Sperr­zeit beim Arbeits­lo­sen­geld

Eine Sperr­zeit für Arbeits­lo­sen­geld tritt ein, wenn ein Mel­de­ter­min ohne wich­ti­gen Grund ver­säumt wird. Eine Mel­dung erst am Fol­ge­tag erfüllt die Vor­aus­set­zun­gen nach dem kla­ren Wort­laut des Geset­zes nicht, wonach bloß eine am sel­ben Tag nach­ge­hol­te Mel­dung fol­gen­los bleibt, § 309 Abs 3 Satz 2 SGB III. Die Sank­ti­ons­fol­ge des § 144 Abs 6 SGB III als Fol­ge des Mel­de­ver­säum­nis­ses ver­stößt nicht gegen Ver­fas­sungs­recht.

Sperr­zeit beim Arbeits­lo­sen­geld

In einem jetzt vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt ent­schie­de­nen Fall bezog die 1952 gebo­re­ne Klä­ge­rin, von Beruf Alten­pfle­ge­rin, seit dem 2. August 2006 Arbeits­lo­sen­geld. Die Beklag­te lud sie zu einem Ter­min am 14.5.2007 um 11:00 Uhr ein; Gegen­stand des Ter­mins soll­ten die beruf­li­che Situa­ti­on der Klä­ge­rin und ihr Bewer­ber­an­ge­bot sein. Das Ein­la­dungs­schrei­ben ent­hielt eine Rechts­fol­gen­be­leh­rung. Infol­ge feh­ler­haf­ter Notie­rung die­ses Ter­mins erschien die Klä­ge­rin nicht am 14.5.2007, son­dern am Fol­ge­tag um 11:00 Uhr bei der Beklag­ten. Die Beklag­te hob dar­auf­hin die Leis­tungs­be­wil­li­gung für die Zeit vom 15. bis zum 21.5.2007 auf und stell­te eine ent­spre­chen­de Min­de­rung der Anspruchs­dau­er fest, weil der Anspruch der Klä­ge­rin wegen des Ein­tritts einer Sperr­zeit bei Mel­de­ver­säum­nis für eine Woche ruhe (§ 144 Abs 1 Satz 2 Nr 6, § 128 Abs 1 Nr 3 SGB III). Hier­ge­gen hat die Alten­pfle­ge­rin Kla­ge erho­ben. Das Sozi­al­ge­richt hat die ange­foch­te­nen Beschei­de auf­ge­ho­ben 1. Auf die Beru­fung hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt das Urteil des Sozi­al­ge­richts auf­ge­ho­ben und die Kla­ge abge­wie­sen 2. Mit der Revi­si­on vor dem Bun­des­so­zi­al­ge­richt ver­folgt die Klä­ge­rin ihr Ziel wei­ter.

Die Recht­mä­ßig­keit des Bescheids vom 24.5.2007 misst sich an § 48 Abs 1 Satz 2 Nr 4 SGB X iVm § 330 Abs 3 SGB III. Nach § 48 Abs 1 Satz 1 und Satz 2 Nr 4 SGB X iVm § 330 Abs 3 SGB III ist ein Ver­wal­tungs­akt mit Dau­er­wir­kung vom Zeit­punkt einer wesent­li­chen Ände­rung der Ver­hält­nis­se an auf­zu­he­ben, soweit der Betrof­fe­ne wuss­te oder nicht wuss­te, weil er die erfor­der­li­che Sorg­falt in beson­ders schwe­rem Maße ver­letzt hat, dass der sich aus dem Ver­wal­tungs­akt erge­ben­de Anspruch kraft Geset­zes zum Ruhen gekom­men oder ganz oder teil­wei­se weg­ge­fal­len ist.

