Leis­tungs­an­trag zur Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung – und die erstan­ge­gan­ge­ne Kran­ken­kas­se

Durch die antrags­ge­mä­ße Bewil­li­gung des Hör­ge­räts und man­gels Wei­ter­lei­tung des Antrags an die Ren­ten­ver­si­che­rung ist eine umfas­sen­de Zustän­dig­keit der Kran­ken­kas­sen begrün­det wor­den, die auch nicht dadurch ent­fal­len ist, dass sich die Ver­si­cher­te nach Ableh­nung ihres wei­ter­ge­hen­den Ver­sor­gungs­be­geh­rens inner­halb der Zwei-Wochen-Frist auch noch an die Ren­ten­ver­si­che­rung gewandt hat. Deren Zustän­dig­keit war als Fol­ge der gesetz­li­chen Wer­tung des § 14 SGB IX ent­fal­len. Mate­ri­ell folgt der Anspruch der Ver­si­cher­ten gegen die Kran­ken­kas­se auf Kos­ten­er­stat­tung aus § 15 Abs 1 SGB IX iVm § 9 Abs 1 und 2, § 15 Abs 1 S 1 SGB VI sowie § 26 Abs 1 und 2 Nr 6, § 31 SGB IX, da die Ver­sor­gung aus­schließ­lich zur Aus­übung eines bestimm­ten Beru­fes erfor­der­lich war und die Ver­si­cher­ten ihre bis­he­ri­ge Tätig­keit ohne die begehr­te Ver­sor­gung nicht wei­ter hät­te aus­üben kön­nen.

Leis­tungs­an­trag zur Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung – und die erstan­ge­gan­ge­ne Kran­ken­kas­se

Als erstan­ge­gan­ge­ne Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ge­rin (§ 14 Abs 2 S 1 SGB IX) ist die Kran­ken­kas­se zwar nicht nach dem Leis­tungs- und Kos­ten­er­stat­tungs­recht des SGB V, wohl aber nach § 15 Abs 1 S 3 und 4 SGB IX iVm dem Leis­tungs­recht des SGB VI zur Kos­ten­er­stat­tung anstel­le der Ren­ten­ver­si­che­rungver­pflich­tet. Der Senat kann offen las­sen, ob die maß­geb­li­che Antrag­stel­lung iS des § 14 SGB IX durch Über­ga­be der kas­sen­ärzt­li­chen Hör­ge­rä­te­ver­ord­nung an den Hör­ge­rä­te­a­kus­ti­ker oder durch des­sen Ver­sor­gungs­an­zei­ge bei der Kran­ken­kas­se erfolgt ist. Deren Ein­wand, die vom LSG als Antrag ange­se­he­ne Ver­sor­gungs­an­zei­ge sei allein Bestand­teil der Innen­kom­mu­ni­ka­ti­on zur Gewähr­leis­tung einer Sach­leis­tung, durch die im Wesent­li­chen die Mit­glied­schaft des Ver­si­cher­ten geklärt wer­de, ist unzu­tref­fend und wirk­lich­keits­fremd. Wenn sich ein Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger – wie hier und bei der Hör­ge­rä­te­ver­sor­gung wohl all­ge­mein üblich – sei­ner leis­tungs­recht­li­chen Ver­ant­wor­tung durch sog Ver­trä­ge zur Kom­plett­ver­sor­gung nahe­zu voll­stän­dig ent­zieht und dem Leis­tungs­er­brin­ger qua­si die Ent­schei­dung dar­über über­lässt, ob dem Ver­si­cher­ten eine Teil­ha­be­leis­tung (wenn auch nur zum Fest­be­trag) zuteil wird, dann erfüllt er weder sei­ne Pflicht zur ord­nungs­ge­mä­ßen Ein­zel­fall­prü­fung nach § 33 SGB V noch befolgt er die Grund­sät­ze der Spar­sam­keit und Wirt­schaft­lich­keit. Wer sich der Pflicht zur Antrags­ent­ge­gen­nah­me (§ 16 SGB I) ent­zieht, kann sich nicht dar­auf beru­fen, es sei bei ihm kein Antrag gestellt wor­den. Es mutet zudem aben­teu­er­lich an, dass die Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger die Ver­sor­gung mit bestimm­ten Hilfs­mit­teln – hier: Hör­ge­rä­te – prak­tisch nicht mehr selbst vor­neh­men, son­dern in die Hän­de der Leis­tungs­er­brin­ger „out­ge­sour­ced“ haben. Dass ein sol­ches Vor­ge­hen weder dem Grund­ge­dan­ken der Fest­be­trags­re­ge­lung gerecht wird noch zur Kos­ten­dämp­fung bei­trägt, dürf­te klar auf der Hand lie­gen. Hin­zu kommt im vor­lie­gen­den Fall, dass die Kran­ken­kas­se hin­sicht­lich der erfolg­ten Ver­sor­gung kei­ner­lei nach­prüf­ba­re Unter­la­gen vor­le­gen konn­te, wie dies in ihrem Ver­trag zur Kom­plett­ver­sor­gung mit dem Hör­ge­rä­te­a­kus­ti­ker vor­ge­schrie­ben ist. Es exis­tiert ledig­lich ein Daten­aus­zug, der mit Datum 12.7.2006 die Bewil­li­gung eines Hör­ge­räts und des Fest­be­tra­ges doku­men­tiert – ohne jede wei­te­re Über­prü­fung des Leis­tungs­fal­les. Der Senat hält eine der­ar­ti­ge Pra­xis im Umgang mit dem Leis­tungs­recht des SGB V für nicht mehr akzep­ta­bel.

