Akten­ein­sichts­recht im Besteue­rungs­ver­fah­ren

Es ist höchst­rich­ter­lich geklärt, dass die Abga­ben­ord­nung kei­ne Rege­lung ent­hält, nach der ein Anspruch auf Akten­ein­sicht besteht.

Akten­ein­sichts­recht im Besteue­rungs­ver­fah­ren

Wie der Bun­des­fi­nanz­hof in stän­di­ger Recht­spre­chung ent­schie­den hat, ist ein sol­ches Ein­sichts­recht weder aus § 91 Abs. 1 AO und dem hier­zu ergan­ge­nen Anwen­dungs­er­lass zur Abga­ben­ord­nung (AEAO) noch aus § 364 AO und dem dazu ergan­ge­nen AEAO abzu­lei­ten.

Aller­dings geht der Bun­des­fi­nanz­hof in stän­di­ger Recht­spre­chung ‑eben­so wie die Finanz­ver­wal­tung in Nr. 4 AEAO zu § 91 AO- davon aus, dass dem wäh­rend eines Ver­wal­tungs­ver­fah­rens um Akten­ein­sicht nach­such-enden Steu­er­pflich­ti­gen oder sei­nem Ver­tre­ter ein Anspruch auf eine pflicht­ge­mä­ße Ermes­sens­ent­schei­dung der Behör­de zusteht 1.

Etwas ande­res gilt auch nicht im Hin­blick auf die ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Recht­spre­chung zum Aus­kunfts­an­spruch des Insol­venz­ver­wal­ters gegen­über der Finanz­ver­wal­tung nach den Infor­ma­ti­ons­frei­heits­ge­set­zen der Län­der. Denn die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts 2 geht in Über­ein­stim­mung mit der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs aus­drück­lich davon aus, dass sich der Gesetz­ge­ber beim Erlass der AO (nur) mit der Fra­ge befasst hat, ob die Betei­lig­ten eines steu­er­recht­li­chen Ver­fah­rens einen Anspruch auf Akten­ein­sicht haben sol­len. Gegen­stand die­ser Über­le­gun­gen und der nach­fol­gen­den Nicht­re­ge­lung eines sol­chen Anspruchs in der AO war dem­nach (nur) der Infor­ma­ti­ons­zu­gang im Besteue­rungs­ver­fah­ren 3. Eine Sperr­wir­kung kommt den ver­fah­rens­recht­li­chen Bestim­mun­gen der AO außer­halb des Besteue­rungs­ver­fah­rens ins­be­son­de­re gegen­über dem eigen­stän­di­gen, unab­hän­gig von einem anhän­gi­gen (Steu­er-)Ver­wal­tungs­ver­fah­ren bestehen­den Anspruch nach den Infor­ma­ti­ons­frei­heits­ge­set­zen des Bun­des und der Län­der hier­nach nicht zu 4. Auch aus der Recht­spre­chung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts für das Land Nord­rhein-West­fa­len ergibt sich im Ergeb­nis nichts ande­res 5.

Das Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 08.03.1973 6 ist zu einem mit dem Streit­fall nicht ver­gleich­ba­ren Sach­ver­halt ergan­gen. Soweit der Bun­des­fi­nanz­hof in jener Ent­schei­dung Aus­füh­run­gen zum Steu­er­ge­heim­nis gemacht und dar­ge­tan hat, dass bei zusam­men ver­an­lag­ten Ehe­gat­ten kein unbe­fug­tes Offen­ba­ren steu­er­li­cher Ver­hält­nis­se vor­lie­ge, wird hier­von nicht abge­wi­chen. Es ist nicht ermes­sens­feh­ler­haft, wenn die Finanz­be­hör­de bei der Ent­schei­dung über die Gewäh­rung von Akten­ein­sicht berück­sich­tigt, dass die Unter­la­gen, in die der Anspruch­stel­ler Ein­sicht neh­men will, auch Zeit­räu­me betref­fen, in denen der Anspruch­stel­ler nicht Gesell­schaf­ter der Gesell­schaft war, in deren Steu­er­ak­ten er Ein­sicht begehrt. Hier­in liegt kei­ne Diver­genz zu dem BFH, Urteil in BFHE 109, 317, BSt­Bl II 1973, 625.

Abwei­chen­des ergibt sich auch nicht von dem Beschluss des BVerwG in HFR 2012, 1204, dem Urteil des OVG NRW in DVBl 2011, 1162 und dem Beschluss des OVG NRW vom 26.08.2009 7. Dem vor­lie­gen­den Fall und die­sen Ent­schei­dun­gen lie­gen kei­ne ver­gleich­ba­ren Sach­ver­hal­te zugrun­de. Die Ent­schei­dun­gen des BVerwG in HFR 2012, 1204 und des OVG NRW in DVBl 2011, 1162 betra­fen den lan­des­recht­li­chen Aus­kunfts­an­spruch des Insol­venz­ver­wal­ters gegen­über der Finanz­ver­wal­tung aus § 4 Abs. 1 des Infor­ma­ti­ons­frei­heits­ge­set­zes Nord­rhein-West­fa­len (IFG NRW); der Beschluss des OVG NRW in ZIn­sO 2009, 2401 damit in Zusam­men­hang ste­hen­de Fra­gen zum Rechts­weg. Die Klä­ge­rin des hie­si­gen Ver­fah­rens ist indes kei­ne Insol­venz­ver­wal­te­rin, die im Inter­es­se der Gesamt­heit der Gläu­bi­ger gegen­über der Finanz­ver­wal­tung im Rah­men eines eigen­stän­di­gen Rechts­ver­hält­nis­ses Aus­kunft begehrt, um außer­halb des Rege­lungs­be­reichs der AO etwai­ge insol­venz­recht­li­che Anfech­tungs­an­sprü­che zu prü­fen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 5. Dezem­ber 2016 – VI B 37/​16

  1. z.B. BFH, Urteil vom 23.02.2010 – VII R 19/​09, BFHE 228, 139, BSt­Bl II 2010, 729, und BFH, Beschluss vom 04.06.2003 – VII B 138/​01, BFHE 202, 231, BSt­Bl II 2003, 790, m.w.N.[]
  2. BVerwG, Beschluss vom 14.05.2012 – 7 B 53.11, HFR 2012, 1204[]
  3. BVerwG, Beschluss in HFR 2012, 1204; BFH, Urteil in BFHE 228, 139, BSt­Bl II 2010, 729; BFH, Beschluss in BFHE 202, 231, BSt­Bl II 2003, 790[]
  4. BVerwG, Beschluss in HFR 2012, 1204[]
  5. z.B. OVG NRW, Urteil vom 15.06.2011 – 8 A 1150/​10, DVBl 2011, 1162[]
  6. BFH, Urteil vom 08.03.1973 – VI R 305/​68, BFHE 109, 317, BSt­Bl II 1973, 625[]
  7. OVG NRW, Beschluss vom 26.08.2009 – 8 E 1044/​09, ZIn­sO 2009, 2401[]