23:50 – und die übli­che Tele­fax­ver­sen­dungs­zeit

Beach­tet eine Beschwer­de­füh­re­rin (oder ihr Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter) bei der Ver­sen­dung eines frist­ge­bun­de­nen Schrift­sat­zes kurz vor Mit­ter­nacht nicht die übli­che Ver­sen­dungs­zeit für ein Tele­fax, liegt hier­in ein die Wie­der­ein­set­zung aus­schlie­ßen­des schuld­haf­tes Frist­ver­säum­nis.

23:50 – und die übli­che Tele­fax­ver­sen­dungs­zeit

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall ist die Frist zur Begrün­dung der Beschwer­de am 13.11.2014 abge­lau­fen. Die­se Frist hat die Klä­ge­rin nicht gewahrt. Ihr Bevoll­mäch­tig­ter hat zwar am 13.11.2014 um 23:50 Uhr die Fax­über­tra­gung der 30 Sei­ten umfas­sen­den Beschwer­de­be­grün­dung gestar­tet. Das Emp­fangs­ge­rät des Gerichts hat die letz­te Sei­te die­ses Schrift­sat­zes, auf der sich die Unter­schrift des Bevoll­mäch­tig­ten befand, aber erst nach Mit­ter­nacht am 14.11.2014 emp­fan­gen.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs folgt dar­aus die Ver­säu­mung der Begrün­dungs­frist 1. Und auch die von der Klä­ge­rin bean­trag­te Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand gemäß § 56 FGO gewähr­te der Bun­des­fi­nanz­hof nicht, denn die Klä­ge­rin war auch unter Berück­sich­ti­gung die­ser Umstän­de nicht ohne Ver­schul­den ver­hin­dert, die Begrün­dungs­frist ein­zu­hal­ten. Dabei muss sie sich das Ver­schul­den ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten wie eige­nes Ver­schul­den zurech­nen las­sen (§ 155 FGO i.V.m. § 85 Abs. 2 ZPO).

Zwar kann eine Frist im Inter­es­se des Rechts­schutz suchen­den Bür­gers bis zuletzt aus­ge­schöpft wer­den. Jedoch ist beim vol­len Aus­nut­zen der Frist beson­de­re Sorg­falt gebo­ten. Wird ein frist­wah­ren­der Schrift­satz erst kurz vor Frist­ab­lauf per Tele­fax an das Gericht über­mit­telt, ist eine Frist­ver­säum­nis nur dann unver­schul­det, wenn der Absen­der mit der Über­mitt­lung so recht­zei­tig begon­nen hat, dass er unter gewöhn­li­chen Umstän­den mit dem Abschluss des Über­mitt­lungs­vor­gangs noch vor Frist­ab­lauf rech­nen konn­te 2.

Im Streit­fall hat der Bevoll­mäch­tig­te die 30 Sei­ten umfas­sen­de Beschwer­de­be­grün­dung nach sei­nem eige­nen Vor­trag erst um 23:40 Uhr fer­tig­ge­stellt. Anschlie­ßend begann er mit dem Aus­druck des Schrift­sat­zes, um ihn in einem zwei­ten Schritt per Tele­fax an das Gericht zu über­mit­teln. Unab­hän­gig davon, ob die durch feh­len­des Dru­cker­pa­pier ver­ur­sach­te Ver­zö­ge­rung beim Aus­druck ent­schuld­bar war, hat er damit nicht den bei einer Tele­fa­x­über­mitt­lung erfor­der­li­chen Sicher­heits­zu­schlag berück­sich­tigt.

Sowohl der BFH als auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG), das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt (BVerwG) und der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) gehen davon aus, dass für den Fall einer Bele­gung des Emp­fangs­ge­räts ein Sicher­heits­zu­schlag in der Grö­ßen­ord­nung von 20 Minu­ten ein­kal­ku­liert wer­den muss 3. Zwar weist die Klä­ge­rin zutref­fend dar­auf hin, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­nem Beschluss in BVerfGE 135, 126 ledig­lich posi­tiv eine Erfül­lung der im Ver­kehr erfor­der­li­chen Sorg­falt fest­ge­stellt hat, wenn über die zu erwar­ten­de Über­mitt­lungs­dau­er hin­aus ein Sicher­heits­zu­schlag in der Grö­ßen­ord­nung von 20 Minu­ten ein­kal­ku­liert wird. Der Bun­des­fi­nanz­hof hat aber bereits in sei­nem Beschluss in BFH/​NV 2004, 519 aus­drück­lich ent­schie­den, dass der Über­mitt­ler eines Tele­fa­xes mit Ver­zö­ge­run­gen von 20 Minu­ten auf­grund der Bele­gung des Emp­fangs­ge­räts rech­nen muss 4.