Nach § 14 Abs 2 S 1 SGB IX ver­liert der mate­ri­ell-recht­lich – eigent­lich – zustän­di­ge Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger (§ 6 SGB IX) im Außen­ver­hält­nis zum Ver­si­cher­ten oder Leis­tungs­emp­fän­ger sei­ne Zustän­dig­keit für eine Teil­ha­be­leis­tung, sobald der zuerst ange­gan­ge­ne Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger (hier: die Kran­ken­kas­se) eine iS von § 14 Abs 1 SGB IX frist­ge­rech­te Zustän­dig­keits­klä­rung ver­säumt hat und dem­zu­fol­ge die Zustän­dig­keit nach allen in Betracht kom­men­den reha­bi­li­ta­ti­ons­recht­li­chen Rechts­grund­la­gen auf ihn über­ge­gan­gen ist. Sinn die­ser Rege­lung ist es, zwi­schen den betrof­fe­nen behin­der­ten Men­schen und Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern schnell und dau­er­haft die Zustän­dig­keit zu klä­ren und so Nach­tei­len des geglie­der­ten Sys­tems ent­ge­gen­zu­wir­ken [1]. Des­halb ist der erstan­ge­gan­ge­ne Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger gehal­ten, inner­halb von zwei Wochen nach Ein­gang eines Antrags auf Leis­tun­gen zur Teil­ha­be fest­zu­stel­len, ob er nach dem für ihn gel­ten­den gesetz­li­chen Regel­werk für die Leis­tung zustän­dig ist; bei den Kran­ken­kas­sen umfasst die Prü­fung auch die Leis­tungs­pflicht nach § 40 Abs 4 SGB V (§ 14 Abs 1 S 1 SGB IX). Stellt er bei der Prü­fung fest, dass er für die Leis­tung nicht zustän­dig ist, lei­tet er den Antrag unver­züg­lich dem nach sei­ner Auf­fas­sung zustän­di­gen Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger zu. Muss für eine sol­che Fest­stel­lung die Ursa­che der Behin­de­rung geklärt wer­den – vor allem in den Sys­te­men der Unfall­ver­si­che­rung und der sozia­len Ent­schä­di­gung – und ist die­se Klä­rung in der Frist nach § 14 Abs 1 S 1 SGB IX nicht mög­lich, wird der Antrag unver­züg­lich dem Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger zuge­lei­tet, der dem Grun­de nach zustän­dig wäre und die Leis­tung dann zunächst ohne Rück­sicht auf die Ursa­che erbringt (§ 14 Abs 1 S 2 und 3 SGB IX). Ande­ren­falls bestimmt § 14 Abs 2 S 1 SGB IX: „Wird der Antrag nicht wei­ter­ge­lei­tet, stellt der Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger den Reha­bi­li­ta­ti­ons­be­darf unver­züg­lich fest.“ Die­se Zustän­dig­keit nach § 14 Abs 2 S 1 SGB IX erstreckt sich im Außen­ver­hält­nis zwi­schen dem Antrag­stel­ler und dem erstan­ge­gan­ge­nen Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger auf alle Rechts­grund­la­gen, die über­haupt in die­ser Bedarfs­si­tua­ti­on reha­bi­li­ta­ti­ons­recht­lich vor­ge­se­hen sind [2]. Dadurch wird eine nach außen ver­bind­li­che Zustän­dig­keit des erstan­ge­gan­ge­nen Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gers geschaf­fen, die intern die Ver­pflich­tun­gen des eigent­lich zustän­di­gen Leis­tungs­trä­gers unbe­rührt lässt und die Trä­ger inso­weit auf den nach­träg­li­chen Aus­gleich nach § 14 Abs 4 S 1 SGB IX und §§ 102 ff SGB X ver­weist [3].

