Unter­brin­gung in einer Pfle­ge­fa­mi­lie – und die Unter­rich­tungs­pflicht des Jugend­am­tes

Die sich aus § 37 Abs. 1 SGB VIII erge­ben­de Ver­pflich­tung des Jugend­amts, die leib­li­chen Eltern über die Unter­brin­gung des Kin­des in einer Pfle­ge­fa­mi­lie zu unter­rich­ten, hat nicht den Zweck, den Kin­des­va­ter vor der Zah­lung nicht mehr geschul­de­ten Kin­des- und Betreu­ungs­un­ter­halts an sei­ne geschie­de­ne Ehe­frau zu schüt­zen. Die beson­de­re, sich aus § 92 Abs. 3 Satz 1 SGB VIII erge­ben­de Pflicht des Jugend­amts, eine unter­halts­pflich­ti­ge Per­son über die Fol­gen für ihre Unter­halts­pflicht auf­zu­klä­ren, besteht nur im Zusam­men­hang mit der Erhe­bung eines Kos­ten­bei­trags.

Unter­brin­gung in einer Pfle­ge­fa­mi­lie – und die Unter­rich­tungs­pflicht des Jugend­am­tes

Ein Amts­haf­tungs­an­spruch (§ 839 Abs. 1 Satz 1 BGB, Art. 34 GG) ist daher nicht begrün­det, nur weil der der zustän­di­ge Mit­ar­bei­ter des Jugend­amts den Kinds­va­ter nicht zeit­nah über die Unter­brin­gung sei­ner Kin­der in einer Voll­zeit­pfle­ge­stel­le infor­miert und er des­halb zu Unrecht Ehe­gat­ten- und Kin­des­un­ter­halt gezahlt habe.

Die Bediens­te­ten des Jugend­amts des beklag­ten Land­krei­ses haben zwar eine ihnen gegen­über dem Kin­des­va­ter als Drit­ten bestehen­de Amts­pflicht ver­letzt:

Nach­dem die bei­den Kin­der auf Antrag ihrer Mut­ter ab dem 1.10.2001 bei einer Pfle­ge­fa­mi­lie unter­ge­bracht wor­den waren, bestand für das Jugend­amt des beklag­ten Land­krei­ses die Ver­pflich­tung, einer­seits dar­auf hin­zu­wir­ken, dass die Pfle­ge­per­so­nen und die leib­li­chen Eltern zum Woh­le der Kin­der zusam­men­ar­bei­ten, ande­rer­seits auch bera­tend und unter­stüt­zend tätig zu wer­den (§ 37 Abs. 1 Satz 1 bis 3 SGB VIII in der Fas­sung der Bekannt- machung vom 19.06.2001, BGBl. I, S. 1046). Die­se Auf­ga­ben des Jugend- amts sind vor dem Hin­ter­grund und der pri­mä­ren Ziel­set­zung zu sehen, die Erzie­hungs­be­din­gun­gen in der Her­kunfts­fa­mi­lie zu ver­bes­sern und die Be- zie­hung des Kin­des zu sei­nen leib­li­chen Eltern zu för­dern, um eine Rück­kehr des Kin­des in die Her­kunfts­fa­mi­lie und damit deren Refunk­tio­na­li­sie­rung zu ermög­li­chen 1. Die Rege­lung in § 37 Abs. 1 SGB VIII berück­sich­tigt damit das trotz der Unter­brin­gung der Kin­der in einer Pfle­ge­fa­mi­lie fort­be­stehen­de und nach Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG geschütz­te Eltern­recht 2 und setzt zudem das Recht der Eltern auf Ach­tung des Fami­li­en­le­bens nach Art. 8 Abs. 1 EMRK um 3. Hier­bei han­delt es sich um eine Regel­ver­pflich­tung 4, von der nur unter beson­de­ren Umstän­den abge­wi­chen wer­den kann. Sol­che sind hier nicht erkenn­bar, zumal auch nicht sor­ge­be­rech­tig­te Eltern­tei­le mit in die­se Rege­lung ein­be­zo­gen sind, weil die Pfle­ge von Bezie­hun­gen und Kon­tak­ten zu bei­den Eltern­tei­len im Vor­der­grund steht 5.

