Min­dest­men­ge für künst­li­che Knie­ge­len­ke

Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg in Pots­dam hat eine vom Gemein­sa­men Bun­des­aus­schuss für Kran­ken­häu­ser fest­ge­leg­te Min­dest­men­ge von 50 Knie­ge­lenk-Total­en­do­pro­the­sen („künst­li­ches Knie­ge­lenk“) für unwirk­sam erklärt.

Min­dest­men­ge für künst­li­che Knie­ge­len­ke

Min­dest­men­gen für sta­tio­nä­re Kran­ken­haus­leis­tun­gen die­nen nach der gesetz­ge­be­ri­schen Inten­ti­on der Qua­li­täts­si­che­rung („Übung macht den Meis­ter“). Es gibt sie z.B. im Bereich der Leber- und Nie­ren­trans­plan­ta­ti­on, aber auch der Knie­pro­the­tik. Wird ein Kran­ken­haus die auf ein Jahr bezo­ge­ne Min­dest­men­ge vor­aus­sicht­lich nicht errei­chen, darf es die Leis­tung nicht erbrin­gen.

Der Gemein­sa­me Bun­des­aus­schuss (GBA) ist das obers­te Beschluss­gre­mi­um der gemein­sa­men Selbst­ver­wal­tung der Ärz­te, Zahn­ärz­te, Psy­cho­the­ra­peu­ten, Kran­ken­häu­ser und Kran­ken­kas­sen in Deutsch­land. Er bestimmt z.B. in Form von Richt­li­ni­en den Leis­tungs­ka­ta­log der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung (GKV) für etwa 70 Mil­lio­nen Ver­si­cher­te und legt damit fest, wel­che Leis­tun­gen der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung von der GKV über­nom­men wer­den. Außer­dem erlässt der GBA Richt­li­ni­en und Beschlüs­se zur Qua­li­täts­si­che­rung im Bereich der ver­trags­ärzt­li­chen Ver­sor­gung und der Kran­ken­haus­be­hand­lung.

Mit Wir­kung vom 1. Janu­ar 2006 hat der Gemein­sa­me Bun­des­aus­schuss eine Min­dest­men­ge von 50 pro Kran­ken­haus und pro Jahr für Knie­ge­lenk-Total­en­do­pro­the­sen ein­ge­führt. Hier­ge­gen hat eine Bran­den­bur­ger Kli­nik im Sep­tem­ber 2008 mit der Begrün­dung Kla­ge erho­ben, sie sei in der Lage, die Leis­tung durch qua­li­fi­zier­te Spe­zia­lis­ten zu erbrin­gen und dür­fe durch die Min­dest­men­gen­re­ge­lung nicht dar­an gehin­dert wer­den, die­sen Ein­griff anzu­bie­ten.

Das Lan­des­so­zi­al­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg gab der Kla­ge nun statt:

Die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Ein­füh­rung einer Min­dest­men­ge in Bezug auf Knie­pro­the­sen lägen nicht vor. Beden­ken bestün­den schon gegen­über dem kon­kre­ten Ver­fah­rens­ab­lauf, denn der GBA habe zwar Ende 2004 das Insti­tut für Qua­li­tät und Wirt­schaft­lich­keit im Gesund­heits­we­sen (IQWiG) mit einem Gut­ach­ten über einen Schwel­len­wert bei Min­dest­men­gen für Knie­ge­lenk-Total­en­do­pro­the­sen beauf­tragt, die Min­dest­men­ge dann aber im August 2005 schon ver­bind­lich fest­ge­legt, bevor das in beson­de­rem Maße zu beach­ten­de IQWiG-Gut­ach­ten vor­lag (Dezem­ber 2005).

Vor allem sei aber die vom Gesetz aus­drück­lich gefor­der­te „beson­de­re“ Abhän­gig­keit der Leis­tungs­qua­li­tät von der Leis­tungs­men­ge nicht hin­rei­chend belegt. Der pri­mä­re Indi­ka­tor „post­ope­ra­ti­ve Beweg­lich­keit“ sei untaug­lich, weil das vor­lie­gen­de sta­tis­ti­sche Mate­ri­al hier sogar dar­auf hin­deu­te, dass – ab einer bestimm­ten Schwel­le – das Behand­lungs­er­geb­nis umso schlech­ter wer­de, je mehr Ein­grif­fe pro Jahr erbracht wür­den. In Bezug auf den sekun­dä­ren Indi­ka­tor „Wund­in­fek­ti­on“ sei zwar fest­stell­bar, dass das Risi­ko mit stei­gen­der Behand­lungs­zahl fal­le, doch bestehe hier nur eine gewis­se sta­tis­ti­sche Bezie­hung; die mess­ba­re Risi­ko­re­duk­ti­on sei so gering, dass von kei­nem beson­de­ren Zusam­men­hang zwi­schen Leis­tungs­men­ge und Qua­li­tät die Rede sein kön­ne.

In der münd­li­chen Urteils­be­grün­dung hat der Senat betont, dass die Sache mit dem Urteil gegen­über sämt­li­chen Akteu­ren des Gesund­heits­we­sens ver­bind­lich ent­schie­den sei und nicht etwa nur Aus­wir­kun­gen für die kla­gen­de Bran­den­bur­ger Kli­nik habe.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 17. August 2011 – L 7 KA 77/​08 KL