Sozi­al­ver­si­che­rungs­pflicht des stil­len Gesell­schaf­ters

Die stil­le Betei­li­gung (§§ 230 ff HGB) an einer KG steht der Annah­me eines sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses zwi­schen dem stil­len Gesell­schaf­ter und der KG nicht ent­ge­gen, wenn der stil­le Gesell­schaf­ter nicht am Ver­lust der Gesell­schaft und auch nicht am Betriebs­ver­mö­gen und den stil­len Reser­ven der Gesell­schaft betei­ligt ist. Da ein stil­ler und selbst ein aty­pisch stil­ler Gesell­schaf­ter im Außen­ver­hält­nis grund­sätz­lich nicht haf­tet 1, trifft den Beschäf­tig­ten auch über die stil­le Betei­li­gung kein Unter­neh­mer­ri­si­ko.

Sozi­al­ver­si­che­rungs­pflicht des stil­len Gesell­schaf­ters

Per­so­nen, die gegen Arbeits­ent­gelt beschäf­tigt sind, unter­lie­gen in der Kran­ken- und Ren­ten­ver­si­che­rung und dem Recht der Arbeits­för­de­rung der Ver­si­che­rungs- bzw Bei­trags­pflicht 2. Beur­tei­lungs­maß­stab für das Vor­lie­gen einer abhän­gi­gen Beschäf­ti­gung ist § 7 Abs 1 Satz 1 SGB IV 3. Danach ist Beschäf­ti­gung die nicht­selb­stän­di­ge Arbeit, ins­be­son­de­re in einem Arbeits­ver­hält­nis. Nun­mehr sind Ver­si­che­rungs- bzw Bei­trags­pflicht in der Kran­ken­ver­si­che­rung seit 1. Janu­ar 1989 4 in § 5 Abs 1 Nr 1 SGB V, in der (neu ein­ge­führ­ten) Pfle­ge­ver­si­che­rung seit 1. Janu­ar 1995 5 in § 20 Abs 1 Satz 2 Nr 1 SGB XI, in der Ren­ten­ver­si­che­rung seit 1. Janu­ar 1992 6 in § 1 Satz 1 Nr 1 SGB VI sowie im Recht der Arbeits­för­de­rung seit 1. Janu­ar 1998 7 in § 24 Abs 1 und § 25 Abs 1 SGB III gere­gelt. Der Beur­tei­lungs­maß­stab für das Vor­lie­gen einer abhän­gi­gen Beschäf­ti­gung ist gemäß § 7 Abs 1 Satz 2 SGB IV 8 kon­kre­ti­siert wor­den. Anhalts­punk­te für eine Beschäf­ti­gung sind nach die­ser Vor­schrift eine Tätig­keit nach Wei­sun­gen und eine Ein­glie­de­rung in die Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on des Wei­sungs­ge­bers.