us dem Gesag­ten ergibt sich ohne Wei­te­res, dass die Ein­schal­tung und zeit­na­he Unter­rich­tung des Kin­des­va­ters bei der Anord­nung und Durch­füh­rung der Voll­zeit­pfle­ge der Kin­der auch sei­nem Inter­es­se dien­te, er mit­hin geschütz- ter Drit­ter im Sin­ne des § 839 Abs. 1 Satz 1 BGB ist 6.

Trotz Nicht­be­ach­tung die­ser dem Kin­des­va­ter gegen­über bestehen­den Amts­pflicht ver­neint der Bun­des­ge­richts­hof jedoch eine Haf­tung des beklag­ten Land­krei­ses und begrün­det dies damit, dass der gel­tend gemach­te Scha­den in Form der Zah­lung von Kin­des­un­ter­halt und nach­ehe­li­chem Betreu­ungs­un­ter­halt an die geschie­de­ne Ehe­frau nicht vom Schutz­be­reich der ver­letz­ten Nor­men und den sich dar­aus erge­ben­den Pflich­ten des Jugend­amts umfasst ist.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs bedeu­tet die Fest­stel­lung, dass der Geschä­dig­te zum Kreis der geschütz­ten Drit­ten gehört, nicht, dass er Aus- gleich aller ihm durch die ver­letz­te Amts­pflicht zuge­füg­ten Nach­tei­le ver­lan­gen kann. Es kommt viel­mehr dar­auf an, ob gera­de das im Ein­zel­fall berühr­te Inte- res­se nach dem Zweck und der recht­li­chen Bestim­mung des Amts­ge­schäfts geschützt wer­den soll. Ent­schei­dend ist dem­nach, ob der Schutz­zweck der ver- letz­ten Amts­pflicht auch den jeweils gel­tend gemach­ten Scha­den erfasst 7. Von einer der­ar­ti- gen Sach­la­ge kann im Streit­fall nicht aus­ge­gan­gen wer­den.

Die Pflicht des Jugend­amts aus § 37 Abs. 1 SGB VIII, auf eine ent- spre­chen­de Zusam­men­ar­beit hin­zu­wir­ken, zu bera­ten und zu unter­stüt­zen und damit ein­her­ge­hend die not­wen­di­gen Infor­ma­tio­nen zu ertei­len, hat nicht den Zweck, den Unter­halts­pflich­ti­gen, hier den Kin­des­va­ter, vor der Zah­lung gege- benen­falls nicht mehr geschul­de­ten Unter­halts an sei­ne Kin­der oder sei­ne ge- schie­de­ne Ehe­frau zu bewah­ren.

