Pro­zess­kos­ten­hil­fe bei unge­klär­ter und schwie­ri­ger Rechts­fra­ge – und der Anspruch auf Rechts­schutz­gleich­heit

Das Grund­ge­setz gebie­tet eine weit­ge­hen­de Anglei­chung der Situa­ti­on von Bemit­tel­ten und Unbe­mit­tel­ten bei der Ver­wirk­li­chung des Rechts­schut­zes. Dies ergibt sich aus Art. 3 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­grund­satz, der in Art.20 Abs. 3 GG all­ge­mein nie­der­ge­legt ist und für den Rechts­schutz gegen Akte der öffent­li­chen Gewalt in Art.19 Abs. 4 GG sei­nen beson­de­ren Aus­druck fin­det [1]. Es ist dabei ver­fas­sungs­recht­lich grund­sätz­lich unbe­denk­lich, die Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe davon abhän­gig zu machen, dass die beab­sich­tig­te Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg hat und nicht mut­wil­lig erscheint [2].

Pro­zess­kos­ten­hil­fe bei unge­klär­ter und schwie­ri­ger Rechts­fra­ge – und der Anspruch auf Rechts­schutz­gleich­heit

Pro­zess­kos­ten­hil­fe darf der unbe­mit­tel­ten Par­tei aber von Ver­fas­sungs wegen ins­be­son­de­re dann nicht ver­sagt wer­den, wenn die Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che von der Beant­wor­tung einer schwie­ri­gen, bis­lang unge­klär­ten Rechts­fra­ge abhängt. Denn dadurch wür­de der unbe­mit­tel­ten Par­tei im Gegen­satz zu der bemit­tel­ten die Mög­lich­keit genom­men, ihren Rechts­stand­punkt im Haupt­sa­che­ver­fah­ren dar­zu­stel­len und von dort aus in die höhe­re Instanz zu brin­gen [3].

Nach die­sen Grund­sät­zen ver­let­zen die im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Baden-Würt­tem­berg [4] und des Sozi­al­ge­richts Stutt­gart [5] den Beschwer­de­füh­rer in sei­nen Rech­ten aus Art. 3 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG. Die ange­grif­fe­nen Beschlüs­se über­span­nen die Anfor­de­run­gen an die Erfolgs­aus­sicht der beab­sich­tig­ten Rechts­ver­fol­gung und ver­feh­len dadurch den Zweck der Pro­zess­kos­ten­hil­fe, weil sich die im Ver­fah­ren zu Las­ten des Beschwer­de­füh­rers beant­wor­te­te Rechts­fra­ge, ob der Leis­tungs­aus­schluss nach § 23 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 SGB XII in der seit dem 29.12 2016 gel­ten­den Fas­sung ver­fas­sungs­kon­form ist, als unge­klärt und schwie­rig dar­stellt.

Eine höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung hier­zu exis­tiert nicht. Eine die Fra­ge des Leis­tungs­aus­schlus­ses von nicht aus­rei­se­pflich­ti­gen Uni­ons­bür­gern ohne mate­ri­el­les Auf­ent­halts­recht betref­fen­de Revi­si­on ist der­zeit vor dem Bun­des­so­zi­al­ge­richt [6] anhän­gig.

In der Recht­spre­chung der Lan­des­so­zi­al­ge­rich­te wer­den hier­zu unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen ver­tre­ten.

Mehr­heit­lich gehen die Lan­des­so­zi­al­ge­rich­te davon aus, dass § 23 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 SGB XII nicht aus­rei­se­pflich­ti­ge Uni­ons­bür­ger ohne mate­ri­el­les Auf­ent­halts­recht in ver­fas­sungs­kon­for­mer Wei­se von Leis­tun­gen nach § 23 Abs. 1 SGB XII aus­schließt [7].

Ande­re Lan­des­so­zi­al­ge­rich­te haben ? im Rah­men von Eil­ver­fah­ren bezie­hungs­wei­se Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren ? die Ver­fas­sungs­kon­for­mi­tät des Leis­tungs­aus­schlus­ses bezwei­felt und den Eil­an­trä­gen bezie­hungs­wei­se Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trä­gen statt­ge­ge­ben [8].

Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Vor­schrift wur­den bereits im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren geäu­ßert [9].

Auch in der Lite­ra­tur ist die Ver­ein­bar­keit des Leis­tungs­aus­schlus­ses nach § 23 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 SGB XII mit dem men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mum umstrit­ten [10].

