Künf­ti­ge Ver­schlech­te­rung des Leis­tungs­ver­mö­gens nach einem Arbeits­un­fall

Mög­li­che künf­ti­ge Ver­schlech­te­run­gen des kör­per­li­chen und geis­ti­gen Leis­tungs­ver­mö­gens nach einem Arbeits­un­fall wer­den bei der Bemes­sung der Min­de­rung der Erwerbs­fä­hig­keit (MdE) nicht berück­sich­tigt; maß­geb­lich für die Bemes­sung der MdE sind nur die aktu­ell vor­lie­gen­den Beein­träch­ti­gun­gen des kör­per­li­chen und geis­ti­gen Leis­tungs­ver­mö­gens.

Künf­ti­ge Ver­schlech­te­rung des Leis­tungs­ver­mö­gens nach einem Arbeits­un­fall

So die Ent­schei­dung des Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg in dem hier vor­lie­gen­den Fall einer Klä­ge­rin, die wegen der Fol­gen eines aner­kann­ten Arbeits­un­falls eine höhe­re Ren­te bean­sprucht. Die Klä­ge­rin ver­un­glück­te am 06.12.2007 als Schü­le­rin im Sport­un­ter­richt. Sie knick­te beim Hucke­pack-Tra­gen einer Mit­schü­le­rin um und zog sich hier­bei eine kom­plet­te Rup­tur des hin­te­ren Kreuz­ban­des rechts, eine Teil­rup­tur des Reti­nacu­lum patel­la media­le rechts, des Innen­ban­des beid­sei­tig, ein bone brui­se im media­len Femur­kon­dy­lus und im media­len late­ra­len Tibia­pla­teau rechts sowie eine längs­ver­lau­fen­de Tibia­kopf­frak­tur ohne wesent­li­che Dis­lo­ka­ti­on rechts zu. Ab August 2008 konn­te die Klä­ge­rin mit Ein­schrän­kun­gen wie­der am Schul­sport teil­neh­men. Am 16.09.2008 been­de­te Dr. C. die beson­de­re Heil­be­hand­lung; die Klä­ge­rin sei ab 17.09.2008 wie­der arbeits­fä­hig, die Min­de­rung der Erwerbs­fä­hig­keit betra­ge nach vor­läu­fi­ger Schät­zung über die 26. Woche nach dem Unfall hin­aus 20 v.H. Im Gut­ach­ten vom 10.07.2009 stell­te Dr. D., Fach­arzt für Chir­ur­gie, fest, dass die Klä­ge­rin im All­tag sämt­li­che Tätig­kei­ten aus­üben kön­ne, extre­me sport­li­che Belas­tun­gen mit Akze­l­lera­ti­ons- und Dezel­lera­ti­ons­mo­men­ten soll­ten ver­mie­den wer­den. Für die Berufs­wahl sei die Berück­sich­ti­gung der Ver­let­zungs­fol­gen inso­fern emp­feh­lens­wert, als sich der Zustand des Knie­ge­len­kes unfall­be­dingt über die Jah­re ver­schlech­tern kön­ne.

Mit Bescheid vom 07.12.2009 aner­kann­te die Beklag­te den Unfall vom 06.12.2007 als Ver­si­che­rungs­fall (Arbeits­un­fall) und bewil­lig­te der Klä­ge­rin eine Ren­te als vor­läu­fi­ge Ent­schä­di­gung nach einer zeit­lich gestaf­fel­ten MdE. Nach erfolg­lo­sem Wider­spruchs­ver­fah­ren hat die Klä­ge­rin Kla­ge vor dem Sozi­al­ge­richt Kon­stanz erho­ben mit dem Antrag, ihr über den 31.12.2008 hin­aus eine Ren­te nach einer MdE von 30 v.H. zu gewäh­ren. Mit Bescheid vom 19.11.2010 bewil­lig­te die Beklag­te der Klä­ge­rin Ren­te auf unbe­stimm­te Zeit nach einer MdE von 20 v.H. ab 01.12.2010. Mit Urteil vom 14.12.2010 hat das Sozi­al­ge­richt die Kla­ge abge­wie­sen. Zur Begrün­dung hat es aus­ge­führt, die Klä­ge­rin habe für die Zeit ab 01.01.2009 kei­nen Anspruch auf Ver­letz­ten­ren­te nach einer höhe­ren MdE als 20 v.H. Hier­ge­gen hat die Klä­ge­rin Beru­fung ein­ge­legt.

