Unter­halts­vor­schuss und die voll­stän­di­ge Fami­lie

Nach § 1 Abs. 1 UVG hat Anspruch auf Unter­halts­vor­schuss oder ‑aus­fall­leis­tung (Unter­halts­leis­tung), wer das zwölf­te Lebens­jahr noch nicht voll­endet hat (Nr. 1), im Gel­tungs­be­reich des Geset­zes bei einem sei­ner Eltern­tei­le lebt, der ledig, ver­wit­wet oder geschie­den ist oder von sei­nem Ehe­gat­ten oder Lebens­part­ner dau­ernd getrennt lebt (Nr. 2), und nicht oder nicht regel­mä­ßig Unter­halt von dem ande­ren Eltern­teil oder, wenn die­ser oder ein Stief­eltern­teil gestor­ben ist, Wai­sen­be­zü­ge min­des­tens in der in § 2 Abs. 1 und 2 UVG bezeich­ne­ten Höhe erhält (Nr. 3).

Unter­halts­vor­schuss und die voll­stän­di­ge Fami­lie

Der Anspruch auf Unter­halts­vor­schuss­leis­tun­gen ist aber gemäß § 1 Abs. 3 1. Alt. UVG aus­ge­schlos­sen, wenn der in § 1 Abs. 1 Nr. 2 UVG bezeich­ne­te Eltern­teil, bei dem das Kind lebt, mit dem ande­ren Eltern­teil zusam­men­lebt. Die an ein Zusam­men­le­ben im Sin­ne die­ser Vor­schrift zu stel­len­den Anfor­de­run­gen sind nach dem Sinn und Zweck der Rege­lung zu bestim­men. Danach ist, wie jetzt das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Lüne­burg beton­te, zu berück­sich­ti­gen, dass die Unter­halts­leis­tung nach dem UVG pri­mär nicht den Aus­fall von Unter­halts­leis­tun­gen des nicht mit dem Kind zusam­men­le­ben­den, zum Bar­un­ter­halt ver­pflich­te­ten Eltern­teils kom­pen­sie­ren soll. Viel­mehr wird eine Begüns­ti­gung nur der Kin­der erstrebt, deren allein­er­zie­hen­de Eltern All­tag und Erzie­hung auf sich gestellt bewäl­ti­gen müs­sen [1]. Fäl­le, in denen "fak­tisch eine voll­stän­di­ge Fami­lie vor­han­den ist" [2],
sol­len hin­ge­gen von den Leis­tun­gen des UVG aus­ge­schlos­sen sein. Der Gesetz­ge­ber ist mit­hin von einer beson­de­ren, über die Unter­halts­leis­tung hin­aus­ge­hen­den Belas­tung allein­er­zie­hen­der Eltern­tei­le klei­ner Kin­der aus­ge­gan­gen, die sich bei Aus­blei­ben des Bar­un­ter­halts ver­schärft und deren Mil­de­rung Sinn und Zweck des Geset­zes ist [3].

Nach die­sem Geset­zes­zweck ist von einem Zusam­men­le­ben der Eltern­tei­le im Sin­ne des § 1 Abs. 3 1. Alt. UVG daher dann aus­zu­ge­hen, wenn – unter Berück­sich­ti­gung der ver­schie­de­nen For­men fami­liä­ren Zusam­men­le­bens – eine fak­tisch voll­stän­di­ge Fami­lie besteht. Das ist zumin­dest dann der Fall, wenn eine häus­li­che Gemein­schaft bei­der Eltern­tei­le und derer Kin­der besteht [4]. Haben die Eltern eines Kin­des hin­ge­gen allen­falls in der Wei­se Kon­takt, die der Situa­ti­on eines allein­er­zie­hen­den Eltern­teils ent­spricht, fehlt es an einem Zusam­men­le­ben im Sin­ne des § 1 Abs. 3 1. Alt. UVG.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 8. Sep­tem­ber 2009 – 4 PA 51/​09

  1. vgl. BVerwG, Urteil vom 02.06.2005 – 5 C 24/​04 -, NJW 2005, 2938, 2939; BVerwG, Urteil vom 07.12.2000 – 5 C 42/​99 -, BVerw­GE 112, 259, 260[]
  2. Beschluss­emp­feh­lung und Bericht des Aus­schus­ses für Jugend, Fami­lie und Gesund­heit zum Ent­wurf eines Geset­zes zur Siche­rung des Unter­halts von Kin­dern allein­ste­hen­der Müt­ter und Väter durch Unter­halts­vor­schüs­se oder ‑aus­falleis­tun­gen (Unter­halts­vor­schuss­ge­setz), BT-Drs. 8/​2774, S. 12[]
  3. vgl. Ber­lit, juris­PR-BVerwG 20/​2005 Anm. 4[]
  4. vgl. Nds. OVG, Beschluss vom 24.01.1985 – 4 B 261/​83 -, FEVS 36, 71, 72; Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Fami­lie, Senio­ren, Frau­en und Jugend, Richt­li­ni­en zur Durch­füh­rung des Unter­halts­vor­schuss­ge­set­zes, Stand: 1.1.2007, Tz. 1.9.1[]