Die mit die­ser gesetz­li­chen Rege­lung in Ver­bin­dung mit Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG, Art. 8 Abs. 1 EMRK vor­ge­se­he­ne gemein­sa­me Gestal­tung des Hil- fepro­zes­ses dient vor allem dem Inter­es­se des Kin­des oder Jugend­li­chen, um damit den bestehen­den Bezie­hun­gen und Bin­dun­gen zur Pfle­ge­per­son und zu den leib­li­chen Eltern Rech­nung zu tra­gen, Loya­li­täts­kon­flik­ten ent­ge­gen zu wir- ken und die Res­sour­cen von Eltern und Erzie­hungs­per­so­nen nutz­bar zu ma- chen 8. Der Schutz­zweck der sich danach erge­ben- den Pflich­ten des Jugend­amts ist somit aus Sicht der Eltern allein dar­auf aus­ge- rich­tet, die­sen die Mög­lich­keit zu geben, das (fort­be­stehen­de) Eltern­recht sowie die elter­li­che Erzie­hungs­ver­ant­wor­tung aus Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG und Art. 8 EMRK in einer am Kin­des­wohl ori­en­tier­ten Wei­se wahr­zu­neh­men und dar­an mit­zu­wir­ken, dass durch eine Ver­bes­se­rung der Erzie­hungs­be­din­gun­gen die Vor­aus­set­zun­gen für eine Rück­kehr­per­spek­ti­ve geschaf­fen wer­den. Zwar mö- gen die finan­zi­el­len Ver­hält­nis­se grund­sätz­lich einen Bei­trag dazu leis­ten kön- nen, eine Rück­kehr zu för­dern. Die beschrie­be­nen Pflich­ten des Jugend­amts, die eine Ein­be­zie­hung und Infor­ma­ti­on des Kin­des­va­ters umfas­sen, haben je- doch nicht die finan­zi­el­len Aus­wir­kun­gen die­ser Maß­nah­me im Blick. Die anzu- stre­ben­de sach­ge­rech­te Zusam­men­ar­beit und die Auf­recht­erhal­tung der emo­ti- ona­len Bin­dung zwi­schen dem Kind oder Jugend­li­chen und sei­ner Her­kunfts- fami­lie wäh­rend der Zeit der Unter­brin­gung bei einer Pfle­ge­stel­le sind auf das Recht der Eltern aus­ge­rich­tet, das Kind erzie­hen und mit ihm Umgang pfle­gen zu kön­nen. Die Beach­tung zivil­recht­li­cher Unter­halts­ver­pflich­tun­gen eines El- tern­teils steht damit in kei­nem unmit­tel­ba­ren Zusam­men­hang, viel­mehr ist die Rege­lung der­ar­ti­ger Ansprü­che grund­sätz­lich Sache der Kin­des­el­tern unte­rei- nan­der. Das "Wäch­ter­amt" des Staa­tes geht nicht soweit, dass er bei fami­liä­ren Kon­flikt­si­tua­tio­nen die Betei­lig­ten gene­rell dabei zu unter­stüt­zen hat, berech­tig- te Unter­halts­for­de­run­gen durch­zu­set­zen oder unbe­rech­tig­te Unter­halts­for­de- run­gen abzu­weh­ren. Dies fin­det auch in den ein­schlä­gi­gen Bestim­mun­gen des Unter­halts­rechts sei­nen Nie­der­schlag. Danach wird das Jugend­amt nur dann Bei­stand eines Kin­des für die Gel­tend­ma­chung von Unter­halts­an­sprü­chen und damit – aus­nahms­wei­se – zu einem Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten, wenn dies von einem Eltern­teil bean­tragt wird (vgl. § 1712 Abs. 1 Nr. 2 BGB; § 53a ZPO aF = § 234 FamFG).

Dabei ergibt sich für den Bun­des­ge­richts­hof aus den maß­geb­li- chen gesetz­li­chen Rege­lun­gen für die Her­an­zie­hung von Eltern und ande­ren Ver­pflich­te­ten zu den für die Hil­fe zur Erzie­hung, hier in Form der Voll­zeit­pfle­ge nach § 33 SGB VIII, erbrach­ten Leis­tun­gen und ent­ste­hen­den Kos­ten nichts ande­res; ins­be­son­de­re kann die­sen Bestim­mun­gen nicht ent­nom­men wer­den, dass die den Eltern gegen­über oblie­gen­den Infor­ma­ti­ons- und Unter­rich­tungs- pflich­ten des Jugend­amts all­ge­mein (auch) den Zweck ver­fol­gen, einen unter- halts­pflich­ti­gen Eltern­teil vor nicht (mehr) berech­tig­ten Unter­halts­zah­lun­gen zu schüt­zen.