In sei­ner Begrün­dung führt das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg aus, dass als Unfall­fol­gen radio­lo­gisch nach­ge­wie­se­ne Hin­wei­se auf eine begin­nen­de Arthro­se im rech­ten Knie­ge­lenk medi­al, ein gerin­ges Bewe­gungs­de­fi­zit und ein leich­tes bis mäßi­ges Belas­tungs­de­fi­zit des rech­ten Knie­ge­len­kes bei Rest­in­sta­bi­li­tät nach Riss des hin­te­ren Kreuz­ban­des, Teil­riss des Innen- und Außen­ban­des am rech­ten Knie­ge­lenk sowie nicht ver­scho­be­nem Schien­bein­kopf­bruch und Waden­köpf­chen­bruch rechts aner­kannt sind. Die­se recht­fer­ti­gen kei­ne höhe­re MdE als 20 v.H.

Die MdE rich­tet sich nach dem Umfang der sich aus der Beein­träch­ti­gung des kör­per­li­chen und geis­ti­gen Leis­tungs­ver­mö­gens erge­ben­den ver­min­der­ten Arbeits­mög­lich­kei­ten auf dem gesam­ten Gebiet des Erwerbs­le­bens. Bei jugend­li­chen Ver­si­cher­ten wird die MdE nach den Aus­wir­kun­gen bemes­sen, die sich bei Erwach­se­nen mit glei­chem Gesund­heits­scha­den erge­ben wür­de (§ 56 Abs. 2 Sät­ze 1, 2 SGB VII). Die Bemes­sung der MdE hängt danach von zwei Fak­to­ren ab, näm­lich den ver­blie­be­nen Beein­träch­ti­gun­gen des kör­per­li­chen und geis­ti­gen Leis­tungs­ver­mö­gens und dem Umfang der dadurch ver­schlos­se­nen Arbeits­mög­lich­kei­ten. Ent­schei­dend hier­bei ist nicht der Gesund­heits­scha­den als sol­cher, son­dern viel­mehr der Funk­ti­ons­ver­lust unter medi­zi­ni­schen, juris­ti­schen, sozia­len und wirt­schaft­li­chen Gesichts­punk­ten [1].

Die Bemes­sung des Gra­des der MdE, also die auf­grund § 56 Abs. 2 Satz 1 SGB VII durch eine Schät­zung vor­zu­neh­men­de Fest­le­gung des kon­kre­ten Umfangs der sich aus der Beein­träch­ti­gung des kör­per­li­chen und geis­ti­gen Leis­tungs­ver­mö­gens erge­ben­den ver­min­der­ten Arbeits­mög­lich­kei­ten auf dem gesam­ten Gebiet des Erwerbs­le­bens, ist nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richt eine tat­säch­li­che Fest­stel­lung, die das Gericht gemäß § 128 Abs. 1 Satz 1 SGG nach sei­ner frei­en, aus dem Gesamt­ergeb­nis des Ver­fah­rens gewon­ne­nen Über­zeu­gung trifft. Dies gilt für die Fest­stel­lung der Beein­träch­ti­gung des Leis­tungs­ver­mö­gens des Ver­si­cher­ten eben­so wie für die auf der Grund­la­ge medi­zi­ni­scher und sons­ti­ger Erfah­rungs­sät­ze über die Aus­wir­kun­gen bestimm­ter kör­per­li­cher oder see­li­scher Beein­träch­ti­gun­gen zu tref­fen­de Fest­stel­lung der ihm ver­blie­be­nen Erwerbs­mög­lich­kei­ten. Ärzt­li­che Mei­nungs­äu­ße­run­gen dar­über, inwie­weit der­ar­ti­ge Beein­träch­ti­gun­gen sich auf die Erwerbs­fä­hig­keit aus­wir­ken, sind eine wich­ti­ge und viel­fach unent­behr­li­che Grund­la­ge für die rich­ter­li­che Schät­zung der MdE, vor allem soweit sie sich dar­auf bezie­hen, in wel­chem Umfang die kör­per­li­chen und geis­ti­gen Fähig­kei­ten des Ver­letz­ten durch die Unfall­fol­gen beein­träch­tigt sind [2]. Die zumeist in jahr­zehn­te­lan­ger Ent­wick­lung von der Recht­spre­chung sowie dem unfall­ver­si­che­rungs­recht­li­chen und unfall­ver­si­che­rungs­me­di­zi­ni­schen Schrift­tum her­aus­ge­ar­bei­te­ten Erfah­rungs­sät­ze sind bei der Beur­tei­lung der MdE zu beach­ten; sie sind zwar nicht für die Ent­schei­dung im Ein­zel­fall bin­dend, bil­den aber die Grund­la­ge für eine glei­che und gerech­te Bewer­tung der MdE in zahl­rei­chen Par­al­lel­fäl­len der täg­li­chen Pra­xis und unter­lie­gen einem stän­di­gen Wan­del [3].

