Rege­lung einer ein­sei­ti­gen aus­ge­führ­ten Ver­rech­nung durch Ver­wal­tungs­akt im Sozi­al­recht

Der Leis­tungs­trä­ger darf die Rechts­fol­gen einer ein­sei­tig gegen­über dem ori­gi­när Sozi­al­leis­tungs­be­rech­tig­ten aus­ge­führ­ten Ver­rech­nung von öffent­lich-recht­li­chen Ansprü­chen mit ihm oblie­gen­den Geld­leis­tun­gen nach § 52 SGB 1 durch Ver­wal­tungs­akt regeln.

Rege­lung einer ein­sei­ti­gen aus­ge­führ­ten Ver­rech­nung durch Ver­wal­tungs­akt im Sozi­al­recht

Die Rege­lung eines Ein­zel­falls mit unmit­tel­ba­rer Rechts­wir­kung nach außen liegt schon dar­in, dass die im Bescheid ent­hal­te­ne (kon­kre­ti­sier­te) Ver­rech­nungs­er­klä­rung eine unmit­tel­ba­re Wir­kung auf den Aus­zah­lungs­an­spruch des Berech­tig­ten hat, indem sie die­sen, soweit die Ver­rech­nungs­er­klä­rung reicht, erlö­schen lässt 1. Dass sich dies bereits aus dem Gesetz (ent­spre­chend § 389 BGB) ergibt, ändert hier­an nichts; die Rechts­fol­ge tritt jeden­falls ohne wei­te­ren Umset­zungs­akt ein 2. Das Tat­be­stands­merk­mal "auf dem Gebiet des öffent­li­chen Rechts" ist erfüllt, weil § 52 SGB I eine spe­zi­fi­sche Gestal­tung von Bezie­hun­gen zwi­schen Leis­tungs­emp­fän­gern und Sozi­al­leis­tungs­trä­gern durch mit hoheit­li­chen Befug­nis­sen aus­ge­stat­te­te Leis­tungs­trä­ger ermög­licht. Die Erklä­rung einer Ver­rech­nung nach § 52 SGB I ent­hält schließ­lich eine hoheit­li­che Maß­nah­me, also eine ein­sei­ti­ge behörd­li­che Hand­lung, die nur dem Sozi­al­leis­tungs­trä­ger, nicht aber ihrem Adres­sa­ten, dem Sozi­al­leis­tungs­emp­fän­ger, in die­ser Form ihrer Art nach zusteht 3; dahin­ste­hen kann, ob die­sem Gesichts­punkt gegen­über den ande­ren Vor­aus­set­zun­gen über­haupt ein eige­nes Gewicht zukommt.

Die Ver­wal­tung bedarf zum Erlass des Ver­wal­tungs­ak­tes kei­ner über § 52 SGB I hin­aus­ge­hen­den Ermäch­ti­gung. Wie für die Auf­rech­nung 4 hat das BSG für die Ver­rech­nung 5 als beson­de­rer Form der Auf­rech­nung 6 lan­ge Zeit mehr oder min­der selbst­ver­ständ­lich ange­nom­men, dass die Hand­lungs­form des Ver­wal­tungs­akts gewählt wer­den darf; es hat dabei eine unmit­tel­ba­re Anwen­dung der §§ 387 ff BGB, die eine Durch­füh­rung der Auf­rech­nung oder der Ver­rech­nung durch (öffent­lich-recht­li­che) Wil­lens­er­klä­rung nahe­le­gen könn­ten, abge­lehnt und statt­des­sen for­mu­liert, die Vor­schrif­ten bzw Grund­sät­ze des BGB sei­en (nur) ent­spre­chend anwend­bar 7.

Die Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs der Bun­des­re­gie­rung eines SGB I 8 ist von dem­sel­ben Ver­ständ­nis getra­gen. Dar­in wird her­vor­ge­ho­ben, die Vor­schrif­ten des Drit­ten Abschnitts des SGB I gin­gen davon aus, dass die all­ge­mei­nen Grund­sät­ze des Ver­wal­tungs­rechts, die durch Kon­kre­ti­sie­rung von Ver­fas­sungs­nor­men und durch ent­spre­chen­de Anwen­dung von Rege­lun­gen ande­rer Rechts­ge­bie­te, ins­be­son­de­re des Bür­ger­li­chen Rechts, von Wis­sen­schaft und Recht­spre­chung erar­bei­tet wor­den sei­en, auch in das Sozi­al­recht (nur) aus­strahl­ten. Die zivil­recht­li­chen Nor­men sind aber von § 52 SGB I die Rechts­na­tur der Ver­rech­nung gestal­tend über­la­gert. § 52 SGB I ent­hält ein spe­zi­fi­sches "Son­der­recht"; eine ver­gleich­ba­re Rege­lung, mit der das Erfor­der­nis der Per­so­nen­iden­ti­tät für die Gegen­sei­tig­keit der For­de­run­gen auf­ge­ho­ben wird, ist im öffent­li­chen Recht ansons­ten bzw im Zivil­recht nicht ersicht­lich. § 52 SGB I besei­tigt damit eine für die Auf­rech­nung nach §§ 387 ff BGB struk­tur­we­sent­li­che Vor­aus­set­zung. Es kann dahin­ste­hen, ob § 52 SGB I allein schon des­halb als Ermäch­ti­gungs­norm zum Erlass eines Ver­wal­tungs­ak­tes zu ver­ste­hen ist; jeden­falls bedarf die Ver­wal­tung über § 52 SGB I hin­aus für ein Han­deln durch Ver­wal­tungs­akt kei­ner wei­te­ren (aus­drück­li­chen) Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge, weil sich die Befug­nis zum Erlass eines Ver­wal­tungs­akts zumin­dest aus der Sys­te­ma­tik des Geset­zes und der Eigen­art des Rechts­ver­hält­nis­ses ergibt 9.