Die Fra­ge der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des Leis­tungs­aus­schlus­ses für nicht erwerbs­tä­ti­ge, nicht aus­rei­se­pflich­ti­ge Uni­ons­bür­ger ist danach eine unge­klär­te Rechts­fra­ge. Sie ist auch als "schwie­rig" im Sin­ne der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ein­zu­stu­fen, da sich die Fra­ge nicht ohne Wei­te­res aus der hier­zu vor­lie­gen­den Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, ins­be­son­de­re aus der Ent­schei­dung zum Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz vom 18.07.2012 [11] beant­wor­ten lässt. Sowohl die Auf­fas­sung, der Leis­tungs­aus­schluss sei ver­fas­sungs­kon­form, als auch die Gegen­auf­fas­sung beru­fen sich mit jeweils nicht von vorn­her­ein unver­tret­ba­ren Argu­men­ten auf die­se Recht­spre­chung.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 12. Febru­ar 2020 – 1 BvR 1246/​19

  1. vgl. BVerfGE 78, 104, 117 f.; 81, 347, 357; 117, 163, 187[]
  2. vgl. BVerfGE 81, 347, 357[]
  3. vgl. aus­führ­lich BVerfG, Beschluss vom 16.04.2019 – 1 BvR 2111/​17, Rn. 22 m.w.N.[]
  4. LSG Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 06.05.2019 – L 2 SO 1402/​19 ER‑B[]
  5. SG Stutt­gart, Beschluss vom 08.04.2019 – S 20 SO 959/​19 E[]
  6. BSG – B 8 SO 7/​19 R[]
  7. so z.B. Baye­ri­sches LSG, Beschluss vom 24.04.2017 – L 8 SO 77/​17 B ER 37 ff.; Beschluss vom 02.08.2017 – L 8 SO 130/​17 B ER 55 ff; LSG Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 03.12 2018 – L 7 SO 4027/​18 ER‑B 40; LSG Ham­burg, Beschluss vom 28.09.2017 – L 4 SO 55/​17 B ER 9; Hes­si­sches LSG, Beschluss vom 27.03.2019 – L 7 AS 7/​19 5 ff.; LSG Nie­der­sach­sen-Bre­men, Beschluss vom 22.05.2018 – L 11 AS 1013/​17 B ER 36; LSG Nord­rhein-West­fa­len (19. Senat), Beschluss vom 26. Febru­ar 2018 – L 19 AS 249/​18 B ER 31 f.; LSG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 04.07.2019 – L 4 AS 246/​19 B ER 42 f.; LSG Ber­lin-Bran­den­burg (23. Senat), Beschluss vom 07.01.2019 – L 23 SO 279/​18 B ER 34 ff.[]
  8. LSG Nord­rhein-West­fa­len (7. Senat), Beschluss vom 28.01.2018 – L 7 AS 2299/​17 B 14 f.; LSG Ber­lin-Bran­den­burg (18. Senat), Beschluss vom 28.01.2019 – L 18 AS 141/​19 B ER, L 18 AS 142/​19 B ER PKH 5; LSG Ber­lin-Bran­den­burg (15. Senat), Beschluss vom 20.06.2017 – L 15 SO 104/​17 B ER, L 15 SO 105/​17 B ER PKH20[]
  9. vgl. Aus­schuss­druck­sa­che 18(11)851 – Mate­ria­li­en zur öffent­li­chen Anhö­rung von Sach­ver­stän­di­gen in Ber­lin am 28.11.2016 zum Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung "Ent­wurf eines Geset­zes zur Rege­lung von Ansprü­chen aus­län­di­scher Per­so­nen in der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de nach dem Zwei­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch und in der Sozi­al­hil­fe nach dem Zwölf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch" – BT-Drs. 18/​10211, dort ins­be­son­de­re Devetzi/​Janda, S. 32 ff.; Ber­lit, S. 55 ff.[]
  10. kri­tisch: Jan­da, ZRP 2016, S. 152, 153 f.; Mey­er-Höger, info also 2017, S. 99, 104 ff.; Oberhäuser/​Steffen, ZAR 2017, S. 149, , 151 f.; Schrei­ber, SR 2018, S. 181, 194; Sie­fert, in: Coseriu/​Eicher/​Siefert (Hg.) PK SGB XII, Stand 29.01.2019, § 23 Rn. 102, 107 sowie Wah­ren­dorf, in: Grube/​Wahrendorf, SGB XII, 6. Aufl.2018, § 23 Rn. 3 ff; a.A.: Ulmer, ZRP 2016, 224, 225 f.; Birk, in: Harder/​Conradis/​Thie, SGB XII, 11. Aufl.2018, § 23 Rn. 55; Greiser/​Ascher, VSSR 2016, S. 61, 110; Schlet­te, in: Hauck/​Noftz SGB XII, Stand 6/​2019, § 23 Rn. 1[]
  11. BVerfG, Beschluss vom 18.07.2012 – 1 BvL 10/​10 u.a., BVerfGE 132, 134 ff.[]