Die bis zum 30.09.2005 gel­ten­de Vor­schrift des § 94 Abs. 3 Satz 2 SGB VIII in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 08.12 1998 9 regel­te die Her­an­zie­hung der Eltern eines unter­halts­be­rech­tig- ten Kin­des zum Ersatz der Kos­ten unter ande­rem bei aus­wär­ti­ger Unter­brin- gung dahin, dass unter den dort genann­ten Vor­aus­set­zun­gen ein gesetz­li­cher Unter­halts­an­spruch des Kin­des oder Jugend­li­chen kraft Geset­zes, begrenzt durch die Höhe der geleis­te­ten Auf­wen­dun­gen, auf den Trä­ger der öffent­li­chen Jugend­hil­fe über­ging 10. Die­se Bestim­mung betraf damit ledig­lich den gesetz­li­chen Über­gang des Unter­halts- anspruchs des Kin­des gegen einen bar­un­ter­halts­pflich­ti­gen Eltern­teil, nicht je- doch die mate­ri­ell­recht­li­che Unter­halts­ver­pflich­tung eines oder bei­der Eltern­tei- le als sol­che. Da somit die Jugend­hil­fe­leis­tun­gen auf die Unter­halts­pflicht ge- gen­über einem Kind dem Grun­de und der Höhe nach kei­ne Aus­wir­kun­gen hat- ten, konn­te sich unter die­sem Gesichts­punkt ein Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se des Kin- des­va­ters nicht erge­ben. Soweit in § 94 Abs. 3 Satz 3 SGB VIII aF eine Mit­tei- lungs­pflicht über die Gewäh­rung von Jugend­hil­fe nor­miert war, han­del­te es sich ledig­lich um eine not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung für eine Inan­spruch­nah­me von erstat­tungs­pflich­ti­gen Per­so­nen für die Ver­gan­gen­heit 11. Die­se Rege­lung dien­te des­halb allein dem Inter­es­se des Jugend­amts- trä­gers an der Durch­set­zung der auf ihn von Geset­zes wegen über­ge­gan­ge­nen Unter­halts­an­sprü­che, jedoch nicht dem Schutz eines Eltern­teils vor mög­li­cher- wei­se nicht (mehr) gerecht­fer­tig­ten Zah­lun­gen von Kin­des­un­ter­halt.

Auch der ab dem 1.10.2005 gel­ten­den Vor­schrift des § 92 SGB VIII in der Fas­sung des Kin­der- und Jugend­hil­fe­wei­ter­ent­wick­lungs­ge­set­zes vom 08.09.2005 12 lässt sich ein der­ar­ti­ger Schutz- zweck nicht ent­neh­men. Nach Abs. 3 Satz 1 die­ser Rege­lung kann ein Bei­trag zu den Kos­ten von Leis­tun­gen und vor­läu­fi­gen Maß­nah­men nach § 91 SGB VIII unter ande­rem bei den Eltern des Kin­des von dem Zeit­punkt an erho­ben wer- den, ab wel­chem dem Pflich­ti­gen die Gewäh­rung der Jugend­hil­fe­leis­tung mit­ge- teilt und er über die Fol­gen für sei­ne Unter­halts­pflicht gegen­über dem jun­gen Men­schen auf­ge­klärt wor­den ist. Die­se Bestim­mung bezieht sich damit eben- falls allein auf den Kin­des­un­ter­halt und regelt ledig­lich, von wel­chem Zeit­punkt an ein Kos­ten­bei­trag bei dem Kos­ten­schuld­ner erho­ben wer­den darf. Des­halb han­delt es sich ledig­lich um eine mate­ri­ell­recht­li­che Vor­aus­set­zung hier­für 13.

