Luxem­bur­gi­sche Stu­di­en­bei­hil­fen für Grenz­gän­ger­kin­der?

Kann Luxem­burg die Zah­lung der Stu­di­en­bei­hil­fe an Kin­der von Grenz­gän­gern an ein Wohn­ort­er­for­der­nis knüp­fen? In einem Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren vor dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, in dem es um genau die­se Fra­ge geht, hat jetzt der Gene­ral­an­walt des Gerichts­hofs sei­ne Schluss­an­trä­ge vor­ge­legt. Nach Ansicht des Gene­ral­an­walts beim EuGH ist die­ses im luxem­bur­gi­schen Recht vor­ge­se­he­ne Wohn­sit­zer­for­der­nis zuläs­sig.

Luxem­bur­gi­sche Stu­di­en­bei­hil­fen für Grenz­gän­ger­kin­der?

Der Gene­ral­an­walt schlägt dem Euro­päi­schen Gerichts­hof vor, dem natio­na­len Gericht die Kri­te­ri­en mit­zu­tei­len, die es benö­tigt, um zu prü­fen, ob die­ses Erfor­der­nis im Hin­blick auf das Ziel, den Über­gang der luxem­bur­gi­schen Wirt­schaft zu einer wis­sens­ba­sier­ten Wirt­schaft sicher­zu­stel­len, geeig­net und ver­hält­nis­mä­ßig ist.

Die luxem­bur­gi­sche Rege­lung über Stu­di­en­bei­hil­fen wird in dem Sin­ne ange­wandt, dass luxem­bur­gi­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen und ande­ren Uni­ons­bür­gern eine finan­zi­el­le Unter­stüt­zung für das Hoch­schul­stu­di­um gewährt wird, wenn sie in Luxem­burg woh­nen.

Das Tri­bu­nal admi­nis­tra­tif von Luxem­burg ist mit meh­re­ren – ins­ge­samt über 600 – Kla­gen befasst, die stu­die­ren­de Kin­der von in Luxem­burg arbei­ten­den Grenz­gän­gern erho­ben haben, nach­dem die luxem­bur­gi­schen Behör­den ihnen eine finan­zi­el­le Unter­stüt­zung für ihr Stu­di­um mit der Begrün­dung ver­wei­gert hat­ten, dass sie nicht in Luxem­burg wohn­ten. Die Klä­ger fech­ten die ableh­nen­den Beschei­de an und machen gel­tend, dass eine Dis­kri­mi­nie­rung vor­lie­ge, weil die luxem­bur­gi­sche Rege­lung zu einer Ungleich­be­hand­lung der Kin­der von luxem­bur­gi­schen Arbeit­neh­mern und der­je­ni­gen von Grenz­gän­gern füh­re, die gegen den Grund­satz der Frei­zü­gig­keit ver­sto­ße. Das Wohn­ort­er­for­der­nis gilt laut dem vor­le­gen­den Gericht sowohl für luxem­bur­gi­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge als auch für Staats­an­ge­hö­ri­ge ande­rer Mit­glied­staa­ten, da das inner­staat­li­che Recht dahin aus­ge­legt wer­de, dass das Wohn­sit­zer­for­der­nis und das Erfor­der­nis des Auf­ent­halts gleich­be­deu­tend sei­en. Der luxem­bur­gi­sche Staat ver­neint jeg­li­che Dis­kri­mi­nie­rung und ist jeden­falls der Ansicht, dass die frag­li­chen Bei­hil­fen kei­ne sozia­le Ver­güns­ti­gung sei­en.

In sei­nem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on geht das Tri­bu­nal admi­nis­tra­tif von Luxem­burg davon aus, dass die betref­fen­den Stu­die­ren­den nach dem luxem­bur­gi­schen Code civil als gegen­über dem Eltern­teil, der Grenz­gän­ger sei, unter­halts­be­rech­tigt anzu­se­hen sei­en.

Der Gene­ral­an­walt erklärt, dass er die­ser Annah­me nicht fol­gen kön­ne, weil die­se Stu­die­ren­den nach den Grund­sät­zen des inter­na­tio­na­len Pri­vat­rechts nur dann als gegen­über dem betref­fen­den Grenz­gän­ger unter­halts­be­rech­tigt ange­se­hen wer­den könn­ten, wenn sie es nach dem Recht sei­en, nach dem sich ihr Per­so­nal­sta­tut bestim­me. Dies kön­ne das Recht des Staa­tes sein, dem sie ange­hör­ten, das Recht des Wohn­sitz­staats oder das des Wohn­ort­staats, es müs­se aber nicht das luxem­bur­gi­sche Recht sein.

