Pfle­ge­el­tern – und die Kla­ge­be­fug­nis

Die nicht sor­ge­be­rech­tig­ten Pfle­ge­el­tern sind im Fal­le der Been­di­gung der Voll­zeit­pfle­ge durch Her­aus­nah­me der Kin­der aus ihrer Pfle­ge­fa­mi­lie nicht gemäß § 42 Abs. 2 VwGO kla­ge­be­fugt.

Pfle­ge­el­tern – und die Kla­ge­be­fug­nis

Die Pfle­ge­mut­ter ist bereits nicht kla­ge­be­fugt gemäß dem in allen Ver­fah­ren der Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung (ent­spre­chend) anzu­wen­den­den § 42 Abs. 2 VwGO 1. Denn die Pfle­ge­mut­ter kann nicht gel­tend machen, durch die Her­aus­nah­me des Kin­des aus ihrer Pfle­ge­fa­mi­lie in einem sub­jek­tiv-öffent­li­chen Recht ver­letzt zu sein, da eine sol­che Rechts­ver­let­zung von vorn­her­ein aus­schei­det. Soweit durch die Her­aus­nah­me des Kin­des aus der Pfle­ge­fa­mi­lie der Pfle­ge­mut­ter das "Pfle­ge­ver­hält­nis", das zwi­schen dem Beklag­ten und der Pfle­ge­mut­ter bestan­den hat, been­det wor­den ist, sind kei­ne sub­jek­tiv-öffent­li­chen Rech­te der Pfle­ge­mut­ter tan­giert wor­den, da die­ses Rechts­ver­hält­nis aus­schließ­lich zivil­recht­li­cher Natur gewe­sen ist. Soweit durch die Her­aus­nah­me des Kin­des aus der Pfle­ge­fa­mi­lie der Pfle­ge­mut­ter die der Kin­des­mut­ter gewähr­te Hil­fe zur Erzie­hung in Voll­zeit­pfle­ge been­det oder geän­dert wor­den ist, sind eben­falls kei­ne sub­jek­tiv-öffent­li­chen Rech­te der Pfle­ge­mut­ter betrof­fen, da der Anspruch auf Hil­fe zur Erzie­hung in Voll­zeit­pfle­ge durch Unter­brin­gung des Kin­des bei einer Pfle­ge­fa­mi­lie allein den Per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ten zusteht 2 und daher auch die Been­di­gung oder Ände­rung der kon­kre­ten Hil­fe­ge­wäh­rung durch Her­aus­nah­me des Kin­des aus der Pfle­ge­fa­mi­lie allein die sub­jek­tiv-öffent­li­chen Rech­te der Per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ten ver­let­zen kann. Erfolgt näm­lich die Hil­fe­ge­wäh­rung durch den Trä­ger der öffent­li­chen Jugend­hil­fe gegen­über den Per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ten auf­grund deren Anspruch aus §§ 27, 33 SGB VIII, kann auch deren Been­di­gung oder Ände­rung nur die sub­jek­tiv-öffent­li­chen Rech­te der Per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ten betref­fen. Selbst wenn die Her­aus­nah­me des Kin­des aus der Pfle­ge­fa­mi­lie der Pfle­ge­mut­ter eine Inob­hut­nah­me gemäß § 42 SGB VIII gewe­sen sein soll­te, wie die Pfle­ge­mut­ter behaup­tet, wäre hier­durch nicht in sub­jek­tiv-öffent­li­che Rech­te der Pfle­ge­mut­ter, son­dern allein in die Rech­te der Per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ten ein­ge­grif­fen wor­den, und zwar in deren Auf­ent­halts­be­stim­mungs­recht und mög­li­cher­wei­se auch in deren Rech­te aus §§ 27, 33 SGB VIII. Sub­jek­tiv-öffent­li­che Rech­te der Pfle­ge­mut­ter als Pfle­ge­per­son sind mit­hin unter kei­nem Gesichts­punkt betrof­fen.

