Pro­zess­kos­ten­hil­fe vor den Sozi­al­ge­rich­ten – und die Fra­ge der Erfolgs­aus­sich­ten

Art. 3 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art.19 Abs. 4 und Art.20 Abs. 3 GG gebie­tet eine weit­ge­hen­de Anglei­chung der Situa­ti­on von Bemit­tel­ten und Unbe­mit­tel­ten bei der Ver­wirk­li­chung des Rechts­schut­zes. Es ist ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich, die Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe davon abhän­gig zu machen, dass die beab­sich­tig­te Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg hat und nicht mut­wil­lig erscheint.

Pro­zess­kos­ten­hil­fe vor den Sozi­al­ge­rich­ten – und die Fra­ge der Erfolgs­aus­sich­ten

Die Prü­fung der Erfolgs­aus­sich­ten soll aller­dings nicht dazu die­nen, die Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung selbst in das sum­ma­ri­sche Ver­fah­ren der Pro­zess­kos­ten­hil­fe zu ver­la­gern und die­ses an die Stel­le des Ver­fah­rens in der Sache, hier also des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes, tre­ten zu las­sen 1.

Schwie­ri­ge, bis­lang unge­klär­te Rechts- und Tat­sa­chen­fra­gen dür­fen nicht im Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren ent­schie­den wer­den, son­dern müs­sen auch von Unbe­mit­tel­ten einer pro­zes­sua­len Klä­rung in einem Ver­fah­ren, in dem sie anwalt­lich ver­tre­ten sind, zuge­führt wer­den kön­nen 2.

Die Beur­tei­lung der hin­rei­chen­den Erfolgs­aus­sich­ten durch das Fach­ge­richt setzt unter ande­rem eine Kennt­nis der tat­säch­li­chen Grund­la­gen des Rechts­schutz­be­geh­rens vor­aus, dem wie­der­um Dar­le­gungs­ob­lie­gen­hei­ten der Rechts­schutz­su­chen­den ent­spre­chen 3.

Es ver­stößt dann gegen das Gebot der Rechts­schutz­gleich­heit, wenn der unbe­mit­tel­ten Par­tei wegen Feh­lens der Erfolgs­aus­sich­ten ihres Rechts­ver­fol­gungs­be­geh­rens Pro­zess­kos­ten­hil­fe ver­wei­gert wird, obwohl – auch im Hin­blick auf Zwei­fel an ihren Dar­le­gun­gen – eine Beweis­auf­nah­me ernst­haft in Betracht kommt und kei­ne kon­kre­ten und nach­voll­zieh­ba­ren Anhalts­punk­te dafür vor­lie­gen, dass die Beweis­auf­nah­me mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit zum Nach­teil des Beschwer­de­füh­rers aus­ge­hen wür­de 4.

Zudem kann eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che Rechts­fra­ge, die in Recht­spre­chung und Fach­li­te­ra­tur umstrit­ten ist, nicht als ein­fach oder geklärt ange­se­hen und bereits im Ver­fah­ren der Pro­zess­kos­ten­hil­fe zum Nach­teil einer unbe­mit­tel­ten Per­son beant­wor­tet wer­den 5. Dies gilt erst recht, wenn ein Fach­ge­richt inso­weit von der Auf­fas­sung der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung abweicht 6.

Die­sen Anfor­de­run­gen wur­de in dem hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt über­prüf­ten Fall die Ent­schei­dung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg 7 über den Antrag auf Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe nicht gerecht. Es durf­te die Annah­me feh­len­der Erfolgs­aus­sich­ten der Anträ­ge in der Sache weder dar­auf stüt­zen, es sei nicht über­wie­gend wahr­schein­lich, dass der Beschwer­de­füh­rer sei­nen Lebens­un­ter­halt nicht aus eige­nen Kräf­ten und Mit­teln bestrei­ten kön­ne, noch dar­auf, dass aller Vor­aus­sicht nach kein Anord­nungs­an­spruch bestehe und dem kei­ne ein­fa­che und geklär­te Rechts­fra­ge zugrun­de lag.

Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt ver­weist zur Begrün­dung sei­ner Ent­schei­dung über die Pro­zess­kos­ten­hil­fe allein auf die Begrün­dung zur Ent­schei­dung über den Eil­an­trag. Dies ist zwar grund­sätz­lich zuläs­sig. Ent­schei­dun­gen über Pro­zess­kos­ten­hil­fe und den Eil­rechts­schutz­an­trag dür­fen in einem Beschluss erge­hen und es ist auch nicht gene­rell aus­ge­schlos­sen, dass die Begrün­dung zur Ableh­nung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe ledig­lich auf die Aus­füh­run­gen zur Begründ­etheit ver­weist 8.

Die Begrün­dung der gericht­li­chen Ent­schei­dung zeigt, dass die tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Beur­tei­lung der Erfolgs­aus­sich­ten in der Sache im Streit ste­hen. Zur Bedürf­tig­keit des Beschwer­de­füh­rers hat die­ser eine aus­führ­li­che Ver­si­che­rung an Eides Statt vor­ge­legt und erklärt, dass er ein­kom­mens- und ver­mö­gens­los sei, sowie Anga­ben zum Über­brü­ckungs­geld, zu aus­hilfs­wei­se erhal­te­nem Essen, Geträn­ken und Hygie­ne­ar­ti­keln sowie zu unter­stüt­zen­den Per­so­nen gemacht. Damit setzt sich das Lan­des­so­zi­al­ge­richt nicht aus­ein­an­der. Das Gericht ver­weist ledig­lich dar­auf, dass der Beschwer­de­füh­rer die Auf­la­gen des Bericht­erstat­ters vom 06.10.2016 nicht erfüllt habe, dar­zu­le­gen, zu wel­chen Zwe­cken und mit wel­chen Mit­teln er in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein­ge­reist sei und mit wel­chen Mit­teln er von März 2012 bis März 2014 sei­nen Lebens­un­ter­halt bestrit­ten habe und das Urteil vor­zu­le­gen, auf­grund des­sen er sich in Straf­haft befun­den habe. Eine Wür­di­gung der vor­han­de­nen Anga­ben in der eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung fehlt jedoch. Zudem ist der Beschwer­de­füh­rer, wor­auf das Gericht eben­falls nicht ein­geht, ins­be­son­de­re der Auf­for­de­rung nach­ge­kom­men, Aus­zü­ge aller Bank­kon­ten vor­zu­le­gen. Unter die­sen Umstän­den durf­te das Lan­des­so­zi­al­ge­richt die Klä­rung der maß­geb­li­chen Tat­sa­chen­grund­la­ge für die begehr­te Leis­tung auch unter Berück­sich­ti­gung der für ein Ver­fah­ren des vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes inso­weit grund­sätz­lich gel­ten­den Beson­der­hei­ten nicht in das Ver­fah­ren über die Pro­zess­kos­ten­hil­fe vor­ver­la­gern.