Dem­entspre­chen­de Erfah­rungs­wer­te sind bei­spiel­haft ange­ge­ben bei Schönberger/​Mehrtens/​Valentin, Arbeits­un­fall und Berufs­krank­heit. Danach wird die Höhe der MdE bei Knie­ge­lenk­schä­den haupt­säch­lich bestimmt durch die Ver­min­de­rung der Beweg­lich­keit, eine unphy­sio­lo­gi­sche Zunah­me der Beweg­lich­keit (Über­streck­bar­keit, Wackel­be­weg­lich­keit, Ver­schieb­lich­keit oder Bereit­schaft zu Teil­ver­ren­kun­gen) und Schmerz­haf­tig­keit (objek­ti­ve Grund­la­ge) [4]. Nach den dort genann­ten Erfah­rungs­wer­ten bedingt eine Bewe­gungs­ein­schrän­kung eines Knie­ge­lenks (Streckung/​Beugung) von 0/​0/​120 eine MdE von 10 v.H.; eine Locke­rung des Knie­band­ap­pa­ra­tes (Wackel­knie) mus­ku­lär kom­pen­siert eine MdE von 10 v.H., mus­ku­lär nicht kom­pen­siert eine MdE von 20 v.H. Eine Arthro­se bedingt je nach Funk­ti­ons­be­hin­de­rung eine MdE von 10 bis 30 v.H. Unter Zugrun­de­le­gung die­ser Erfah­rungs­wer­te ist ledig­lich eine MdE von 20 v.H. gerecht­fer­tigt, da eine Arthro­se allen­falls im Früh­sta­di­um vor­liegt.

Dies ent­spricht auch den von den Sach­ver­stän­di­gen erho­be­nen Befun­den. Hin­sicht­lich der Beur­tei­lung der bei der Klä­ge­rin bestehen­den Unfall­fol­gen sind die Sach­ver­stän­di­gen Dr. E. und Dr. F. zu einer weit­ge­hend über­ein­stim­men­den Beur­tei­lung gelangt. Dr. E. hat die Unfall­fol­gen als ver­blei­ben­de Insta­bi­li­tät im rech­ten Knie­ge­lenk mit regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­den Schmer­zen bei Belas­tung, end­gra­di­ge, beson­ders beim Hin­ho­cken stö­ren­de Ein­schrän­kung der Beu­gung, schmerz­haf­tes Knien durch Druck­schmerz im Bereich der Tibia­vor­der­kan­te und Schwell­nei­gung des rech­ten Unter­schen­kels nach einer hal­ben bis einer Stun­de Gehen beschrie­ben. Dr. F. hat die ver­blie­be­nen Gesund­heits­stö­run­gen umschrie­ben als schmerz­haf­te Funk­ti­ons­stö­rung des rech­ten Knie­ge­lenks nach kom­ple­xer Kno­chen­band­ver­let­zung mit anhal­ten­der Rest­in­sta­bi­li­tät nach hin­te­rer Kreuz­band­plas­tik. Nach der Beur­tei­lung bei­der Sach­ver­stän­di­ger bestehen bei der Klä­ge­rin ohne beson­de­re Belas­tung kei­ne Schmer­zen mehr.

