Leis­tun­gen zur Teil­ha­be – und die Zustän­dig­kei­ten

Wer­den wie vor­lie­gend Leis­tun­gen zur Teil­ha­be bean­tragt, hat der zuerst ange­gan­ge­ne Reha-Trä­ger nach § 14 Abs 1 S 1 SGB IX zwecks Zustän­dig­keits­klä­rung inner­halb von zwei Wochen nach Ein­gang des Antrags fest­zu­stel­len, ob er nach dem für ihn gel­ten­den Leis­tungs­ge­setz für die Leis­tung zustän­dig ist. Stellt er dabei sei­ne Unzu­stän­dig­keit fest, hat er den Antrag gemäß § 14 Abs 1 S 2 SGB IX unver­züg­lich dem nach sei­ner Auf­fas­sung zustän­di­gen Trä­ger zuzu­lei­ten. Wird der Antrag nicht wei­ter­ge­lei­tet, hat der ange­gan­ge­ne Trä­ger nach § 14 Abs 2 S 1 SGB IX den Reha­bi­li­ta­ti­ons­be­darf unver­züg­lich fest­zu­stel­len und ist, soweit im Ein­zel­fall Leis­tun­gen ver­schie­de­ner Leis­tungs­grup­pen oder meh­re­rer Reha-Trä­ger erfor­der­lich sind, für die Koor­di­nie­rung von Leis­tun­gen im Beneh­men mit wei­te­ren Reha-Trä­gern ver­ant­wort­lich (§ 10 Abs 1 SGB IX (idF ab 1.07.2004)).

Leis­tun­gen zur Teil­ha­be – und die Zustän­dig­kei­ten

Nach § 14 Abs 6 S 1 SGB IX ist Abs 1 S 2 ent­spre­chend anzu­wen­den, wenn der leis­ten­de Reha-Trä­ger wei­te­re Leis­tun­gen zur Teil­ha­be für erfor­der­lich hält, er für die­se Leis­tun­gen aber nicht Reha-Trä­ger nach § 6 Abs 1 ist. Damit wird das Zustän­dig­keits­klä­rungs­ver­fah­ren auf Leis­tun­gen erstreckt, die ein Reha-Trä­ger nach sei­nem Leis­tungs­recht nicht selbst erbrin­gen kann 1. Ein etwai­ger anschlie­ßen­der Erstat­tungs­an­spruch gegen den "eigent­lich" zustän­di­gen Reha-Trä­ger rich­tet sich nach § 14 Abs 4 SGB IX. Dies gilt auch in Fäl­len wie dem vor­lie­gen­den, wenn die Leis­tun­gen ver­schie­de­ner Reha-Trä­ger ihrer Art nach gleich sind (Zuschuss zu den Beschaf­fungs­kos­ten eines Kfz), die Leis­tungs­hö­he aber unter­schied­lich sein kann, weil die für die jewei­li­gen Reha-Trä­ger maß­geb­li­chen Rechts­grund­la­gen für Teil­ha­be-/Re­ha­bi­li­ta­ti­ons-Leis­tun­gen bei der Fra­ge der Ein­kom­mens- oder Ver­mö­gens­an­rech­nung Unter­schie­de auf­wei­sen.

Die genann­ten Rege­lun­gen des § 14 SGB IX sind nach den Umstän­den des vor­lie­gen­den Fal­les ein­schlä­gig, im bis­he­ri­gen Ver­fah­ren jedoch nicht beach­tet wor­den. Der Leis­tungs­emp­fän­ger hat mit sei­nem bei der Beklag­ten gestell­ten Antrag auf Kfz-Hil­fe ua einen Zuschuss zu den Beschaf­fungs­kos­ten des benö­tig­ten Ersatz­fahr­zeugs begehrt. Die Beklag­te hat den Antrag aus­schließ­lich als Antrag auf Leis­tun­gen zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben behan­delt und – inso­weit zu Recht – nach den für sie maß­geb­li­chen Vor­schrif­ten des Drit­ten Buchs Sozi­al­ge­setz­buch iVm den Vor­schrif­ten der § 5 Nr 2, § 6 Abs 1 Nr 2 SGB IX und der KfzHV geprüft. Leis­tun­gen zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben umfas­sen nach § 33 SGB IX (hier idF vom 05.08.2009 bis 31.03.2012) ua Hil­fen zur Erhal­tung oder Erlan­gung eines Arbeits­plat­zes (Abs 3 Nr 1), wozu auch Leis­tun­gen nach der KfzHV gehö­ren (Abs 8 Nr 1).