Der Bescheid der Beklag­ten vom 23.8.2006 war ein Ver­wal­tungs­akt mit Dau­er­wir­kung; er hat­te die Bewil­li­gung von Arbeits­lo­sen­geld ab August 2006 für eine Anspruchs­dau­er von 360 Tagen zum Gegen­stand. Wesent­lich iS des § 48 Abs 1 Satz 1 SGB X ist jede tat­säch­li­che oder recht­li­che Ände­rung, die sich auf Grund oder Höhe der bewil­lig­ten Leis­tung aus­wirkt 3. Hier ist wegen des Ein­tritts einer Sperr­zeit ein Ruhen des Leis­tungs­an­spruchs nach § 144 Abs 1 Satz 1 iVm Satz 2 Nr 6 SGB III ein­ge­tre­ten. Schließ­lich sind auch die sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen des § 48 Abs 1 Satz 2 Nr 4 SGB X gege­ben. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt hat dabei ent­spre­chend der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts bei der Beur­tei­lung der gro­ben Fahr­läs­sig­keit einen sub­jek­ti­ven Maß­stab ange­legt 4. Soweit sich die Klä­ge­rin gegen die Fest­stel­lun­gen des sub­jek­ti­ven Ver­schul­dens wen­det, ist zu beach­ten, dass die Ent­schei­dung über das Vor­lie­gen gro­ber Fahr­läs­sig­keit nur in engen Gren­zen revi­si­ons­recht­lich nach­prüf­bar ist. Das Revi­si­ons­ge­richt prüft inso­weit ledig­lich, ob das Lan­des­so­zi­al­ge­richt den Begriff der gro­ben Fahr­läs­sig­keit als sol­chen ver­kannt hat, sowie, ob es beach­tet hat, dass sich die Bös­gläu­big­keit grund­sätz­lich auf den zurück­zu­neh­men­den Teil des Ver­wal­tungs­akts erstre­cken muss 5. Inso­fern ist die Ent­schei­dung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts nicht zu bean­stan­den. Es hat bei der Prü­fung des sub­jek­ti­ven Ver­schul­dens nicht nur auf den Erhalt und Inhalt des "Merk­blatt 1 für Arbeits­lo­se" und die der Klä­ge­rin im Ein­la­dungs­schrei­ben vom 18.4.2007 über­mit­tel­te Rechts­fol­gen­be­leh­rung abge­stellt, son­dern sich einen eige­nen Ein­druck von der per­sön­li­chen Ein­sichts­fä­hig­keit der im Ter­min anwe­sen­den Klä­ge­rin ver­schafft 6. Danach war es der Klä­ge­rin mög­lich und zumut­bar, die Hin­wei­se nach­zu­voll­zie­hen und wuss­te sie – oder hät­te zumin­dest im Sin­ne gro­ber Fahr­läs­sig­keit ohne Wei­te­res erken­nen kön­nen -, wel­che Fol­gen das Mel­de­ver­säum­nis haben konn­te. Die­se Wür­di­gung der tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen durch das Lan­des­so­zi­al­ge­richt ent­zieht sich der revi­si­ons­recht­li­chen Über­prü­fung, wenn sie nicht mit zuläs­si­gen Ver­fah­rens­rügen (zB Ver­stoß gegen Denk­ge­set­ze) ange­grif­fen wird (vgl § 163 SGG), was hier nicht der Fall ist.

Gemäß § 144 Abs 1 Satz 1 SGB III in der hier maß­geb­li­chen, ab 1.1.2005 in Kraft getre­te­nen Fas­sung des Drit­ten Geset­zes für moder­ne Dienst­leis­tun­gen am Arbeits­markt vom 23.12.2003 7 ruht der Anspruch auf Arbeits­lo­sen­geld für die Dau­er einer Sperr­zeit, wenn sich der Arbeit­neh­mer ver­si­che­rungs­wid­rig ver­hal­ten hat, ohne dafür einen wich­ti­gen Grund zu haben. Ein ver­si­che­rungs­wid­ri­ges Ver­hal­ten liegt nach Satz 2 Nr 6 der Vor­schrift u.a. dann vor, wenn der Arbeits­lo­se einer Auf­for­de­rung der Agen­tur für Arbeit, sich zu mel­den oder zu einem ärzt­li­chen oder psy­cho­lo­gi­schen Unter­su­chungs­ter­min zu erschei­nen (§ 309 SGB III), trotz Beleh­rung über die Rechts­fol­gen nicht nach­kommt oder nicht nach­ge­kom­men ist (Sperr­zeit bei Mel­de­ver­säum­nis). Die Vor­aus­set­zun­gen für die Fest­stel­lung einer sol­chen Sperr­zeit, d.h. pflicht­wid­ri­ges Ver­hal­ten und Feh­len eines wich­ti­gen Grun­des, lie­gen vor.

