Län­der­über­grei­fen­de Beauf­tra­gung des Medi­zi­ni­schen Diens­tes der Kran­ken­ver­si­che­rung

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men, die die Fra­ge betrifft, ob für die Ein­ho­lung einer gut­ach­ter­li­chen Stel­lung­nah­me des Medi­zi­ni­schen Diens­tes der Kran­ken­ver­si­che­rung (Medi­zi­ni­scher Dienst) zur Prü­fung der Not­wen­dig­keit einer sta­tio­nä­ren Behand­lung eines Pati­en­ten aus einem Bun­des­land, der bei einer Betriebs­kran­ken­kas­se mit Sitz in die­sem Bun­des­land ver­si­chert ist, der Medi­zi­ni­sche Dienst die­ses Bun­des­lan­des aus­schließ­lich zustän­dig ist oder von der Kran­ken­kas­se nach ihrer Wahl auch der Medi­zi­ni­sche Dienst in einem ande­ren Bun­des­land, also län­der­über­grei­fend beauf­tragt wer­den darf.

Län­der­über­grei­fen­de Beauf­tra­gung des Medi­zi­ni­schen Diens­tes der Kran­ken­ver­si­che­rung

Ein Kran­ken­haus in Nord­rhein-West­fa­len hat­te vor den Sozi­al­ge­rich­ten erfolg­los 1 gegen eine Ver­pflich­tung zur Her­aus­ga­be der Behand­lungs­un­ter­la­gen eines Pati­en­ten an den Medi­zi­ni­schen Dienst in Rhein­land-Pfalz mit der Argu­men­ta­ti­on geklagt, dass für alle Prüf­auf­ga­ben, die dem Medi­zi­ni­schen Dienst durch den Gesetz­ge­ber in § 275 SGB V zuge­wie­sen sei­en, kraft bun­des­ge­setz­li­cher Vor­ga­be allein eine ver­band­li­che bezie­hungs­wei­se föde­ra­le Zustän­dig­keit des Medi­zi­ni­schen Diens­tes ent­spre­chend sei­ner föde­ra­len Ein­rich­tung auf Län­der­ebe­ne bestehe. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat eine ört­li­che Begren­zung der Prü­fungs­kom­pe­tenz des Medi­zi­ni­schen Diens­tes auf der Grund­la­ge der in den §§ 275, 276 SGB V ent­hal­te­nen Rege­lun­gen über Auf­ga­ben und Zustän­dig­keit des Medi­zi­ni­schen Diens­tes mit ange­grif­fe­nem Urteil vom 17.12 2013 ver­neint 2.

Mit ihrer Ver­fas­sungs­be­schwer­de rügt die Kli­nik die Ver­let­zung ihrer Grund­rech­te aus Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats- und Bun­des­staats­prin­zip sowie aus Art. 3 Abs. 1 GG. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nahm die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung an, weil sie kei­ne hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg habe 3.

Soweit die Kli­nik rügt, sie sei in ihrer all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit ver­letzt, die das bestim­mungs­ge­mä­ße Wir­ken im Rah­men der Geset­ze garan­tie­re, ist die Ver­fas­sungs­be­schwer­de unzu­läs­sig. Die Kli­nik beruft sich inso­weit auf eine Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts ihrer Pati­en­ten (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG). Damit rügt sie in der Sache die Ver­let­zung der Rech­te ande­rer.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist für den Beschwer­de­füh­rer ein Rechts­be­helf zur Ver­tei­di­gung eige­ner sub­jek­ti­ver Rech­te 4. Zur Zuläs­sig­keit einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de gehört auch die schlüs­si­ge Behaup­tung des Beschwer­de­füh­rers, dass er selbst, gegen­wär­tig und unmit­tel­bar durch die öffent­li­che Gewalt in sei­nen grund­recht­lich geschütz­ten Posi­tio­nen ver­letzt sei 5. Die Kli­nik macht inso­weit hin­sicht­lich des vor­der­grün­dig gerüg­ten Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 GG im Ergeb­nis nicht eige­ne Grund­rech­te, son­dern sol­che ihrer Pati­en­ten gel­tend.

Unzu­läs­sig ist die Ver­fas­sungs­be­schwer­de auch im Hin­blick auf die Rüge einer Ver­let­zung des Art. 3 Abs. 1 GG, da sie nicht ent­spre­chend den Anfor­de­run­gen der § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG sub­stan­ti­iert und schlüs­sig die Mög­lich­keit der Ver­let­zung spe­zi­fi­schen Ver­fas­sungs­rechts auf­zeigt. Nach die­sen Vor­schrif­ten ist ein Beschwer­de­füh­rer gehal­ten, inner­halb der Beschwer­de­frist die Grund­rechts­ver­let­zung durch Bezeich­nung des angeb­lich ver­letz­ten Rechts und des die Ver­let­zung ent­hal­ten­den Vor­gangs sub­stan­ti­iert und schlüs­sig vor­zu­tra­gen. Dabei hat er auch dar­zu­le­gen, inwie­weit durch die ange­grif­fe­ne Maß­nah­me das bezeich­ne­te Grund­recht ver­letzt sein soll 6.

Rügt ein Beschwer­de­füh­rer die Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Gleich­heits­grund­sat­zes (Art. 3 Abs. 1 GG), so muss er Ver­gleichs­grup­pen bil­den und vor­tra­gen, dass es sich bei den von ihm gebil­de­ten Ver­gleichs­grup­pen um im Wesent­li­chen glei­che Sach­ver­hal­te han­delt 7. Es muss plau­si­bel dar­ge­legt wer­den, wer in Bezug auf wen in wel­cher Wei­se benach­tei­ligt wird. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de muss erken­nen las­sen, wor­in kon­kret ein indi­vi­du­el­ler Nach­teil liegt. Rich­tet sich der Angriff gegen eine Rege­lung, muss vor­ge­tra­gen wer­den, zwi­schen wel­chen kon­kre­ten Ver­gleichs­grup­pen eine auch indi­vi­du­ell nach­tei­lig wir­ken­de Ungleich­be­hand­lung bestehen soll 8.