Erstan­ge­gan­ge­ner Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger iS von § 14 SGB IX ist der­je­ni­ge Trä­ger, der von dem Ver­si­cher­ten bzw Leis­tungs­be­zie­her erst­mals mit dem zu beur­tei­len­den Antrag auf Bewil­li­gung einer Leis­tung zur Teil­ha­be befasst wor­den ist. Die­se Befas­sungs­wir­kung fällt nach der Recht­spre­chung des BSG grund­sätz­lich auch nach einer ver­bind­li­chen abschlie­ßen­den Ent­schei­dung des erstan­ge­gan­ge­nen Trä­gers nicht weg. Viel­mehr behält der erst­mals befass­te Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger sei­ne Zustän­dig­keit nach § 14 Abs 2 S 1 SGB IX im Außen­ver­hält­nis zum Antrag­stel­ler regel­mä­ßig auch dann wei­ter bei, wenn er, ohne den Antrag an den aus sei­ner Sicht zustän­di­gen Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger wei­ter­ge­lei­tet zu haben, das Ver­wal­tungs­ver­fah­ren durch Erlass eines Ver­wal­tungs­akts abschließt (vgl § 8 SGB X), selbst wenn die­ser bin­dend wird. Er bleibt des­halb auch für ein mög­li­ches Ver­fah­ren nach § 44 SGB X zustän­dig, selbst wenn die Rechts­wid­rig­keit im Sin­ne die­ser Vor­schrift dann nur dar­in liegt, dass er die außer­halb sei­ner „eigent­li­chen“ Zustän­dig­keit lie­gen­den, nach dem Vor­ste­hen­den ein­schlä­gi­gen Rechts­grund­la­gen nicht beach­tet hat [4].

Nach die­sen Grund­sät­zen ist im vor­lie­gen­den Fall die bei­ge­la­de­ne Kran­ken­kas­se als erstan­ge­gan­ge­ner Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger für die begehr­te Hör­ge­rä­te­ver­sor­gung iS des § 14 SGB IX anzu­se­hen. Die Kran­ken­kas­se ist im Außen­ver­hält­nis zur Klä­ge­rin man­gels Wei­ter­lei­tung des Leis­tungs­an­trags an die Beklag­te nach § 14 Abs 2 S 1 SGB IX für das Ver­sor­gungs­be­geh­ren aus­schließ­lich zustän­dig gewor­den; dies schließt eine Zustän­dig­keit der Beklag­ten für die Erfül­lung des Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruchs als Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­ger aus.