Gemäß § 309 Abs 2 SGB III kann die Auf­for­de­rung zur Mel­dung u.a. zum Zwe­cke der Berufs­be­ra­tung (Nr 1), der Ver­mitt­lung in Aus­bil­dung oder Arbeit (Nr 2) und der Prü­fung des Vor­lie­gens der Vor­aus­set­zun­gen für den Leis­tungs­an­spruch (Nr 5) erfol­gen. An die­sen Anfor­de­run­gen ori­en­tiert sich die Auf­for­de­rung der Beklag­ten vom 18.4.2007, mit der sie die Klä­ge­rin zwecks Erör­te­rung ihrer beruf­li­chen Situa­ti­on und ihres Bewer­ber­an­ge­bots zum Ter­min am 14.5.2007 um 11:00 Uhr ein­lud. Es bestehen ins­be­son­de­re kei­ne Anhalts­punk­te für eine zweck­wid­ri­ge Auf­for­de­rung 8. Gemäß § 309 Abs 3 Satz 1 SGB III idF des Geset­zes vom 23.12.2003 hat sich der Arbeits­lo­se zu der von der Agen­tur für Arbeit bestimm­ten Zeit zu mel­den. Nach Satz 2 des § 309 Abs 3 SGB III ist er sei­ner all­ge­mei­nen Mel­de­pflicht (nur) dann auch nach­ge­kom­men, wenn die­se nach Tag und Tages­zeit bestimmt war und er sich zu einer ande­ren Zeit am sel­ben Tag mel­det und der Zweck der Mel­dung erreicht wird. Die­se Vor­aus­set­zun­gen tref­fen auf das Mel­de­ver­säum­nis der Klä­ge­rin nicht zu.

Die Mel­dung der Klä­ge­rin erfolg­te am 15.5.2007 und damit nicht mehr "am sel­ben Tag", der in der Mel­de­auf­for­de­rung bestimmt war. Der Begriff "am sel­ben Tag" ist fest bestimmt; er ist weder aus­le­gungs­fä­hig noch aus­le­gungs­be­dürf­tig. Nach dem kla­ren Wort­laut des Geset­zes und dem damit zum Aus­druck gekom­me­nen Wil­len des Gesetz­ge­bers kann eine Mel­dung am Fol­ge­tag nicht mehr als recht­zei­tig ange­se­hen wer­den. Dem­ge­mäß hat die Beklag­te ent­spre­chend ihrer, in § 144 Abs 1 Satz 2 Nr 6 SGB III zum Aus­druck gebrach­ten Beleh­rungs- und Hin­weis­pflicht vor Ein­tritt einer Sperr­zeit bei Mel­de­ver­säum­nis klar­ge­stellt, dass "vom Tag nach dem Mel­de­ver­säum­nis an für die Dau­er von einer Woche" Arbeits­lo­sen­geld nicht gezahlt wird. Die Mel­de­auf­for­de­rung und die Rechts­fol­gen­be­leh­rung ent­spre­chen auch im Übri­gen den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen; ins­be­son­de­re wird der Arbeits­lo­se in ver­ständ­li­cher und kla­rer Form dar­über infor­miert, wel­che unmit­tel­ba­ren und kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen aus dem Mel­de­ver­säum­nis resul­tie­ren 9.

Ent­ge­gen der Ansicht des Sozi­al­ge­richts, auf die sich die Klä­ge­rin in ihrer Revi­si­ons­be­grün­dung gestützt hat, kann die Klä­ge­rin auch nicht kraft rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung, ins­be­son­de­re mit­tels einer ana­lo­gen Anwen­dung des § 309 Abs 3 Satz 2 SGB III, so behan­delt wer­den, als sei sie ihrer Rechts­pflicht nach­ge­kom­men. Ein Ana­lo­gie­schluss setzt vor­aus, dass die gere­gel­te Norm ana­lo­giefä­hig ist, das Gesetz eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke ent­hält und der zu beur­tei­len­de Sach­ver­halt in recht­li­cher Hin­sicht so weit mit dem Tat­be­stand ver­gleich­bar ist, den der Gesetz­ge­ber gere­gelt hat, dass ange­nom­men wer­den kann, er wäre bei einer Inter­es­sen­ab­wä­gung, bei der er sich von den­sel­ben Grund­sät­zen hät­te lei­ten las­sen wie bei dem Erlass der her­an­ge­zo­ge­nen Geset­zes­vor­schrift, zu dem glei­chen Abwä­gungs­er­geb­nis gekom­men. Ana­lo­gie ist mit­hin die Über­tra­gung der Rechts­fol­ge eines gere­gel­ten Tat­be­stands auf einen ihm ähn­li­chen, aber unge­re­gel­ten Sach­ver­halt 10. Sie beruht – in Anleh­nung an Art 3 Abs 1 GG – auf der For­de­rung nor­ma­ti­ver Gerech­tig­keit, Gleich­ar­ti­ges gleich zu behan­deln 11. Aus der Rechts­ent­wick­lung sowie aus Sinn und Zweck der Vor­schrift erge­ben sich jedoch kei­ne Hin­wei­se auf das Bestehen einer Geset­zes­lü­cke.

