Ver­jäh­rung der Ansprü­che auf Erstat­tung von Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen

Ansprü­che auf Erstat­tung von Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen sind Sozi­al­leis­tun­gen im Sin­ne des § 11 SGB I. Damit rich­tet sich die Ver­jäh­rung nach § 45 SGB I, der Erstat­tungs­an­spruch ver­jährt vier Jah­re nach Ablauf des Kalen­der­jah­res, in dem die Ansprü­che ent­stan­den sind.

Ver­jäh­rung der Ansprü­che auf Erstat­tung von Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen

Im hier vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt ent­schie­de­nen Fall war der Anspruch einer Werk­statt für behin­der­te Men­schen auf Erstat­tung von Bei­trä­gen zur Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung im Streit. Die­ser Anspruch beruht auf § 251 Abs 2 S 2 SGB V (bzw für die Pfle­ge­ver­si­che­rung auf § 59 Abs 1 S 1 SGB XI iVm der genann­ten Vor­schrift des SGB V). Danach sind für die nach § 5 Abs 1 Nr 7 SGB V ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen behin­der­ten Men­schen, die ua in aner­kann­ten WfbM tätig sind, Bei­trä­ge zur Kran­ken­ver­si­che­rung, die der Trä­ger der Ein­rich­tung zu tra­gen hat, von den für die behin­der­ten Men­schen zustän­di­gen Leis­tungs­trä­gern zu erstat­ten.

Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt ließ es vor­lie­gend offen, ob der Ansicht, dass bei Anwen­dung der §§ 195 und 199 BGB Ver­jäh­rung nicht ein­ge­tre­ten sei, zu fol­gen ist. Dies ist zwei­fel­haft, weil nach § 199 Abs 1 BGB die Ver­jäh­rung bereits mit dem Schluss des Jah­res beginnt, in dem der Anspruch ent­stan­den ist und der Gläu­bi­ger von den den Anspruch begrün­den­den Umstän­den und der Per­son des Schuld­ners Kennt­nis erlangt oder ohne gro­be Fahr­läs­sig­keit erlan­gen müss­te. Da es bei § 199 Abs 1 BGB auf die Kennt­nis von Tat­sa­chen, nicht aber auf Rechts­kennt­nis­se ankommt 1, ist frag­lich, ob sich der Erstat­tungs­be­rech­tig­te mit Erfolg dar­auf beru­fen kann, er habe erst im Jahr 2004 von dem ihm zuste­hen­den Anspruch für das Kalen­der­jahr 1999 erfah­ren.

Der Anspruch ist jedoch in Anwen­dung des § 45 Abs 1 SGB I ver­jährt. Nach die­ser Vor­schrift ver­jäh­ren Ansprü­che auf Sozi­al­leis­tun­gen in vier Jah­ren nach Ablauf des Kalen­der­jahrs, in dem sie ent­stan­den sind. Bei dem in § 251 Abs 2 S 2 SGB V gesetz­lich nor­mier­ten Anspruch des Trä­gers der Ein­rich­tung auf Erstat­tung der von ihm getra­ge­nen Bei­trä­ge han­delt es sich – ent­ge­gen der Annah­me des LSG – um eine Sozi­al­leis­tung.

Gemäß § 11 S 1 SGB I sind Sozi­al­leis­tun­gen die in die­sem Gesetz­buch vor­ge­se­he­nen Dienst, Sach- und Geld­leis­tun­gen. Die Bestim­mung einer Leis­tung als Sozi­al­leis­tung hat in Ori­en­tie­rung an der durch das Sozi­al­recht gestal­te­ten Bezie­hung zwi­schen dem Bür­ger und einem Sozi­al­leis­tungs­trä­ger zu erfol­gen. Eine Sozi­al­leis­tun­gim Sin­ne der §§ 11, 45 SGB I liegt regel­mä­ßig dann vor, wenn die Leis­tung durch einen Sozi­al­leis­tungs­trä­ger nach den Bestim­mun­gen des SGB einem Sozi­al­leis­tungs­be­rech­tig­ten zu erbrin­gen ist und die­sen indi­vi­du­ell begüns­tigt; sie wird dann in aller Regel auch der Ver­wirk­li­chung eines sozia­len Rechtsim Sin­ne der §§ 3 bis 10 SGB I die­nen 2.

