Akten­ein­sicht in abge­schlos­se­ne finanz­ge­richt­li­che Ver­fah­ren – und ihre Ver­wei­ge­rung

Bei einem Streit wegen der Ver­wei­ge­rung der Ein­sicht­nah­me in die Akten eines abge­schlos­se­nen finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens ist nicht der Finanz­rechts­weg, son­dern der öffent­lich-recht­li­che Rechts­weg nach § 40 VwGO eröff­net.

Akten­ein­sicht in abge­schlos­se­ne finanz­ge­richt­li­che Ver­fah­ren – und ihre Ver­wei­ge­rung

§ 78 Abs. 1 FGO gewährt den Betei­lig­ten ein Recht auf Ein­sicht in die Gerichts­ak­ten und in die dem Gericht vor­ge­leg­ten (Behörden-)Akten. Die Ent­schei­dung über ein dies­be­züg­li­ches Begeh­ren kann, sofern nicht die Über­sen­dung der Akten ver­langt wird, in der Regel der Urkunds­be­am­te der Geschäfts­stel­le tref­fen; ande­ren­falls ent­schei­det über einen sol­chen Antrag der Spruch­kör­per oder sein Vor­sit­zen­der 1.

§ 78 Abs. 1 FGO gewährt den Betei­lig­ten ein Recht auf Akten­ein­sicht nur im Rah­men eines anhän­gi­gen, noch nicht abge­schlos­se­nen Streit­ver­fah­rens, um ihnen die Mög­lich­keit zu geben, sich von den dem Gericht vor­lie­gen­den Ent­schei­dungs­grund­la­gen Kennt­nis zu ver­schaf­fen und auf­grund die­ser Kennt­nis zu ihnen in Wahr­neh­mung ihres Anspruchs auf recht­li­ches Gehör Stel­lung zu neh­men 2. Ist das Kla­ge­ver­fah­ren vor Anbrin­gung des Antrags auf Akten­ein­sicht aber bereits abge­schlos­sen, besteht kein Anspruch auf Akten­ein­sicht gemäß § 78 Abs. 1 FGO (mehr).

Wird Akten­ein­sicht nach rechts­kräf­ti­gem Abschluss eines Ver­fah­rens bean­tragt, muss der Vor­stand des Gerichts eine Ent­schei­dung dar­über tref­fen, ob einem Betei­lig­ten Akten­ein­sicht gewährt wer­den soll. Das ent­spricht der nach § 155 FGO sinn­ge­mäß anzu­wen­den­den Rege­lung des § 299 Abs. 2 ZPO, die den Anspruch eines Drit­ten auf Akten­ein­sicht betrifft, jedoch auf den in einer ähn­li­chen Lage befind­li­chen frü­he­ren Betei­lig­ten des Ver­fah­rens ent­spre­chend anzu­wen­den ist 3.

Im vor­lie­gen­den Fall hat der Vor­sit­zen­de des FG-Senats auch über den Anspruch der Klä­ger ent­spre­chend § 299 Abs. 2 ZPO i.V.m. § 155 FGO ent­schie­den. Der zu die­ser Ent­schei­dung nach der gesetz­li­chen Rege­lung beru­fe­ne Vor­stand des Gerichts, hier also der Prä­si­dent des Finanz­ge­richt 4, hat­te die Ent­schei­dung durch Dienst­an­wei­sung auf den Vor­sit­zen­den des Bun­des­fi­nanz­hofs über­tra­gen, der die abschlie­ßen­de Ent­schei­dung in dem zugrun­de­lie­gen­den finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren getrof­fen hat­te. Der Prä­si­dent des Finanz­ge­richt war befugt, die­se Auf­ga­be der Gerichts­ver­wal­tung ‑wie gesche­hen- an einen Rich­ter zu dele­gie­ren 5. Der Vor­sit­zen­de des FG-Senats hat sich bei sei­ner Ent­schei­dung über die Ableh­nung der Akten­ein­sicht ent­spre­chend § 299 Abs. 2 ZPO i.V.m. § 155 FGO auch aus­drück­lich auf die ihm vom Prä­si­den­ten des Finanz­ge­richt durch Dele­ga­ti­on über­tra­ge­ne Ent­schei­dungs­be­fug­nis beru­fen.

Die Klä­ger kön­nen die Ver­fü­gung des Vor­sit­zen­den des FG-Senats, mit der er ent­spre­chend § 299 Abs. 2 ZPO i.V.m. § 155 FGO einen Anspruch der Klä­ger auf Akten­ein­sicht ver­neint hat, jedoch nicht mit der Beschwer­de nach § 128 Abs. 1 FGO anfech­ten 6.