§ 309 SGB III ent­spricht nahe­zu wort­gleich der Vor­gän­ger­re­ge­lung in § 132 Abs 1 und 2 AFG iVm mit § 5 Satz 2 der Mel­dean­ord­nung vom 14.12.1972 12. Die Begren­zung einer sank­ti­ons­lo­sen Nach­ho­lung der Mel­dung nur am sel­ben Tag ist mit­hin bewusst in das SGB III über­nom­men wor­den. Im Übri­gen fehlt es für eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 309 Abs 3 Satz 2 SGB III auch an einer Ver­gleich­bar­keit der zu regeln­den Sach­ver­hal­te; die Mel­dung am sel­ben Tag ist etwas ande­res als das Auf­su­chen der Beklag­ten an einem spä­te­ren Tag.

Eben­so wie zur Rege­lung bestimm­ter Lebens­sach­ver­hal­te Stich­ta­ge ein­ge­führt wer­den dür­fen, obwohl jeder Stich­tag unver­meid­lich gewis­se Här­ten mit sich bringt 13. Zu prü­fen ist ledig­lich, ob der Gesetz­ge­ber den ihm zukom­men­den Gestal­tungs­frei­raum in sach­ge­rech­ter Wei­se genutzt hat, ob er die für die zeit­li­che Anknüp­fung in Betracht kom­men­den Fak­to­ren hin­rei­chend gewür­digt hat und ob sich die gefun­de­ne Lösung im Hin­blick auf den gege­be­nen Sach­ver­halt und das Sys­tem der Gesamt­re­ge­lung durch sach­li­che Grün­de recht­fer­ti­gen lässt oder als will­kür­lich erscheint 14. Dar­an, dass die Datums­gleich­heit ein – leicht über­prüf­ba­res – sach­li­ches Kri­te­ri­um dar­stellt, um den Ver­si­cher­ten vor Rechts­nach­tei­len zu bewah­ren, hat der Senat kei­nen Zwei­fel; eine will­kür­lich unter­schied­li­che Behand­lung liegt nicht vor.

Es kann des­halb dahin­ste­hen, ob der Zweck der Mel­dung iS des § 309 Abs 3 Satz 2 SGB III auch durch die Vor­spra­che der Klä­ge­rin am 15.5.2007 um 11:00 Uhr noch hät­te erreicht wer­den kön­nen 15. Die mög­li­che Zweck­er­rei­chung kann allen­falls bei der Fra­ge eine Rol­le spie­len, ob die fest­ge­stell­te Sperr­zeit von einer Woche unver­hält­nis­mä­ßig war.

