Abwei­chen­de Steu­er­fest­set­zung aus Bil­lig­keits­grün­den

Wenn die mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen des Vor­steu­er­ab­zugs nach § 15 UStG wegen unzu­tref­fen­der Rech­nungs­an­ga­ben nicht vor­lie­gen, kann im Bil­lig­keits­ver­fah­ren aus­nahms­wei­se nach dem all­ge­mei­nen Rechts­grund­satz des Ver­trau­ens­schut­zes ein Vor­steu­er­ab­zug nach den Grund­sät­zen des EuGH in den Urtei­len Tele­os1 und Net­to-Super­markt2 in Betracht kom­men3.

Abwei­chen­de Steu­er­fest­set­zung aus Bil­lig­keits­grün­den

Vor­aus­set­zung hier­für ist, dass der den Vor­steu­er­ab­zug begeh­ren­de Unter­neh­mer gut­gläu­big war und alle Maß­nah­men ergrif­fen hat, die ver­nünf­ti­ger­wei­se von ihm ver­langt wer­den kön­nen, um sich von der Rich­tig­keit der Anga­ben in der Rech­nung zu über­zeu­gen, und sei­ne Betei­li­gung an einem Betrug aus­ge­schlos­sen ist. Soweit gemein­schafts­recht­li­che Rege­lun­gen eine Bil­lig­keits­maß­nah­me erfor­dern, ist das in § 163 AO bzw. § 227 AO ein­ge­räum­te Ermes­sen auf Null redu­ziert.

Es ent­spricht den Vor­ga­ben des euro­päi­schen Rechts, dass dem Unter­neh­mer grund­sätz­lich der Vor­steu­er­ab­zug zu gewäh­ren ist und ihm die­ser nur in Aus­nah­me­fäl­len ver­wei­gert wer­den kann. Auch ent­spricht es der Recht­spre­chung des EuGH, dass für das Vor­lie­gen einer sol­chen Aus­nah­me das Finanz­amt dar­le­gungs- und beweis­last­pflich­tig ist.

Es ent­spricht eben­falls der Recht­spre­chung des EuGH, dass die Bekämp­fung von Steu­er­hin­ter­zie­hun­gen, Steu­er­um­ge­hun­gen und etwai­gen Miss­bräu­chen ein Ziel ist, das von der Richt­li­nie 2006/​112 aner­kannt und geför­dert wird. Der Rechts­bür­ger kann sich des­halb nicht auf die Bestim­mun­gen des Uni­ons­rechts beru­fen, wenn er dies in betrü­ge­ri­scher oder miss­bräuch­li­cher Absicht tut. Ein Unter­neh­mer, der Bar­ge­schäf­te für hoch­wer­ti­ge Kfz im Frei­ha­fen tätigt und Umsatz­steu­er ent­rich­tet, obwohl er selbst im Frei­ha­fen kei­ne Umsatz­steu­er aus­ge­wie­sen hat, ist im beson­de­ren Maße ver­pflich­tet, die Anga­ben des Rech­nungs­aus­stel­lers zu über­prü­fen. Wer­den dem Steu­er­pflich­ti­gen die­sel­ben Kfz von unter­schied­li­chen Unter­neh­mern ange­bo­ten und soll er sich bei Rück­fra­gen nicht an sei­nen Ver­trags­part­ner, son­dern einen Drit­ten rich­ten, ist der Steu­er­pflich­ti­ge grund­sätz­lich nicht mehr als gut­gläu­big anzu­se­hen. Dies gilt ins­be­son­de­re, wenn sich bei einer spä­te­ren Über­prü­fung der Rech­nungs­an­ga­ben ergibt, dass weder die Tele­fon­num­mer noch die Adres­se des Unter­neh­mers rich­tig sein kann.

Finanz­ge­richt Ham­burg, Urteil vom 21. Dezem­ber 2012 – 6 K 33/​11

  1. EuGH, Ureil vom 27.09.2007 – C‑409/​04
  2. EuGH, Urteil vom 21.02.2008 – C‑271/​06
  3. BFH, Urtei­le vom 30.04.2009 – V R 15/​07, BFHE 225, 254, BSt­Bl II 2009, 744; und vom 12.08.2009 – XI R 48/​07, BFH/​NV 2010, 388