Hier­zu hat der Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof in sei­nem Beschluss vom 20.01.2014 3 im Ein­zel­nen aus­ge­führt: Indes fehlt es den Klä­gern, wie das Ver­wal­tungs­ge­richt zutref­fend ange­nom­men hat, an der für die Fest­stel­lung der Rechts­wid­rig­keit einer Inob­hut­nah­me erfor­der­li­chen Kla­ge­be­fug­nis im Sin­ne von § 42 Abs. 2 VwGO. … Auch für die Zuläs­sig­keit einer Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­kla­ge im Sin­ne von § 113 Abs. 1 Satz 4 VwGO ist die Kla­ge­be­fug­nis nach § 42 Abs. 2 VwGO Sach­ent­schei­dungs­vor­aus­set­zung. Sie ist dann gege­ben, wenn nach dem Sach­vor­trag der Klä­ger deren Ver­let­zung in eige­nen, sub­jek­tiv-öffent­li­chen Rech­ten mög­lich erscheint. An einer der­ar­ti­gen Mög­lich­keit der Ver­let­zung in eige­nen, sub­jek­tiv-öffent­lich Rech­ten durch die Inob­hut­nah­me der Pfle­ge­kin­der der Klä­ger man­gelt es indes im vor­lie­gen­den Fall. Adres­sa­ten einer Inob­hut­nah­me sind neben dem betrof­fe­nen Kind 4 allein die jewei­li­gen Per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ten, in deren Auf­ent­halts­be­stim­mungs­recht mit­tels einer hoheit­li­che Maß­nah­me ein­ge­grif­fen wird 5. Kla­ge­be­fugt für die Fest­stel­lung der Rechts­wid­rig­keit der Inob­hut­nah­me nach ihrer Been­di­gung 6 wäre daher im vor­lie­gen­den Fall allein das Jugend­amt des Beklag­ten als Ergän­zungs­pfle­ger und Inha­ber des Auf­ent­halts­be­stim­mungs­rechts der Pfle­ge­kin­der. Wäh­rend Hil­fe zur Erzie­hung in Form der Voll­zeit­pfle­ge nach §§ 27, 33 SGB VIII im Rah­men eines öffent­lich-recht­li­chen Rechts­ver­hält­nis­ses dem Per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ten auf Antrag gewährt wird, gestal­tet sich die Bezie­hung zwi­schen der jewei­li­gen Pfle­ge­fa­mi­lie und dem Jugend­amt pri­vat­recht­lich (sog. jugend­hil­fe­recht­li­ches Drei­ecks­ver­hält­nis). Die zwi­schen Jugend­amt und Pfle­ge­el­tern inso­weit bestehen­de pri­vat­recht­li­che Pfle­ge­ver­ein­ba­rung 7 ver­mit­telt den Pfle­ge­el­tern in Bezug auf die Pfle­ge­kin­der dem­zu­fol­ge kein sub­jek­tiv-öffent­li­ches Recht, in das durch eine Inob­hut­nah­me ein­ge­grif­fen wer­den könn­te. Zwar erhal­ten die Pfle­ge­el­tern nach § 1688 BGB bestimm­te Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se hin­sicht­lich ihrer Pfle­ge­kin­der über­tra­gen, erlan­gen durch das Pfle­ge­ver­hält­nis indes nicht die Stel­lung eines Per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ten 8. So steht bei­spiels­wei­se auch der Anspruch auf die Leis­tung von Pfle­ge­geld nach § 39 SGB VIII allein dem Per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ten, nicht hin­ge­gen den Pfle­ge­el­tern zu. Man­gels eines ent­spre­chen­den "Rechts am Pfle­ge­kind" besit­zen die Pfle­ge­el­tern daher regel­mä­ßig kei­ne ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Kla­ge­be­fug­nis gegen Maß­nah­men im Rah­men des Voll­zeit­pfle­ge­ver­hält­nis­ses. Dem­ge­gen­über bie­tet der Zivil­rechts­weg, wie das Ver­wal­tungs­ge­richt zutref­fend ange­nom­men hat, den Pfle­ge­el­tern die Mög­lich­keit, Rechts­schutz über eine Ver­blei­be­an­ord­nung nach § 1632 Abs. 4 BGB zu erlan­gen. Hier­von haben die Klä­ger im vor­lie­gen­den Fall auch – aller­dings ohne Erfolg – Gebrauch gemacht. Neben § 1632 Abs. 4 BGB besit­zen die Pfle­ge­el­tern gegen die Her­aus­nah­me des Pfle­ge­kinds aus der Fami­lie folg­lich kei­ne ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Rechts­schutz­mög­lich­kei­ten 9. Eine sol­che lässt sich auch nicht aus der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Rechts­stel­lung der Pfle­ge­el­tern ablei­ten. Denn unge­ach­tet der Aner­ken­nung der zwi­schen Pfle­ge­kin­dern und Pfle­ge­fa­mi­lie bestehen­den Bin­dun­gen im Rah­men des ver­fas­sungs­recht­li­chen Schut­zes der Fami­lie besit­zen Pfle­ge­el­tern gera­de kei­ne dem Eltern­recht ver­gleich­ba­re Grund­rechts­po­si­ti­on, aus der sich eine über § 1632 Abs. 4 BGB hin­aus­ge­hen­de pro­zes­sua­le Rechts­stel­lung ergä­be 10. Denn mit der Mög­lich­keit, fami­li­en­ge­richt­lich eine Ver­blei­bens­an­ord­nung nach § 1632 Abs. 4 BGB zu erwir­ken, wird der gewach­se­nen Bin­dun­gen des Pfle­ge­kinds zu sei­nen Pfle­ge­el­tern – allein im Inter­es­se des Kin­des­wohls – hin­rei­chend Rech­nung getra­gen.