Die Klä­ge­rin kann sich für ihr pflicht­wid­ri­ges Ver­hal­ten auch auf kei­nen wich­ti­gen Grund iS des § 144 Abs 1 Satz 1 SGB III beru­fen. Ein sol­cher ist anzu­neh­men, wenn durch die­sen die Mel­dung oder das Erschei­nen unmög­lich oder erschwert wur­de, sodass dem Arbeits­lo­sen unter Berück­sich­ti­gung des Ein­zel­falls und unter Abwä­gung sei­ner Inter­es­sen, mit denen der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft ein ande­res Ver­hal­ten nicht zuge­mu­tet wer­den konn­te 16. Die Sperr­zeit greift dabei Oblie­gen­heits­ver­let­zun­gen des Ver­si­cher­ten auf 17 und setzt – eben­so wie der Sperr­zeit­tat­be­stand des § 144 Abs 1 Satz 2 Nr 7 SGB III (ver­spä­te­te Arbeit­su­chend­mel­dung) – ein sub­jek­tiv vor­werf­ba­res Ver­hal­ten (min­des­tens leich­te Fahr­läs­sig­keit nach einem sub­jek­ti­ven Fahr­läs­sig­keits­maß­stab) vor­aus 18. Nach den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts, die die Klä­ge­rin nicht mit Ver­fah­rens­rügen ange­grif­fen hat und die damit bin­dend sind (vgl § 163 SGG), war ihr ein recht­mä­ßi­ges Ver­hal­ten objek­tiv mög­lich und sub­jek­tiv zumut­bar. Sei­tens der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft kann von einem Berech­tig­ten erwar­tet wer­den, dass er Ter­mi­ne zur Ein­hal­tung einer eige­nen Mit­wir­kungs­ob­lie­gen­heit kor­rekt notiert und ein­hält; bei­des liegt allein im Ver­ant­wor­tungs­be­reich des Ver­si­cher­ten. Aus der Sicht eines objek­ti­ven Drit­ten konn­te die Klä­ge­rin den Mel­de­ter­min am 14.5.2007 ohne Wei­te­res wahr­neh­men und ist ihr jeden­falls Fahr­läs­sig­keit zur Last zu legen.

Die Sperr­zeit führt zum Ruhen des Anspruchs auf Arbeits­lo­sen­geld gemäß § 144 Abs 1 Satz 1 SGB III. Nach § 128 Abs 1 Nr 3 SGB III min­dert sich der Alg-Anspruch um die Tage der Sperr­zeit. Die­se Rechts­fol­gen sind im ange­foch­te­nen Bescheid der Beklag­ten zutref­fend umge­setzt wor­den. Nach § 144 Abs 6 SGB III idF des Geset­zes vom 23.12.2003 beträgt die Dau­er der Sperr­zeit bei Mel­de­ver­säum­nis eine Woche. Nach § 144 Abs 2 Satz 1 SGB III begann die Sperr­zeit mit dem Tag nach dem Ereig­nis, das sie begrün­det. Zutref­fend hat die Beklag­te daher die Dau­er der Sperr­zeit vom 15. bis zum 21.5.2007 fest­ge­stellt.

Die Sank­ti­ons­fol­ge des § 144 Abs 6 SGB III als Fol­ge des Mel­de­ver­säum­nis­ses ver­stößt auch im Lich­te der Eigen­tums­ga­ran­tie des Art 14 GG nicht gegen Ver­fas­sungs­recht. Zwar ist der Anspruch auf Arbeits­lo­sen­geld durch die Eigen­tums­ga­ran­tie geschützt 19. Zu Recht hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt aber einen Ein­griff in den Schutz­be­reich der Eigen­tums­ga­ran­tie ver­neint. Denn es fehlt bereits dar­an, dass eine geschütz­te ver­mö­gens­wer­te Posi­ti­on der Klä­ge­rin (also ihr Alg-Anspruch) durch eine Maß­nah­me der Beklag­ten beein­träch­tigt wor­den wäre 20. Der Klä­ge­rin ist im Sin­ne einer sol­chen geschütz­ten ver­mö­gens­wer­ten Rechts­po­si­ti­on kei­ne stär­ke­re kon­kre­te Rechts­po­si­ti­on "genom­men" wor­den. Denn sie hat mit ihrer letz­ten Beschäf­ti­gung als Alten­pfle­ge­rin einen (neu­en) Arbeits­lo­sen­geld-Anspruch als Stamm­recht erwor­ben, der von vorn­her­ein mit der Mög­lich­keit der Sank­ti­on in Form einer Sperr­zeit auch nach § 144 Abs 1 Satz 2 Nr 6 SGB III belas­tet war. Die Rea­li­sie­rung die­ser Belas­tung im Ein­zel­fall ist durch den ange­foch­te­nen Bescheid der Beklag­ten ledig­lich fest­ge­stellt wor­den.

