Sozi­al­leis­tun­gen eines arbeits­lo­sen Wan­der­ar­bei­ters

Steht einem frü­he­ren Wan­der­ar­beit­neh­mer und sei­nen Kin­dern ein Auf­ent­halts­recht auf­grund des Schul­be­suchs der Kin­der zu, kann ihnen nicht des­halb, weil der Arbeit­neh­mer arbeits­los gewor­den ist, jeg­li­cher Anspruch auf Leis­tun­gen der sozia­len Sicher­heit ver­sagt wer­den. Denn das stellt eine Ungleich­be­hand­lung gegen­über Inlän­dern dar und ver­stößt gegen euro­päi­sches Recht.

Sozi­al­leis­tun­gen eines arbeits­lo­sen Wan­der­ar­bei­ters

So hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in dem hier vor­lie­gen­den Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren ent­schie­den und die Rech­te, die einem frü­he­ren Wan­der­ar­beit­neh­mer mit unter­halts­be­rech­tig­ten Kin­dern, die im Auf­nah­me­mit­glied­staat zur Schu­le gehen, zuste­hen, im Licht der Ver­ord­nun­gen Nr.492/2011 [1] und Nr.883/2004 [2] sowie der Richt­li­nie 2004/​38 [3] prä­zi­siert.

Dem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen lag fol­gen­der Fall zugrun­de: Seit 2013 wohnt der pol­ni­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge JD mit sei­nen bei­den min­der­jäh­ri­gen Töch­tern in Deutsch­land, wo die bei­den Töch­ter zur Schu­le gehen. In den Jah­ren 2015 und 2016 übte JD in Deutsch­land meh­re­re abhän­gi­ge Beschäf­ti­gun­gen aus und wur­de dann arbeits­los. Von Sep­tem­ber 2016 bis Juni 2017 bezog die Fami­lie u.a.Leistungen der sozia­len Grund­si­che­rung nach den deut­schen Rechts­vor­schrif­ten, näm­lich Arbeits­lo­sen­geld II für JD und Sozi­al­geld für sei­ne Kin­der. Seit dem 2. Janu­ar 2018 übt JD wie­der eine Voll­zeit­be­schäf­ti­gung in Deutsch­land aus. JD bean­trag­te bei der zustän­di­gen deut­schen Behör­de, dem Job­cen­ter Kre­feld, die Wei­ter­be­wil­li­gung die­ser Leis­tun­gen für den Zeit­raum Juni bis Dezem­ber 2017. Das Job­cen­ter Kre­feld lehn­te sei­nen Antrag jedoch mit der Begrün­dung ab, dass JD im strei­ti­gen Zeit­raum den Arbeit­neh­mer­sta­tus nicht behal­ten habe und sich zum Zweck der Arbeit­su­che in Deutsch­land auf­hal­te. Nach­dem der Kla­ge gegen die­sen Bescheid statt­ge­ge­ben wor­den war, leg­te das Job­cen­ter Kre­feld dar­auf­hin Beru­fung beim Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len ein. Vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt ist nun das Ersu­chen an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gestellt wor­den.

Nach Auf­fas­sung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on kön­nen die frag­li­chen Leis­tun­gen der sozia­len Sicher­heit als „sozia­le Ver­güns­ti­gun­gen“ im Sin­ne der Ver­ord­nung Nr.492/2011 ein­ge­stuft wer­den kön­nen, und dann ers­tens ent­schie­den, dass die­se Ver­ord­nung einer natio­na­len Rege­lung ent­ge­gen­steht, die es unter allen Umstän­den und auto­ma­tisch aus­schließt, dass ein frü­he­rer Wan­der­ar­beit­neh­mer und sei­ne Kin­der der­ar­ti­ge Leis­tun­gen erhal­ten, obwohl sie nach die­ser Ver­ord­nung (Art. 10 der Ver­ord­nung Nr.492/2011) ein eigen­stän­di­ges Auf­ent­halts­recht auf­grund des Schul­be­suchs der Kin­der genie­ßen.

Wei­ter wird aus­ge­führt, dass das Auf­ent­halts­recht, das Kin­dern eines Wan­der­ar­beit­neh­mers oder frü­he­ren Wan­der­ar­beit­neh­mers zuer­kannt wird, um ihnen Zugang zum Unter­richt zu gewähr­leis­ten, und aus dem das Auf­ent­halts­recht des Eltern­teils abge­lei­tet ist, der die elter­li­che Sor­ge für sie wahr­nimmt, ursprüng­lich aus der Arbeit­nehmer­ei­gen­schaft die­ses Eltern­teils folgt. Ist die­ses Recht ein­mal erwor­ben, erwächst es jedoch zu einem eigen­stän­di­gen Recht und kann über den Ver­lust der Arbeit­nehmer­ei­gen­schaft hin­aus fort­be­stehen. Des Wei­te­ren hat der Gerichts­hof ent­schie­den, dass Per­so­nen, denen ein sol­ches Auf­ent­halts­recht zusteht, auch das in der Ver­ord­nung Nr.492/20115vorgesehene Recht auf Gleich­be­hand­lung mit Inlän­dern im Bereich der Gewäh­rung sozia­ler Ver­güns­ti­gun­gen genie­ßen, und zwar selbst dann, wenn sie sich nicht mehr auf die Arbeit­nehmer­ei­gen­schaft beru­fen kön­nen, aus der sie ihr ursprüng­li­ches Auf­ent­halts­recht her­ge­lei­tet haben. Die­se Aus­le­gung ver­hin­dert somit, dass eine Per­son, die beab­sich­tigt, gemein­sam mit ihrer Fami­lie ihren Her­kunfts­mit­glied­staat zu ver­las­sen, um in einem ande­ren Mit­glied­staat zu arbei­ten, dem Risi­ko aus­ge­setzt ist, bei Ver­lust ihrer Beschäf­ti­gung den Schul­be­such ihrer Kin­der unter­bre­chen und in ihr Her­kunfts­land zurück­keh­ren zu müs­sen, weil sie nicht die nach den natio­na­len Rechts­vor­schrif­ten vor­ge­se­he­nen Sozi­al­leis­tun­gen in Anspruch neh­men kann, die den Lebens­un­ter­halt der Fami­lie in die­sem Mit­glied­staat sicher­stel­len wür­den.

