Unter­halts­ver­zicht und Sozi­al­hil­fe

Der in einem Ehe­ver­trag ver­ein­bar­te Güter­stand der Güter­tren­nung wie auch ein zwi­schen Ehe­leu­ten wech­sel­sei­tig ver­ein­bar­ter Unter­halts­ver­zicht für Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft ein­schließ­lich des Falls der Not schlie­ßen die Anrech­nung bedarfs­über­stei­gen­den Ein­kom­mens des einen Ehe­gat­ten auf den sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Bedarf des ande­ren Ehe­gat­ten nicht aus.

Unter­halts­ver­zicht und Sozi­al­hil­fe

Dies ent­schied jetzt das Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he in einem Fall, in dem der Klä­ger zu dem grund­sätz­lich anspruchs­be­rech­tig­ten Per­so­nen­kreis gehör­te, dem gemäß § 41 Abs. 1 SGB XII Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung im Alter und bei Erwerbs­min­de­rung zu gewäh­ren sind. Die Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung im Alter und bei Erwerbs­min­de­rung umfas­sen nach § 42 Satz 1 SGB XII den für den Leis­tungs­be­rech­tig­ten maß­ge­ben­den Regel­satz nach § 28 SGB XII (Nr. 1), die Auf­wen­dun­gen für Unter­kunft und Hei­zung ent­spre­chend § 29 SGB XII (Nr. 2), Mehr­be­dar­fe und ein­ma­li­ge Bedar­fe ent­spre­chend § 30 und 31 SGB XII (Nr. 3), die Über­nah­me von Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge ent­spre­chend § 32 SGB XII sowie von Vor­sor­ge­bei­trä­gen ent­spre­chend § 33 SGB XII (Nr. 4) sowie Hil­fe zum Lebens­un­ter­halt in Son­der­fäl­len nach § 34 SGB XII (Nr. 5).

Die Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung im Alter und bei Erwerbs­min­de­rung ste­hen jedoch, wie alle sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Leis­tun­gen, unter dem all­ge­mei­nen sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Nach­rang­vor­be­halt. Die­ser besagt, dass Sozi­al­hil­fe­leis­tun­gen nur den Per­so­nen zu gewäh­ren sind, die ihren not­wen­di­gen Lebens­un­ter­halt nicht aus Ein­kom­men und Ver­mö­gen beschaf­fen kön­nen (§ 41 Abs. 1 Satz 1, § 2 Abs. 1 SGB XII). Ergän­zend bestimmt hier­zu § 19 Abs. 2 Satz 1 SGB XII, dass Grund­si­che­rung im Alter und bei Erwerbs­min­de­rung nach den beson­de­ren Vor­aus­set­zun­gen des Vier­ten Kapi­tels die­ses Buches Per­so­nen zu leis­ten ist, die u.a. die Alters­gren­ze nach § 41 Abs. 2 erreicht haben, sofern sie ihren not­wen­di­gen Lebens­un­ter­halt nicht oder nicht aus­rei­chend aus eige­nen Kräf­ten und Mit­teln, ins­be­son­de­re aus ihrem Ein­kom­men und Ver­mö­gen, beschaf­fen kön­nen. Nach § 19 Abs. 2 Satz 2 SGB XII sind Ein­kom­men und Ver­mö­gen des nicht getrennt leben­den Ehe­gat­ten oder Lebens­part­ners, die des­sen not­wen­di­gen Lebens­un­ter­halt über­stei­gen, zu berück­sich­ti­gen. Hin­sicht­lich der Ein­kom­mens­an­rech­nung ent­hal­ten die Rege­lun­gen des Elf­ten Kapi­tels SGB XII (§§ 82 ff SGB XII) nähe­re Bestim­mun­gen.

Soweit der Klä­ger auf die zwi­schen ihm und sei­ner Ehe­frau im Rah­men des Ehe­ver­tra­ges getrof­fe­ne Güter­stands­ver­ein­ba­rung (Güter­tren­nung) ver­weist, hat die­se kei­ne Aus­wir­kun­gen auf die Ver­pflich­tung der Ehe­leu­te zum gegen­sei­ti­gen Unter­halt (§ 1360 BGB) wäh­rend der Dau­er der Ehe. Über­dies stellt die Anrech­nungs­re­ge­lung in § 19 Abs. 2 Satz 2 SGB XII allein auf das (vor­han­de­ne) Ein­kom­men und Ver­mö­gen des nicht getrennt leben­den Ehe­gat­ten oder Lebens­part­ners ab, nicht aber auf den – gesetz­li­chen oder ver­trag­lich ver­ein­bar­ten – Güter­stand, in dem die Ehe­leu­te leben.

Der von dem Klä­ger und sei­ner Ehe­frau erklär­te wech­sel­sei­ti­ge Unter­halts­ver­zicht auch wäh­rend der bestehen­den Ehe führt eben­falls zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis. Denn die­se Unter­halts­ver­ein­ba­rung ist wegen Ver­sto­ßes gegen die guten Sit­ten nich­tig (§ 138 BGB), weil damit die auf der Ehe beru­hen­den Fami­li­en­las­ten zum Nach­teil des Sozi­al­hil­fe­trä­gers gere­gelt wer­den1. Einen Ver­trag zu Las­ten Drit­ter kennt die deut­sche Rechts­ord­nung indes nicht.

Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he, Gerichts­be­scheid vom 11. Febru­ar 2011 – S 1 SO 5181/​10

  1. vgl. hier­zu BGH, Fam­RZ 1985, 788; Fam­RZ 2007, 197 und Fam­RZ 2009, 198