Unter­halt­pflich­ten und die vor August 2006 gezahl­ten Sozi­al­leis­tun­gen

Hat der Leis­tungs­trä­ger dem Unter­halts­pflich­ti­gen vor dem 1. August 2006 (Inkraft­tre­ten des SGB II i. d. F. vom 20. Juli 2006) die Gewäh­rung von Leis­tun­gen mit­ge­teilt, so kann die­se Mit­tei­lung nicht als die nach § 33 Abs. 3 Satz 1 SGB II i. d. F. vom 20. Juli 2006 erfor­der­li­che Rechts­wah­rungs­an­zei­ge ange­se­hen wer­den und eröff­net des­halb nach der genann­ten Bestim­mung nicht die Mög­lich­keit der Inan­spruch­nah­me des Unter­halts­pflich­ti­gen für die Ver­gan­gen­heit.

Unter­halt­pflich­ten und die vor August 2006 gezahl­ten Sozi­al­leis­tun­gen

Nach § 91 Abs. 1 des bis zum 31.12. 2004 gel­ten­den Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­setz gin­gen Unter­halts­an­sprü­che kraft Geset­zes auf den Sozi­al­hil­fe­trä­ger über. Das am 1.01.2005 in Kraft getre­te­ne Sozi­al­ge­setz­buch II sah dem­ge­gen­über bis zum 31. Juli 2006 in § 33 die Über­lei­tung von Unter­halts­an­sprü­chen durch Ver­wal­tungs­akt (Über­lei­tungs­an­zei­ge) vor. Durch das Gesetz zur Fort­ent­wick­lung der Grund­si­che­rung für Arbeits­su­chen­de vom 20. Juli 2006 1 ist der Anspruchs­über­gang mit Wir­kung ab 1.08.2006 neu gere­gelt und in § 33 Abs. 1 SGB II die Legal­zes­si­on ein­ge­führt wor­den.

Nach § 33 Abs. 3 Satz 1 SGB II in der Fas­sung vom 20.07.2006 kön­nen die Trä­ger der Leis­tun­gen für die Ver­gan­gen­heit außer unter den Vor­aus­set­zun­gen des bür­ger­li­chen Rechts nur von der Zeit an den Anspruch gel­tend machen, zu wel­cher sie dem Ver­pflich­te­ten die Erbrin­gung der Leis­tung schrift­lich mit­ge­teilt haben. Die bis zum 31.07.2006 gel­ten­de Ursprungs­fas­sung besag­te dem­ge­gen­über in § 33 Abs. 2 Satz 2, dass die Trä­ger der Leis­tun­gen den Über­gang eines Unter­halts­an­spruchs für die Ver­gan­gen­heit nur unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 1613 BGB bewir­ken kön­nen.

Rechts­la­ge bis zum 31. Juli 2006

Die zuletzt genann­ten Erfor­der­nis­se haben vor dem 1. August 2006 nicht vor­ge­le­gen. Ein Unter­halts­an­spruch, der nach der frü­he­ren Rechts­la­ge nicht kraft Geset­zes auf die Leis­tungs­trä­ger über­ging, konn­te – auch für ver­gan­ge­ne Zeit­räu­me – bis zur Höhe der erbrach­ten Leis­tun­gen über­ge­lei­tet wer­den. Unter­halt für die Ver­gan­gen­heit konn­te aber, wenn nicht aus­nahms­wei­se die Vor­aus­set­zun­gen des § 1613 Abs. 2 BGB vor­la­gen, nach § 1613 Abs. 1 BGB nur von dem Zeit­punkt an gefor­dert wer­den, zu wel­chem der Ver­pflich­te­te zum Zweck der Gel­tend­ma­chung des Unter­halts­an­spruchs auf­ge­for­dert wor­den war, über sein Ein­kom­men und sein Ver­mö­gen Aus­kunft zu ertei­len, zu wel­chem der Ver­pflich­te­te in Ver­zug gekom­men oder der Unter­halts­an­spruch rechts­hän­gig gewor­den war. Vor Über­lei­tung des Unter­halts­an­spruchs war des­sen Gel­tend­ma­chung durch die Leis­tungs­trä­ger aller­dings nicht mög­lich, weil sie noch nicht Gläu­bi­ger waren. Sowohl die Mah­nung als auch die Auf­for­de­rung zur Aus­kunfts­er­tei­lung kön­nen ledig­lich vom Berech­tig­ten aus­ge­spro­chen wer­den. Nur wenn der Unter­halts­gläu­bi­ger die­se Maß­nah­men – gege­ben­falls auf Auf­for­de­rung der Leis­tungs­trä­ger – ver­an­lasst hat­te, konn­ten Letz­te­re den Unter­halts­an­spruch für die Ver­gan­gen­heit auf sich über­lei­ten 2.

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te die Ehe­frau des Beklag­ten kei­ne Maß­nah­men im Sin­ne des § 1613 Abs. 1 BGB ergrif­fen. Da auch die Vor­aus­set­zun­gen des § 1613 Abs. 2 BGB nicht fest­ge­stellt sind, ersicht­lich aber auch nicht vor­ge­le­gen haben, schei­det jeden­falls bis zum Inkraft­tre­ten des § 33 SGB II in der Fas­sung des Fort­ent­wick­lungs­ge­set­zes am 1.08.2006 eine Inan­spruch­nah­me des Beklag­ten aus. Die Leis­tungs­trä­ger haben den Über­gang des Anspruchs nicht unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 1613 BGB bewirkt.