Selbst wenn aber der Schutz­be­reich des Art 14 GG tan­giert wäre, ist der dann anzu­neh­men­de "Ein­griff" durch § 144 Abs 1 Satz 2 Nr 6 iVm Abs 6 SGB III ledig­lich eine zuläs­si­ge Bestim­mung von Inhalt und Schran­ken des Eigen­tums (Art 14 Abs 1 Satz 2 GG). Inso­weit kommt dem Gesetz­ge­ber grund­sätz­lich eine wei­te Gestal­tungs­mög­lich­keit zu, auch zur Beschnei­dung von Leis­tungs­an­sprü­chen zur Erhal­tung der Funk­ti­ons- und Leis­tungs­fä­hig­keit des Sys­tems der Sozi­al­leis­tungs­ver­wal­tung 21. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat dies­be­züg­lich – wor­auf das Lan­des­so­zi­al­ge­richt zu Recht hin­weist – zu der für ver­fas­sungs­wid­rig erklär­ten Ruhens­vor­schrift des § 120 Abs 1 AFG, wel­che zunächst kei­ne Här­te­fall­re­ge­lung ent­hielt, ent­schie­den, dass, soweit ein Arbeits­lo­ser aus Uner­fah­ren­heit, Unver­ständ­nis für Ver­wal­tungs­vor­gän­ge, aus Unacht­sam­keit oder aus ande­ren Grün­den, wel­che nicht als "wich­tig" iS des § 120 Abs 1 AFG zu qua­li­fi­zie­ren sei­en, sei­ne Mel­de­pflicht nicht ein­hal­te, die aus­nahms­los pau­scha­le Kür­zung des Arbeits­lo­sen­gel­des unzu­mut­bar sei. Dies gel­te erst recht, wenn sich die Säum­nis die­ses Arbeits­lo­sen nicht nach­tei­lig für die Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung aus­wir­ke 22. Im Ein­zel­nen hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus­ge­führt, bei miss­bräuch­li­cher Inan­spruch­nah­me des Arbeits­lo­sen­gel­des sei weder etwas gegen die zeit­wei­se Ver­sa­gung des Arbeits­lo­sen­gel­des noch dage­gen etwas ein­zu­wen­den, dass die Sank­ti­on pau­schal einen zwei­wö­chi­gen Weg­fall des Arbeits­lo­sen­gel­des anord­ne. Es fehl­ten aber hin­rei­chend Grün­de, die Rech­te aus dem durch Bei­trags­zah­lung erwor­be­nen Ver­si­che­rungs­schutz so weit­ge­hend und undif­fe­ren­ziert ein­zu­schrän­ken. Nicht zu ent­schei­den sei, ob für Bezie­her von Arbeits­lo­sen­geld auch ein pau­scha­les Ruhen des Arbeits­lo­sen­geld von sechs Tagen noch hin­nehm­bar wäre; ein Weg­fall des Arbeits­lo­sen­gel­des von zwei Wochen sei die­sem Per­so­nen­kreis gegen­über nach dem Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prin­zip schon des­halb nicht gerecht­fer­tigt, weil das eigen­tums­ge­schütz­te Arbeits­lo­sen­gel­des der Exis­tenz­si­che­rung des Berech­tig­ten die­ne und eine auf eige­nen Bei­trä­gen beru­hen­de lohn­be­zo­ge­ne Ver­si­che­rungs­leis­tung sei 23. In Reak­ti­on auf die­se Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist mit Wir­kung ab 1.1.1988 in § 120 Abs 3 AFG idF des Geset­zes vom 14.12.1987 24 eine Här­te­klau­sel ange­fügt wor­den, wonach sich – in Anleh­nung an die für Sperr­zei­ten getrof­fe­ne Här­te­re­ge­lung in § 119 Abs 2 AFG – die Säum­nis­zeit von regel­mä­ßig zwei Wochen auf eine Woche ver­kürzt. Die­se Rege­lung ist inso­weit unver­än­dert in § 145 Abs 3 SGB III idF des Arbeits­för­de­rungs-Reform­ge­set­zes vom 24.3.1997 25 mit Wir­kung vom 1.1.1998 über­nom­men und durch das Gesetz vom 23.12.2003 mit Wir­kung vom 1.1.2005 auf­ge­ho­ben wor­den.

