Zulas­sung einer logo­pä­di­schen oder ergo­the­ra­peu­ti­schen Pra­xis

Die Zulas­sung für den Betrieb einer logo­pä­di­schen oder ergo­the­ra­peu­ti­schen Zweig­pra­xis kann nicht von der Beschäf­ti­gung eines bestimm­ten, nament­lich benann­ten Mit­ar­bei­ters abhän­gig gemacht wer­den. Vor­aus­set­zung für eine sol­che Zulas­sung ist ledig­lich, dass die Fili­al­pra­xis durch­ge­hend unter der Lei­tung von Per­so­nen steht, wel­che die Vor­aus­set­zun­gen des §124 Abs 2 Satz 1 Nr 1 SGB V nach­wei­sen.

Zulas­sung einer logo­pä­di­schen oder ergo­the­ra­peu­ti­schen Pra­xis

Wider­spruch und Kla­ge gegen den Wider­ruf der Zulas­sung zum Betrei­ben einer logo­pä­di­schen oder ergo­the­ra­peu­ti­schen Pra­xis haben kraft Geset­zes auf­schie­ben­de Wir­kung.

Der Wider­spruch und die Kla­ge der Antrag­stel­le­rin haben bereits kraft Geset­zes auf­schie­ben­de Wir­kung. Nach Abs 1 des mit Wir­kung ab 2. Janu­ar 2002 durch Art 1 Nr 36 des Sechs­ten Geset­zes zur Ände­rung des Sozi­al­ge­richts­ge­set­zes (6. SGGÄndG) vom 17. August 2001 [1] ein­ge­füg­ten § 86 a SGG haben Wider­spruch und Anfech­tungs­kla­ge grund­sätz­lich auf­schie­ben­de Wir­kung. Bis zu die­sem Zeit­punkt galt der umge­kehr­te Grund­satz, wonach Rechts­mit­tel im sozi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren nur auf­schie­ben­de Wir­kung hat­ten, wenn dies im Gesetz aus­drück­lich ange­ord­net war [2]. Die auf­schie­ben­de Wir­kung ent­fällt nach § 86 a Abs 2 SGG nur bei Ent­schei­dun­gen über Versicherungs‑, Bei­trags- und Umla­ge­pflich­ten sowie der Anfor­de­rung von Bei­trä­gen, Umla­gen und sons­ti­gen öffent­li­chen Abga­ben ein­schließ­lich der dar­auf ent­fal­len­den Neben­kos­ten (Nr 1), in Ange­le­gen­hei­ten des sozia­len Ent­schä­di­gungs­rechts und der Bun­des­agen­tur für Arbeit bei Ver­wal­tungs­ak­ten, die eine lau­fen­de Leis­tung ent­zie­hen oder her­ab­set­zen (Nr 2), für die Anfech­tungs­kla­ge in Ange­le­gen­hei­ten der Sozi­al­ver­si­che­rung bei Ver­wal­tungs­ak­ten, die eine lau­fen­de Leis­tung her­ab­set­zen oder ent­zie­hen (Nr 3), in ande­ren durch Bun­des­ge­setz vor­ge­schrie­be­nen Fäl­len (Nr 4) und in Fäl­len, in denen die sofor­ti­ge Voll­zie­hung im öffent­li­chen Inter­es­se oder im über­wie­gen­den Inter­es­se eines Betei­lig­ten ist und die Stel­le, die den Ver­wal­tungs­akt erlas­sen oder über den Wider­spruch zu ent­schei­den hat, die sofor­ti­ge Voll­zie­hung mit schrift­li­cher Begrün­dung des beson­de­ren Inter­es­ses an der sofor­ti­gen Voll­zie­hung anord­net (Nr 5). Nach § 86 b Abs 1 Satz 1 Nr 2 SGG kann das Gericht der Haupt­sa­che auf Antrag in den Fäl­len, in denen Wider­spruch oder Anfech­tungs­kla­ge kei­ne auf­schie­ben­de Wir­kung haben, die auf­schie­ben­de Wir­kung ganz oder teil­wei­se anord­nen. Haben der Wider­spruch bzw die Anfech­tungs­kla­ge nach § 86 a SGG bereits auf­schie­ben­de Wir­kung, miss­ach­tet aber die Ver­wal­tung oder ein Drit­ter die­se oder droht eine Miss­ach­tung (fak­ti­sche Voll­zie­hung), so kann der durch den rechts­wid­ri­gen Voll­zug Belas­te­te beim Gericht die Fest­stel­lung bean­tra­gen, dass sein Wider­spruch bzw sei­ne Anfech­tungs­kla­ge auf­schie­ben­de Wir­kung hat [3].

Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat bereits in sei­ner Ent­schei­dung vom 6. Febru­ar 2008 [4] dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sich Wider­spruch und Anfech­tungs­kla­ge im Fal­le der Been­di­gung der Zulas­sung wegen Errei­chens der Alters­gren­ze von Rechts­be­hel­fen gegen die Ent­zie­hung einer Zulas­sung gemäß § 96 Abs 6 SGB V unter­schei­den. Es hat hier­bei aus­drück­lich fest­ge­stellt, dass Rechts­be­hel­fe gegen die „Ent­zie­hung“ einer Zulas­sung auf­schie­ben­de Wir­kung ent­fal­ten [5]. Dies gilt nur dann nicht, wenn der ange­grif­fe­ne Ver­wal­tungs­akt eine durch Gesetz ein­tre­ten­de Rechts­fol­ge ledig­lich dekla­ra­to­risch fest­stellt, wie dies bei Been­di­gung der Zulas­sung wegen Errei­chens der Alters­gren­ze der Fall ist [6].

Das Aus­schei­den von Mit­ar­bei­tern in Pra­xis­fi­lia­len ist auch nicht mit dem Errei­chen der Alters­gren­ze oder mit dem Tod des Leis­tungs­er­brin­gers bei per­sön­li­cher Zulas­sung ver­gleich­bar. Dies ergibt sich aus Fol­gen­dem: Nach § 124 Abs 2 Satz 2 SGB V ist ein zuge­las­se­ner Leis­tungs­er­brin­ger von Heil­mit­teln in einem wei­te­ren Heil­mit­tel­be­reich zuzu­las­sen, sofern er für die­sen Bereich die Vor­aus­set­zun­gen des Sat­zes 1 Nr 2 und 3 erfüllt und eine oder meh­re­re Per­so­nen beschäf­tigt, die die Vor­aus­set­zun­gen des Satz 1 Nr 1 nach­wei­sen. Die Rege­lung in § 124 Abs 2 Satz 2 SGB V soll bei der Grün­dung bereichs­über­grei­fen­der Pra­xen Rechts­si­cher­heit schaf­fen. Der Gesetz­ge­ber woll­te mit die­ser Rege­lung die Mög­lich­keit eröff­nen, bereichs­über­grei­fen­de Pra­xen von meh­re­ren Berufs­grup­pen im Heil­mit­tel­be­reich grün­den zu kön­nen, da die­se Pra­xis­form betriebs­wirt­schaft­li­che Vor­tei­le bie­ten und somit auch für die Bei­trags­zah­ler vor­teil­haft sein kann [7]. Die Grün­dung eines Fili­al­be­trie­bes durch einen zuge­las­se­nen Leis­tungs­er­brin­ger ist dadurch grund­sätz­lich zuläs­sig [8].

Da der Leis­tungs­er­brin­ger nach der gesetz­li­chen Kon­struk­ti­on die Leis­tun­gen nicht per­sön­lich erbrin­gen muss, kann er sei­ner Ver­ant­wor­tung gegen­über den Kran­ken­kas­sen auch dadurch gerecht wer­den, dass er den Fili­al­be­trieb unter die Lei­tung eines Mit­ar­bei­ters stellt, der die Vor­aus­set­zun­gen des § 124 Abs 2 Satz 1 Nr 1 SGB V erfüllt und, wür­de er über eine ent­spre­chen­de Pra­xis ver­fü­gen, selbst als Leis­tungs­er­brin­ger zuge­las­sen wer­den könn­te. Mit­hil­fe die­ser Rege­lung wird mit­hin sicher­ge­stellt, dass auch in einem Fili­al­be­trieb die fach­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Erbrin­gung von Heil­mit­tel­leis­tun­gen erfüllt sind. Im Gegen­satz zur Auf­fas­sung der Antrags­geg­ne­rin ist die Grün­dung und Füh­rung eines Fili­al­be­triebs jedoch nicht von einer höchst­per­sön­li­chen Bin­dung an einen bestimm­ten Mit­ar­bei­ter abhän­gig. Denn § 124 Abs 2 Satz 2 SGB V sieht ledig­lich vor, dass eine oder meh­re­re Per­so­nen beschäf­tigt wer­den, die die Vor­aus­set­zun­gen des § 124 Abs 2 Satz 1 Nr 1 SGB V nach­wei­sen. Vor­aus­set­zung ist danach nur, dass ent­spre­chen­de Per­so­nen (durch­ge­hend) beschäf­tigt wer­den. Wür­de hin­ge­gen die Ansicht der Antrags­geg­ne­rin zutref­fen, so wür­de jedes Mal die Zulas­sung kraft Geset­zes ent­fal­len, wenn die Antrag­stel­le­rin einem bis­he­ri­gen Mit­ar­bei­ter kün­di­gen und einen neu­en Mit­ar­bei­ter ein­stel­len woll­te. Die­ses Ergeb­nis wird jedoch durch die Rege­lun­gen des § 124 Abs 2 Satz 2 SGB V nicht gedeckt. Danach ist – wie bereits dar­ge­legt – ledig­lich erfor­der­lich, dass durch­ge­hend eine oder meh­re­re Per­so­nen beschäf­tigt wer­den, die die Vor­aus­set­zun­gen des § 124 Abs 2 Satz 1 Nr 1 SGB V nach­wei­sen. Hier­von unbe­rührt bleibt jedoch die Ver­pflich­tung der Antrag­stel­le­rin, ent­spre­chen­de Ver­än­de­run­gen der Antrags­geg­ne­rin mit­zu­tei­len. Die Ver­let­zung etwai­ger Mit­tei­lungs­pflich­ten führt jedoch nicht zu einem auto­ma­ti­schen Ende der Zulas­sung. Die Antrags­geg­ne­rin kann dies ledig­lich zum Anlass neh­men, von der Ermäch­ti­gung des § 124 Abs 6 SGB V Gebrauch zu machen und die Zulas­sung zu wider­ru­fen. Etwas ande­res könn­te nur dann gel­ten, wenn die Antrag­stel­le­rin auch in Zukunft kei­ne fach­lich geeig­ne­ten Mit­ar­bei­ter mit ent­spre­chen­der Aus­bil­dung beschäf­ti­gen will und mit­hin von der end­gül­ti­gen Auf­ga­be des wei­te­ren Heil­mit­tel­be­reichs aus­zu­ge­hen ist [9].