Das Jugend­amt wird zwar zusätz­lich ver­pflich­tet, über die Fol­gen der Jugend­hil­fe­leis­tung für eine bestehen­de Unter­halts­pflicht auf­zu­klä­ren. Die­se Pflicht wur­de im Hin­blick auf die in das Gesetz ein­ge­füg­te Rege­lung des § 10 Abs. 2 SGB VIII geschaf­fen 14. Nach der bis­her gel­ten­den Vor­schrift des § 94 Abs. 3 SGB VIII hat­te die aus- wär­ti­ge Unter­brin­gung eines Kin­des kei­ne Aus­wir­kun­gen auf die Höhe sei­nes Unter­halts­an­spruchs gegen­über einem bar­un­ter­halts­pflich­ti­gen Eltern­teil. Mit den neu geschaf­fe­nen Bestim­mun­gen wird dage­gen gere­gelt, dass der Bedarf des Kin­des durch die Jugend­hil­fe ganz oder teil­wei­se gedeckt wer­den kann und dem­entspre­chend sei­ne Unter­halts­be­rech­ti­gung in Höhe der Bedarfs­de­ckung ent­fällt 15.

Der Gegen­an­sicht ist zuzu­ge­ben, dass nun­mehr – im Unter­schied zur frü­he­ren Rechts­la­ge – die Unter­rich­tung der kos­ten­bei­trags­pflich­ti­gen Per­son nicht mehr nur dem Inter­es­se des Trä­gers der öffent­li­chen Jugend­hil­fe dient, sei­nen An- spruch auf Erhe­bung des Kos­ten­bei­trags zu sichern; viel­mehr soll dar­über hin- aus auch die kos­ten­bei­trags- und unter­halts­pflich­ti­ge Per­son davor geschützt wer­den, sowohl unter­halts­recht­lich als auch öffent­lich­recht­lich in Anspruch ge- nom­men zu wer­den 16. Dar­aus folgt jedoch nicht, dass die Ver­pflich- tung zur Infor­ma­ti­on über eine Jugend­hil­fe­maß­nah­me, hier die aus­wär­ti­ge Un- ter­brin­gung, (auch) all­ge­mein dem Zweck die­nen wür­de, den unter­rich­te­ten El- tern­teil in die Lage zu ver­set­zen, die Berech­ti­gung eines gel­tend gemach­ten Unter­halts­an­spruchs zu über­prü­fen. Viel­mehr steht die beson­de­re Beleh­rungs- und Hin­weis­pflicht des § 92 Abs. 3 Satz 1 SGB VIII in untrenn­ba­rem Zusam- men­hang mit der Erhe­bung eines Kos­ten­bei­trags. Auch soweit die Bestim­mung dem Kos­ten­bei­trags­pflich­ti­gen die Mög­lich­keit zu Ver­mö­gens­dis­po­si­tio­nen er- öff­nen soll, ist dies nur in Bezug auf eine mög­li­che Kos­ten­bei­trags­pflicht zu se- hen 17. Die nach § 92 Abs. 3 Satz 1 SGB VIII vor­ge­se­he­ne Mit­tei­lung über die Jugend­hil­fe­leis­tun­gen bezieht sich damit nicht auf die Ver­pflich­tung zu einer Unter­halts­zah­lung für das Kind oder den Jugend­li­chen schlecht­hin; sie hat ins­be­son­de­re nicht den Zweck, den Un- ter­halts­pflich­ti­gen vor den finan­zi­el­len Nach­tei­len zu bewah­ren, die ihm durch das pro­zess­be­trü­ge­ri­sche Ver­hal­ten des­je­ni­gen ent­ste­hen kön­nen, der Unter- halts­an­sprü­che gel­tend macht.

Im Streit­fall kam die beson­de­re Auf­klä­rungs­pflicht des § 92 Abs. 3 Satz 1 SGB VIII hin­sicht­lich des gezahl­ten Kin­des­un­ter­halts des­halb nicht zum Tra­gen, weil es wegen der feh­len­den Leis­tungs­fä­hig­keit des Kin­des­va­ters zu kei­nem Zeit­punkt zur Fest­set­zung eines Kos­ten­bei­trags gekom­men ist. Die Ge- fahr einer dop­pel­ten Inan­spruch­nah­me stand damit ohne­hin nicht im Raum.