Die nun­mehr in § 144 Abs 6 SGB III vor­ge­nom­me­ne pau­scha­le Rege­lung ("die Dau­er einer Sperr­zeit bei Mel­de­ver­säum­nis … beträgt eine Woche") ist iS der vor­ste­hend zitier­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ver­hält­nis­mä­ßig 26. Denn die Dau­er der Sperr­zeit von einer Woche beträgt im Ver­gleich zu der frü­he­ren Rege­lung in § 120 AFG bzw § 145 SGB III nur noch die Hälf­te der Zeit und bringt mit­hin eine gerin­ge­re Belas­tung des Arbeits­lo­sen mit sich. Dies zeigt, dass der Gesetz­ge­ber die Ver­pflich­tung zur Wahl des gerings­ten Mit­tels nicht aus den Augen ver­lo­ren hat 27. Die von § 144 Abs 5 SGB III vor­ge­se­he­ne Sank­ti­ons­fol­ge einer ein­wö­chi­gen Sperr­zeit ist auch in die­ser pau­scha­lier­ten Form ange­mes­sen. Denn die Sperr­zeit­fest­stel­lung ist nicht Aus­druck indi­vi­du­el­ler Scha­dens­fest­stel­lung, son­dern Fol­ge ver­si­che­rungs­wid­ri­gen Ver­hal­tens 28. Schließ­lich ist die pau­scha­lier­te Sperr­zeit auch ver­hält­nis­mä­ßig im enge­ren Sin­ne (= zumut­bar). Sie ermög­licht einer­seits der Beklag­ten, im Rah­men einer Mas­sen­ver­wal­tung auf ver­si­che­rungs­wid­ri­ges Ver­hal­ten ohne über­mä­ßi­gen Ver­wal­tungs­auf­wand zu reagie­ren; ande­rer­seits setzt die Ver­let­zung der Oblie­gen­heit des § 309 Abs 3 Satz 1 SGB III auf Sei­ten des Ver­si­cher­ten ein Ver­schul­den nach einem sub­jek­ti­ven Fahr­läs­sig­keits­maß­stab vor­aus und schafft damit ein Kor­rek­tiv 29. Eine unver­schul­de­te Unkennt­nis von der Oblie­gen­heit führt damit nicht zum Ein­tritt einer Sperr­zeit, die schuld­haf­te Unkennt­nis führt indes – auch unter Berück­sich­ti­gung der mit der Sperr­zeit ver­bun­de­nen wei­te­ren Rechts­fol­ge der Anspruchs­min­de­rung nach § 128 Abs 1 Nr 3 SGB III – nicht zu einer Exis­tenz­ge­fähr­dung, ist aber geeig­net, den Ver­si­cher­ten zu einem der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft gegen­über ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ten Ver­hal­ten anzu­hal­ten. Es kommt des­halb auch nicht dar­auf an, ob der Zweck der Beleh­rung durch ein Bera­tungs­ge­spräch vor Ablauf des Ter­mins hät­te erreicht wer­den kön­nen. Denn die inso­weit erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen wären in der Regel mit einem erheb­li­chen Ver­wal­tungs- bzw Ermitt­lungs­auf­wand ver­bun­den und stün­den im Wider­spruch zu der kla­ren ver­wal­tungs­prak­ti­ka­blen Rege­lung des § 309 Abs 3 Satz 2 SGB III.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 25. August 2011 – B 11 AL 30/​10 R