Im hier ent­schie­de­nen Fall hat die Bun­des­agen­tur für Arbeit den Antrag des Leis­tungs­emp­fän­gers nicht an einen ande­ren Reha-Trä­ger wei­ter­ge­lei­tet, obwohl ihre Leis­tung das Begeh­ren des Leis­tungs­emp­fän­gers nicht in vol­lem Umfang abge­deckt hat, dies jedoch mög­li­cher­wei­se im Rah­men der Leis­tungs­ver­pflich­tung eines ande­ren Reha-Trä­gers erfor­der­lich und mög­lich gewe­sen wäre. Einen Anspruch auf Leis­tun­gen zur Teil­ha­be am Leben in der Gemein­schaft durch den dafür zustän­di­gen Trä­ger der Sozi­al­hil­fe (§ 5 Nr 4, § 6 Abs 1 Nr 7 SGB IX) hat die Beklag­te offen­bar nicht in Betracht gezo­gen. Nach der unter­blie­be­nen Wei­ter­lei­tung des Antrags bin­nen zwei Wochen hat­te sie den Reha­bi­li­ta­ti­ons­be­darf jedoch auch inso­weit fest­zu­stel­len (§ 14 Abs 2 S 1 SGB IX) und ggf sol­che wei­te­re Leis­tun­gen zur Teil­ha­be zu erbrin­gen, für die sie selbst nicht "ori­gi­nä­rer" Reha-Trä­ger ist (vgl § 14 Abs 6 SGB IX). Denn das Rege­lungs­kon­zept des § 14 SGB IX soll Nach­tei­len des geglie­der­ten Sys­tems der ein­zel­nen Zwei­ge der sozia­len Sicher­heit ent­ge­gen­wir­ken und durch ein auf Beschleu­ni­gung gerich­te­tes Zustän­dig­keits­klä­rungs­ver­fah­ren, das den all­ge­mei­nen Rege­lun­gen in den Leis­tungs­ge­set­zen der Reha-Trä­ger vor­geht, die mög­lichst schnel­le Leis­tungs­er­brin­gung sichern 2). Dies hat nach der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts die leis­tungs­recht­li­che Kon­se­quenz, dass der zuerst ange­gan­ge­ne Reha-Trä­ger, der den Antrag nicht gemäß § 14 Abs 1 S 2 SGB IX wei­ter­ge­lei­tet hat, im Außen­ver­hält­nis zum Antrag­stel­ler umfas­send zustän­dig wird und ver­pflich­tet ist, Leis­tun­gen auf­grund aller Rechts­grund­la­gen zu erbrin­gen, die in der kon­kre­ten Bedarfs­si­tua­ti­on über­haupt vor­ge­se­hen sind 3.

Obgleich die Bun­des­agen­tur für Arbeit damit im vor­lie­gen­den Fall im Ver­hält­nis zum Leis­tungs­emp­fän­ger allein zustän­dig und umfas­send leis­tungs­pflich­ti­ger Reha-Trä­ger gewor­den ist, kann die Ent­schei­dung des vor­lie­gen­den Rechts­streits auch in die Rechts­sphä­re eines ande­ren Reha-Trä­gers (hier des Trä­gers der Sozi­al­hil­fe) ein­grei­fen, falls die­ser nach den für ihn ein­schlä­gi­gen Rechts­vor­schrif­ten und ohne die Zustän­dig­keits­kon­zen­tra­ti­on gemäß § 14 SGB IX "eigent­lich" leis­tungs­pflich­tig hät­te sein kön­nen. Denn letzt­lich ist in sol­chen Fäl­len der "eigent­lich" leis­tungs­pflich­ti­ge Reha-Trä­ger dem erstan­ge­gan­ge­nen Reha-Trä­ger nach Maß­ga­be des § 14 Abs 4 SGB IX erstat­tungs­pflich­tig und damit nach § 75 Abs 2 1. Alt SGG zum Rechts­streit gegen den erstan­ge­gan­ge­nen Reha-Trä­ger not­wen­dig bei­zu­la­den 4. Das­sel­be gilt in Fort­füh­rung die­ser Recht­spre­chung, wenn – wie hier – zwi­schen Leis­tungs­emp­fän­ger und dem erstan­ge­gan­ge­nen Reha-Trä­ger allein die Höhe einer Leis­tung im Streit ist und bei Anwen­dung der für den ande­ren Reha-Trä­ger maß­geb­li­chen Rechts­vor­schrif­ten eine wei­ter­ge­hen­de Leis­tung zur Deckung des indi­vi­du­el­len Reha­bi­li­ta­ti­ons­be­darfs in Fra­ge kom­men kann. Die­se Mög­lich­keit besteht hier.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 14. Mai 2014 – B 11 AL 6/​13 R

  1. vgl BT-Drs. 14/​5074 S 103 (zu § 14); Welti in Lach­witz-Schell­horn-Welti, HK-SGB IX, 3. Aufl 2010, § 14 RdNr 55[]
  2. vgl BT-Drs. 14/​5074 S 95 und S 102 (Zu § 14[]
  3. ua BSG, Urteil vom 30.11.2011 – B 11 AL 7/​10 R, BSGE 109, 293, SozR 4 – 3250 § 17 Nr 2 mwN[]
  4. vgl BSGE 93, 283, SozR 4 – 3250 § 14 Nr 1; BSG SozR 4 – 5910 § 39 Nr 1[]