Dies sieht der Gesetz­ge­ber in § 24 Abs 2 Nr 7 SGB X eben­so; dort ist ein Ver­zicht auf die Anhö­rung vor Erlass eines Ver­wal­tungs­ak­tes vor­ge­se­hen, wenn gegen Ansprü­che oder mit Ansprü­chen von weni­ger als 70 Euro (auf­ge­rech­net oder) ver­rech­net wer­den soll. Die Befug­nis zum Erlass eines Ver­wal­tungs­ak­tes wird mit­hin still­schwei­gend vor­aus­ge­setzt. Dem wider­spricht nicht, dass der Gesetz­ge­ber in § 42a Abs 2, § 43 Abs 4 SGB II mit Wir­kung ab 1.04.2011 expres­sis ver­bis den Erlass eines (schrift­li­chen) Ver­wal­tungs­akts für die Auf­rech­nung vor­ge­schrie­ben hat. Abge­se­hen davon, dass die­se Vor­schrif­ten inhalt­lich für eine Ver­rech­nung kei­ne Bedeu­tung gewin­nen kön­nen, sind die­se Neu­re­ge­lun­gen des SGB II kein Beleg dafür, dass für die Ver­rech­nung eine über § 52 SGB I hin­aus­ge­hen­de Ermäch­ti­gung erfor­der­lich sein soll.

Mit sei­ner Ent­schei­dung weicht der Gro­ße Senat des Bun­des­so­zi­al­ge­richts schließ­lich nicht von Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ge­richts­hof 10, des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt 11 oder des Bun­des­fi­nanz­hofs 12 ab, die bei der ein­sei­ti­gen Aus­übung der hier ohne­dies nicht streit­ge­gen­ständ­li­chen Auf­rech­nung die Rechts­na­tur als öffent­lich­recht­li­che Wil­lens­er­klä­rung bestim­men. Die bezeich­ne­ten Ent­schei­dun­gen beru­hen auf ande­ren Rechts­grund­la­gen und sind nicht zu den ein­schlä­gi­gen sozi­al­recht­li­chen Vor­schrif­ten, ins­be­son­de­re nicht zur Ver­rech­nung nach § 52 SGB I, ergan­gen.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Beschluss vom 31. August 2011 – GS 2/​10

  1. vgl BSG SozR 41200 § 52 Nr 1 RdNr 17 f[]
  2. vgl zu die­ser Vor­aus­set­zung BSGE 75, 97, 107 = SozR 34100 § 116 Nr 2 S 56; vgl auch BSG SozR 32200 § 306 Nr 2 S 7[]
  3. vgl zu die­sem Merk­mal nur U. Stel­kens in Stelkens/​Bonk/​Sachs, VwVfG, 7. Aufl 2008, § 35 RdNr 104 mwN[]
  4. vgl nur: BSGE 64, 17, 22 = SozR 1200 § 54 Nr 13 S 38; BSGE 78, 132, 134 = SozR 31200 § 51 Nr 5 S 16[]
  5. vgl nur: BSGE 64, 17, 22 = SozR 1200 § 54 Nr 13 S 38; BSG SozR 31200 § 52 Nr 3 S 32[]
  6. BSGE 64, 17, 22 = SozR 1200 § 54 Nr 13 S 38; BSGE 67, 143, 155 f = SozR 31200 § 52 Nr 1 S 15; SozR 41200 § 52 Nr 1 RdNr 14[]
  7. BSGE 98, 89 = SozR 42500 § 85 Nr 31, jeweils RdNr 17; BSGE 104, 15 = SozR 42500 § 109 Nr 17, jeweils RdNr 11; BSG SozR 32500 § 75 Nr 11 S 55 f; SozR 31200 § 52 Nr 1 S 15; SozR 31200 § 52 Nr 3 S 32; SozR 41200 § 52 Nr 1 RdNr 8 mwN[]
  8. BT-Drucks 7/​868, S 22[]
  9. vgl dazu in ande­rem Zusam­men­hang: BSG SozR 33100 § 62 Nr 4 S 16 mwN; BVerwG, Urteil vom 03.03.2011 – 3 C 19/​10[]
  10. BGH, Beschluss vom 22.03.2004 – NotZ 16/​03 , NJW-RR 2004, 1432 ff[]
  11. BVerw­GE 66, 218 ff; 132, 250 ff[]
  12. BFHE 149, 482, 489 f; 178, 306 ff[]