Neu­be­wer­tung der Schul- und Stu­di­en­zei­ten in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung

Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt blie­ben jetzt vier gegen die geän­der­te Bewer­tung der Schul-/Hoch­schul­aus­bil­dungs­zeit in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung gerich­te­te Ver­fas­sungs­be­schwer­den ohne Erfolg. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nahm die Ver­fas­sungs­be­schwer­den nicht zur Ent­schei­dung an:

Neu­be­wer­tung der Schul- und Stu­di­en­zei­ten in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung

Bestim­men­der Fak­tor für die Ermitt­lung des Monats­be­trags der Ren­te ist ins­be­son­de­re die Sum­me der ermit­tel­ten per­sön­li­chen Ent­gelt­punk­te (§§ 64, 66 SGB VI). Neben Bei­trags­zei­ten, in denen voll­wer­ti­ge Bei­trä­ge erbracht wor­den sind, wer­den unter ande­rem auch bei­trags­freie und bei­trags­ge­min­der­te Zei­ten bewer­tet.

Im Rah­men der begrenz­ten Gesamt­leis­tungs­be­wer­tung wur­den nach der Rechts­la­ge bis zum 31.12 2004 alle bei­trags­frei­en Anrech­nungs­zei­ten einer schu­li­schen Aus­bil­dung (Zei­ten des Besuchs einer Schu­le, Fach­schu­le oder Hoch­schu­le oder der Teil­nah­me an einer berufs­vor­be­rei­ten­den Bil­dungs­maß­nah­me nach dem voll­ende­ten 17. Lebens­jahr, § 54 Abs. 1 Nr. 2, Abs. 4, § 58 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 SGB VI), ein­heit­lich für die Dau­er von höchs­tens 36 Mona­ten mit 75 % höchs­tens jedoch 0, 0625 Ent­gelt­punk­ten je Kalen­der­mo­nat (ins­ge­samt also maxi­mal 2, 25 Ent­gelt­punk­ten) bewer­tet (§ 74 SGB VI zuletzt in der Neu­fas­sung vom 19.02.2002).

Nach der Neu­re­ge­lung des § 74 Satz 4 SGB VI in der Fas­sung des Art. 1 Nr. 13 des RV-Nach­hal­tig­keits­ge­set­zes wer­den Anrech­nungs­zei­ten wegen Schul- oder Hoch­schul­aus­bil­dung ab 1.01.2005 grund­sätz­lich nicht mehr ren­ten­er­hö­hend berück­sich­tigt. Die Über­gangs­re­ge­lung des § 263 Abs. 3 SGB VI in der Fas­sung des Art. 1 Nr. 55 des RV-Nach­hal­tig­keits­ge­set­zes mil­dert die­se Rege­lung für die ren­ten­na­hen Jahr­gän­ge ab. Danach wer­den Zei­ten einer Schul- oder Hoch­schul­aus­bil­dung bis zu einer Höchst­dau­er von drei Jah­ren wei­ter­hin ren­ten­er­hö­hend berück­sich­tigt, jedoch in Abhän­gig­keit vom Ren­ten­be­ginn nicht – wie bis­her – mit 75 % höchs­tens jedoch 0, 0625 Ent­gelt­punk­ten je Kalen­der­mo­nat, son­dern mit einem sich stu­fen­wei­se in monat­li­chen Schrit­ten von 1, 56 % bezie­hungs­wei­se 0, 0013 Ent­gelt­punk­ten min­dern­den und sich aus der Tabel­le des § 263 Abs. 3 Satz 4 SGB VI in der Fas­sung des Art. 1 Nr. 55 des RV-Nach­hal­tig­keits­ge­set­zes erge­ben­den nied­ri­ge­ren Pro­zent­wert bezie­hungs­wei­se Ent­gelt­punk­te­wert. Bei einem Ren­ten­ein­tritt ab 1.01.2009 ist die ren­ten­er­hö­hen­de Wir­kung von Zei­ten wegen Schul- und Hoch­schul­aus­bil­dung auf Null abge­schmol­zen.

