Psy­chi­sche Fol­gen eines Arbeits­un­fall

Ein wesent­li­cher Zusam­men­hang eines psy­chi­schen Lei­dens (hier: Anpas­sungs­stö­rung) mit einem erlit­te­nen Arbeits­un­fall liegt nicht schon dann vor, wenn in der Per­sön­lich­keits­struk­tur des Ver­si­cher­ten ange­leg­te Eigen­schaf­ten (hier: nied­ri­ge Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz, Aggres­si­ons­be­reit­schaft) durch das Unfall­ereig­nis, die phy­si­schen Unfall­fol­gen oder durch die Unfall­ab­wick­lung des Unfall­ver­si­che­rungs­trä­gers sti­mu­liert wur­den. Maß­stab der wer­ten­den Beur­tei­lung ist, dass nach wis­sen­schaft­li­chem Erkennt­nis­stand aus objek­ti­ver Sicht ein Zusam­men­hang her­zu­stel­len ist; allein die sub­jek­ti­ve Sicht des Ver­si­cher­ten reicht nicht aus.

Psy­chi­sche Fol­gen eines Arbeits­un­fall

Nach der im Sozi­al­recht anzu­wen­den­den Theo­rie der wesent­li­chen Bedin­gung wer­den als kau­sal und rechts­er­heb­lich nur sol­che Ursa­chen ange­se­hen, die wegen ihrer beson­de­ren Bezie­hung zum Erfolg zu des­sen Ein­tritt wesent­lich mit­ge­wirkt haben 1. Wel­che Ursa­che wesent­lich ist und wel­che nicht, muss aus der Auf­fas­sung des prak­ti­schen Lebens über die beson­de­re Bezie­hung der Ursa­che zum Ein­tritt des Erfolgs bzw. Gesund­heits­scha­dens abge­lei­tet wer­den 2.

Die Theo­rie der wesent­li­chen Bedin­gung beruht eben­so wie die im Zivil­recht gel­ten­de Adäquanz­theo­rie 3 auf der natur­wis­sen­schaft­lich-phi­lo­so­phi­schen Bedin­gungs­theo­rie als Aus­gangs­ba­sis. Nach die­ser ist jedes Ereig­nis Ursa­che eines Erfol­ges, das nicht hin­weg­ge­dacht wer­den kann, ohne dass der Erfolg ent­fie­le (con­di­tio sine qua non). Auf­grund der Unbe­grenzt­heit der natur­wis­sen­schaft­lich-phi­lo­so­phi­schen Ursa­chen für einen Erfolg ist für die prak­ti­sche Rechts­an­wen­dung in einer zwei­ten Prü­fungs­stu­fe die Unter­schei­dung zwi­schen sol­chen Ursa­chen not­wen­dig, die recht­lich für den Erfolg ver­ant­wort­lich gemacht wer­den bzw. denen der Erfolg zuge­rech­net wird, und den ande­ren, für den Erfolg recht­lich uner­heb­li­chen Ursa­chen. Bei meh­re­ren Ursa­chen ist sozi­al­recht­lich allein rele­vant, ob das Unfall­ereig­nis wesent­lich war. Ob eine kon­kur­rie­ren­de (Mit-)Ursache auch wesent­lich war, ist uner­heb­lich. Ist jedoch eine Ursa­che oder sind meh­re­re Ursa­chen gemein­sam gegen­über einer ande­ren von über­ra­gen­der Bedeu­tung, so ist oder sind nur die erstgenannte(n) Ursache(n) "wesent­lich" und damit Ursache(n) im Sin­ne des Sozi­al­rechts. Die ande­re Ursa­che, die zwar natur­wis­sen­schaft­lich ursäch­lich ist, aber (im zwei­ten Prü­fungs­schritt) nicht als "wesent­lich" anzu­se­hen ist und damit als Ursa­che nach der Theo­rie der wesent­li­chen Bedin­gung und im Sin­ne des Sozi­al­rechts aus­schei­det, kann in bestimm­ten Fall­ge­stal­tun­gen als "Gele­gen­heits­ur­sa­che" oder Aus­lö­ser bezeich­net wer­den 4.