  1. SG Düs­sel­dorf, Urteil vom 27.8.2009 – S 32 AL 180/​07[]
  2. LSG Nord­rhein-West­fa­len – L 12 AL 47/​09[]
  3. vgl nur BSGE 97, 73 = SozR 4 – 4300 § 144 Nr 15 RdNr 15[]
  4. vgl BSGE 97, 73 = SozR 4 – 4300 § 144 Nr 15 RdNr 24 mwN[]
  5. vgl BSG SozR 4 – 4300 § 122 Nr 5 RdNr 14 mwN[]
  6. vgl dazu auch BSG, Urteil vom 17.10.2007 – B 11a/​7a AL 44/​06 R[]
  7. BGBl I 2848[]
  8. vgl dazu Düe in Niesel/​Brand, SGB III, 5. Aufl 2010, § 309 RdNr 10 ff[]
  9. vgl BSG, Urteil vom 17.10.2007 – B 11a/​7a AL 44/​06 R – RdNr 17; eben­so bereits BSG SozR 4100 § 132 Nr 1; vgl fer­ner BSG, Urteil vom 09.11.2010 – B 4 AS 27/​10 R – SozR 4 – 4200 § 31 Nr 6 RdNr 26[]
  10. vgl zuletzt BSG SozR 4 – 2700 § 8 Nr 36 RdNr 25 und BSG, Urteil vom 03.12.2009 – B 11 AL 42/​08 RBSGE 105, 94 = dem­nächst in SozR 4 – 4300 § 132 Nr 4; vgl auch BSGE 96, 257 = SozR 4 – 1300 § 63 Nr 3 RdNr 14; BSG SozR 4 – 2500 § 73 Nr 1 RdNr 16 und Nr 3 RdNr 18; BVerfGE 82, 6, 11 f; 116, 69, 83, 84; BVerfG NJW 2011, 836 unter B I 3b = RdNr 53 mwN[]
  11. vgl BSGE 77, 102, 104 = SozR 3 – 2500 § 38 Nr 1 S 3; BSG SozR 4 – 2700 § 8 Nr 4 RdNr 15[]
  12. ANBA 1973, 245[]
  13. vgl BVerfGE 117, 272 = SozR 4 – 2600 § 58 Nr 7; stRspr), kön­nen Vor­schrif­ten ein­zel­ne Per­so­nen­grup­pen begüns­ti­gen und ande­re von der Begüns­ti­gung aus­neh­men ((vgl BVerfGE 87, 1 = SozR 3 – 5761 Allg Nr 1[]
  14. vgl BVerfGE 80, 297 = SozR 5795 § 4 Nr 8; BVerfGE 87, 1 = SozR 3 – 5761 Allg Nr 1; stRspr[]
  15. aA Gei­ger, info also 2011, 22 f[]
  16. vgl BSG, Urteil vom 14.09.2010 – B 7 AL 33/​09 R – SozR 4 – 4300 § 144 Nr 21 RdNr 12 mwN; Kar­man­ski in Niesel/​Brand, SGB III, 5. Aufl 2010, § 144 RdNr 112; Wink­ler in Gagel, SGB II/​SGB III, § 144 SGB III RdNr 198, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung Juli 2009[]
  17. BSG aaO; vgl auch Bie­back, SR 2011, 21, 22 ff[]
  18. vgl ua BSG SozR 4 – 4300 § 37b Nr 2 RdNr 21, 22; Cose­riu in Eicher/​Schlegel, SGB III, § 144 RdNr 446, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung Juni 2010[]
  19. vgl nur BVerfG SozR 4100 § 104 Nr 13 S 12; SozR 3 – 4100 § 116 Nr 3 S 124; BVerfG Beschluss vom 10.02.1987 – 1 BvL 15/​83 – SozR 4100 § 120 Nr 2, RdNr 36 mwN; BSG SozR 4 – 4300 § 37b Nr 5 RdNr 19 mwN[]
  20. zu die­sen Vor­aus­set­zun­gen vgl BSG SozR 4 – 4300 § 37b Nr 5 RdNr 19 und SozR 4 – 4300 § 223 Nr 1 RdNr 13 mwN; BVerfG SozR 4 – 4300 § 434c Nr 6 RdNr 14[]
  21. vgl BVerfGE 53, 257 ff, 293 = SozR 7610 § 1587 Nr 1; BVerfGE 74, 203 = SozR 4100 § 120 Nr 2[]
  22. BVerfGE 74, 203 = SozR 4100 § 120 Nr 2 S 4[]
  23. Hin­weis auf BVerfGE 72, 9, 18 ff[]
  24. BGBl I 2602[]
  25. BGBl I 594[]
  26. vgl auch BSG SozR 4 – 4300 § 37b Nr 5 RdNr 21 f – zur Rege­lung der §§ 37b, 140 SGB III aF[]
  27. BSG, aaO; vgl auch Kar­man­ski in Niesel/​Brand, 5. Aufl 2010, § 144 RdNr 170; Lüdtke in LPK-SGB III, 2008, § 144 RdNr 52; Mar­sch­ner in Gemein­schafts­kom­men­tar zum SGB III, § 144 RdNr 144, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung März 2009; Hen­ke in Eicher/​Schlegel, SGB III, § 144 RdNr 453, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung März 2006; zwei­felnd Gei­ger, info also 2011, 22 f[]
  28. vgl BT-Drucks 15/​1515 S 87 zu Nr 76 = § 144; vgl fer­ner BSG, Urteil vom 14.09.2010 – B 7 AL 33/​09 R, SozR 4 – 4300 § 144 Nr 21 RdNr 16[]
  29. vgl BSG SozR 4 – 4300 § 37b Nr 5 RdNr 22; eben­so Cose­riu in Eicher/​Schlegel § 144 RdNr 446, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung Juni 2010[]