Zei­ten einer beruf­li­chen Aus­bil­dung, einer Fach­schul­aus­bil­dung sowie der Teil­nah­me an einer berufs­vor­be­rei­ten­den Bil­dungs­maß­nah­me wer­den nach § 74 Satz 1 bis 3 SGB VI in der Fas­sung des Art. 1 Nr. 13 des RV-Nach­hal­tig­keits­ge­set­zes dage­gen auch nach dem 1.01.2005 im Rah­men der begrenz­ten Gesamt­leis­tungs­be­wer­tung für ins­ge­samt höchs­tens 36 Mona­te wie bis­her bewer­tet. Damit hat der Gesetz­ge­ber die Bewer­tung von bei­trags­ge­min­der­ten Zei­ten der beruf­li­chen Aus­bil­dung (§ 54 Abs. 3 Satz 2 SGB VI), die nach der Rechts­la­ge vor Inkraft­tre­ten des RV-Nach­hal­tig­keits­ge­set­zes in grö­ße­rem Umfang berück­sich­ti­gungs­fä­hig waren, der Bewer­tung von bei­trags­frei­en Zei­ten einer Fach­schul­aus­bil­dung und der Teil­nah­me an einer berufs­vor­be­rei­ten­den Bil­dungs­maß­nah­me ange­gli­chen.

Der all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG gebie­tet dem Norm­ge­ber, wesent­lich Glei­ches gleich und wesent­lich Unglei­ches ungleich zu behan­deln [1]. Er gilt sowohl für unglei­che Belas­tun­gen als auch für unglei­che Begüns­ti­gun­gen [2]. Ver­bo­ten ist auch ein gleich­heits­wid­ri­ger Begüns­ti­gungs­aus­schluss [3], bei dem eine Begüns­ti­gung dem einen Per­so­nen­kreis gewährt, dem ande­ren aber vor­ent­hal­ten wird [4]. Grund­sätz­lich ist es Sache des Gesetz­ge­bers, die­je­ni­gen Sach­ver­hal­te aus­zu­wäh­len, an die er die­sel­ben Rechts­fol­gen knüpft, vor­aus­ge­setzt die Aus­wahl ist sach­ge­recht [5].

Dif­fe­ren­zie­run­gen bedür­fen stets der Recht­fer­ti­gung durch Sach­grün­de, die dem Dif­fe­ren­zie­rungs­ziel und dem Aus­maß der Ungleich­be­hand­lung ange­mes­sen sind [6]. Dabei gilt ein stu­fen­lo­ser, am Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ori­en­tier­ter Prü­fungs­maß­stab, des­sen Inhalt und Gren­zen sich nicht abs­trakt, son­dern nur nach den jeweils betrof­fe­nen unter­schied­li­chen Sach- und Rege­lungs­be­rei­chen bestim­men las­sen [7]. Eine stren­ge­re Bin­dung des Gesetz­ge­bers ist ins­be­son­de­re anzu­neh­men, wenn die Dif­fe­ren­zie­rung an Per­sön­lich­keits­merk­ma­le anknüpft, wobei sich die ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen umso mehr ver­schär­fen, je weni­ger die Merk­ma­le für den Ein­zel­nen ver­füg­bar sind [8] oder je mehr sie sich denen des Art. 3 Abs. 3 GG annä­hern [9]. Eine stren­ge­re Bin­dung des Gesetz­ge­bers kann sich auch aus den jeweils betrof­fe­nen Frei­heits­rech­ten erge­ben [10]. Im Bereich der gewäh­ren­den Staats­tä­tig­keit hat der Gesetz­ge­ber eine beson­ders gro­ße Gestal­tungs­frei­heit [11]. Im Fal­le der Auf­recht­erhal­tung und Ände­rung von gewäh­ren­den Leis­tun­gen hat der Gesetz­ge­ber dar­auf zu ach­ten, dass ins­be­son­de­re nie­mand aus sach­frem­den, will­kür­li­chen Grün­den gegen­über einem ande­ren benach­tei­ligt wird [12].