Gesichts­punk­te für die Beur­tei­lung der beson­de­ren Bezie­hung einer ver­si­cher­ten Ursa­che zum Erfolg sind neben der ver­si­cher­ten Ursa­che bzw. dem Ereig­nis als sol­chem, ein­schließ­lich der Art und des Aus­ma­ßes der Ein­wir­kung, die kon­kur­rie­ren­de Ursa­che unter Berück­sich­ti­gung ihrer Art und ihres Aus­ma­ßes, der zeit­li­che Ablauf des Gesche­hens – aber eine Ursa­che ist nicht des­we­gen wesent­lich, weil sie die letz­te war -, wei­ter­hin Rück­schlüs­se aus dem Ver­hal­ten des Ver­letz­ten nach dem Unfall, den Befun­den und Dia­gno­sen des erst­be­han­deln­den Arz­tes sowie der gesam­ten Kran­ken­ge­schich­te. Ergän­zend kann der Schutz­zweck der Norm her­an­zu­zie­hen sein. Bei die­ser ein­zel­fall­be­zo­ge­nen Bewer­tung ist auf das indi­vi­du­el­le Aus­maß der Beein­träch­ti­gung des Ver­si­cher­ten abzu­stel­len, aber nicht so wie er es sub­jek­tiv bewer­tet, son­dern wie es objek­tiv ist. Die Aus­sa­ge, der Ver­si­cher­te ist so geschützt, wie er die Arbeit antritt, ist eben­falls die­sem Ver­hält­nis von indi­vi­du­el­ler Bewer­tung auf objek­ti­ver, wis­sen­schaft­li­cher Grund­la­ge zuzu­ord­nen: Die Ursa­chen­be­ur­tei­lung im Ein­zel­fall hat "anhand" des kon­kre­ten indi­vi­du­el­len Ver­si­cher­ten unter Berück­sich­ti­gung sei­ner Krank­hei­ten und Vor­schä­den zu erfol­gen, aber auf der Basis des aktu­el­len wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­stan­des über die Ursa­chen­zu­sam­men­hän­ge zwi­schen Ereig­nis­sen und psy­chi­schen Gesund­heits­stö­run­gen 5.

Eine wis­sen­schaft­lich begrün­de­te Ursa­chen­be­ur­tei­lung sowohl nach der natur­wis­sen­schaft­lich-phi­lo­so­phi­schen Bedin­gungs­theo­rie als auch nach der Theo­rie der wesent­li­chen Bedin­gung erfor­dert, dass neben der Fest­stel­lung der vor­lie­gen­den Gesund­heits­stö­run­gen klar fest­ge­stellt wird, wor­in das oder die schä­di­gen­den Ereig­nis­se lagen: In dem Unfall­ereig­nis selbst – vor­lie­gend das Anhe­ben der Metall­tei­le -, dem Gesund­heits­erst­scha­den – vor­lie­gend die Teil­rup­tur der Bizeps­seh­ne mit zunächst gerin­gen Schmer­zen – oder der nach­fol­gen­den Behand­lung oder in dem Fort­be­stehen phy­si­scher Ein­schrän­kun­gen, die durch das Unfall­ereig­nis ver­ur­sacht wur­den 6.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 27. August 2010 – L 8 U 1427/​10

  1. vgl. stell­ver­tre­tend BSG Urteil vom 12.04.2005 – B 2 U 27/​04 R, BSGE 94, 269 = SozR 4 – 2700 § 8 Nr 15, jeweils RdNr 11[]
  2. BSGE 1, 72, 76[]
  3. vgl. dazu nur Hein­richs in Palandt, BGB, 65. Aufl. 2006, Vorb. v § 249 RdNr. 57 ff m. w. N. sowie zu den Unter­schie­den BSGE 63, 277, 280 = SozR 2200 § 548 Nr. 91[]
  4. vgl. BSG, Urteil vom 09.05.2006 – B 2 U 1/​05 R, SozR 4 – 2700 § 8 Nr. 17[]
  5. BSG, Urteil vom 09.05.2006, a.a.O.[]
  6. vgl. inso­weit BSG a.a.O.[]