Die übli­che Tele­fax­ver­sen­dungs­zeit, deren Beach­tung erfor­der­lich ist, um ohne Ver­schul­den von der recht­zei­ti­gen Über­mitt­lung eines frist­wah­ren­den Schrift­sat­zes per Fax aus­ge­hen zu kön­nen, umfasst im Ergeb­nis nicht nur die rein tech­ni­sche Über­tra­gungs­zeit, son­dern zusätz­lich einen Sicher­heits­zu­schlag von etwa 20 Minu­ten. Beginnt die Tele­fa­x­über­mitt­lung so spät, dass unter Berück­sich­ti­gung der auf die­se Wei­se ermit­tel­ten übli­chen Tele­fax­ver­sen­dungs­zeit kein recht­zei­ti­ger Zugang des Schrift­sat­zes erwar­tet wer­den kann, liegt kei­ne unver­schul­de­te Frist­ver­säum­nis i.S. des § 56 FGO vor. Dabei kommt es für die zusätz­li­che Berück­sich­ti­gung des Sicher­heits­zu­schlags nicht dar­auf an, ob sich die Tele­fa­x­über­tra­gung tat­säch­lich wegen einer Bele­gung des Emp­fangs­ge­räts ver­län­gert hat 5. Dem Ein­wand der Klä­ge­rin, dies wider­spre­che dem Schutz­zweck­zu­sam­men­hang, ist ent­ge­gen­zu­hal­ten, dass der Sicher­heits­zu­schlag nicht iso­liert zu betrach­ten ist, son­dern in die Ermitt­lung einer ein­heit­li­chen übli­chen Tele­fax­ver­sen­dungs­zeit für ver­gleich­ba­re Tele­fa­xe ein­geht. Dem ent­spricht auch die Gleich­stel­lung der übli­chen Tele­fax­ver­sen­dungs­zeit mit den übli­chen Post­lauf­zei­ten durch das BVerfG in sei­nem Beschluss in BVerfGE 135, 126.

Für den Streit­fall folgt dar­aus, dass der Bevoll­mäch­tig­te nicht erst um 23:40 Uhr mit dem Aus­druck des Schrift­sat­zes hät­te begin­nen dür­fen. Denn der Zeit­raum zwi­schen dem mög­li­chen Beginn der Tele­fa­x­über­tra­gung und dem Ablauf der Frist war dadurch kür­zer als die übli­che Tele­fax­ver­sen­dungs­zeit, die sich aus der vor­aus­sicht­li­chen tech­ni­schen Über­tra­gungs­zeit und einem Sicher­heits­zu­schlag von etwa 20 Minu­ten zusam­men­setzt.

Der Hin­weis der Klä­ge­rin, sowohl für das BVerwG als auch für den BGH spie­le die Ein­hal­tung des Sicher­heits­zu­schlags kei­ne Rol­le, wenn das Emp­fangs­ge­rät tat­säch­lich nicht besetzt gewe­sen sei, führt zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis. Der BVerwG, Beschluss vom 01.09.2014 2 B 93.13 zitiert zwar Ent­schei­dun­gen des BGH, in denen die Ein­hal­tung des Sicher­heits­zu­schlags nicht geprüft wor­den ist. Letzt­lich war die­ser Gesichts­punkt für das BVerwG aber nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich, da bereits die Glaub­haft­ma­chung des Zeit­punkts des Beginns der Tele­fa­x­über­tra­gung fehl­te. Die von der Klä­ge­rin zitier­te Recht­spre­chung des BGH erging dage­gen vor dem BVerfG, Beschluss in BVerfGE 135, 126, in dem das BVerfG den Sicher­heits­zu­schlag zwar nicht erst­mals ange­spro­chen hat, aber nun­mehr aus­drück­lich von der Ermitt­lung einer übli­chen Tele­fax­ver­sen­dungs­zeit unter Ein­be­zie­hung eines Sicher­heits­zu­schlags spricht und die­se übli­che Tele­fax­ver­sen­dungs­zeit mit den übli­chen Post­lauf­zei­ten gleich­stellt. Dar­über hin­aus ist zu berück­sich­ti­gen, dass das BVerfG in sei­nem Beschluss vom 02.07.2014 1 BvR 862/​13 (nicht ver­öf­fent­licht) den spä­test­mög­li­chen Beginn der Fax­über­tra­gung unab­hän­gig von einer tat­säch­li­chen Bele­gung des Emp­fangs­ge­räts unter Ein­be­zie­hung eines Sicher­heits­zu­schlags berech­net hat.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 8. Okto­ber 2015 – VII B 147/​14

  1. BFH, Beschlüs­se vom 25.11.2003 – VII R 9/​03, BFH/​NV 2004, 519; vom 28.01.2010 – VIII B 88/​09, BFH/​NV 2010, 919; vom 21.08.2012 – X B 6, 7/​12, BFH/​NV 2013, 385, jeweils m.w.N.[]
  2. BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 2004, 519; in BFH/​NV 2010, 919[]
  3. BVerfG, Beschluss vom 15.01.2014 – 1 BvR 1656/​09, BVerfGE 135, 126; BVerwG, Beschluss vom 29.01.2015 – 9 BN 2.14, HFR 2015, 806; BGH, Beschluss vom 27.11.2014 – III ZB 24/​14, Fam­RZ 2015, 323; BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 2004, 519; in BFH/​NV 2010, 919[]
  4. eben­so BVerwG, Beschluss in HFR 2015, 806, und BGH, Beschluss in Fam­RZ 2015, 323[]
  5. vgl. auch BFH, Beschluss in BFH/​NV 2010, 919[]