Die ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­fra­gen zu einem Anspruch auf exis­tenz­si­chern­de Leis­tun­gen für nicht erwerbs­tä­ti­ge, nicht aus­rei­se­pflich­ti­ge aus­län­di­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge nach Nor­men des Zwei­ten und des Zwölf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch 9 sind schwie­rig und unge­klärt 10. Die in der hier ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung zitier­te Rechts­auf­fas­sung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts hin­sicht­lich der bis 28.12 2016 gel­ten­den Rechts­la­ge ist in der Recht­spre­chung der Lan­des­so­zi­al­ge­rich­te umstrit­ten 11. Zudem ist in der fach­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung nicht geklärt, wie der vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt unter der bis zum 28.12 2016 gel­ten­den Rechts­la­ge ange­nom­me­ne Regel­fall einer Ermes­sens­re­du­zie­rung auf Null 12 wei­ter zu kon­kre­ti­sie­ren ist. Nach meh­re­ren in Lite­ra­tur und Recht­spre­chung ver­tre­te­nen Ansät­zen wäre dem Beschwer­de­füh­rer auf der Grund­la­ge sei­nes Vor­brin­gens zum dem für die Ent­schei­dung über das Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such maß­geb­li­chen Zeit­punkt ein Anord­nungs­an­spruch zuge­kom­men. Vor die­sem Hin­ter­grund durf­te das Lan­des­so­zi­al­ge­richt sei­ne Deu­tung der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts zu § 23 Abs. 1 Satz 3 SGB XII, nach der die Ermes­sens­re­du­zie­rung auf Null offen­bar nicht als Regel­fall ange­se­hen wer­den soll, nicht als geklär­te Rechts­fra­ge sei­ner Ver­sa­gung zugrun­de legen. Dies gilt auch unter Berück­sich­ti­gung des Umstands, dass hier Pro­zess­kos­ten­hil­fe für ein Ver­fah­ren des vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes begehrt wird, in dem schwie­ri­ge und umstrit­te­ne Rechts­fra­gen der Haupt­sa­che in aller Regel kei­ner grund­sätz­li­chen Klä­rung zuge­führt wer­den kön­nen. Denn auch für die Klä­rung des Umgangs mit die­sen Fra­gen im Ver­fah­ren des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes besteht für Unbe­mit­tel­te unter dem Gesichts­punkt der Rechts­schutz­gleich­heit ein Anspruch auf anwalt­li­che Ver­tre­tung. Der Beschluss ist inso­weit auf­zu­he­ben und die Sache zur erneu­ten Ent­schei­dung zurück­zu­ver­wei­sen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 14. Febru­ar 2017 – 1 BvR 2507/​16

  1. vgl. BVerfGE 81, 347, 356 f.; stRspr[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 28.07.2016 – 1 BvR 1695/​15, Rn. 17; Beschluss vom 20.06.2016 – 2 BvR 748/​13, Rn. 12 m.w.N.[]
  3. vgl. BVerfG, Beschluss vom 14.04.2010 – 1 BvR 362/​10, Rn. 15[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 15.12 2008 – 1 BvR 1404/​04, Rn. 30; Beschluss vom 25.04.2012 – 1 BvR 2869/​11, Rn. 18[]
  5. vgl. BVerfGE 81, 347, 359 f.; BVerfG, Beschluss vom 04.05.2015 – 1 BvR 2096/​13, www.bverfg.de[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 07.11.2011 – 1 BvR 1403/​09, Rn. 34; Beschluss vom 21.04.2016 – 1 BvR 2154/​15, m.w.N.[]
  7. LSG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 26.10.2016 – L 5 AS 2537/​16 B ER[]
  8. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.07.2016 – 2 BvR 2231/​13, Rn. 13[]
  9. SGB II und SGB XII[]
  10. aus der jün­ge­ren Fach­li­te­ra­tur Berns­dorff, NVwZ 2016, S. 633; Fre­richs, ZESAR 2014, S. 279, 285 f.; Kanal­an, ZESAR 2016, S. 365 und S. 414; Kin­green, NVwZ 2015, S. 1503, 1506; Wall­ra­ben­stein, JZ 2016, S. 109, 119[]
  11. dem BSG fol­gend u.a. LSG Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 09.06.2016 – L 7 SO 1512/​16 ER‑B; Baye­ri­sches LSG, Beschluss vom 20.06.2016 – L 16 AS 284/​16 B ER; LSG Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 01.08.2016 – L 19 AS 1437/​16 B ER; dage­gen u.a. LSG Rhein­land-Pfalz, Beschluss vom 11.08.2016 – L 3 AS 376/​16 B ER; LSG Nie­der­sach­sen-Bre­men, Beschluss vom 17.03.2016 – L 9 AS 1580/​15 B ER; LSG Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Beschluss vom 07.07.2016 – L 9 SO 12/​16 B ER, L 9 SO 13/​16 B PKH; wei­ter­ge­hend SG Mainz, Vor­la­ge­be­schluss vom 18.04.2016 – S 3 AS 149/​16 436, 441 ff., 519 ff.; Pattar, SGb 2016, S. 665, 670 ff.[]
  12. vgl. BSG, Urteil vom 03.12 2015 – B 4 AS 44/​15 R 58[]