Pri­va­te Han­dy­nut­zung – und der Schutz der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung

Wird auf dem Schoß eines ver­stor­be­nen Unfall­op­fers ein Mobil­te­le­fon gefun­den, reicht die­se Tat­sa­che allein nicht aus, um den Schutz der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung aus­zu­schlie­ßen.

Pri­va­te Han­dy­nut­zung – und der Schutz der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung

So hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg in dem hier vor­lie­gen­den Fall ent­schie­den und dem Klä­ger im Rah­men sei­ner Anschluss­be­ru­fung in Bezug auf die Halb­wai­sen­ren­te als Hin­ter­blie­be­nen­leis­tung Recht zuge­spro­chen. Bei einem Ver­kehrs­un­fall erlitt der Ver­si­cher­te mit sei­nem Per­so­nen­kraft­wa­gen (Pkw), bei dem er von der Fahr­bahn abkam und gegen einen Baum prall­te, eine töd­li­che Frak­tur der Hals­wir­bel­säu­le. Nach den poli­zei­li­chen Ermitt­lun­gen been­de­te er nach dem betrieb­li­chen Zeit­er­fas­sungs­sys­tem am Unfall­tag um 15:05 Uhr sei­ne beruf­li­che Tätig­keit, um mit dem Pkw zu sei­ner Freun­din, der Mut­ter des gemein­sa­men Kin­des, dem damals drei­ein­halb­mo­na­ti­gen Klä­ger, zu fah­ren. Die ers­te Unfall­mel­dung ging um 15:33 Uhr bei der Poli­zei ein. Die am Unfall­ort ein­tref­fen­den Poli­zei­be­am­ten ver­nah­men aus dem Auto­ra­dio lau­te Musik und bemerk­ten das Mobil­te­le­fon des Ver­si­cher­ten auf des­sen Schoß. Nach dem Whats­app-Chat­ver­lauf sen­de­te er zuletzt um 15:18 Uhr eine Nach­richt an sei­ne Freun­din.

Die beklag­te Trä­ge­rin der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung lehn­te die Bewil­li­gung von Hin­ter­blie­be­nen­leis­tun­gen an den Klä­ger mit der Begrün­dung ab, der Ver­si­cher­te sei wäh­rend der Fahrt durch sein Mobil­te­le­fon, auf dem er Nach­rich­ten emp­fan­gen und gele­sen sowie Ant­wor­ten ver­sandt habe, abge­lenkt gewe­sen. Hier­bei habe es sich um eine eigen­wirt­schaft­li­che, nicht ver­si­cher­te Ver­rich­tung gehan­delt.

In sei­ner Ent­schei­dung hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg aus­ge­führt, dass nach den sich dem poli­zei­li­chen Unfall­be­richt und dem Gut­ach­ten einer Prüf­ge­sell­schaft für Kraft­fahr­zeu­ge zu ent­neh­men­den Gesamt­um­stän­den ein Fahr­feh­ler des Ver­si­cher­ten für sei­nen Tod ursäch­lich war. Hier­bei ver­wirk­lich­te sich eine typi­scher­wei­se in den Schutz­be­reich des erfüll­ten Ver­si­che­rungs­tat­be­stan­des fal­len­de Gefahr. Die Nut­zung des Mobil­te­le­fons ist dem­ge­gen­über nur ein­ma­lig um 15:18 Uhr doku­men­tiert, also sie­ben Minu­ten vor dem von der Poli­zei ange­nom­me­nen Unfall­zeit­punkt. Bis zur ers­ten Unfall­mel­dung fand ins­be­son­de­re kei­ne erwie­se­ne Whats­app-Kor­re­spon­denz statt, wes­halb hier­in kei­ne nicht ver­si­cher­te Ursa­che zu sehen ist.

Aus die­sen Grün­den gab das Lan­des­so­zi­al­ge­richt dem Klä­ger im Rah­men sei­ner Anschluss­be­ru­fung in Bezug auf die Halb­wai­sen­ren­te als Hin­ter­blie­be­nen­leis­tung Recht.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 16. August 2019 – L 12 U 2610/​18