Leis­tun­gen der GKV wer­den auf Antrag erbracht, soweit sich aus den Vor­schrif­ten für die ein­zel­nen Ver­si­che­rungs­zwei­ge nichts Abwei­chen­des ergibt (§ 19 S 1 SGB IV). Der Anspruch eines Ver­si­cher­ten auf Kran­ken­be­hand­lung umfasst ua die Ver­sor­gung mit Hilfs­mit­teln (§ 27 Abs 1 S 2 Nr 3 SGB V), und zwar nach Maß­ga­be des § 33 SGB V. Die­ser Anspruch ist von der Kran­ken­kas­se grund­sätz­lich in Form einer Sach­leis­tung (§ 2 Abs 2 S 1 SGB V) zu erbrin­gen, wobei sie ihre Leis­tungs­pflicht gemäß § 12 Abs 2 SGB V mit dem Fest­be­trag erfüllt, wenn für die Leis­tung ein Fest­be­trag fest­ge­setzt ist [5]. Über die Erbrin­gung der Sach- und Dienst­leis­tun­gen schlie­ßen die Kran­ken­kas­sen nach den Vor­schrif­ten des Vier­ten Kapi­tels des SGB V Ver­trä­ge mit den Leis­tungs­er­brin­gern (§ 2 Abs 2 S 3 SGB V). Im vor­lie­gen­den Fall maß­geb­lich ist der zwi­schen der Bun­des­in­nung der Hör­ge­rä­te­a­kus­ti­ker KdöR und dem dama­li­gen Ver­band der Ange­stell­ten-Kran­ken­kas­sen e. V. sowie dem dama­li­gen Arbei­ter-Ersatz­kas­sen-Ver­band e. V. für die Zeit ab 1.01.2004 geschlos­se­ne Ver­trag nach §§ 126, 127 SGB V. Danach erfolgt die Abga­be von Hör­hil­fen auf der Grund­la­ge einer ärzt­li­chen Ver­ord­nung oder einer Bewil­li­gung der Ersatz­kas­sen (§ 4 Nr 1 S 1 des Ver­tra­ges). Unter der Über­schrift „Ver­fah­ren bei vor­he­ri­ger ärzt­li­cher Ver­ord­nung“ ist ua Fol­gen­des ver­ein­bart wor­den: „Nach Vor­la­ge der Ver­ord­nung durch den Ver­si­cher­ten erstat­tet der Leis­tungs­er­brin­ger eine Ver­sor­gungs­an­zei­ge (Anla­ge 3) gegen­über der leis­tungs­pflich­ti­gen Ersatz­kas­se. Der Leis­tungs­er­brin­ger erhält nach Prü­fung der leis­tungs­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen ein Bewil­li­gungs­schrei­ben der Ersatz­kas­se. Die Ver­sor­gung kann abge­rech­net wer­den, wenn die zur Ver­sor­gung geeig­ne­ten Hör­hil­fen nach der Anpas­sung an den Ver­si­cher­ten aus­ge­lie­fert sind und der HNO-Arzt eine aus­rei­chen­de Hör­ver­bes­se­rung und die Zweck­mä­ßig­keit der Hör­hil­fe bestä­tigt hat“ (§ 4 Nr 1 S 2 des Ver­tra­ges).

Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt kann offen­las­sen, ob die maß­geb­li­che Antrag­stel­lung iS des § 14 SGB IX durch Über­ga­be der ver­trags­ärzt­li­chen Hör­ge­rä­te­ver­ord­nung vom 09.06.2006 sei­tens der Klä­ge­rin an den Hör­ge­rä­te­a­kus­ti­ker oder erst durch des­sen Ver­sor­gungs­an­zei­ge bei der Kran­ken­kas­se erfolgt ist. In dem einen wie in dem ande­ren Fall läge ein Leis­tungs­be­geh­ren der Klä­ge­rin und damit ein Leis­tungs­an­trag iS des § 19 S 1 SGB IV vor, der in der Zeit zwi­schen dem 9.06.2006 (Tag der ver­trags­ärzt­li­chen Ver­ord­nung) und dem 12.07.2006 (Tag der Ver­wal­tungs­ent­schei­dung) bei der Kran­ken­kas­se ein­ge­gan­gen ist. Deren Ein­wand, die vom LSG als Antrag ange­se­he­ne Ver­sor­gungs­an­zei­ge sei allein Bestand­teil der Innen­kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Leis­tungs­brin­ger und Kran­ken­kas­se zur Gewäh­rung einer Sach­leis­tung (§ 2 Abs 2 S 1 SGB V), durch die im Wesent­li­chen die Mit­glied­schaft des Ver­si­cher­ten (vgl § 19 Abs 1 SGB V) geklärt wer­de, ist unzu­tref­fend und wirk­lich­keits­fremd. Wenn sich ein Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger – wie hier und bei der Hör­ge­rä­te­ver­sor­gung wohl all­ge­mein üblich – sei­ner leis­tungs­recht­li­chen Ver­ant­wor­tung durch sog „Ver­trä­ge zur Kom­plett­ver­sor­gung“ nahe­zu voll­stän­dig ent­zieht und dem Leis­tungs­er­brin­ger qua­si die Ent­schei­dung dar­über über­lässt, ob dem Ver­si­cher­ten eine Teil­ha­be­leis­tung (wenn auch nur zum Fest­be­trag) zuteil wird, dann erfüllt er weder sei­ne Pflicht zur ord­nungs­ge­mä­ßen Ein­zel­fall­prü­fung nach § 33 SGB V noch befolgt er die Grund­sät­ze der Wirt­schaft­lich­keit und Spar­sam­keit (§ 12 Abs 1 und § 70 Abs 1 S 2 SGB V). Wer sich der Pflicht zur Antrags­ent­ge­gen­nah­me (§ 16 SGB I) ver­wei­gert, kann sich nicht dar­auf beru­fen, es sei bei ihm kein Antrag gestellt wor­den. Es mutet zudem aben­teu­er­lich an, dass die Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger die Ver­sor­gung mit bestimm­ten Hilfs­mit­teln – hier: Hör­ge­rä­te – prak­tisch nicht mehr selbst vor­neh­men, son­dern in die Hän­de der Leis­tungs­er­brin­ger „out­ge­sour­ced“ haben. Dass ein sol­ches Vor­ge­hen weder dem Grund­ge­dan­ken der Fest­be­trags­re­ge­lung gerecht wird noch zur Kos­ten­dämp­fung bei­trägt, dürf­te klar auf der Hand lie­gen. Hin­zu kommt im vor­lie­gen­den Fall, dass die Kran­ken­kas­se hin­sicht­lich der erfolg­ten Ver­sor­gung kei­ner­lei nach­prüf­ba­re Unter­la­gen vor­le­gen konn­te, wie dies in ihrem „Ver­trag zur Kom­plett­ver­sor­gung“ mit den Hör­ge­rä­te­a­kus­ti­kern vor­ge­schrie­ben ist. Es exis­tiert ledig­lich ein Daten­aus­zug, der mit Datum 12.07.2006 die Bewil­li­gung eines Hör­ge­räts und des Fest­be­tra­ges doku­men­tiert – ohne jede wei­te­re Über­prü­fung des Leis­tungs­fal­les. Der Senat hält eine der­ar­ti­ge Pra­xis im Umgang mit dem Leis­tungs­recht des SGB V für nicht mehr akzep­ta­bel.