Denn die Nicht­ge­wäh­rung der Akten­ein­sicht ent­spre­chend § 299 Abs. 2 ZPO i.V.m. § 155 FGO ist kei­ne Ent­schei­dung i.S. von § 128 Abs. 1 FGO. Der Vor­sit­zen­de des FG-Senats wur­de bei sei­ner Ent­schei­dung ent­spre­chend § 299 Abs. 2 ZPO i.V.m. § 155 FGO nicht in einem finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren auf dem Gebiet der Rechts­pfle­ge, son­dern der Gerichts­ver­wal­tung tätig. Die Ent­schei­dung über Akten­ein­sichts­ge­su­che ent­spre­chend § 299 Abs. 2 ZPO i.V.m. § 155 FGO ist eine all­ge­mei­ne Auf­ga­be der Jus­tiz­ver­wal­tung 3. Es han­delt sich um einen ‑im Ermes­sen des Gerichts­prä­si­den­ten oder des von die­sem beauf­trag­ten Rich­ters ste­hen­den- Jus­tiz­ver­wal­tungs­akt. Der Rechts­schutz rich­tet sich folg­lich allein nach den gegen Maß­nah­men der Jus­tiz­ver­wal­tung vor­ge­se­he­nen Rechts­be­hel­fen 7.

Für Ent­schei­dun­gen von Orga­nen der (Finanz-)Gerichtsbarkeit, die nicht im Rah­men der Recht­spre­chung, son­dern der Jus­tiz­ver­wal­tung erge­hen, ist aber nicht die Beschwer­de nach § 128 Abs. 1 FGO, son­dern der öffent­lich-recht­li­che Rechts­weg nach § 40 der Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung gege­ben 8, unab­hän­gig davon, ob die Maß­nah­me einen Ver­wal­tungs­akt oder ein schlicht hoheit­li­ches Han­deln dar­stellt 9. Die Vor­aus­set­zun­gen des § 23 EGGVG lie­gen bereits des­halb nicht vor, weil sich die Bestim­mung nur auf Jus­tiz­ver­wal­tungs­ak­te bezieht, die inner­halb der ordent­li­chen Gerichts­bar­keit erge­hen 10. Auch die in Bezug auf die Ver­fü­gung des Vor­sit­zen­den des FG-Senats unrich­ti­ge Rechts­mit­tel­be­leh­rung des Finanz­ge­richt führt nicht dazu, dass das nach dem Gesetz unzu­läs­si­ge Rechts­mit­tel der Beschwer­de nach § 128 Abs. 1 FGO als zuläs­si­ges Rechts­mit­tel behan­delt wird 11.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 1. März 2016 – VI B 89/​15

  1. BFH, Beschluss vom 20.10.2005 – VII B 207/​05, BFHE 211, 15, BSt­Bl II 2006, 41; Gräber/​Stapperfend, Finanz­ge­richts­ord­nung, 8. Aufl., § 78 Rz 26 und 27[]
  2. BFH, Beschluss in BFHE 211, 15, BSt­Bl II 2006, 41, m.w.N.[]
  3. BFH, Beschluss in BFHE 211, 15, BSt­Bl II 2006, 41[][]
  4. dazu BFH, Beschluss in BFHE 211, 15, BSt­Bl II 2006, 41[]
  5. all­ge­mei­ne Mei­nung, z.B. Stein/​Jonas/​Leipold, ZPO, 22. Aufl., § 299 Rz 42, m.w.N.[]
  6. BFH, Beschluss vom 24.02.2009 – I B 172/​08; Braun in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler ‑HHSp, § 33 FGO Rz 94; glei­che Auf­fas­sung für das ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Ver­fah­ren Ver­wal­tungs­ge­richts­hof ‑VGH- Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 25.10.2011 – 3 S 1616/​11, NJW 2012, 1163[]
  7. VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss in NJW 2012, 1163[]
  8. BFH, Beschluss vom 25.10.2000 – VII B 230/​00, BFH/​NV 2001, 472; Rüs­ken in Beermann/​Gosch, FGO, § 128 Rz 19; Berg­kem­per in HHSp, § 128 FGO Rz 28[]
  9. vgl. BVerwG, Urteil vom 14.04.1988 – 3 C 65.85, NJW 1989, 412, betref­fend Kla­ge auf Wider­ruf einer Pres­se­er­klä­rung der Staats­an­walt­schaft; BVerwG, Urteil vom 26.02.1997 – 6 C 3.96, BVerw­GE 104, 105, Anspruch auf Ver­öf­fent­li­chung; BVerwG, Beschluss vom 17.05.2011 – 7 B 17.11, NJW 2011, 2530, Haus­recht des Gerichts­prä­si­den­ten; Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt am Main, Urteil vom 11.01.2011 – 8 K 2602/​10.F, NJW 2011, 2229, Akten­ein­sicht eines Drit­ten[]
  10. BGH, Beschluss vom 16.07.2003 – IV AR (VZ) 1/​03, NJW 2003, 2989[]
  11. vgl. BFH, Beschluss vom 24.01.2008 – XI R 63/​06, BFH/​NV 2008, 606, m.w.N.[]