Rechts­la­ge ab dem 1. August 2006

Mit Wir­kung ab 1.08.2006 ist auch § 33 Abs. 1 SGB II neu gefasst und die Anspruchs­über­lei­tung durch eine ces­sio legis ersetzt wor­den. Eine Über­gangs­re­ge­lung ent­hält das Gesetz nicht. Nach wohl herr­schen­der Mei­nung erfasst § 33 Abs. 1 Satz 1 SGB II nicht nur Unter­halts­an­sprü­che, die nach dem Inkraft­tre­ten der Norm ent­stan­den sind, son­dern rück­wir­kend auch sol­che aus der Zeit zuvor 3.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat zu der ent­spre­chen­den Pro­ble­ma­tik bereits bei der Erset­zung der Über­lei­tungs­mög­lich­keit durch einen gesetz­li­chen For­de­rungs­über­gang im dama­li­gen Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­setz durch das Gesetz zur Umset­zung des föde­ra­len Kon­so­li­die­rungs­pro­gramms vom 23. Juni 1993 4 ent­schie­den, dass die Neu­fas­sung auch für Unter­halts­an­sprü­che aus der Zeit vor dem Inkraft­tre­ten die­ses Geset­zes Gel­tung bean­spru­che, wenn die Vor­aus­set­zun­gen für eine Gel­tend­ma­chung der Ansprü­che für die Ver­gan­gen­heit – sei es durch Ver­zug gemäß § 1613 BGB oder durch Rechts­wah­rungs­an­zei­ge – zwar gege­ben waren, aber noch kei­ne Über­lei­tung auf den Sozi­al­hil­fe­trä­ger erfolgt war. Da das Gesetz kei­ne Über­gangs­vor­schrift für vor dem Inkraft­tre­ten ent­stan­de­ne Unter­halts­an­sprü­che ent­hal­te, gel­te die Neu­fas­sung nach all­ge­mei­nen Rück­wir­kungs­re­geln auch für die­se Ansprü­che. Ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken gegen eine sol­che Rück­wir­kung bestün­den nicht, weil es sich nicht um einen ändern­den Ein­griff in bereits abge­schlos­se­ne Sach­ver­hal­te han­de­le, auf deren Bestand der Betrof­fe­ne habe ver­trau­en dür­fen, son­dern um noch nicht abge­wi­ckel­te Rechts­be­zie­hun­gen zwi­schen den Betei­lig­ten. Eine Benach­tei­li­gung des Unter­halts­schuld­ners sei nicht ersicht­lich, da er auch nach der alten Rege­lung damit habe rech­nen müs­sen, dass der Sozi­al­hil­fe­trä­ger den Unter­halts­an­spruch rück­wir­kend durch Ver­wal­tungs­akt auf sich über­lei­ten wür­de. Die Neu­re­ge­lung habe nur inso­weit eine Ände­rung gebracht, als die­ses Ergeb­nis jetzt nicht mehr durch Über­lei­tungs­akt, son­dern durch Legal­zes­si­on her­bei­ge­führt wer­de. Auch die Rechts­stel­lung des Unter­halts­be­dürf­ti­gen blei­be unver­än­dert, da sein Unter­halts­an­spruch nur in der­sel­ben Höhe und für den­sel­ben Zeit­raum über­ge­he, wie ihm Sozi­al­hil­fe gewährt wer­de 5.

Kei­ne Rück­be­zie­hung

Anders als bei der Erset­zung der Über­lei­tungs­mög­lich­keit durch die ces­sio legis, bei der bereits eine Rechts­grund­la­ge für einen Anspruchs­über­gang bestand, gab es vor dem Inkraft­tre­ten des § 33 SGB II in der Fas­sung des Fort­ent­wick­lungs­ge­set­zes in die­sem Bereich – im Gegen­satz zu § 91 Abs. 2 BSHG in der Fas­sung vom 27.07.1992 – indes­sen kei­ne Rechts­grund­la­ge für die seit­dem ein­ge­führ­te Rechts­wah­rungs­an­zei­ge. Die Rechts­fol­gen der Neu­re­ge­lung las­sen sich des­halb inso­weit nicht auf die Zeit vor dem 1.08.2006 zurück­be­zie­hen mit der Kon­se­quenz, dass das Schrei­ben vom 26.06.2006 nicht nach­träg­lich als Rechts­wah­rungs­an­zei­ge im Sin­ne des § 33 Abs. 3 Satz 1 SGB II ange­se­hen wer­den kann.

BGH, Urteil vom 23. Febru­ar 2011 – XII ZR 59/​09

  1. BGBl I S. 1706[]
  2. so auch Scholz in Scholz/​Stein Pra­xis­hand­buch Fami­li­en­recht [Stand: Sep­tem­ber 2005] Teil L Rn. 206; Klink­ham­mer Fam­RZ 2004, 1909, 1916[]
  3. OLG Bran­den­burg Fam­RZ 2007, 2014, 2015; OLG Jena Fam­RZ 2009, 67, 70; Klink­ham­mer Fam­RZ 2006, 1171, 1173; Scholz Fam­RZ 2006, 1417, 1424; Gro­teS­ei­fert in juris­PK-SGB II 2. Aufl. § 33 Rn. 88; aA OLG Naum­burg OLGR 2007, 485, 486[]
  4. BGBl. I S. 944, 952[]
  5. BGH, Beschluss vom 15.03.1995 – XII ZR 269/​94, Fam­RZ 1995, 871, 872[]