Nach die­sen Aus­füh­run­gen des Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs, denen das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt folgt, haben die Pfle­ge­el­tern allein zivil­recht­lich die Mög­lich­keit, Rechts­schutz über eine Ver­blei­bens­an­ord­nung nach § 1632 Abs. 4 BGB zu erlan­gen. Auch die Pfle­ge­mut­ter hat hier­von – ohne Erfolg – Gebrauch gemacht. Ein sub­jek­tiv-öffent­li­ches Recht, des­sen Ver­let­zung ihre Kla­ge­be­fug­nis gemäß § 42 Abs. 2 VwGO begrün­den könn­te, kann die Pfle­ge­mut­ter dage­gen nicht vor­wei­sen.

Aus den vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen ergibt sich im Übri­gen zugleich, dass die von der Pfle­ge­mut­ter erho­be­ne Fest­stel­lungs­kla­ge kein fest­stel­lungs­fä­hi­ges Rechts­ver­hält­nis im Sin­ne des § 43 Abs. 1 VwGO zum Gegen­stand hat, da die Fest­stel­lung, die die Pfle­ge­mut­ter begehrt, kein öffent­lich-recht­li­ches Rechts­ver­hält­nis, an dem sie betei­ligt ist, betrifft.

Außer­dem ist hier das für eine Fest­stel­lungs­kla­ge gemäß § 43 Abs. 1 VwGO erfor­der­li­che Fest­stel­lungs­in­ter­es­se, für das jedes nach Sach­la­ge anzu schutz­wür­di­ge Inter­es­se recht­li­cher, wirt­schaft­li­cher oder auch ide­el­ler Art genügt 11, zu ver­nei­nen.

Soweit die Pfle­ge­mut­ter inso­weit auf die "nach einer ent­spre­chen­den Fest­stel­lung erwach­sen­den Scha­dens­er­satz- und Schmer­zens­geld­an­sprü­che" ohne nähe­re Begrün­dung ver­wie­sen hat, begrün­det dies kein Fest­stel­lungs­in­ter­es­se, da von der Pfle­ge­mut­ter nicht dar­ge­legt wor­den und auch nicht ansatz­wei­se ersicht­lich ist, wel­che kon­kre­ten Scha­dens­er­satz- und Schmer­zens­geld­an­sprü­che der Pfle­ge­mut­ter gegen­über dem Beklag­ten zuste­hen könn­ten. Es feh­len ins­be­son­de­re kon­kre­te Anhalts­punk­te für die von der Pfle­ge­mut­ter in die­sem Zusam­men­hang pau­schal behaup­te­te "schuld­haf­te Amts­pflicht­ver­let­zung" der Mit­ar­bei­ter des Beklag­ten. Auch ein Reha­bi­li­ta­ti­ons­in­ter­es­se hat die Pfle­ge­mut­ter nicht kon­kret begrün­det. Sie hat ledig­lich im Rah­men der Begrün­dung ihrer Kla­ge aus­ge­führt, dass "der Poli­zei­ein­satz in der Nach­bar­schaft der Pfle­ge­mut­ter nicht unbe­merkt geblie­ben" sei, "inso­weit die Gerüch­te­kü­che bro­delt" und sie gegen­über der Kin­des­mut­ter rich­tig gestellt wis­sen wol­le, dass das Pfle­ge­kind nicht gefähr­det wor­den sei. Ein begrün­de­tes Reha­bi­li­ta­ti­ons­in­ter­es­se lässt sich hier­aus nicht her­lei­ten. Schließ­lich ergibt sich ein Fest­stel­lungs­in­ter­es­se auch nicht aus einer Wie­der­ho­lungs­ge­fahr, für die kei­ne Anhalts­punk­te bestehen, oder aus einem Grund­rechts­ein­griff, da Grund­rech­te der Pfle­ge­mut­ter nach dem oben Gesag­ten nicht betrof­fen sind.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 22. Juli 2014 – 4 LC 59/​12