Das natio­na­le Gericht wer­de sich daher mit dem Pro­blem nur dann kon­kret aus­ein­an­der­set­zen kön­nen, wenn es nicht nur fest­stel­le, dass die Stu­die­ren­den im Haus­halt der Grenz­gän­ger leb­ten, son­dern auch, dass Letz­te­re ihnen wei­ter­hin Unter­halt schul­de­ten und leis­te­ten, wobei es zudem über­prü­fen müs­se, ob die Stu­die­ren­den in dem Land, in dem sie wohn­ten, tat­säch­lich oder poten­zi­ell in den Genuss einer Maß­nah­me kämen, die mit der durch das luxem­bur­gi­sche Gesetz vom 26. Juli 2010 umge­setz­ten ver­gleich­bar sei.

Nach­dem er dies vor­an­ge­stellt hat, führt der Gene­ral­an­walt aus, dass nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on

  • die Stu­di­en­bei­hil­fe für unter­halts­be­rech­tig­te Kin­der von Grenz­gän­gern eine sozia­le Ver­güns­ti­gung sei, hin­sicht­lich deren sie sich auf das in der Ver­ord­nung (EU) Nr. 492/​2011 über die Frei­züg­gig­keit der Arbeit­neh­mer inner­halb der Uni­on [1] (bzw. in der Vor­gän­ger­re­ge­lung der Ver­ord­nung Nr. 1612/​68 über die Frei­zü­gig­keit der Arbeit­neh­mer inner­halb der Gemein­schaft) ver­an­ker­te Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot beru­fen könn­ten,
  • das Wohn­ort­er­for­der­nis, das sich haupt­säch­lich zum Nach­teil der Wan­der­ar­beit­neh­mer und Grenz­gän­ger aus­wir­ke, die Ange­hö­ri­ge ande­rer Mit­glied­staa­ten sei­en, eine mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­le, soweit es für die stu­die­ren­den Kin­der von Grenz­gän­gern vor­ge­se­hen sei. Eine sol­che mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung sei grund­sätz­lich ver­bo­ten, sofern sie nicht objek­tiv gerecht­fer­tigt und geeig­net sei, die Ver­wirk­li­chung des frag­li­chen Ziels zu gewähr­leis­ten, und nicht über das hin­aus­ge­he, was zu sei­ner Errei­chung erfor­der­lich sei.

Als Recht­fer­ti­gung führt die luxem­bur­gi­sche Regie­rung ein „poli­ti­sches“ oder „sozia­les“ Ziel an, das dar­in bestehe, den Anteil der Per­so­nen mit Hoch­schul­ab­schluss an der Wohn­be­völ­ke­rung Luxem­burgs wesent­lich zu erhö­hen und den Über­gang der luxem­bur­gi­schen Wirt­schaft zu einer wis­sens­ba­sier­ten Wirt­schaft zu gewähr­leis­ten. Die Ein­woh­ner Luxem­burgs sei­en mit der luxem­bur­gi­schen Gesell­schaft ver­bun­den, so dass man anneh­men kön­ne, dass sie, nach­dem Luxem­burg ihr – gege­be­nen­falls im Aus­land absol­vier­tes – Stu­di­um finan­ziert habe, zurück­kehr­ten und ihre Kennt­nis­se zu Guns­ten der Ent­wick­lung der luxem­bur­gi­schen Wirt­schaft ein­setz­ten. Außer­dem sei die Beschrän­kung der Gewäh­rung von Stu­di­en­bei­hil­fen auf die Ein­woh­ner Luxem­burgs not­wen­dig, um die Finan­zie­rung des Sys­tems zu gewähr­leis­ten und dar­auf zu ach­ten, dass die­se Ver­güns­ti­gung nicht zu einer über­mä­ßi­gen Belas­tung wer­de, die Aus­wir­kun­gen auf das gesam­te Niveau der Bei­hil­fe haben könn­te, die der Staat gewäh­ren kön­ne.

Nach Auf­fas­sung des Gene­ral­an­walts ver­langt die Euro­päi­sche Uni­on von den Mit­glied­staa­ten Anstren­gun­gen zur Erhö­hung des Anteils jun­ger Erwach­se­ner mit Hoch­schul­ab­schluss, auch wenn die Mit­glied­staa­ten inso­weit über einen erheb­li­chen Spiel­raum bei der Fest­le­gung ihrer bil­dungs­po­li­ti­schen Zie­le ver­füg­ten. Die­ses Erfor­der­nis lie­ge ins­be­son­de­re der Ent­schei­dung zugrun­de, die Luxem­burg mit dem Gesetz von 2010 getrof­fen habe und die vor dem Hin­ter­grund der aus his­to­ri­scher Sicht aty­pi­schen wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on die­ses Lan­des zu sehen sei. Von einer auf den Berg­bau und die Stahl­in­dus­trie gestütz­ten Wirt­schaft habe Luxem­burg näm­lich nach dem Weg­fall die­ser Indus­trien einen Wan­del hin zum Aus­bau der Beschäf­ti­gung im Bank- und Finanz­sek­tor voll­zo­gen. Die­ser Sek­tor sei in der Fol­ge, und zwar schon vor der Finanz­kri­se, durch die auf Uni­ons­ebe­ne getrof­fe­nen Maß­nah­men zur dras­ti­schen Ein­schrän­kung der Vor­tei­le, die für das luxem­bur­gi­sche Ban­ken­sys­tem im Ver­gleich zu den Ban­ken­sys­te­men der ande­ren Mit­glied­staa­ten bestün­den, ernst­haft bedroht gewe­sen und sei es wei­ter­hin. Die Maß­nah­men, die Luxem­burg getrof­fen habe, um ein hohes Aus­bil­dungs­ni­veau sei­ner Wohn­be­völ­ke­rung zu gewähr­leis­ten, ver­folg­ten somit ein legi­ti­mes Ziel, das als zwin­gen­der Grund des All­ge­mein­in­ter­es­ses ange­se­hen wer­den kön­ne.