Eine höhe­re MdE ergibt sich auch nicht unter Zugrun­de­le­gung der der Klä­ge­rin noch kon­kret mög­li­chen Tätig­kei­ten. Auf­grund der Knie­ver­let­zung kann die Klä­ge­rin die Hock­stel­lung nicht mehr voll­stän­dig ein­neh­men. Sie kann des­halb Arbei­ten in kom­plet­ter Hock­stel­lung über einen län­ge­ren Zeit­raum nicht mehr ver­rich­ten. Mög­lich sind ihr jedoch noch Gehen, Trep­pen­stei­gen, Rad­fah­ren und Auto­fah­ren. In Bezug auf die leich­te Beu­ge­schwä­che bestehen somit ledig­lich gerin­ge Ein­schrän­kun­gen hin­sicht­lich der Erwerbs­fä­hig­keit. Durch die kom­ple­xe Band­in­sta­bi­li­tät des rech­ten Knies wird jedoch eine Früh­arthro­se deut­lich begüns­tigt, so dass die Klä­ge­rin kei­ne Tätig­kei­ten mit außer­ge­wöhn­li­chen mecha­ni­schen Belas­tun­gen mehr ver­rich­ten soll­te. Dr. F. hat hier­zu aus­ge­führt, zu ver­mei­den sei­en Arbei­ten aus­schließ­lich oder über­wie­gend im Ste­hen und Gehen, Arbei­ten auf sehr unebe­nem und rut­schi­gem Gelän­de, Arbei­ten, die mit Sprung­be­las­tun­gen ein­her­ge­hen, häu­fi­ges und umfang­rei­ches Trep­pen­stei­gen sowie Stei­gen auf Lei­tern und Gerüs­te. Auch unter Berück­sich­ti­gung die­ser Ein­schrän­kun­gen ist ledig­lich eine MdE von 20 v.H. gerecht­fer­tigt ist. Denn auch unter Zugrun­de­le­gung der Beur­tei­lung durch Dr. F. kann die Klä­ge­rin noch Tätig­kei­ten mit gele­gent­li­chem Trep­pen­stei­gen und Bestei­gen von Lei­tern und Gerüs­ten ver­rich­ten. Auch Arbei­ten im Frei­en kann sie ver­rich­ten, ledig­lich sehr unebe­nes und rut­schi­ges Gelän­de muss sie ver­mei­den. Eben­so kann sie noch Tätig­kei­ten mit mit­tel­schwe­rem und schwe­rem Heben und Tra­gen ver­rich­ten, soll­te dies jedoch nicht regel­mä­ßig tun. Auch nach der Beur­tei­lung durch Dr. F. sind damit ledig­lich die meis­ten Bau­ar­bei­ten, Arbei­ten in der Land- und Fort­wirt­schaft, Über­wa­chungs­auf­ga­ben auf schwie­ri­gem Gelän­de sowie ein Groß­teil der Sport­ar­ten aus­ge­schlos­sen. Für alle übri­gen Tätig­kei­ten bestehen jedoch kei­ne Ein­schrän­kun­gen.

Soweit der Sach­ver­stän­di­ge Dr. F. über die unter Zugrun­de­le­gung der Erfah­rungs­wer­te ermit­tel­ten MdE-Gra­de eine Erhö­hung unter dem Aspekt einer Ver­mei­dung einer rich­tungs­wei­sen­den Ver­schlim­me­rung vor­schlägt, ist dem nicht zu fol­gen. Denn gera­de weil die mess­tech­nisch fest­ge­stell­ten Ein­schrän­kun­gen – u.a. eine „teil­wei­se objek­ti­vier­ba­re Insta­bi­li­tät“ im rech­ten Knie – vor­lie­gen, kann die Klä­ge­rin die genann­ten Arbei­ten nicht mehr aus­üben. Das Aus­maß der ver­min­der­ten Arbeits­mög­lich­kei­ten ist damit schon in den nach den Erfah­rungs­wer­ten ermit­tel­ten MdE-Gra­den ent­hal­ten. Dem­ge­gen­über ist für eine Art „Risi­ko­zu­schlag“ oder „Gefähr­dungs-MdE“ wegen der Pro­gno­se­un­si­cher­hei­ten hin­sicht­lich der Ent­wick­lung der Krank­heit in der auf die ver­min­der­ten Arbeits­mög­lich­kei­ten bezo­ge­nen MdE-Schät­zung in der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung kein Raum, weil auf die Beein­träch­ti­gung des kör­per­li­chen und geis­ti­gen Leis­tungs­ver­mö­gens im Zeit­punkt der Ent­schei­dung abzu­stel­len ist und erst in Zukunft mög­li­cher­wei­se ein­tre­ten­de Schä­den grund­sätz­lich nicht zu berück­sich­ti­gen sind [5].

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 29. Febru­ar 2012 – L 3 U 154/​11

  1. BSG, Urteil vom 22.06.2004 – B 2 U 14/​03 R[]
  2. BSG, Urteil vom 30.06.1998 – B 2 U 41/​97 R[]
  3. BSG, Urteil vom 22.06.2004 – B 2 U 14/​03 R[]
  4. Schönberger/​Mehrtens/​Valentin, Arbeits­un­fall und Berufs­krank­heit, 8. Aufl. 2010, S. 653[]
  5. BSG, Urteil vom 22.06.2004 – B 2 U 14/​03 R []