Sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ges Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis mit einem Freund

Eben­so wie ein Ver­wandt­schafts- bzw. Freund­schafts­ver­hält­nis nicht von vorn­her­ein ein Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis aus­schließt, schei­det auch eine Tätig­keit wie ein Beschäf­tig­ter im Sin­ne des § 2 Abs. 2 Satz 1 SGB VII nicht allein des­halb aus, weil die Tätig­keit für einen Ver­wand­ten oder Freund ver­rich­tet wird.

Sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ges Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis mit einem Freund

Bei Gefäl­lig­keits­leis­tun­gen unter Ver­wand­ten und Freun­den ist dar­auf abzu­stel­len, ob das Familienmitglied/​der Freund eine Gefäl­lig­keit erweist, die durch die Stär­ke des Ver­wandt­schafts- bzw. Freund­schafts­ver­hält­nis­ses ihr Geprä­ge erhält, oder ob es sich um eine ernst­li­che Tätig­keit han­delt, die über das hin­aus­geht, was all­ge­mein in Ver­wandt­schafts- bzw. Freund­schafts­be­zie­hun­gen gefor­dert und nor­ma­ler­wei­se von abhän­gig Beschäf­tig­ten erbracht wird. Je enger eine Gemein­schaft ist, umso grö­ßer ist der Rah­men, in dem bestimm­te Ver­rich­tun­gen hier­durch ihr Geprä­ge erhal­ten.

Nach § 8 Abs. 1 Satz 1 SGB VII (Sozi­al­ge­setz­buch – Gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung) sind Arbeits­un­fäl­le Unfäl­le von Ver­si­cher­ten infol­ge einer den Ver­si­che­rungs­schutz nach § 2, 3 oder 6 SGB VII begrün­den­den Tätig­keit (ver­si­cher­te Tätig­keit). Eine ent­spre­chen­de ver­si­cher­te Tätig­keit, für die vor­lie­gend allein eine sol­che im Sin­ne von § 2 Abs. 2 Satz 1 SGB VII in Betracht kom­men könn­te, hat indes zur Über­zeu­gung des Gerichts nicht vor­ge­le­gen. Nach die­ser Bestim­mung sind in der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung auch Per­so­nen ver­si­chert, die wie ein nach § 2 Abs. 1 Nr. 1 SGB VII Ver­si­cher­ter tätig gewor­den sind, mit­hin Beschäf­tig­te bzw. Arbeit­neh­mer.

§ 2 Abs. 2 SGB VII will aus sozi­al­po­li­ti­schen und rechts­sys­te­ma­ti­schen Grün­den den Ver­si­che­rungs­schutz auf Tätig­kei­ten erstre­cken, die zwar nicht sämt­li­che Merk­ma­le eines Arbeits- oder Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses auf­wei­sen, in ihrer Grund­struk­tur aber einer abhän­gi­gen Beschäf­ti­gung ähneln, in dem eine ernst­li­che, einem frem­den Unter­neh­men die­nen­de, dem wirt­schaft­li­chen oder mut­maß­li­chen Wil­len des Unter­neh­mers ent­spre­chen­de Tätig­keit von wirt­schaft­li­chem Wert erbracht wird, die ihrer Art nach sonst von Per­so­nen ver­rich­tet wer­den könn­te, die in einem abhän­gi­gen Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis ste­hen 1. Sie muss unter Umstän­den geleis­tet wer­den, dass sie einer Tätig­keit auf­grund eines Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses ähn­lich ist 2. Nicht erfor­der­lich ist, dass der Ver­letz­te von dem Unter­neh­mer per­sön­lich oder wirt­schaft­lich abhän­gig ist 3. Von ent­schei­den­der Bedeu­tung ist die mit dem – objek­tiv arbeit­neh­mer­ähn­li­chen – Ver­hal­ten ein­her­ge­hen­de Hand­lungs­ten­denz 4. Damit wird nicht jede Tätig­keit, die einem frem­den Unter­neh­men objek­tiv nütz­lich und ihrer Art nach sonst übli­cher­wei­se dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt zugäng­lich ist, beschäf­ti­gungs­ähn­lich ver­rich­tet. Ver­folgt eine Per­son mit einem Ver­hal­ten, das ansons­ten einer Tätig­keit auf­grund eines Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses ähnelt, in Wirk­lich­keit wesent­lich allein eige­ne Ange­le­gen­hei­ten, ist sie nicht mit fremd­wirt­schaft­li­cher Zweck­be­stim­mung und damit nicht wie im Rah­men eines Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses tätig 5.