Da § 94 Abs. 3 SGB VIII aF und § 92 Abs. 3 SGB VIII ledig­lich Un- ter­halts­an­sprü­che von Kin­dern und Jugend­li­chen gegen­über unter­halts­pflich­ti- gen Per­so­nen zum Gegen­stand haben, wird der Scha­den, der dem Kin­des­va­ter durch den zu Unrecht an die geschie­de­ne Ehe­frau wei­ter gezahl­ten Betreu- ungs­un­ter­halt (vgl. § 1570 BGB) ent­stan­den ist, von vor­ne­her­ein nicht vom Schutz­zweck der Vor­schrif­ten erfasst.

Eine Haf­tung des beklag­ten Land­krei­ses lässt sich vor­lie­gend auch nicht aus der Ver­let­zung einer im Zusam­men­hang mit den Anga­ben des Kin­des­va- ters zu sei­nen wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen Anfang April 2004 ste­hen­den Auf- klä­rungs- oder Hin­weis­pflicht des zustän­di­gen Mit­ar­bei­ters des Jugend­amts her­lei­ten. Dies kann der Bun­des­ge­richts­hof, da inso­weit wei­te­re Fest­stel­lun­gen nicht zu er- war­ten sind, selbst ent­schei­den.

Eine der­ar­ti­ge Beleh­rungs­pflicht ergä­be sich aller­dings – ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on – nicht aus der (ent­spre­chen­den) Her­an­zie­hung ver- trags­recht­li­cher Haf­tungs­grund­sät­ze, son­dern wäre allen­falls nach Maß­ga­be der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs anzu­er­ken­nen, nach der sich auf Grund der beson­de­ren tat­säch­li­chen Lage und der bestehen­den Ver­hält­nis­se im Ein­zel­fall eine Hin­weis- und Auf­klä­rungs­pflicht erge­ben kann. Ins­be­son­de­re darf ein Beam­ter nicht "sehen­den Auges" zulas­sen, dass der bei ihm vor­sp­re- chen­de Bür­ger Scha­den erlei­det, der durch einen kur­zen Hin­weis, eine Beleh- rung mit weni­gen Wor­ten oder eine ent­spre­chen­de Auf­klä­rung hät­te ver­mie­den wer­den kön­nen 18.

Unter Zugrun­de­le­gung der nach die­ser Recht­spre­chung zu beach­ten­den Grund­sät­ze ist ein maß­geb­li­cher Gesichts­punkt für einen der­ar­ti­gen Amts­haf- tungs­an­spruch vor allem, dass der Amts­trä­ger das beson­de­re Inter­es­se des Betrof­fe­nen an der jewei­li­gen Infor­ma­ti­on und das aus der Ver­let­zung einer Hin­weis- und Auf­klä­rungs­pflicht resul­tie­ren­de Scha­dens­ri­si­ko erkennt oder je- den­falls erken­nen kann. Dar­an fehlt es im Streit­fall.

Dass den Mit­ar­bei­tern des Jugend­amts des beklag­ten Land­krei­ses die Unter­halts­zah- lun­gen des Kin­des­va­ters bekannt gewe­sen sind, ist weder durch das Beru- fungs­ge­richt fest­ge­stellt wor­den noch sonst ersicht­lich. Auch die Revi­si­on stützt sich nicht auf eine ent­spre­chen­de dem beklag­ten Land­kreis zure­chen­ba­re Kennt­nis bezüg­lich der Unter­halts­zah­lun­gen. Sie meint aller­dings, eine Auf­klä- rungs­pflicht habe sich ab Mai 2004 auf Grund des Umstands erge­ben, dass der Kin­des­va­ter auf das Schrei­ben des Beklag­ten vom 30.03.2004 sei­ne wirt- schaft­li­chen Ver­hält­nis­se in einem so genann­ten Wirt­schafts­fra­ge­bo­gen erläu- tert und dabei einen "Selbst­be­halt" in Höhe von ca. 720 € monat­lich erwähnt habe. Dar­aus habe das Jugend­amt des beklag­ten Land­krei­ses erken­nen kön- nen und müs­sen, dass der Kin­des­va­ter Unter­halt für sei­ne bei­den Kin­der leis­te; dies hät­te den sofor­ti­gen Hin­weis dar­auf erfor­der­lich gemacht, dass durch die mitt­ler­wei­le voll­zo­ge­ne Voll­zeit­pfle­ge Unter­halts­zah­lun­gen hin­fäl­lig gewor­den sei­en.

