Nach­for­de­rung von Sozi­al­ver­si­che­rungs­ab­ga­ben im Insol­venz­ver­fah­ren

Die von der Bun­des­agen­tur für Arbeit im Rah­men der so genann­ten Gleich­wohl­ge­wäh­rung von Arbeits­lo­sen­geld an frei­ge­stell­te Arbeit­neh­mer (§ 143 SGB III) getra­ge­nen Bei­trä­ge zur Kranken‑, Ren­ten- und Pfle­ge­ver­si­che­rung sind bei der Erhe­bung von Bei­trags­nach­for­de­run­gen gegen­über dem Insol­venz­ver­wal­ter nach einer Betriebs­prü­fung in Abzug zu brin­gen, da der Insol­venz­ver­wal­ter – was die­se Bei­trä­ge angeht – von der Pflicht zur Ent­rich­tung befreit ist (§ 335 Abs. 3 Satz 2, Abs. 5 SGB III). Die Befrei­ung von der Bei­trags­pflicht bleibt auch bestehen trotz anders­lau­ten­dem Ergeb­nis einer Bespre­chung der Spit­zen­ver­bän­de der Kran­ken­kas­sen, der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung Bund und der Bun­des­agen­tur für Arbeit vom 25./26. Sep­tem­ber 2008.

Nach­for­de­rung von Sozi­al­ver­si­che­rungs­ab­ga­ben im Insol­venz­ver­fah­ren

Zu die­sem Urteil ist das Sozi­al­ge­richt Stutt­gart gelangt: Der Klä­ger, Insol­venz­ver­wal­ter der Fir­ma F., wen­det sich gegen eine auf­grund einer Betriebs­prü­fung erho­be­ne Nach­for­de­rung von Gesamt­so­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen.

Nach Auf­fas­sung des Sozi­al­ge­richts hät­te die Beklag­te die For­de­rung nicht ohne wei­te­re Sach­auf­klä­rung zur Pflicht des Klä­gers, Bei­trä­ge zur Sozi­al­ver­si­che­rung abzu­füh­ren, fest­stel­len dür­fen. Daher macht das Gericht von ihrer Befug­nis nach § 131 Abs. 5 Satz 1 SSG Gebrauch, wonach der Bescheid und der Wider­spruchs­be­scheid auf­ge­ho­ben wer­den kann, wenn eine wei­te­re Sach­auf­klä­rung erfor­der­lich ist, die wei­te­ren Ermitt­lun­gen erheb­lich sind und die Auf­he­bung auch unter Berück­sich­ti­gung der Belan­ge der Betei­lig­ten sach­dien­lich ist.

Zwar ist der Arbeit­ge­ber – auf Grund der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens an sei­ner Stel­le der Klä­ger als Insol­venz­ver­wal­ter – nach § 28e Abs. 1 Satz 1 SGB IV zur Zah­lung des sich aus Bei­trä­gen zur Kranken‑, Renten‑, Pfle­ge- und Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung zusam­men­set­zen­den § 28d SGB IV Gesamt­so­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­tra­ges an die jewei­li­gen Kran­ken­kas­sen als Ein­zugs­stel­len § 28h SGB IV ver­pflich­tet. Ent­spre­chen­de Betriebs­prü­fun­gen führt die Beklag­te als Trä­ger der Ren­ten­ver­si­che­rung gemäß § 28p SGB IV durch. Sie ist auf Grund der durch­ge­führ­ten Betriebs­prü­fung auch befugt, über die Höhe der Bei­trä­ge in einem Ver­wal­tungs­akt zu ent­schei­den § 28p Abs. 1 Satz 5 SGB IV. Hier­von gehen auch die Betei­lig­ten aus. Soweit der Klä­ger vor­trägt, die Beklag­te habe wegen der anfäng­li­chen Mas­seun­zu­läng­lich­keit und eines ent­spre­chen­den Voll­stre­ckungs­ver­bo­tes kei­nen Bescheid ertei­len dür­fen, kann sich der Klä­ger nicht auf ein Voll­stre­ckungs­ver­bot nach § 210 InsO beru­fen. Die­se Vor­schrift nimmt Bezug auf § 209 Abs. 1 Nr. 3 InsO und der Klä­ger meint, die Zah­lungs­pflicht nach § 28h SGB IV sei eine von § 209 Abs. 1 Nr. 3 InsO erfass­te „übri­ge“ Mas­se­ver­bind­lich­keit, weil sie nicht unter die von § 209 Abs. 2 erfass­ten und als vor­ran­gi­ge Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten nach § 209 Abs. 1 Nr. 2 InsO gel­ten­den Ver­pflich­tun­gen aus gegen­sei­ti­gen Ver­trä­gen fal­le. Dabei über­sieht der Klä­ger, dass die Zah­lungs­pflicht nach § 28h SGB IV nicht auf den von ihm in den Vor­der­grund die­ser Argu­men­ta­ti­on gestell­ten Arbeits­ver­trä­gen beruht, son­dern auf einer „Inan­spruch­nah­me pri­va­ter Drit­ter“ [1]. Damit geht der Vor­trag des Klä­gers, wegen der Frei­stel­lung der Arbeit­neh­mer sei­en For­de­run­gen aus die­sen Dau­er­schuld­ver­hält­nis­sen nach­ran­gi­ge Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten, für die ein Voll­stre­ckungs­ver­bot bestehe, an der Sache vor­bei.