Vor die­sem Hin­ter­grund ist bereits frag­lich, ob die Antrags­geg­ne­rin in der Ver­gan­gen­heit berech­tigt war, die Ertei­lung der Zulas­sung für die Antrag­stel­le­rin von der Beschäf­ti­gung einer bestimm­ten (eben­falls zuge­las­se­nen) Mit­ar­bei­te­rin abhän­gig zu machen oder ob sie nicht nur berech­tigt gewe­sen wäre, die Zulas­sung unter der Bedin­gung zu ertei­len, dass eine nach § 124 Abs 2 Satz 1 Nr 1 SGB V ent­spre­chen­de Fach­kraft beschäf­tigt wird (wobei dann die Antrag­stel­le­rin die Pflicht getrof­fen hät­te, nach­zu­wei­sen, dass sie ent­spre­chen­de Per­so­nen beschäf­tigt).

Dar­über hin­aus wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass nach der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts in den Rah­men­ver­trä­gen nach § 125 Abs 2 Satz 1 SGB V Zulas­sungs­be­din­gun­gen nicht ver­ein­bart wer­den dür­fen [10]. Dar­aus ergibt sich aber auch im Umkehr­schluss, dass kei­ne – über den zuläs­si­gen Rah­men des § 124 Abs 6 SGB V hin­aus­ge­hen­de – Rege­lun­gen zum Wider­ruf oder zum auto­ma­ti­schen Ende einer Zulas­sung ver­ein­bart wer­den dür­fen. Sie wären ange­sichts ihrer die Berufs­aus­übung ein­schrän­ken­den Wir­kung mit dem Grund­recht der Berufs­frei­heit nach Art 12 GG unver­ein­bar [11].

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 7. Okto­ber 2010 – L 11 KR 4173/​10 ER‑B

  1. BGBl I S. 2144[]
  2. Tim­me NZS 2004, 292, 293[]
  3. vgl. Adolf , aaO, Rdnr 12[]
  4. BSG, Urteil vom 06.02.3008 – B 6 KA 41/​06 R, BSG 100, 43 = SozR 4–2500 § 95 Nr 14, jeweils Rdnr. 26[]
  5. eben­so im Hin­blick auf den Wider­ruf von Zulas­sun­gen im Rah­men des § 124 SGB V Knit­tel in Kraus­kopf, Sozia­le Krankenversicherung/​Pflegeversicherung, § 124 Rdnr 30, Stand März 2010[]
  6. zum nur dekla­ra­to­risch-fest­stel­len­den Cha­rak­ter die­ses Ver­wal­tungs­akts sie­he z.B.: BSG SozR 4–2500 § 95 Nr 2 RdNr 12[]
  7. vgl. BT-Drs 12/​6998 S 20[]
  8. vgl. hier­zu auch BSG, Urteil vom 29.11.1995 – 3 RK 25/​94 = SozR 3–2500 § 126 Nr 1[]
  9. vgl zum Ende einer per­so­nen­ge­bun­de­nen Zulas­sung durch end­gül­ti­ge Auf­ga­be der Tätig­keit: Hencke, in: Peters, Hand­buch der Kran­ken­ver­si­che­rung, § 124 SGBV Rdnr 16, Stand Sep­tem­ber 2008[]
  10. vgl. hier­zu BSG, Urteil vom 22.07.2004 – B 3 KR 12/​04 R, SozR 4–2500 § 125 Nr 2 Rdnr 20[]
  11. vgl all­ge­mein hier­zu auch Knit­tel , aaO, § 124 Rdnr 6[]