Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gnos­tik auf Kassenrezept?

Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gnos­tik ist nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts kei­ne Leis­tung der gesetz­li­chen Krankenversicherung.

Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gnos­tik auf Kassenrezept?

In dem vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt ent­schie­de­nen Fall lei­det der bei der beklag­ten Bar­mer GEK ver­si­cher­te Klä­ger an einem Gen­de­fekt, der eine ver­erb­li­che, das Gehirn betref­fen­de Gefäß­er­kran­kung (zere­bra­le auto­so­mal domi­nan­te Arte­rio­pa­thie mit sub­kor­ti­ka­len Infark­ten und Leu­ko­en­ze­pha­lo­pa­thie ‑CADASIL-) mit schwe­ren Ver­läu­fen bis hin zur Demenz ver­ur­sacht. Er und sei­ne Ehe­frau wol­len ver­mei­den, dass gemein­sa­me Kin­der Trä­ger des Gen­de­fekts wer­den. Des­we­gen ent­schlos­sen sie sich zur künst­li­chen Befruch­tung (IVF), um vom Gen­de­fekt betrof­fe­ne Eizel­len durch die erst in die­sem Sta­di­um mög­li­che Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gnos­tik (PID) fest­stel­len zu las­sen und vom intrau­te­ri­nen Embryo­nen­trans­fer aus­zu­schlie­ßen. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat – wie in der Vor­in­stanz bereits das lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg [1] einen Anspruch des Klä­gers verneint:

Die PID-IVF-Behand­lung ist kei­ne Kran­ken­be­hand­lung im Sin­ne der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung (GKV). Durch die PID-IVF soll beim Klä­ger kei­ne Funk­ti­ons­be­ein­träch­ti­gung erkannt, geheilt, gelin­dert oder ihre Ver­schlim­me­rung ver­hü­tet wer­den. Die bei ihm vor­lie­gen­de Erb­krank­heit CADASIL wird mit PID-IVF nicht behan­delt. Die künst­li­che Erzeu­gung von Embryo­nen und deren Bewer­tung mit­tels PID vor der Her­bei­füh­rung der Schwan­ger­schaft ermög­licht die Ver­wer­fung sol­cher Embryo­nen, die Trä­ger einer schwer­wie­gen­den Erb­krank­heit sind. 

Die PID-IVF dient damit der Ver­mei­dung zukünf­ti­gen Lei­dens eines eigen­stän­di­gen Lebe­we­sens, nicht aber der Behand­lung eines vor­han­de­nen Lei­dens bei den die­se Leis­tung begeh­ren­den Eltern. Der Klä­ger hat man­gels Fer­ti­li­sa­ti­ons­stö­rung bei ihm oder sei­ner Ehe­frau auch kei­nen (Teil-)Anspruch auf Leis­tun­gen zur künst­li­chen Befruch­tung. Ein wei­ter­ge­hen­der Anspruch ergibt sich auch nicht aus ver­fas­sungs­kon­for­mer Auslegung. 

Der Klä­ger kann auch nicht die Erstat­tung der von ihm getä­tig­ten Auf­wen­dun­gen für zwei im Jahr 2012 in Bel­gi­en durch­ge­führ­te PID-IVF-Behand­lungs­zy­klen bean­spru­chen. Euro­päi­sches Gemein­schafts­recht und deut­sches Recht set­zen hier­für vor­aus, dass ein ent­spre­chen­der Leis­tungs­an­spruch im Inland bestün­de. Dar­an fehl­te es auch des­halb, weil die zwin­gend erfor­der­li­che zustim­men­de Bewer­tung einer Ethik­kom­mis­si­on nach dem Embryo­nen­schutz­ge­setz erst ab Febru­ar 2014 auf gesetz­li­cher Grund­la­ge mög­lich ist.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 18. Novem­ber 2014 – B 1 KR 19/​13 R

  1. LSG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 19.07.2013 – L 4 KR 4624/​12[]