Dem kann nicht gefolgt wer­den. Allein aus der vom Kin­des­va­ter gewähl- ten For­mu­lie­rung in dem von ihm aus­ge­füll­ten For­mu­lar, es lie­ge eine Gehalts- pfän­dung bis auf den "Selbst­er­halt" von ca. 720 € vor, konn­te nicht ohne wei­te- res auf eine Zah­lung von Unter­halt an sei­ne bei­den in einer Voll­zeit­pfle­ge­stel­le unter­ge­brach­ten Kin­der geschlos­sen wer­den. Unab­hän­gig von der Ver­wen­dung des – vom Kin­des­va­ter ersicht­lich so gemein­ten – Begriffs "Selbst­be­halt" erga- ben sich inso­weit Unklar­hei­ten im Hin­blick dar­auf, dass er ein wei­te­res unter- halts­be­rech­tig­tes Kind in sei­ner Erklä­rung über sei­ne wirt­schaft­li­chen Ver­hält- nis­se ange­ge­ben hat­te. Auch spricht gegen das von der Revi­si­on zugrun­de ge- leg­te Ver­ständ­nis der Anga­ben des Kin­des­va­ters, dass in dem Wirt­schafts­fra- gebo­gen aus­drück­lich die Fra­ge nach Unter­halts­zah­lun­gen gestellt wur­de, die betrags­mä­ßig auf­zu­schlüs­seln waren, er hier­zu jedoch kei­ne Anga­ben gemacht hat. Schließ­lich erga­ben sich wei­te­re Zwei­fel schon des­halb, weil die Kin­des- mut­ter in ihrem Antrag auf Gewäh­rung von Jugend­hil­fe­leis­tun­gen die Unter- halts­zah­lun­gen durch den Kin­des­va­ter ver­schwie­gen hat­te, obwohl gera­de sie als Emp­fän­ge­rin der Unter­halts­leis­tun­gen dazu ver­pflich­tet gewe­sen wäre. Der Beklag­te ist im Übri­gen nach den unkla­ren Anga­ben des Kin­des­va­ters auch nicht gänz­lich untä­tig geblie­ben, son­dern hat ihn mit Schrei­ben vom 13.04.2004 um Ergän­zung sei­ner Anga­ben zu der mit­ge­teil­ten Pfän­dung auf­ge­for­dert. Eine Ant­wort ist jedoch aus­ge­blie­ben. Bei die­ser Sach­la­ge war für den zustän- digen Mit­ar­bei­ter des Jugend­amts nicht aus­rei­chend erkenn­bar, dass der Kin- des­va­ter ohne Rechts­grund wei­ter­hin Unter­halt für sei­ne Kin­der und sei­ne geschie­de­ne Ehe­frau zahlt. Noch­ma­li­ge Nach­fra­gen und Nach­for­schun­gen waren unter den gege­be­nen Umstän­den nicht erfor­der­lich, zumal ein Kos­ten­bei­trag im Hin­blick auf die ange­ge­be­nen wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se des Kin­des­va­ters ohne­hin nicht fest­ge­setzt wor­den ist.