Die­sen Anfor­de­run­gen wird die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht gerecht. Aus dem Vor­trag der Kli­nik ergibt sich kei­ne ver­fas­sungs­wid­ri­ge Ungleich­be­hand­lung im Prüf­ver­fah­ren durch den Ein­satz über­ört­li­cher Medi­zi­ni­scher Diens­te. Ein kon­kre­ter indi­vi­du­el­ler Nach­teil für die Kli­nik ist nicht erkenn­bar.

Im Übri­gen ist die Ver­fas­sungs­be­schwer­de jeden­falls unbe­grün­det. Das ange­grif­fe­ne Urteil des Bun­des­so­zi­al­ge­richts ver­letzt die Kli­nik nicht in ihren Grund­rech­ten.

Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat § 276 Abs. 2 Satz 1 Halb­satz 2 SGB V nach den all­ge­mein aner­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den 9 aus­ge­legt. Es hat in nicht zu bean­stan­den­der Wei­se fest­ge­stellt, dass weder Wort­laut noch Sys­te­ma­tik, Ent­ste­hungs­ge­schich­te und Ziel­set­zung der gesetz­li­chen Rege­lun­gen Anhalts­punk­te für die Annah­me böten, dass die dem Medi­zi­ni­schen Dienst zuge­wie­se­nen Auf­ga­ben aus­schließ­lich nach räum­li­chen Wir­kungs­krei­sen wahr­zu­neh­men sei­en. Das SGB V mache ledig­lich Vor­ga­ben für die zwar grund­sätz­lich lan­des­be­zo­ge­ne Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur des Medi­zi­ni­schen Diens­tes und für sei­ne Finan­zie­rung, schrän­ke ansons­ten aber die ört­li­che Zustän­dig­keit des Medi­zi­ni­schen Diens­tes nicht ein, son­dern ermög­li­che an ver­schie­de­nen Stel­len län­der­über­grei­fen­de Rege­lun­gen (vgl. § 281 Abs. 1 Satz 4 SGB V).

Die von der Kli­nik begehr­te ein­schrän­ken­de Aus­le­gung des § 276 Abs. 2 Satz 1 Halb­satz 2 SGB V ist auch ver­fas­sungs­recht­lich nicht gebo­ten.

GG ord­net zwar an, dass die Län­der die Bun­des­ge­set­ze als eige­ne Ange­le­gen­heit aus­füh­ren, soweit das Grund­ge­setz nichts ande­res bestimmt oder zulässt. Der Spiel­raum des Bun­des­ge­setz­ge­bers bei der Rege­lung der Aus­füh­rung der Bun­des­ge­set­ze durch die Län­der muss sich in den Gren­zen der Art. 83 ff. GG hal­ten 10. Für die Sozi­al­ver­si­che­rung besteht indes­sen eine Son­der­re­ge­lung in Art. 87 Abs. 2 GG 11. Art. 87 Abs. 2 GG räumt ihm für die Orga­ni­sa­ti­on und das Ver­fah­ren der Kran­ken­ver­si­che­rung einen gro­ßen Spiel­raum ein. Vom kör­per­schaft­li­chen Sta­tus der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger abge­se­hen, macht das Grund­ge­setz dem Bun­des­ge­setz­ge­ber kei­ne inhalt­li­chen Vor­ga­ben zur orga­ni­sa­to­ri­schen Aus­ge­stal­tung der Sozi­al­ver­si­che­rung 12. Die Orga­ni­sa­ti­ons­be­fug­nis des Bun­des berech­tigt ihn auch, Ver­bin­dun­gen zwi­schen Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gern her­zu­stel­len oder län­der­über­schrei­ten­de Leis­tungs­be­zie­hun­gen zu regeln 13. Ein Ver­bot bun­des­ge­setz­li­cher Rege­lung län­der­über­grei­fen­den Zusam­men­wir­kens in der Kran­ken­ver­si­che­rung besteht mit­hin nicht.

, Beschluss vom 8. Novem­ber 2016 – 1 BvR 935/​14

  1. SG Dort­mund, Gerichts­be­scheid vom 30.06.2011 – S 13 KR 928/​10; LSG NRW, Urteil vom 31.05.2012 – L 5 KR 409/​11; BSG, Urteil vom 17.12 2013 – B 1 KR 52/​12 R[]
  2. BSG, Urteil vom 17.12 2013 – B 1 KR 52/​12 R[]
  3. vgl. BVerfGE 90, 22, 26; 96, 245, 250; 108, 129, 136; stRspr[]
  4. vgl. BVerfGE 15, 298, 301; 43, 142, 147[]
  5. vgl. BVerfGE 53, 30, 48; 79, 1, 14 f.; 102, 197, 206 f.; 123, 267, 329[]
  6. vgl. BVerfGE 99, 84, 87; 108, 370, 386[]
  7. vgl. BVerfGE 130, 151, 175[]
  8. vgl. BVerfGE 131, 66, 82[]
  9. vgl. BVerfGE 82, 6, 11[]
  10. vgl. BVerfGE 137, 108, 148[]
  11. vgl. BVerfGE 63, 1, 36; 119, 331, 370[]
  12. vgl. BVerfGE 113, 167, 201; ähn­lich BVerfGE 89, 365, 377[]
  13. vgl. BVerfGE 113, 167, 201 f.[]