Der Antrag der Klä­ge­rin rich­tet sich auf die Ver­sor­gung mit einem Hör­ge­rät und ist als sol­cher nach stän­di­ger Recht­spre­chung des BSG ein Antrag auf Teil­ha­be­leis­tun­gen iS von § 14 Abs 1 S 1 SGB IX [6]. Dabei geht es nach der Aus­le­gungs­re­gel des § 2 Abs 2 SGB I um eine umfas­sen­de, nach Maß­ga­be des Leis­tungs­rechts des Sozi­al­ge­setz­bu­ches (hier: des Leis­tungs­rechts der GKV nach dem SGB V sowie des Leis­tungs­rechts der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung nach dem SGB VI) best­mög­li­che Ver­sor­gung mit einem neu­en Hör­ge­rät. Eine sol­che Aus­le­gung des Leis­tungs­be­geh­rens schließt die Auf­spal­tung des klä­ge­ri­schen Begeh­rens in zwei sepa­ra­te Leis­tungs­an­trä­ge, näm­lich in einem Antrag auf Bewil­li­gung eines Fest­be­tra­ges („Nor­mal­ver­sor­gung“, § 12 Abs 2 SGB V) und einen wei­te­ren Antrag auf Bewil­li­gung einer über den Fest­be­trag hin­aus­ge­hen­den, tech­nisch anspruchs­vol­le­ren und teu­re­ren Ver­sor­gung („Pre­mi­um­ver­sor­gung“), von vorn­her­ein aus. Es ist also von einem ein­heit­li­chen, spä­tes­tens am 12.07.2006 bei der Kran­ken­kas­se gestell­ten Leis­tungs­an­trag aus­zu­ge­hen.

Die­ser Antrag ent­spricht inhalt­lich den Anfor­de­run­gen, die an einen Antrag nach § 14 Abs 1 S 1 SGB IX zu stel­len sind.

Nach dem ein­deu­ti­gen Geset­zes­wort­laut genügt ein Antrag auf Leis­tun­gen zur Teil­ha­be, um die Zustän­dig­keits­prü­fung des erstan­ge­gan­ge­nen Leis­tungs­trä­gers und die Zwei-Wochen-Frist in Gang zu set­zen. Ein sol­cher lag hier – wie bereits dar­ge­stellt – jeden­falls in Form der Ver­sor­gungs­an­zei­ge des Hör­akus­tik­stu­di­os spä­tes­tens am 12.07.2006 vor. Eine ande­re Aus­le­gung lie­fe dem Geset­zes­zweck zuwi­der, im Inter­es­se behin­der­ter und von Behin­de­rung bedroh­ter Men­schen durch rasche Klä­rung von Zustän­dig­kei­ten Nach­tei­len im geglie­der­ten Sys­tem ent­ge­gen­zu­wir­ken [7]. Soweit die Kran­ken­kas­se dar­auf hin­weist, dass dem Antrag der Klä­ge­rin, hier also der Ver­sor­gungs­an­zei­ge des Hör­akus­tik­stu­di­os und der bei­gefüg­ten ver­trags­ärzt­li­chen Ver­ord­nung, die für eine Zustän­dig­keits­prü­fung not­wen­di­gen Anga­ben fehl­ten, wäre es ihre Auf­ga­be als Ver­si­che­rungs­trä­ger gewe­sen, die­se Anga­ben zu ermit­teln. Dies ergibt sich unmit­tel­bar aus der gesetz­li­chen Pflicht zur Zustän­dig­keits­prü­fung nach § 14 Abs 1 S 1 SGB IX in Ver­bin­dung mit dem Amts­er­mitt­lungs­grund­satz nach § 20 Abs 1 SGB X.