Danach ergibt sich auch nicht hin­sicht­lich der durch den Kin­des­va­ter nach der Unter­brin­gung der Kin­der in einer Pfle­ge­fa­mi­lie noch geleis- teten Unter­halts­zah­lun­gen ein Scha­dens­er­satz­an­spruch gegen den beklag­ten Land­kreis.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 3. Juli 2014 – III ZR 502/​13

  1. vgl. Münch­Komm-BGB/­Till­manns, 6. Aufl., SGB VIII § 37 Rn. 1, 2; Schmid- Ober­kirch­ner in Wies­ner, SGB VIII, 4. Aufl., § 37 Rn. 2, 14 f; v. Kop­pen­fels- Spies in juris­PK-SGB VIII, 1. Aufl., § 37 Rn. 14 f; Mün­der u.a., FK-SGB VIII, – 7 – 5. Aufl., § 37 Rn. 13; Stähr in Hauck/​Haines, SGB VIII, Stand Juni 2012, § 37 Rn. 6, 9; Coes­ter, Fam­RZ 1991, 253, 259[]
  2. vgl. Schmid-Obkirch­ner aaO und Rn. 8[]
  3. vgl. EGMR, NJW 2005, 3401, 3403 Rn. 82[]
  4. vgl. Münch­Komm-BGB/­Till­manns aaO Rn. 2[]
  5. vgl. v. Kop­pen­fels-Spies aaO Rn. 11, 13; Mün­der u.a. aaO Rn. 3, 5; Stähr aaO Rn. 5; DIJuF-Rechts­gut­ach­ten, JAmt 2003, 239[]
  6. s. all­ge­mein dazu nur BGH, Urtei­le vom 06.06.2013 – III ZR 196/​12, NJW 2013, 3370, 3371 Rn. 14 mwN; und vom 08.11.2012 – III ZR 151/​12, BGHZ 195, 276, 283 Rn. 15 mwN[]
  7. vgl. nur BGH, Urtei­le vom 06.06.2013 – III ZR 196/​12, NJW 2013, 3370, 3371 Rn. 14 mwN; vom 08.11.2012 – III ZR 151/​12, BGHZ 195, 276, 283 Rn. 15 mwN; vom 13.10.2011 – III ZR 231/​10, BGHZ 191, 187, 193 Rn. 13; vom 22.01.2009 – III ZR 197/​08, NJW 2009, 1207, 1208 Rn. 11; und vom 10.03.1994 – III ZR 9/​93, BGHZ 125, 258, 269[]
  8. vgl. Schmid-Obkirch­ner § 37 Rn. 8; Münch­Komm-BGB/­Till­manns aaO § 37 Rn. 2; Mün­der u.a. aaO § 37 Rn. 4, 14 f[]
  9. BGBl. I S. 3546[]
  10. vgl. dazu auch Mün­der u.a., aaO, § 94 Rn. 7 f[]
  11. vgl. Mün­der u.a. aaO Rn. 10[]
  12. BGBl. I, S. 2729[]
  13. vgl. Kro­me in juris­PK-SGB VIII, 2014, § 92 Rn. 35[]
  14. vgl. Kro­me aaO, Rn.20; Stähr, aaO, § 92 Rn. 22[]
  15. vgl. BT-Drs. 15/​3676, S. 31, 41; Mün­der u.a., aaO, § 92, Rn. 22[]
  16. vgl. BT-Drs. 15/​3676, S. 41; vgl. Dege­ner in Jans/​Happe/​Saurbier/​Maas, aaO, § 92 Rn. 8; Stähr, aaO; Mün­der u.a., aaO, Rn.20, 23; Wies­ner, aaO, § 92 Rn. 13[]
  17. vgl. BVerw­GE 144, 313, 316 f Rn. 12, 13[]
  18. vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 05.04.1965 – III ZR 11/​64, NJW 1965, 1226, 1227; vom 24.06.1982 – III ZR 19/​81, BGHZ 84, 285, 291; vom 05.05.1994 – III ZR 78/​93, NJW 1994, 2415, 2417 vom 07.12 1995 – III ZR 141/​94, NVwZ 1996, 512, 514; vom 20.07.2000 – III ZR 64/​99, VersR 2001, 1108, 1110, zusam­men­fas­send BGH, Urteil vom 02.10.2003 – III ZR 420/​02, VersR 2005, 1730, 1731, jeweils mwN; Staudinger/​Wöstmann, Neubearb.2013, § 839 Rn. 157 ff[]