Hier ent­schied die Beklag­te in den ange­foch­te­nen Beschei­den über die Höhe der vom Klä­ger für die frei­ge­stell­ten Arbeit­neh­mer zu zah­len­den Gesamt­so­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge. Aller­dings kann die Beklag­te eine Zah­lungs­pflicht nur so weit fest­stel­len, wie der Arbeit­ge­ber – hier der Klä­ger an sei­ner Stel­le – auch zur Ent­rich­tung der Bei­trä­ge ver­pflich­tet ist. Dies ist für die von der Bun­des­agen­tur für Arbeit geleis­te­ten Bei­trä­ge gera­de nicht der Fall.

Die Bun­des­agen­tur für Arbeit zahl­te gemäß § 143 Abs. 3 Satz 1 i.V.m. Abs. 1 SGB III den frei­ge­stell­ten Arbeit­neh­mern der Gemein­schuld­ne­rin Arbeits­lo­sen­geld, weil die­se zwar nach der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens bis zum jewei­li­gen Ablauf der Kün­di­gungs­frist Anspruch auf Arbeits­ent­gelt hat­ten, der Klä­ger die­se Ansprü­che aber wegen der anfäng­li­chen Mas­seun­zu­läng­lich­keit nicht befrie­di­gen konn­te (so genann­te Gleich­wohl­ge­wäh­rung). Dem ent­spre­chend leis­te­te die Bun­des­agen­tur für Arbeit für die Arbeit­neh­mer auch Bei­trä­ge zur Kranken‑, Ren­ten- und Pfle­ge­ver­si­che­rung, die sie vom Klä­ger als Insol­venz­ver­wal­ter erstat­tet ver­lan­gen kann. Denn nach § 335 Abs. 3 Satz 1 SGB III hat der Arbeit­ge­ber – im Fal­le der Insol­venz also der Insol­venz­ver­wal­ter – der Bun­des­agen­tur für Arbeit die im Fal­le des § 143 Abs. 3 SGB III (Gleich­wohl­ge­wäh­rung) geleis­te­ten Bei­trä­ge zur Kran­ken- und Ren­ten­ver­si­che­rung zu erset­zen, soweit er für die­sel­be Zeit Bei­trä­ge zur Kran­ken- und Ren­ten­ver­si­che­rung des Arbeit­neh­mers zu ent­rich­ten hat (Satz 1). Glei­ches gilt für die Bei­trä­ge zur Pfle­ge­ver­si­che­rung (§ 335 Abs. 5 SGB III).

Als Kon­se­quenz die­ser Pflicht des Klä­gers zur Erstat­tung der von der Bun­des­agen­tur für Arbeit geleis­te­ten Bei­trä­ge regelt § 335 Abs. 3 Satz 2 SGB III aus­drück­lich, dass der Arbeit­ge­ber inso­weit von sei­ner Ver­pflich­tung befreit ist, Bei­trä­ge an die Kran­ken- und Ren­ten­ver­si­che­rung zu ent­rich­ten; ent­spre­chen­des gilt für die Bei­trä­ge zur Pfle­ge­ver­si­che­rung (§ 335 Abs. 5 SGB III). Wird aber der Arbeit­ge­ber somit von der durch § 28e Abs. 1 Satz 1 SGB IV begrün­de­ten Pflicht zur Zah­lung des Gesamt­so­zi­al­ver­si­che­rungs­trä­gers in Höhe die­ser, von der Bun­des­agen­tur für Arbeit gezahl­ten Bei­trä­ge frei, kön­nen die­se Bei­trä­ge auch nicht nach § 28e Abs. 1 Satz 1 SGB IV vom Arbeit­ge­ber zur Zah­lung ver­langt wer­den. Ein Frei­wer­den bedeu­tet Weg­fall der Pflicht. Gera­de die­se Bei­trä­ge aber ver­langt die Beklag­te in den ange­foch­te­nen Beschei­den auch. Dies wäre nur dann recht­mä­ßig, wenn im Zeit­punkt des Zah­lungs­ver­lan­gens noch kei­ne Bei­trags­zah­lun­gen erfolgt wären. Davon kann nicht aus­ge­gan­gen wer­den.