Auch der Hin­weis der Kran­ken­kas­se auf die „Gemein­sa­men Emp­feh­lun­gen“ der Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger nach § 13 SGB IX führt zu kei­ner ande­ren Bewer­tung. Die Kran­ken­kas­se ver­tritt die Auf­fas­sung, ein Antrag auf Teil­ha­be iS des § 14 Abs 1 S 1 SGB IX lie­ge erst vor, wenn der Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger über jene Auf­ga­ben und Unter­la­gen ver­fü­ge, die eine Beur­tei­lung der Zustän­dig­keit ermög­lich­ten (§ 1 Abs 1 S 2 und 3 der Gemein­sa­men Emp­feh­lung nach § 13 Abs 2 Nr 3 SGB IX über die Aus­ge­stal­tung des in § 14 SGB IX bestimm­ten Ver­fah­rens idF vom 28.09.2010). Die Behör­de müs­se solan­ge nicht von einem Teil­ha­be­leis­tungs­an­trag aus­ge­hen, als bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung nicht erkenn­bar sei, dass und aus wel­chem Sozi­al­leis­tungs­be­reich der Antrag­stel­ler Sozi­al­leis­tun­gen begeh­re. Jede ande­re Bewer­tung wür­de die Leis­tungs­fä­hig­keit der Kran­ken­kas­sen spren­gen.

Die Fra­ge, ob die­ser Rechts­auf­fas­sung der Kran­ken­kas­se und der ihr zugrun­de lie­gen­den Emp­feh­lung nach § 13 Abs 2 Nr 3 SGB IX par­ti­ell zuge­stimmt wer­den kann oder ob die Emp­feh­lung in die­ser All­ge­mein­heit über­haupt mit § 14 Abs 1 S 1 SGB IX zu ver­ein­ba­ren ist, braucht an die­ser Stel­le nicht abschlie­ßend ent­schie­den zu wer­den; denn ein an die Kran­ken­kas­se gerich­te­ter Antrag auf Ver­sor­gung mit einem Hör­ge­rät ist jeden­falls auch auf Leis­tun­gen zur Teil­ha­be iS von §§ 1, 4 und 5 SGB IX gerich­tet. Wie bereits aus­ge­führt, will der Ver­si­cher­te im Zwei­fel die ihm güns­tigs­te Art der Leis­tungs­ge­wäh­rung in Anspruch neh­men; ein ein­mal gestell­ter Antrag ist also umfas­send, dh auf alle nach Lage des Fal­les in Betracht kom­men­den Leis­tun­gen und Anspruchs­grund­la­gen hin zu prü­fen [8], und ins­be­son­de­re nicht „künst­lich“ in sepa­ra­te Teil-Leis­tungs­an­trä­ge für die ver­schie­de­nen in Betracht kom­men­den Teil­ha­be­leis­tun­gen auf­zu­spal­ten. Des­halb hat­te die Kran­ken­kas­se den Leis­tungs­an­trag von vorn­her­ein sowohl unter dem Aspekt der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung zur medi­zi­ni­schen Reha­bi­li­ta­ti­on (§ 5 Nr 1, § 31 SGB IX, § 33 SGB V) als auch unter dem Aspekt der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben (§ 5 Nr 2, § 33 Abs 8 S 1 Nr 4 SGB IX, §§ 9, 15 SGB VI) zu prü­fen und danach die Zustän­dig­keit zu bestim­men. Die Fra­ge, ob die Hör­ge­rä­te­ver­sor­gung auch (oder nur) zur wei­te­ren Berufs­aus­übung benö­tigt wur­de, hät­te ohne Wei­te­res durch eine Nach­fra­ge bei der Klä­ge­rin (zB per Tele­fon) geklärt wer­den kön­nen und berech­tig­te grund­sätz­lich nicht zu einer Ver­schie­bung des Beginns der Zwei-Wochen-Frist des § 14 Abs 1 S 1 SGB IX. Der Gesetz­ge­ber hat mit gutem Grund eine stren­ge Zwei-Wochen-Frist für die Prü­fung der Zustän­dig­keit für die Ent­schei­dung von Anträ­gen auf Teil­ha­be­leis­tun­gen gesetzt und deren Ver­län­ge­rung nicht vor­ge­se­hen (vgl § 14 Abs 1 S 3 SGB IX).