Anders als die luxem­bur­gi­sche Regie­rung ist der Gene­ral­an­walt über­zeugt, dass das bil­dungs­po­li­ti­sche Ziel getrennt vom Haus­halts­ziel zu betrach­ten sei, auch wenn die Bestim­mung der Emp­fän­ger einer sozia­len Ver­güns­ti­gung logi­scher­wei­se Aus­wir­kun­gen auf die wirt­schaft­li­che Belas­tung des Staa­tes habe. Das von Luxem­burg ange­führ­te Haus­halts­ziel kön­ne jedoch kei­nen legi­ti­men Grund dar­stel­len, der eine Ungleich­be­hand­lung von luxem­bur­gi­schen Arbeit­neh­mern und Arbeit­neh­mern aus ande­ren Mit­glied­staa­ten recht­fer­ti­gen kön­ne.

Der Gene­ral­an­walt schlägt vor, zu prü­fen, ob das letzt­lich ange­streb­te wirt­schaft­li­che Ziel – der Über­gang zu einer wis­sens­ba­sier­ten Wirt­schaft –, zu des­sen Errei­chung Luxem­burg die frag­li­che dis­kri­mi­nie­ren­de Pra­xis ein­ge­führt habe, ernst­haft und effek­tiv ver­folgt wer­de und ob die Kos­ten zur Ver­hin­de­rung die­ser Pra­xis so hoch wären, dass sie die Errei­chung des Ziels unmög­lich machen wür­den. Die­se Prü­fung sei Sache des vor­le­gen­den Gerichts.

Schließ­lich prüft der Gene­ral­an­walt, ob das Wohn­ort­er­for­der­nis geeig­net und ver­hält­nis­mä­ßig ist.

Wenn der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ent­schei­de, dass ein Mit­glied­staat Maß­nah­men ergrei­fen kön­ne, um den Zugang sei­ner Wohn­be­völ­ke­rung zum Hoch­schul­stu­di­um zu för­dern, damit die­se Per­so­nen anschlie­ßend dem luxem­bur­gi­schen Arbeits­markt zur Ver­fü­gung stün­den und ihn berei­cher­ten, sei das Wohn­ort­er­for­der­nis geeig­net, die Errei­chung die­ses Ziels zu gewähr­leis­ten.

Was die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit des Wohn­ort­er­for­der­nis­ses ange­he, müs­se das natio­na­le Gericht prü­fen, ob eine hin­rei­chen­de Wahr­schein­lich­keit bestehe, dass die in Luxem­burg woh­nen­den Emp­fän­ger der Stu­di­en­bei­hil­fe bereit sei­en, nach dem Abschluss ihres Stu­di­ums in die­ses Land zurück­zu­keh­ren und sich in das wirt­schaft­li­che und sozia­le Leben Luxem­burgs ein­zu­glie­dern. Außer­dem müs­se das Gericht prü­fen, ob die Umwand­lung der luxem­bur­gi­schen Wirt­schaft in eine wis­sens­ba­sier­te Wirt­schaft – und damit in eine Wirt­schaft, in der Dienst­leis­tun­gen im wei­tes­ten Sin­ne ange­bo­ten wer­den – tat­säch­lich durch öffent­li­che Maß­nah­men zur kon­kre­ten Ent­wick­lung neu­er Beschäf­ti­gungs­per­spek­ti­ven betrie­ben wor­den sei.

Die Schluss­an­trä­ge sei­nes Gene­ral­an­walts sind für den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on nicht bin­dend. Auf­ga­be des Gene­ral­an­walts ist es, dem Gerichts­hof in völ­li­ger Unab­hän­gig­keit einen Ent­schei­dungs­vor­schlag für die betref­fen­de Rechts­sa­che zu unter­brei­ten. Die Rich­ter des Euro­päi­schen Gerichts­hofs tre­ten nun­mehr in die Bera­tung ein. Das Urteil wird zu einem spä­te­ren Zeit­punkt ver­kün­det.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Schluss­an­trä­ge des Gene­ral­an­walts vom 7. Febru­ar 2013 – C‑20/​12 [Elo­die Giersch u. a. /​Luxem­burg]

  1. ABl.EU L 141, S. 1[]