Dem Beschwer­de­füh­rer obliegt es bei der Rüge eines Ver­sto­ßes gegen das all­ge­mei­ne Gleich­heits­ge­bot dar­zu­le­gen, zwi­schen wel­chen kon­kre­ten Ver­gleichs­grup­pen eine Ungleich­be­hand­lung bestehen soll [13] und inwie­weit es sich bei den von ihm gebil­de­ten Ver­gleichs­grup­pen um im Wesent­li­chen glei­che Sach­ver­hal­te han­delt [14]. Außer­dem muss er sich mit nahe lie­gen­den Grün­den für eine Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen den Ver­gleichs­grup­pen aus­ein­an­der­set­zen [15].

Die­sen ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen wer­den die Begrün­dun­gen der Ver­fas­sungs­be­schwer­den nicht gerecht.

Es fehlt bereits an einer sub­stan­ti­ier­ten Aus­ein­an­der­set­zung mit der Fra­ge, inwie­weit es sich bei den von den Beschwer­de­füh­rern ver­gli­che­nen Zei­ten einer Schul- oder Hoch­schul­aus­bil­dung einer­seits und den Zei­ten einer Fach­schul­aus­bil­dung ande­rer­seits um im Wesent­li­chen glei­che Sach­ver­hal­te han­delt.

Zwar mag in der vor­lie­gen­den Kon­stel­la­ti­on eine wesent­li­che Gleich­heit der Ver­gleichs­grup­pen nahe­lie­gend erschei­nen, weil die­se Zei­ten bis zur Geset­zes­än­de­rung durch das RV-Nach­hal­tig­keits­ge­setz in glei­cher Wei­se begüns­tigt wur­den. Aus der Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs zum RV-Nach­hal­tig­keits­ge­setz [16] lässt sich jedoch ent­neh­men, dass durch die Neu­re­ge­lung die bis­he­ri­ge ren­ten­recht­li­che Bes­ser­stel­lung von Ver­si­cher­ten mit Anrech­nungs­zei­ten wegen Schul- und Hoch­schul­aus­bil­dung besei­tigt, also eine bis­he­ri­ge Pri­vi­le­gie­rung die­ser Zei­ten abge­schafft wer­den soll. Von einer wesent­li­chen Gleich­heit die­ser Zei­ten kann folg­lich nicht ohne wei­te­res aus­ge­gan­gen wer­den. Die Beschwer­de­füh­rer hät­ten daher vor­tra­gen müs­sen, aus wel­chen tat­säch­li­chen Anknüp­fungs­punk­ten die wesent­li­che Gleich­heit der gebil­de­ten Ver­gleichs­grup­pen folgt. Den Ver­fas­sungs­be­schwer­den fehlt es inso­weit an Vor­trag zu ren­ten­spe­zi­fi­schen Gemein­sam­kei­ten und Unter­schie­den von Schul- und Hoch­schul­aus­bil­dung einer­seits und Fach­schul­aus­bil­dung ande­rer­seits, etwa im Hin­blick auf die sich erge­ben­den Ver­dienst­mög­lich­kei­ten.

Auch set­zen sich die Beschwer­de­füh­rer nicht hin­rei­chend sub­stan­ti­iert mit dem Recht­fer­ti­gungs­maß­stab und folg­lich auch nicht mit den sach­li­chen Grün­den für eine Ungleich­be­hand­lung der benann­ten Ver­gleichs­grup­pen aus­ein­an­der.

Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt und auch die übri­gen Gerich­te legen dar, dass dem Gesetz­ge­ber bei der Bewer­tung von bei­trags­frei­en Zei­ten einer Schul- oder Hoch­schul­aus­bil­dung als Aus­druck staat­li­cher Für­sor­ge eine wei­te Gestal­tungs­frei­heit zuste­he. An einer Aus­ein­an­der­set­zung mit dem abs­trak­ten Recht­fer­ti­gungs­maß­stab fehlt es den Begrün­dun­gen der Ver­fas­sungs­be­schwer­den gänz­lich. Folg­lich ver­feh­len die Aus­füh­run­gen der Ver­fas­sungs­be­schwer­den die Sub­stan­ti­ie­rungs­an­for­de­run­gen der § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG.