Hier for­der­te die Beklag­te mit Bescheid vom 07.12.2010 und Wider­spruchs­be­scheid vom 28.03.2011, also weit mehr als drei Jah­re nach Ablauf der längs­ten Kün­di­gungs­frist und damit auch Ende der Gleich­wohl­ge­wäh­rung durch die Bun­des­agen­tur für Arbeit, die gesam­ten Bei­trä­ge zur Abfüh­rung. Dabei muss davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass im Zeit­punkt der Beschei­der­tei­lung – maß­ge­ben­der Zeit­punkt ist der Wider­spruchs­be­scheid als letz­te Behör­den­ent­schei­dung – die Bun­des­agen­tur auch die Bei­trä­ge bereits geleis­tet hat­te. Dies bestä­tigt der Vor­trag des Klä­gers: Er errech­ne­te und bezahl­te im Febru­ar 2011 – vor Erlass des Wider­spruchs­be­schei­des – die Dif­fe­renz aus dem Gesamt­be­trag der abzu­füh­ren­den Bei­trä­ge und der von der Bun­des­agen­tur für Arbeit auf Grund der geleis­te­ten Bei­trä­ge gel­tend gemach­te Erstat­tungs­for­de­rung. Der Klä­ger war somit nach § 335 Abs. 3 Satz 2, Abs. 5 SGB III im Zeit­punkt der letz­ten Behör­den­ent­schei­dung über die Höhe der abzu­füh­ren­den Bei­trä­ge nicht mehr zur Abfüh­rung der von der Bun­des­agen­tur für Arbeit geleis­te­ten Bei­trä­ge ver­pflich­tet. Die Beklag­te hät­te dies bei der Beschei­der­tei­lung berück­sich­ti­gen und das Nähe­re auf­klä­ren müs­sen.

Auf das erwähn­te Ergeb­nis einer Bespre­chung zwi­schen den Spit­zen­ver­bän­den der Kran­ken­kas­sen, der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung Bund und der Bun­des­agen­tur für Arbeit vom 25./26.09.2008 kann sich die Beklag­te nicht beru­fen. Unab­hän­gig davon, dass die Beklag­te selbst an die­sem Gespräch nicht betei­ligt war, kön­nen der­ar­ti­ge Gesprächs­er­geb­nis­se an der Rechts­la­ge nichts ändern. Ins­be­son­de­re kön­nen sie kei­ne Ver­pflich­tun­gen unbe­tei­lig­ter Drit­ter, hier des Klä­gers, begrün­den, schon gar nicht ent­ge­gen einer aus­drück­li­chen gesetz­li­chen Rege­lung.

Zu ermit­teln sind somit die von der Bun­des­agen­tur für Arbeit für die jewei­li­gen Arbeit­neh­mer im Prüf­zeit­raum gezahl­ten Bei­trä­ge. Dabei han­delt es sich schon inso­weit ange­sichts der Zahl der Arbeit­neh­mer und der unter­schied­li­chen Arbeits­agen­tu­ren um erheb­li­che Ermitt­lun­gen. Anschlie­ßend sind die­se Zah­lun­gen von den auf Grund der Betriebs­prü­fung fest­ge­stell­ten For­de­run­gen – bezo­gen auf den ein­zel­nen Arbeit­neh­mer, die Bei­trags­art und ggf. die Zeit­räu­me – in Abzug zu brin­gen und ist so die ver­min­der­te Nach­for­de­rung, ggf. unter Berück­sich­ti­gung der vom Klä­ger vor­ge­nom­me­nen wei­te­ren Zah­lung (eben­falls bezo­gen auf den ein­zel­nen Arbeit­neh­mer, die Bei­trags­art und ggf. die Zeit­räu­me) zu errech­nen. Für der­ar­ti­ge Ermitt­lun­gen und Berech­nun­gen ist die Beklag­te mit ihrer auf Betriebs­prü­fun­gen aus­ge­rich­te­ten per­so­nel­len und sach­li­chen Aus­stat­tung bei Wei­tem eher in der Lage, als das Gericht, das weder über ent­spre­chend aus­ge­bil­de­tes Unter­stüt­zungs­per­so­nal noch über die ent­spre­chen­den Daten­ver­ar­bei­tungs­pro­gram­me ver­fügt, sodass eine Auf­he­bung zwecks wei­te­rer Ermitt­lun­gen sach­dien­lich ist [2]. Die Sechs-Monats­frist des § 131 Abs. 5 Satz 4 SGG ist ein­ge­hal­ten, weil die Ver­wal­tungs­ak­ten am 11.05.2011 bei Gericht ein­ge­gan­gen sind.

Sozi­al­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 3. Novem­ber 2011 – S 5 R 2494/​11

  1. BSG, Urteil vom 29.04.1976, 12/​3 RK 66/​75 in SozR 2200 § 1399 Nr. 4[]
  2. Kel­ler in Mey­er-Lade­wig, SGG, 9. Auf­la­ge, § 131 Rdner. 19a m.w.N. zur Recht­spre­chung[]