Über­nah­me von unan­ge­mes­se­nen hohen Mie­ten

Zum 28. März 2020 ist § 67 SGB II ein­ge­führt wor­den. Danach müs­sen die Job­cen­ter grund­sätz­lich die jeweils tat­säch­lich anfal­len­den Auf­wen­dun­gen für Unter­kunft und Hei­zung als ange­mes­sen aner­ken­nen und ent­spre­chen­de Leis­tun­gen gewäh­ren.

Über­nah­me von unan­ge­mes­se­nen hohen Mie­ten

Mit die­ser Begrün­dung hat das Sozi­al­ge­richt Ber­lin in dem hier vor­lie­gen­den Eil­ver­fah­ren das Sozi­al­ge­richt das Job­cen­ter Ber­lin Ste­glitz-Zehlen­dorf ver­pflich­tet, die eigent­lich unan­ge­mes­sen hohen Miet­kos­ten einer allein­er­zie­hen­den Mut­ter vor­läu­fig wei­ter zu über­neh­men.

Eine allein­er­zie­hen­de Mut­ter, die mit ihren bei­den min­der­jäh­ri­gen Kin­der in Ber­lin-Ste­glitz lebt und seit 2018 Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­hal­tes („Hartz IV“) bezieht, hat den Antrag gestellt. Im Juli 2019 hat­te das Job­cen­ter ihnen mit­ge­teilt, dass die Brut­to­warm­mie­te von 990 Euro für ihre 79 qm gro­ße Drei­zim­mer­woh­nung unan­ge­mes­sen hoch sei und nur noch bis ein­schließ­lich März 2020 über­nom­men wür­de. Ab April gewähr­te das Job­cen­ter ent­spre­chend sei­ner Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten nur noch die als ange­mes­sen erach­te­ten Leis­tun­gen für Unter­kunft und Hei­zung in Höhe von 794,92 Euro.

Die Antrag­stel­ler stell­ten am 12. Mai beim Sozi­al­ge­richt Ber­lin einen Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung. Sie tru­gen vor, trotz inten­si­ver Bemü­hun­gen auf dem ange­spann­ten Ber­li­ner Woh­nungs­markt kei­ne ange­mes­se­ne Woh­nung gefun­den zu haben. Sie hät­ten acht Besich­ti­gungs­ter­mi­ne wahr­ge­nom­men, aber kei­nen Zuschlag bekom­men. Nun wür­den wegen der Covid 19-Pan­de­mie gar kei­ne Woh­nungs­be­sich­ti­gun­gen mehr ange­bo­ten.

Das Job­cen­ter ent­geg­ne­te, dass die Mie­te der Antrag­stel­ler den Grenz­wert erheb­lich über­schrei­te. Inten­si­ve Bemü­hun­gen um eine neue Woh­nung, näm­lich min­des­tens zwei Woh­nungs­su­chen pro Woche, sei­en nicht glaub­haft gemacht wor­den. Die wegen der Coro­na-Epi­de­mie erlas­se­nen Rege­lun­gen sei­en auf die Antrag­stel­ler, die schon seit Jah­ren im Leis­tungs­be­zug stün­den, nicht anwend­bar.

In sei­ner Ent­schei­dungs­be­grün­dung hat das Sozi­al­ge­richt Ber­lin aus­ge­führt, dass die Antrag­stel­ler eine Not­la­ge glaub­haft gemacht hät­ten. Auf sie fin­de auch der zum 28. März 2020 ein­ge­führ­te § 67 SGB II (Zwei­tes Buch Sozi­al­ge­setz­buch – Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de) Anwen­dung. Die­se Vor­schrift gel­te für alle Bewil­li­gungs­zeit­räu­me, die – wie im vor­lie­gen­den Fal­le – zwi­schen dem 1. März und dem 30. Juni 2020 begin­nen. Danach müss­ten die Job­cen­ter grund­sätz­lich die jeweils tat­säch­lich anfal­len­den Auf­wen­dun­gen für Unter­kunft und Hei­zung als ange­mes­sen aner­ken­nen und ent­spre­chen­de Leis­tun­gen gewäh­ren. Dies gel­te nach dem kla­ren Wort­laut nur dann nicht, wenn bereits im vor­an­ge­gan­ge­nen Bewil­li­gungs­zeit­raum nur noch die ange­mes­se­nen und nicht die tat­säch­li­chen Auf­wen­dun­gen aner­kannt wor­den sei­en. So aber sei es hier nicht gewe­sen, denn die Antrag­stel­ler hät­ten bis Ende März Leis­tun­gen für die vol­len Miet­auf­wen­dun­gen erhal­ten.

Die gesetz­li­che Neu­re­ge­lung berück­sich­ti­ge damit nicht nur Erleich­te­run­gen für Neu­an­trag­stel­ler, son­dern auch die mit der Pan­de­mie ver­bun­de­nen Schwie­rig­kei­ten, der­zeit eine neue Unter­kunft zu fin­den.

Aus die­sen Grün­den hat das Sozi­al­ge­richt Ber­lin das Job­cen­ter vor­läu­fig ver­pflich­tet, ab April und bis Ende Sep­tem­ber 2020, längs­tens jedoch bis zu einer rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dung im noch nicht abge­schlos­se­nen Haupt­sa­che­ver­fah­ren, die tat­säch­lich anfal­len­den Miet­kos­ten in vol­ler Höhe wei­ter zu über­neh­men.

Sozi­al­ge­richt Ber­lin, Beschluss vom 20. Mai 2020 – S 179 As 3426/​20 ER

Übernahme von unangemessenen hohen Mieten