver­wei­sen, ist hier­zu eine erneu­te Ermes­sens­ent­schei­dung erfor­der­lich.

Sozi­al­ge­richt Ham­burg, Urteil vom 6. Juni 2011 – S 6 AY 67/​09

  1. vgl. auch Wah­ren­dorf, in: Grube/​Wahrendorf, SGB XII, 3. Aufl., 2010, § 6 Asyl­bLG, Rn. 16[]
  2. das aller­dings erheb­lich wei­ter aus­zu­le­gen ist als Beklag­te annimmt, vgl. LSG Nord­rhein-West­fa­len, Urteil vom 10.03.2008 – L 20 AY 16/​07, InfAuslR 2008, 320 ff[]
  3. BSG, Urteil vom 16.01.2007 – B 8/​9b SO 8/​06 R, SozR 4 – 1300 § 44 Nr. 11[]
  4. aus­führ­lich SG Aachen, Urteil vom 13.01.2010 – S 19 AY 11/​09, SAR 2010, 21 ff., m.w.N.[]
  5. aus­führ­lich zu die­ser Kon­stel­la­ti­on SG Aachen, a.a.O.[]
  6. das i.Ü. auch unter Gel­tung des SGB II kein Kind­schafts­ver­hält­nis im Rechts­sin­ne ist, vgl. nur LSG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 19.03.2009 – L 25 AS 1446/​07[]
  7. LSG Nord­rhein-West­fa­len, Urteil vom 10.03.2008 – L 20 AY 16/​07, InfAuslR 2008, 320 ff; Wah­ren­dorf, a.a.O., Rn. 15[]