Ver­wal­tungs­ak­te über den Ver­lust der Besol­dung – und ihre Bin­dungs­wir­kung im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren

Bestands­kräf­ti­ge Beschei­de über den Ver­lust der Besol­dung bei schuld­haf­tem Fern­blei­ben vom Dienst ent­fal­ten die in § 14 Abs. 1 Satz des Lan­des­dis­zi­pli­nar­ge­set­zes Baden-Würt­te­m­berg von 2008 vor­ge­se­he­ne Bin­dungs­wir­kung im sach­glei­chen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren nur dann, wenn der Beam­te hier­über bereits im Ver­wal­tungs­ver­fah­ren über den Ver­lust der Dienst­be­zü­ge belehrt wor­den ist.

Ver­wal­tungs­ak­te über den Ver­lust der Besol­dung – und ihre Bin­dungs­wir­kung im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren

Das LDG BW ord­net in sei­nem § 14 an, dass die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen u.a. einer unan­fecht­ba­ren Ent­schei­dung – und damit auch die­je­ni­gen eines ohne gericht­li­che Über­prü­fung bestands­kräf­tig gewor­de­nen Bescheids – über den Ver­lust der Bezü­ge wegen schuld­haf­ten Fern­blei­bens vom Dienst im sach­glei­chen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren bin­dend sind. Da die­ses Gesetz der Dis­zi­pli­nar­be­hör­de eine umfas­sen­de Dis­zi­pli­nar­be­fug­nis zuer­kennt, wirkt sich die­se Bin­dungs­wir­kung mit­tel­bar auch auf das gericht­li­che Ver­fah­ren bei der Anfech­tung einer Dis­zi­pli­nar­ver­fü­gung aus. Das Gericht prüft grund­sätz­lich nicht, ob die bin­dend fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen auch zutref­fend sind.

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall wand­te sich der kla­gen­de Poli­zei­haupt­meis­ter gegen sei­ne durch Dis­zi­pli­nar­ver­fü­gung aus­ge­spro­che­ne Ent­fer­nung aus dem Beam­ten­ver­hält­nis. In der Dis­zi­pli­nar­ver­fü­gung wird dar­auf abge­stellt, dass der Klä­ger ca. 10 Mona­te dem Dienst schuld­haft fern­ge­blie­ben ist. Die Dis­zi­pli­nar­be­hör­de hat inso­weit die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen in zwei rechts­kräf­ti­gen ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Urtei­len und in zwei gericht­lich nicht ange­foch­te­nen Beschei­den über den Ver­lust der Dienst­be­zü­ge – jeweils über ein­zel­ne Zeit­ab­schnit­te – zugrun­de gelegt. Auch das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart 1 sowie in der Beru­fungs­in­stanz der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg 2 haben inso­weit bei der Über­prü­fung der Dis­zi­pli­nar­ver­fü­gung kei­ne eige­nen Fest­stel­lun­gen getrof­fen. Auf die Revi­si­on des Poli­zei­be­am­ten hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt die Sache an den Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg zurück­ver­wie­sen:

Es ist für das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt bei ver­fas­sungs­kon­for­mer Aus­le­gung nicht zu bean­stan­den, dass das LDG BW für unan­fecht­bar gewor­de­ne Beschei­de über den Ver­lust der Besol­dung bei schuld­haf­tem Fern­blei­ben vom Dienst, die nicht gericht­lich über­prüft wor­den sind, eine Bin­dungs­wir­kung für das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren anord­net und dass die­se Bin­dungs­wir­kung sich mit­tel­bar auch auf das gericht­li­che Ver­fah­ren zur Über­prü­fung der Dis­zi­pli­nar­ver­fü­gung aus­wirkt. Dies setzt aber vor­aus, dass der Beam­te hier­über zuvor im Ver­wal­tungs­ver­fah­ren über den Ver­lust der Besol­dung belehrt wor­den ist.

Das ergibt sich für das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt aus dem rechts­staat­li­chen Erfor­der­nis eines fai­ren Ver­fah­rens (Art. 20 Abs. 3 GG) und aus der Garan­tie effek­ti­ven Rechts­schut­zes (Art. 19 Abs. 4 Satz 1 GG).

Anders als bei Straf­ur­tei­len und auch bei gericht­li­chen Ent­schei­dun­gen über den Ver­lust der Besol­dung bei schuld­haf­tem Fern­blei­ben vom Dienst kann bei Fest­stel­lun­gen in einem blo­ßen Ver­wal­tungs­akt nicht vor­aus­ge­setzt wer­den, dass die Betrof­fe­nen um die ggfs. weit­rei­chen­den Aus­wir­kun­gen auf das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren wis­sen. Die Rechts­schutz­ga­ran­tie des Art. 19 Abs. 4 Satz 1 GG, die grund­sätz­lich auch eine umfas­sen­de tat­säch­li­che Prü­fung durch das Gericht ver­langt, ist des­halb nur gewahrt, wenn der Betref­fen­de über eine sol­che nahe­zu sin­gu­lä­re Rege­lung mit ggf. exis­ten­ti­el­ler Bedeu­tung belehrt wor­den ist.

Im vor­lie­gen­den Fall kam hin­zu, dass die Beschei­de über den Ver­lust der Besol­dung zwar Hin­wei­se auf das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ent­hiel­ten, die­se Hin­wei­se aber irre­füh­rend waren, weil sie nicht über die Bin­dungs­wir­kung infor­mier­ten, son­dern im Gegen­teil ein Ver­ständ­nis nahe­leg­ten, dass das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren völ­lig unab­hän­gig von dem Ver­fah­ren über den Ver­lust der Besol­dung geführt wer­de.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 21. April 2016 – 2 C 132015 -

  1. VG Stutt­gart, Urteil vom 20.06.2013 – DL 20 K 4235/​12[]
  2. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 01.04.2014 – DL 13 S 2383/​13[]