In einem Fall wie dem vor­lie­gen­den kann sich nach Mei­nung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on der Auf­nah­me­mit­glied­staat nicht auf die in der Richt­li­nie 2004/​38 (Art.24 Abs.2 der Richt­li­nie 2004/​38) vor­ge­se­he­ne Aus­nah­me vom Grund­satz der Gleich­be­hand­lung im Bereich der Sozi­al­hil­fe beru­fen kann. Die­se Aus­nah­me erlaubt es, bestimm­ten Kate­go­rien von Per­so­nen, u.a.denjenigen, denen nach die­ser Richt­li­nie ein Auf­ent­halts­recht zur Arbeit­su­che im Auf­nah­me­mit­glied­staat zusteht, die Gewäh­rung von Sozi­al­hil­fe­leis­tun­gen zu ver­sa­gen, um zu ver­hin­dern, dass die­se Per­so­nen die Sozi­al­hil­fe­leis­tun­gen die­ses Mit­glied­staats unan­ge­mes­sen in Anspruch neh­men. Die­se Aus­nah­me ist jedoch eng aus­zu­le­gen und kann nur auf Per­so­nen Anwen­dung fin­den, deren Auf­ent­halts­recht aus­schließ­lich auf die­ser Richt­li­nie beruht. Im vor­lie­gen­den Fall steht den Betrof­fe­nen zwar ein Auf­ent­halts­recht auf­grund die­ser Richt­li­nie (Art.14 Abs.4 Buchst.c der Richt­li­nie 2004/​38) zu, weil sich der betref­fen­de Eltern­teil auf Arbeit­su­che befin­det. Da sie sich auch auf ein eigen­stän­di­ges Auf­ent­halts­recht nach der Ver­ord­nung Nr.492/2011 beru­fen kön­nen, kann ihnen die­se Aus­nah­me jedoch nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den. Daher begrün­det eine natio­na­le Rege­lung, die sie von jeg­li­chem Anspruch auf Leis­tun­gen der sozia­len Sicher­heit aus­schließt, eine Ungleich­be­hand­lung gegen­über Inlän­dern im Bereich der sozia­len Ver­güns­ti­gun­gen, die gegen die­se Ver­ord­nung ver­stößt (Art.7 Abs.2 der Ver­ord­nung Nr.492/2011 in Ver­bin­dung mit deren Art.10).

Dar­über hin­aus hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ent­schie­den, dass einem Wan­der­ar­beit­neh­mer oder frü­he­ren Wan­der­ar­beit­neh­mer und des­sen Kin­dern, die ein Auf­ent­halts­recht auf­grund der Ver­ord­nung Nr. 492/​2011 genie­ßen und in einem Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­tem im Auf­nah­me­mit­glied­staat ein­ge­bun­den sind, auch das Recht auf Gleich­be­hand­lung aus der Ver­ord­nung Nr. 883/​2004 (Art.4 der Ver­ord­nung Nr.883/2004) zusteht. Ihnen jeg­li­chen Anspruch auf die frag­li­chen Leis­tun­gen der sozia­len Sicher­heit zu ver­sa­gen, stellt daher eine Ungleich­be­hand­lung gegen­über Inlän­dern dar. Die­se Ungleich­be­hand­lung ver­stößt gegen die letzt­ge­nann­te Ver­ord­nung (Art.4 der Ver­ord­nung Nr.883/2004), da die in der Richt­li­nie 2004/​38 (Art.24 Abs.2 der Richt­li­nie 2004/​38) vor­ge­se­he­ne Aus­nah­me auf die Situa­ti­on eines sol­chen Arbeit­neh­mers und sei­ner Kin­der, die zur Schu­le gehen, aus den­sel­ben Grün­den, die der Gerichts­hof im Zusam­men­hang mit der Ver­ord­nung Nr.492/2011 dar­ge­legt hat, kei­ne Anwen­dung fin­den kann.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 6. Okto­ber 2020 – Rechts­sa­che C‑181/​19, Job­cen­ter Kre­feld – Wider­spruchs­stel­le /​JD

Sozialleistungen eines arbeitslosen Wanderarbeiters
  1. Ver­ord­nung (EU) Nr.492/2011 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 5. April 2011 über die Frei­zü­gig­keit der Arbeit­neh­mer inner­halb der Uni­on (ABl.2011,L141,S.1).[]
  2. Ver­ord­nung (EG) Nr.883/2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 29. April 2004 zur Koor­di­nie­rung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit (ABl.2004 L166, S.1, berich­tigt im ABl.2004 L200, S.1).[]
  3. Richt­li­nie 2004/​38/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 29. April 2004 über das Recht der Uni­ons­bür­ger und ihrer Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen, sich im Hoheits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten frei zu bewe­gen und auf­zu­hal­ten, zur Ände­rung der Ver­ord­nung (EWG) Nr.1612/68 und zur Auf­he­bung der Richt­li­ni­en 64/​221/​EWG, 68/​360/​EWG, 72/​194/​EWG, 73/​148/​EWG, 75/​34/​EWG, 75/​35/​EWG, 90/​364/​EWG, 90/​365/​EWG und 93/​96/​EWG (ABl.2004, L158, S.77, berich­tigt im ABl.2004, L229, S.35).[]