Nach­dem die Kran­ken­kas­se den Antrag der Klä­ge­rin auf Leis­tun­gen zur Teil­ha­be nicht inner­halb von zwei Wochen ab des­sen Ein­gang wei­ter­ge­lei­tet hat, oblag es ihr, unver­züg­lich den Reha­bi­li­ta­ti­ons­be­darf der Klä­ge­rin fest­zu­stel­len (§ 14 Abs 2 S 1 SGB IX). Die­se Zustän­dig­keit der Kran­ken­kas­se ist aus­schließ­li­cher Natur; denn die Zustän­dig­keit des erstan­ge­gan­ge­nen Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gers nach § 14 Abs 2 S 1 SGB IX schließt im Außen­ver­hält­nis zum Ver­si­cher­ten die Zustän­dig­kei­ten aller ande­ren Trä­ger aus [9]. Im Ver­hält­nis zwi­schen dem erstan­ge­gan­ge­nen Trä­ger und dem Leis­tungs­be­rech­tig­ten ist also der Anspruch anhand aller Rechts­grund­la­gen zu prü­fen, die über­haupt in der kon­kre­ten Bedarfs­si­tua­ti­on für Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger vor­ge­se­hen sind. Dar­über hin­aus ver­lie­ren alle ande­ren Trä­ger inner­halb des durch den Leis­tungs­an­trag aus­ge­lös­ten Ver­wal­tungs­ver­fah­rens ihre Zustän­dig­keit für die Gewäh­rung von Reha­bi­li­ta­ti­ons­leis­tun­gen, was wie­der­um zur Fol­ge hat, dass even­tu­ell ergan­ge­ne Beschei­de wegen sach­li­cher Unzu­stän­dig­keit auf­zu­he­ben sind [10].

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 24. Janu­ar 2013 – B 3 KR 5/​12 R

  1. vgl BT-Drucks 14/​5074 S 95 zu Nr 5 und S 102 f zu § 14[]
  2. BSGE 93, 283 = SozR 4–3250 § 14 Nr 1, RdNr 15 ff; BSGE 98, 267 = SozR 4–3250 § 14 Nr 4, RdNr 14; BSGE 102, 90 = SozR 4–2500 § 33 Nr 21, RdNr 23[]
  3. BSGE 98, 267 = SozR 4–3250 § 14 Nr 4, RdNr 14–16[]
  4. BSGE 93, 283 = SozR 4–3250 § 14 Nr 1, RdNr 10; BSGE 101, 207 = SozR 4–3250 § 14 Nr 7, RdNr 31; BSGE 102, 90 = SozR 4–2500 § 33 Nr 21, RdNr 24[]
  5. BSG SozR 4–2500 § 33 Nr 17 RdNr 13[]
  6. BSGE 101, 207 = SozR 4–3250 § 14 Nr 7, RdNr 34; BSG SozR 4–3250 § 14 Nr 8, RdNr 18[]
  7. BT-Drucks 14/​5074 S 102 f zu § 14[]
  8. BSG SozR 4–2600 § 236a Nr 2 RdNr 21; BSG SozR 4–2600 § 43 Nr 9 RdNr 27; BSGE 96, 161 = SozR 4–2500 § 13 Nr 8, RdNr 14; BSGE 101, 207 = SozR 4–3250 § 14 Nr 7, RdNr 34[]
  9. BSGE 93, 283 = SozR 4–3250 § 14 Nr 1, RdNr 15; BSGE 98, 267 = SozR 4–3250 § 14 Nr 4, RdNr 12 ff; BSGE 101, 207 = SozR 4–3250 § 14 Nr 7, RdNr 16; BSG SozR 4–3250 § 14 Nr 8 RdNr 15; stRspr[]
  10. BSG SozR 4–3250 § 14 Nr 8 RdNr 16[]