Der Ver­si­che­rungs­schutz ist nicht des­halb aus­ge­schlos­sen, weil der Ver­un­fall­te einem Ver­wand­ten oder Freund gehol­fen hat. Eben­so wie ein Ver­wandt­schafts- bzw. Freund­schafts­ver­hält­nis nicht von vorn­her­ein ein Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis aus­schließt, schei­det auch eine Tätig­keit wie ein Beschäf­tig­ter im Sin­ne des § 2 Abs. 2 Satz 1 SGB VII nicht allein des­halb aus, weil die Tätig­keit für einen Ver­wand­ten oder Freund ver­rich­tet wird 6. Bei Gefäl­lig­keits­leis­tun­gen unter Ver­wand­ten und Freun­den ist viel­mehr dar­auf abzu­stel­len, ob das Familienmitglied/​der Freund eine Gefäl­lig­keit erweist, die durch die Stär­ke des Ver­wandt­schafts- bzw. Freund­schafts­ver­hält­nis­ses ihr Geprä­ge erhält, oder ob es sich um eine ernst­li­che Tätig­keit han­delt, die über das hin­aus­geht, was all­ge­mein in Ver­wandt­schafts- bzw. Freund­schafts­be­zie­hun­gen gefor­dert und nor­ma­ler­wei­se von abhän­gig Beschäf­tig­ten erbracht wird. Je enger eine Gemein­schaft ist, umso grö­ßer ist der Rah­men, in dem bestimm­te Ver­rich­tun­gen hier­durch ihr Geprä­ge erhal­ten 7. Ver­rich­tun­gen auf­grund freund­schaft­li­cher oder nach­bar­schaft­li­cher Bezie­hun­gen, und um sol­che han­del­te es sich vor­lie­gend, schlie­ßen eine arbeit­neh­mer­ähn­li­che Tätig­keit eines Ver­letz­ten und damit Ver­si­che­rungs­schutz über § 2 Abs. 2 Satz 1 SGB VII aber dann aus, wenn es sich um einen auf­grund der kon­kre­ten sozia­len Bezie­hun­gen gera­de­zu selbst­ver­ständ­li­chen Hilfs­dienst han­delt oder die zum Unfall füh­ren­de Ver­rich­tung als Erfül­lung gesell­schaft­li­cher (nicht recht­li­cher) Ver­pflich­tun­gen anzu­se­hen ist, die bei beson­ders engen Bezie­hun­gen zwi­schen Freun­den typisch, üblich und des­halb zu erwar­ten sind 8.

Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 30. Janu­ar 2012 – S 1 U 2650/​11

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. etwa BSG SozR 4 – 2700 § 2 Nr.6 []
  2. vgl. BSG SozR 3 – 2200 § 539 Nr. 25 mit wei­te­ren Nach­wei­sen[]
  3. vgl. BSG SozR 3 – 2200 § 539 Nrn. 15 und 16[]
  4. vgl. BSG vom 05.03.2002 – B 2 U 9/​01 R; sowie LSG NRW vom 09.04.2008 – L 17 U 52/​07[]
  5. vgl. Baye­ri­sches LSG vom 11.12.2007 – L 3 U 299/​06; sowie Säch­si­sches LSG vom 09.12.2010 – L 2 U 219/​09; und vom 10.02.2011 – L 2 U 68/​09[]
  6. vgl. BSGE 5, 168, 172; BSG SozR 2200 § 539 Nr. 55; und vom 30.07.1987 – 2 RU 17/​86; fer­ner Säch­si­sches LSG vom 09.12.2010 – L 2 U 219/​09; und vom 10.02.2011 – L 2 U 68/​09[]
  7. vgl. BSG SozR 2200 § 539 Nr. 49; und Säch­si­sches LSG, a.a.O., mit wei­te­ren Nach­wei­sen[]
  8. vgl. BSG SozR 3 – 2200 § 539 Nr. 13; BSG in HV-Info 1990, 1349 ff.; und LSG Bad.-Württ. vom 16.11.2011 – L 2 U 1422/​10[]