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­irchts setzt eine Beschäf­ti­gung vor­aus, dass der Arbeit­neh­mer vom Arbeit­ge­ber per­sön­lich abhän­gig ist. Bei einer Beschäf­ti­gung in einem frem­den Betrieb ist dies der Fall, wenn der Beschäf­tig­te in den Betrieb ein­ge­glie­dert ist und dabei einem Zeit, Dau­er, Ort und Art der Aus­füh­rung umfas­sen­den Wei­sungs­recht des Arbeit­ge­bers unter­liegt. Die­se Wei­sungs­ge­bun­den­heit kann, ins­be­son­de­re bei Diens­ten höhe­rer Art, ein­ge­schränkt sein. Dem­ge­gen­über ist eine selb­stän­di­ge Tätig­keit vor­nehm­lich durch das eige­ne Unter­neh­mer­ri­si­ko, das Vor­han­den­sein einer eige­nen Betriebs­stät­te, die Ver­fü­gungs­mög­lich­keit über die eige­ne Arbeits­kraft und die im Wesent­li­chen frei gestal­te­te Tätig­keit und Arbeits­zeit gekenn­zeich­net. Ob jemand abhän­gig beschäf­tigt oder selb­stän­dig tätig ist, hängt davon ab, wel­che Merk­ma­le über­wie­gen. Maß­ge­bend ist stets das Gesamt­bild der Arbeits­leis­tung. Die­ses bestimmt sich nach den tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­sen, zu denen die recht­lich rele­van­ten Umstän­de gehö­ren, die im Ein­zel­fall eine wer­ten­de Zuord­nung zum Typus der abhän­gi­gen Beschäf­ti­gung erlau­ben 9. Des­halb kann zwar eine an sich recht­lich bestehen­de Abhän­gig­keit durch die tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se so über­la­gert sein kann, dass eine Beschäf­ti­gung im sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Sin­ne aus­schei­det 10. Ande­rer­seits ist die Nicht­aus­übung eines Rechts unbe­acht­lich, solan­ge die Rechts­po­si­ti­on nicht wirk­sam abbe­dun­gen ist, die Rechts­macht also noch besteht, selbst wenn von die­ser tat­säch­lich kein Gebrauch gemacht wird 11. Denn maß­geb­lich ist die Rechts­be­zie­hung so, wie sie prak­ti­ziert wird, und die prak­ti­zier­te Bezie­hung so, wie sie recht­lich zuläs­sig ist 12.

Nach die­sen Grund­sät­zen rich­tet sich auch, ob die Tätig­keit im Unter­neh­men eines Ehe­gat­ten oder engen Ver­wand­ten ein abhän­gi­ges Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis dar­stellt oder nicht. Auch bei einer Tätig­keit in einer (Fami­li­en-) Gesell­schaft hängt die Ent­schei­dung, ob ein abhän­gi­ges, die Ver­si­che­rungs­pflicht aus­lö­sen­des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis vor­liegt, vom Umfang der Betei­li­gung und dem Aus­maß des sich dar­aus erge­ben­den Ein­flus­ses auf die Gesell­schaft ab 13. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat im Urteil vom 5. Novem­ber 1980 14 bei der Ent­schei­dung über die Selb­stän­dig­keit der Gesell­schaf­ter einer Fami­li­en-KG den Ver­gleich zu Ein­zel­un­ter­neh­men gezo­gen und des­halb maß­geb­lich dar­auf abge­stellt, ob der Gesell­schaf­ter die lau­fen­den unter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dun­gen trifft und dafür, wenn auch nur anteils­mä­ßig, das Risi­ko trägt. Schon das Reichs­ver­si­che­rungs­amt hat eben­falls betont, dass maß­geb­lich für die Fra­ge, ob der Kom­man­di­tist einer KG selb­stän­dig oder abhän­gig beschäf­tigt ist, der Ein­fluss des Gesell­schaf­ters ist 15. Dem­entspre­chend ist auch bei einer stil­len Betei­li­gung an einer Gesell­schaft, die nicht ein­mal im Innen­ver­hält­nis eine Rechts­macht ein­räumt, gegen den Wil­len der Gesell­schaft Geschäf­te zu betrei­ben oder den Bin­dun­gen aus dem Anstel­lungs­ver­trag zu ent­ge­hen, nicht von einer selb­stän­di­gen Tätig­keit aus­zu­ge­hen 16.

Der Annah­me eines Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses steht dabei grund­sätz­lich nicht ent­ge­gen, dass die Abhän­gig­keit unter engen Ver­wand­ten im All­ge­mei­nen weni­ger stark aus­ge­prägt und des­halb das Wei­sungs­recht mög­li­cher­wei­se mit gewis­sen Ein­schrän­kun­gen aus­ge­übt wird 17. Eben­falls unschäd­lich ist, wenn von dem Wei­sungs­recht vor allem im fach­li­chen Bereich nicht voll­um­fäng­lich Gebrauch gemacht wird. Denn vor allem bei sog Diens­ten höhe­rer Art kann das Wei­sungs­recht stark ein­ge­schränkt und zur „funk­ti­ons­ge­recht die­nen­den Teil­ha­be am Arbeits­pro­zess“ ver­fei­nert sein 18. Selbst wer Arbeit­ge­ber­funk­tio­nen wahr­nimmt, kann als lei­ten­der Ange­stell­ter bei einem Drit­ten per­sön­lich abhän­gig beschäf­tigt sein 19.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 20. Juli 2010 – L 11 KR 3910/​09