  1. sie­he hier­zu BVerwG, Urtei­le vom 27.05.2009 – 8 C 10.08, NVwZ 2009, 1305, und 26.01.1996 – 8 C 19.94; OVG, Beschluss vom 23.04.2014 – 4 ME 78/​14[]
  2. OVG, Beschluss vom 12.05.2014 – 4 LA 136/​13 – m.w.N.[]
  3. BayVGH, Beschluss vom 20.01.2014 – 12 ZB 12.2766, NJW 2014, 715; sie­he hier­zu fer­ner die Beschlüs­se des Baye­ri­schen VGH vom 23.04.2014 – 12 ZB 13.2586 – und 2.07.2003 – 12 CS 03.1017[]
  4. Wies­ner in Wies­ner, SGB VIII, 4. Aufl.2011, § 42 Rn. 67[]
  5. vgl. Boh­nert in Hauck, SGB VIII, § 42 Rn. 25; Trenczek/​Meysen, JAmt 2010, 543, 545[]
  6. zum Wech­sel­spiel zwi­schen fami­li­en­ge­richt­li­chen und ver­wal­tungs­ge­richt­li­chem Rechts­schutz gegen eine Inob­hut­nah­me vgl. Trenczek/​Meysen, JAmt 2010, 543 ff.; zum Vor­rang des fami­li­en­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens vor Been­di­gung der Inob­hut­nah­me vgl. Happe/​Saurbier in Jans/​Happe/​Sauerbier, KJHG, § 42 Rn. 75 zur Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­kla­ge in die­sen Fäl­len Tren­c­zek in Münder/​Meysen/​Trenczek, Frank­fur­ter Kom­men­tar SGB VIII, 7. Aufl.2013, Rn. 63[]
  7. vgl. hier­zu aus­führ­lich Fischer in Schellhorn/​Fischer/​Mann/​Kern, SGB VIII, 4. Aufl.2012, § 33 Rn. 21; Stähr in Hauck, SGB VIII, § 33 Rn. 22 f.[]
  8. vgl. hier­zu BayVGH, B.v 2.07.2003 – 12 CVS 03.1017 – FEVS 55, 254; U.v.05.04.2001 – 12 B 96.2358 – FEVS 52, 464[]
  9. so bereits BayVGH, B.v 2.07.2003 – 12 CS 03.1017 – FEVS 55, 254; Fischer in Schellhorn/​Fischer/​Mann/​Kern, SGB VIII, 4. Aufl.2012, § 33 Rn. 25[]
  10. vgl. BVerfG, B.v. 12.10.1988 – 1 BvR 818/​88BverfGE 79, 51; B.v. 18.05.1993 – 1 BvR 338/​90Fam­RZ 1993, 1045; B.v. 31.03.2010 – 1 BvR 2910/​09Fam­RZ 2010, 865; BGH, B.v.13.04.2005 – XII ZB 54/​03Fam­RZ 2005, 975; Fischer in Schellhorn/​Fischer/​Mann/​Kern, SGB VIII, 4. Aufl.2012, § 33 Rn. 25[]
  11. vgl. BVerwG, Urteil vom 27.05.2009 – 8 C 10.08, NVwZ 2009, 1305; Kopp/​Schenke, VwGO, § 43 Rn. 23[]