Die vor­lie­gend zu beur­tei­len­de Erstat­tung von Bei­trä­gen gemäß § 251 Abs 2 S 2 SGB V weist die genann­ten Merk­ma­le einer Sozi­al­leis­tung auf. Der zustän­di­ge Leis­tungs­trä­ger hat nach den Bestim­mun­gen des SGB V bzw des SGB XI für die vom Ein­rich­tungs­trä­ger zu tra­gen­den Bei­trä­ge wirt­schaft­lich ein­zu­ste­hen 3 und hat inso­weit an den Ein­rich­tungs­trä­ger Erstat­tungs­leis­tun­gen zu erbrin­gen, womit die­ser indi­vi­du­ell begüns­tigt wird. Die Erstat­tungs­leis­tun­gen sind durch einen Sozi­al­leis­tungs­trä­ger – hier die BA – zu erbrin­gen; inso­weit unter­schei­det sich die Bei­trags­er­stat­tung nach § 251 Abs 2 S 2 SGB V bei­spiels­wei­se von den dem Arbeit­ge­ber oblie­gen­den Bei­trags­zu­schüs­sen gemäß § 257 SGB V 4.

Die vom zustän­di­gen Leis­tungs­trä­ger zu leis­ten­den Erstat­tungs­zah­lun­gen die­nen auch der Ver­wirk­li­chung sozia­ler Rech­teim Sin­ne der §§ 3 ff SGB I. Dabei ist der den Rege­lun­gen zur Ver­si­che­rungs­pflicht behin­der­ter Men­schen bei Tätig­keit in einer WfbM und den ergän­zen­den Rege­lun­gen zur Bei­trags­tra­gung und Bei­trags­er­stat­tung zugrun­de lie­gen­de Zweck der För­de­rung behin­der­ter Men­schen zu berück­sich­ti­gen. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt knüpft inso­weit an bereits vor­lie­gen­de Recht­spre­chung zum Begriff des Leis­tungs­emp­fän­ger­sim Sin­ne des § 183 SGG an, wonach etwa an Arbeit­ge­ber zu zah­len­de Ein­glie­de­rungs­zu­schüs­se 5 oder Erstat­tun­gen von Auf­wen­dun­gen für Ent­gelt­fort­zah­lung nach § 10 Abs 1 Lohn­fort­zah­lungs­ge­setz 6 oder auch von der BA an Arbeit­ge­ber zu erbrin­gen­den Leis­tun­gen nach § 4 Alters­teil­zeit­ge­setz 7) als Sozi­al­leis­tun­gen anzu­se­hen sind. Die­ser Recht­spre­chung liegt ins­be­son­de­re die Erwä­gung zugrun­de, dass die dem jewei­li­gen Arbeit­ge­ber zu gewäh­ren­de Leis­tung nicht etwa auf des­sen Berei­che­rung abzielt, son­dern in ers­ter Linie einem sozia­len Zweck wie der Ein­glie­de­rung för­de­rungs­be­dürf­ti­ger Arbeit­neh­mer oder der Ent­gelt­fort­zah­lung dient. Dies gilt in glei­cher Wei­se auch für die streit­ge­gen­ständ­li­che Erstat­tung von Bei­trä­gen gemäß § 251 Abs 2 S 2 SGB V.

Die Anwend­bar­keit des § 45 Abs 1 SGB I hat zur Fol­ge, dass der Erstat­tungs­an­spruch mit Ein­tritt der Ver­jäh­rung erlo­schen ist. Die Vor­schrift besagt, dass Ansprü­che auf Sozi­al­leis­tun­gen in vier Jah­ren nach Ablauf des Kalen­der­jahrs ver­jäh­ren, in dem sie ent­stan­den sind.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 6. August 2014 – B 11 AL 7/​13 R

  1. vgl Palandt/​Heinrichs, BGB, 70. Aufl 2011, § 199 RdNr 26, 32[]
  2. vgl Mro­zyn­ski, SGB I, 4. Aufl 2010, § 11 RdNr 6; Mönch-Kali­na in juris­PK-SGB I, 2. Aufl 2011, § 11 RdNr 21 ff; Ross in Hauck/​Noftz, SGB I, § 11 RdNr 9 ff, Stand 2011[]
  3. vgl Rixen in Becker/​Kingreen, SGB V, 2. Aufl 2010, § 251 RdNr 3[]
  4. vgl noch zum frü­he­ren Recht Bun­des­so­zi­al­ge­richt (BSG), Urteil vom 02.06.1982 – 12 RK 66/​81 – Die Bei­trä­ge 1982, 311 und Juris[]
  5. BSG Urteil vom 22.09.2004 – B 11 AL 33/​03 R, SozR 4 – 1500 § 183 Nr 2[]
  6. BSG Beschluss vom 20.12.2005 – B 1 KR 5/​05 B, SozR 4 – 1500 § 183 Nr 3[]
  7. vgl ua BSG Urtei­le vom 21.03.2007 – 11a AL 9/​06 R, RdNr 24 (inso­weit in SozR 4 – 4170 § 2 Nr 1 nicht abge­druckt); und vom 23.02.2011 – B 11 AL 14/​10 R, RdNr 32 (inso­weit in BSGE 107, 249 und in SozR 4 – 4170 § 3 Nr 3 nicht abge­druckt[]