Wege­geld-Ver­gü­tung einer Heb­am­me bei der Haus­ge­burt

Für die Wege­geld-Ver­gü­tung einer Heb­am­me für die Durch­füh­rung einer Haus­ge­burt ist es nicht von Bedeu­tung, ob es eine zur Ver­si­cher­ten näher woh­nen­de Heb­am­me
gibt. Die Durch­füh­rung einer Haus­ge­burt ist als beson­de­re Lage des Fal­les nach § 4 Abs. 3 Satz 2 HebGV1 anzu­er­ken­nen. Auf­grund der Sel­ten­heit von Haus­ge­bur­ten und der zur Durch­füh­rung von Haus­ge­bur­ten berei­ten Heb­am­men, ist auch eine mehr als nur gering­fü­gi­ge Über­schrei­tung der Tole­ranz­gren­ze im Ein­zel­fall gerecht­fer­tigt.

Wege­geld-Ver­gü­tung einer Heb­am­me bei der Haus­ge­burt

Mit die­ser Begrün­dung hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nie­der­sach­sen-Bre­men in dem hier vor­lie­gen­den Fall auf die Beru­fung einer Heb­am­me ihr das vol­le Wege­geld zuer­kannt und gleich­zei­tig eine anders­lau­ten­de Ent­schei­dung des Sozi­al­ge­richts Osna­brück2 auf­ge­ho­ben. Die 1957 gebo­re­nen und gelern­ten Heb­am­me ist seit 1980 als frei­be­ruf­li­che Heb­am­me tätig. In drei Ver­si­cher­ten­fäl­len zwi­schen Febru­ar 2005 und Janu­ar 2007 erbrach­te die Klä­ge­rin Heb­am­men­leis­tun­gen für – von Anfang an geplan­te – Haus­ge­bur­ten. Die von der Klä­ge­rin gel­tend gemach­te Ver­gü­tung beinhal­te­te jeweils mehr als 60 % Wege­geld.

Die beklag­te Kran­ken­kas­se kürz­te das Wege­geld unter Bezug­nah­me auf § 4 Abs. 3 HebGV und wur­de vom Sozi­al­ge­richt bestä­tigt. Die­ses führ­te aus, die Kran­ken­kas­se kön­ne die Zah­lung eines Mehr­be­tra­ges an Wege­geld ableh­nen, wenn eine ande­re als die nächst­woh­nen­de Heb­am­me tat­säch­lich Hil­fe geleis­tet habe und der Weg von der Stel­le der Leis­tung zur Woh­nung oder Pra­xis der tat­säch­lich in Anspruch genom­me­nen Heb­am­me mehr als 20 km (sog. Tole­ranz­gren­ze) län­ger sei als zur Woh­nung oder Pra­xis der nächst­woh­nen­den Heb­am­me. Es lie­ge kei­ne "beson­de­re Lage des Fal­les" vor. Die Beklag­te habe Nach­wei­se über nächst­woh­nen­de Heb­am­men erbracht. Gegen das Urteil hat die Klä­ge­rin Beru­fung ein­ge­legt.

Nach Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Nie­der­sach­sen-Bre­men han­de­le es sich bei dem Merk­mal "nach der beson­de­ren Lage des Fal­les" um einen unbe­stimm­ten Rechts­be­griff, des­sen Aus­fül­lung von den Gerich­ten unein­ge­schränkt nach­prüf­bar sei. Aus der amt­li­chen Begrün­dung zu § 4 HebGV gehe her­vor, dass nach der beson­de­ren Lage des Fal­les die Zuzie­hung einer wei­ter ent­fernt woh­nen­den Heb­am­me ins­be­son­de­re bei einer geplan­ten Haus­ge­burt ein­schließ­lich Vor- und Nach­sor­ge gerecht­fer­tigt sei, solan­ge es nur ver­hält­nis­mä­ßig weni­ge Heb­am­men gebe, die Haus­ge­burt durch­füh­ren. Die ersicht­li­che Rege­lungs­in­ten­ti­on des Ver­ord­nungs­ge­bers spre­che dafür, dass die Durch­füh­rung einer Haus­ge­burt als beson­de­re Lage des Fal­les anzu­er­ken­nen sei.

Wei­ter­hin hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt aus­ge­führt, die Haus­ge­burt stel­le nach wie vor den strik­ten Aus­nah­me­fall gegen­über den Kran­ken­haus- bzw. Kli­nik-Gebur­ten dar und es sei­en nur die wenigs­ten Heb­am­men bereit, Haus­ge­bur­ten zu betreu­en.

Dar­über hin­aus hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt aus­ge­führt, es lie­ge auch kei­ne Ver­let­zung des Wirt­schaft­lich­keits­ge­bots vor. Auf­grund der Sel­ten­heit von Haus­ge­bur­ten und der zur Durch­füh­rung von Haus­ge­bur­ten berei­ten Heb­am­men, sei auch eine mehr als nur gering­fü­gi­ge Über­schrei­tung der Tole­ranz­gren­ze im Ein­zel­fall gerecht­fer­tigt.

Die Gerichts­be­schei­de des Sozi­al­ge­richts Osna­brück vom 18. April 2011 sind auf­ge­ho­ben wor­den. Die Beklag­te hat an die Klä­ge­rin das vol­le Wege­geld zu bezah­len.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nie­der­sach­sen-Bre­men, Urteil vom 2. Juni 2014 – L 4 KR 259/​11

  1. in der bis zum 31.07.2007 gel­ten­den Fas­sung []
  2. SG Osna­brück, Gerichts­be­scheid vom 18.04.2011 – S 13 KR 361/​08 []