  1. BGH, Beschluss vom 01.03.2010 – II ZR 249/​08, m.w.N.[]
  2. in den hier maß­ge­ben­den Zeit­raum: § 165 Abs 1 Nr 2 RVO, § 2 Abs 1 Nr 1 AVG und § 168 Abs 1 AFG[]
  3. in der seit 1. Juli 1977 gel­ten­den Fas­sung[]
  4. Art 1, 79 des Geset­zes zur Struk­tur­re­form im Gesund­heits­we­sen vom 20. Dezem­ber 1988, BGBl I 1988, 2477[]
  5. Art 1, 68 des Geset­zes zur sozia­len Absi­che­rung des Risi­kos der Pfle­ge­be­dürf­tig­keit vom 26. Mai 1994, BGBl I 1994, 1014[]
  6. Art 1, 85 des Geset­zes zur Reform der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung vom 18. Dezem­ber 1989, BGBl I 1989, 2261[]
  7. Art 1, 83 des Geset­zes zur Reform der Arbeits­för­de­rung vom 24. März 1997, BGBl I 1997, 594[]
  8. in der seit 1. Janu­ar 1999 gel­ten­den Fas­sung des Art 1 Nr 1a des Geset­zes zur För­de­rung der Selb­stän­dig­keit vom 20.12.1999, BGBI I 2000, 2[]
  9. vgl. BSG, Urtei­le vom 11.03.2009 – B 12 KR 21/​07 R; vom 24.01.2007 – B 12 KR 31/​06 R, SozR 4 – 2400 § 7 Nr 7 mwN; und vom 04.07.2007 – B 11a AL 5/​06 R, SozR 4 – 2400 § 7 Nr 8[]
  10. BSG, Urtei­le vom 17.05.2001 – B 12 KR 34/​00 R, SozR 3 – 2400 § 7 Nr 17; vom 08.12.1987 – 7 RAr 25/​86; und vom 07.09.1988 – 10 RAr 10/​87, SozR 4100 § 141b Nr 41[]
  11. BSG, Urteil vom 08.08.1990 – 11 RAr 77/​89, SozR 3 – 2400 § 7 Nr. 4[]
  12. BSG, Urteil vom 25.01.2006 – B 12 KR 30/​04 R[]
  13. so schon zu einem Gesell­schaf­ter-Geschäfts­füh­rer einer GmbH: BSG, Urtei­le vom 05.05.1988 – 12 RK 43/​86, SozR 2400 § 2 Nr 25 m.w.N.; und vom 06.03.2003 – B 11 AL 25/​02 R[]
  14. BSG, Urteil vom 05.11.1980 – 11 RA 80/​79, BSGE 50, 284[]
  15. RVA, Ent­schei­dung vom 14.01.1936 – III Ar 39/​35 BS; RVA AN 1936, 130[]
  16. BSG, Urteil vom 24.01.2007 – B 12 KR 31/​06 R, a.a.O.[]
  17. BSG, Urteil vom 21.04.1993, SozR 3 – 4100 § 168 Nr 11[]
  18. BSG, Urteil vom 25.01.2006 – B 12 KR 12/​05 R, SozR 4 – 2400 § 7 Nr 6[]
  19. BSG, Urtei­le vom 06.03.2003 – B 11 AL 25/​02 R, SozR 4 – 2400 § 7 Nr 1; und vom 19.06.2001 -B 12 KR 44/​00 R, SozR 3 – 2400 § 7 Nr 18[]

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