Auch eine hin­rei­chend sub­stan­ti­ier­te Aus­ein­an­der­set­zung mit der durch die Gerich­te her­an­ge­zo­ge­nen Typi­sie­rungs­be­fug­nis des Gesetz­ge­bers las­sen die Ver­fas­sungs­be­schwer­den nicht erken­nen. Ins­be­son­de­re bei der Ord­nung von Mas­sen­er­schei­nun­gen ist der Gesetz­ge­ber berech­tigt, gene­ra­li­sie­ren­de, typi­sie­ren­de und pau­scha­lie­ren­de Rege­lun­gen zu ver­wen­den, ohne allein wegen der damit ver­bun­de­nen unver­meid­li­chen Här­ten gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz zu ver­sto­ßen. Eine Typi­sie­rung setzt, soll sie ver­fas­sungs­recht­lich zuläs­sig sein, vor­aus, dass die durch sie ein­tre­ten­den Här­ten und Unge­rech­tig­kei­ten nur eine ver­hält­nis­mä­ßig klei­ne Zahl von Per­so­nen betref­fen und der Ver­stoß gegen den Gleich­heits­satz nicht sehr inten­siv ist. Wesent­lich ist fer­ner, ob die Här­ten nur unter Schwie­rig­kei­ten ver­meid­bar wären [17]. Dass die mit­tel­bar ange­grif­fe­nen Rege­lun­gen die­se Maß­ga­ben ver­fehl­ten, ist in den Ver­fas­sungs­be­schwer­den nicht hin­rei­chend dar­ge­tan. Eine dif­fe­ren­zier­te Dar­le­gung ins­be­son­de­re des Aus­ma­ßes vor­aus­sicht­lich zu erwar­ten­der Här­ten durch die Anwen­dung der von den Beschwer­de­füh­rern mit­tel­bar ange­grif­fe­nen Nor­men ist den Ver­fas­sungs­be­schwer­den nicht zu ent­neh­men.

, Beschluss vom 18. Mai 2016 – 1 BvR 2217/​11

  1. vgl. BVerfGE 98, 365, 385; stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 79, 1, 17; 126, 400, 416 m.w.N.[]
  3. vgl. BVerfGE 93, 386, 396; 105, 73, 110 ff., 133[]
  4. vgl. BVerfGE 110, 412, 431; 112, 164, 174; 126, 400, 416 m.w.N.[]
  5. vgl. BVerfGE 90, 145, 196; 94, 241, 260[]
  6. vgl. BVerfGE 129, 49, 68; 133, 1, 13 Rn. 44[]
  7. vgl. BVerfGE 75, 108, 157; 93, 319, 348 f.; 107, 27, 46; 126, 400, 416; 129, 49, 69; 132, 179, 188 Rn. 30[]
  8. vgl. BVerfGE 88, 87, 96; 129, 49, 69; 130, 240, 254[]
  9. vgl. BVerfGE 88, 87, 96; 124, 199, 220; 129, 49, 69; 130, 240, 254[]
  10. vgl. BVerfGE 88, 87, 96; 111, 176, 184; 129, 49, 69; 130, 240, 254[]
  11. vgl. BVerfGE 99, 165, 178; 106, 166, 175 f.; 111, 176, 184; 112, 164, 175; 130, 240, 254[]
  12. vgl. BVerfGE 60, 16, 42[]
  13. vgl. BVerfGK 15, 59, 62 f.; 16, 245, 248; 18, 328, 332; BVerfG, Beschluss vom 10.03.2008 – 1 BvR 1243/​04 6[]
  14. vgl. BVerfGE 130, 151, 174 f.[]
  15. vgl. BVerfGK 18, 328, 332 f.; BVerfG, Beschluss vom 28.08.2010 – 1 BvR 1141/​10 15; BVerfG, Beschluss vom 20.08.2013 – 1 BvR 2402/​12 u.a. 35[]
  16. BT-Drs. 15/​2149, S.19[]
  17. vgl. BVerfGE 100, 59, 90 m.w.N.[]